Neues Jahr, neues Glück – Teil 5 „Sahnetorte, stürmisch“

Wie er ein Stück Sahnetorte verspeist, stelle ich mir bereits unterwegs vor.

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Pawlow hätte seine Freude an mir, denn JETZT beginne ich in der Tat zu sabbern. Ich hab das Gefühl nach Luft schnappen zu müssen, bei der Vorstellung. Das liegt wohl auch am Wind, der grad böenartig ins Gesicht pustet.

„Meine Güte, Sara! Reiß dich zusammen!“ faucht mein Über-Ich. „Naja!“ blök ich zurück, „bin ja auch nur ein Mensch!“

Ich muss aufpassen, mich nicht an meiner Spucke zu verschlucken, oder ihn ausversehen anzuspucken. Ein Glück gehen wir nebeneinander und sitzen uns nicht gegenüber.

Auf dem Weg zum Café weht uns immer wieder rauer, eisiger Wind entgegen. Die Schneeflocken peitschen mir in die Augen, worauf diese heftig zu tränen beginnen. Ein Glück benutze ich wasserfeste Wimperntusche und sonst nichts. Sonst hätte ich, im Café angekommen, auch noch ausgesehen wie ein Pandabär – mit Blasenschwäche wohlgemerkt. „Ganz schön windig.“ sage ich unsicher, weil ich nicht weiß, worüber ich sonst reden soll. Und garnichts sagen halte ich nicht aus. Vielleicht sollte ich so Volksweisheiten, wie „Reden ist Silber..“ ja doch beherzigen. Soll ER sich doch n Kopf machen, worüber wir jetzt reden könnten. Wenn von ihm allerdings nichts kommt, muss ich ja die Stille aushalten.

Er entgegnet, dass sie  einen  Schneesturm angesagt hatten, aber der sollte erst in der Nacht kommen. Oh neiiiin, jetzt reden wir schon wieder über´s Wetter! Haben wir uns so wenig zu sagen? Thore schickt jetzt gleich voraus, dass er nicht lange Zeit hat, weil er es sonst nicht mehr nachhause schafft.

Hä? Wie jetzt!? „Wieso, wo musst du denn hin?“ Kurz beschreibt er „900 Meter höher.“ verständnislos frage ich ihn, wo da jetzt das Problem läge. Ich klinge schon fast patzig, irgendwie kratzbürstig. Ich glaub, ich bin jetzt ein bisschen beleidigt, dass er unsere Begegnung so begrenzt. Totaler abturner.  Ich merke, wie sich meine Unterlippe zu einem Schippchen nach vorne schiebt. „Denk´ dran Sara, du wolltest UMkonditionieren, umdenken.“ erinnert mich mein ICH. Stimmt ja und immerhin, er hätte ja auch gleich ablehnen können, aber er nimmt sich die Zeit. Nagut. Wenn ich so drüber nachdenke fühl ich mich doch nicht abgelehnt. Ich beschließe aufgrund dessen einfach, mich wichtig und von ihm wertgeschätzt zu fühlen. Da er wieder schweigt, muss ich wohl nachhaken. Ich halte diese Stille nicht aus, weil ich das Gefühl habe innerlich zu verglühen. Es läuft ein total hormonell gesteuertes Kopfkino ab. Ich kämpfe hier grad gegen mein Über-Ich und mein ES. Trieb gegen Vernunft und in der Mitte stehe ich. Wenn man in der Mitte der Spur steht, wird man überfahren. Nicht zu verwechseln mit der Buddhisten Mitte – das richtige Maß – das man finden sollte. Möglichst in diesem Leben. Sonst muss man eben wiederkommen. DAS könnte man dann vielleicht den karmischen Wiederholungszwang nennen. Als hätte Freud den Buddhismus gekannt, quasie.

Die Glocken leuten. Es gibt in diesem Ort eine kleine, alte Kirche und etwas weiter weg scheint es eine kleine Kapelle zu geben. So läuten eine kleine und eine große Glocke um die Wette. Beides zusammen ergibt ein schönes Konzert. Wie ein Dialog.

Ich  hab das Gefühl, dass ich stark zittere. Innerlich. So stark, dass ich fürchte, es wirkt sich auf meine Motorik aus. Er lässt MICH zuerst durch die Türe des kleinen Kaffeehauses gehen.  Das heißt ja auch schonmal was; nämlich Manieren. Es duftet nach frischem Kaffee, aber ich hatte mich ja schon auf dem weg hierher für ne heiße Schokolade entschieden. Da Kaffee kein guter Begleiter ist wenn man sich sowieso schon so fühlt, als habe man bereits den ganzen Tag Espressi getrunken. Es wird g´scheite Zithermusi g´spuit und ich fühle mich wie umarmt und gewärmt von Duft, Licht und Musik – und seinem Lächeln. Er hat so ein Lächeln, das einem sagt, das alles in Ordnung ist.

Wir sitzen uns gegenüber. Seine blauen Augen erinnern mich an Gletschereis. Ich liebe seine Augen. Wären seine Augen Braun, würden sie mich vermutlich an Mokka Kaffee erinnern. Ich würde seine Augen auch lieben, wenn sie Lila wären, weil ich glaube ich IHN liebe.  In mir höre ich es schallend lachen. Es  lacht mich aus, mein Über -Ich „Liebe, pff!“ Und seine Haut. Ich mag seine Hautfarbe. So…Weiß. So milchig, irgendwie. Oder sagen wir, wie Creme Brulee, mit knuspriger karamellisierter Oberfläche und weicher Creme darunter. Ich mag das gern, wenn der Po wackelt, wie Götterspeise wenn man drauf klatscht. Schade eigentlich, dass er so durchtrainiert ist.

Ich fasse es nicht, er bestellt sich tatsächlich ein Stück Sahnetorte. Das ist so unfair. So ein Körper und kann es sich trotzdem leisten Sahnetorte zu essen. Ja und ich? esse sowas jetzt auch! – und habe trotzdem ein schlechtes Gewissen.

Die Sahneschnitte, isst ne Sahneschnitte! Ok, der war jetzt echt flach und hätte ihn ein Mann laut gebracht, wäre ich wohl hochgegangen wie ein HB Männchen. Unsere Hände treffen sich ausversehen an dem kleinen silbernen Milchkännchen und wir müssen beide lachen. Dabei flutscht mir natürlich ein Stückchen Sahnetorte durch meine Lippen auf die Tischdecke. DAS ist ja nun auch wieder typisch und peinlich noch dazu. ER versichert mir aber ganz nett, dass das ja wohl kein Problem ist. Die Stelle, die er berührt hat, brennt wie Feuer. Ein Hinweis des Schicksals?

Ich will ihn garnicht so doll anhimmeln. Ich möchte ihn nicht auf einen Sockel stellen. Möchte mich nicht klein machen und auch nicht klein fühlen. Ich versuche jetzt, mich abzukühlen, während ich ihm zuhöre, was er über sein Heimatland Schweden zu erzählen hat. Er klingt begeistert aber nicht patriotisch. Derzeit pendelt er allerdings, weil er einen flexiblen Job hat. Zwischen USA und Schweden, ok?! „Und was machst du dann hier in Österreich?“

„Abschalten. Hier ist eine gemütliche Atmosphäre und…“ er pausiert. „Und?“ frage ich. Er winkt ab. Weil es hier schön und ruhig sei. Ich merke schon, dass er über irgendetwas nicht reden möchte. Vielleicht ist das ja die wundervolle Frau, die hier lebt und in die er verliebt ist. Und mit mir sitzt er nur hier, weil… weil er höflich ist. Ich tue aber auch wirklich alles, um Gründe zu finden, weshalb er mich nicht genauso toll findet , wie ich ihn. Aber es ist ja auch bekannt, dass immer einer von beiden, dem anderen hinterher rennt. Heraklit verglich dies mit einer Dose.  Auf der jeweils gegenüberliegenden Seite ist einer der beiden aufgemalt. Dreht man die Dose, sieht es optisch so aus, als renne immer einer dem anderen hinterher.

LETZTLICH weiß ich ja auch garnichts über ihn. Vielleicht ist er ja gemein. Ein Psychopath oder Narzist. Niemand ist nur nett. Aber niemand auch nicht, nur böse. Ob er nicht vielleicht ein dunkles Geheimnis zu verbergen hat? Vielleicht ist er ein Mörder. Ein Serienmörder. Weiß ich das? Ich erinnere mich an einen Bericht aus der Presse. An einen Mann, der mit seiner Frau und seinem Kind unauffällig lebte. Die Frau hatte nichts zu klagen. Jahre später fand man heraus, dass er viele Frauen umbrachte. Von der Gesellschaft, sogar seiner eigenen Frau, unbemerkt. Das Leben schreibt mitunter grausamere Geschichten, als Stephen King und Edgar Allan Poe zusammen genommen. Na toll, da interessiert sich mal einer, den auch ich toll finde und dann passe ich in sein Serienmord-Beuteschema.

Also, völlig bekloppt! Was mein Großhirn sich da wieder zurecht bastelt. Warum muss ich überhaupt was rumbasteln? Ich kann doch auch einfach mal den Moment genießen. Im Jetzt sein, heißt es doch immer so schön. Aber wie das geht, das erklärt einem keiner konkret. Genauso der schwammige Begriff der Abgrenzung. UND muss ich uns denn gleich vor dem Traualtar sehen? DAS ist doch nicht normal!! DAS ist  meine Programmierung. Jawohl. Wie ein Computerprogramm. Naja, dann muss ich die Software eben umprogrammieren. Wie gehabt.

Puh, entwaffnendes Lächeln. Einnehmend. Äh Moment, dis galt jetzt nicht mir. Neben uns steht eine Frau mittleren Alters. Also nicht meinen mittleren Alters. Das ANDERE mittlere Alter, so um die 40. Mist, ich Bin ja schon in zwei Jahren vierzig. Naja, aber ich seh ja nicht so aus. Egal. WAS macht die hier???

Sie will ein was?? Ein Autogramm? „Sure“ antwortet Thore höflich. „Änte picktscha?“ fragt die offensichtlich aus Deutschland stammende Dame fast schon fordernd. „Of course“. Mir bleibt mein Bissen im Halse stecken. Es kostet mich viel Anstrengung meine Mimik zu beherrsche, nicht die Kinnlade runterfallen zu lassen und möglichst cool und unbeteiligt auszusehen. Auf der anderen Seite warum?
Soll er doch ruhig wissen, dass ich erstaunt bin.

„Oh, oh, kähn ju beit mie?“ fragt die Dame forsch und räkelt ihm ihren schon leicht faltigen Hals entgegen. Jetzt schlägt´s dreizehn! Sakramento!

Sie will gebissen werden. Aha.

Ein Autogramm? Moment.

Ich sitze einen kurzen Moment regungslos da, weil mein Gehirn, wie ein quadcore Prozessor super duper Rechner, mit ner derzeitigen CPU Auslastung von 100% am verarbeiten ist, was hier um mich herum passiert. „Thanks, but I don´t bite.“ gibt er verlegen lächelnd wieder. Sie beugt sich zu ihm herunter. Sie stecken ihr Köpfe zusammen und er guckt so cool, wie ein Model aus einer Werbung für Urlaub auf einem eisigen Gletscher. Diese Assoziation weckt ebenso seine Augenfarbe bei mir. Geradezu wie das blaue, durchsichtige Eis eines Gletschers. Aber ich wiederhole mich. Vorsicht! Klebstoff.

Wiederholung = Klebstoff, die beste Methode Dinge in seinem Gedächtnis – auch seinem emotionalen – zu verankern.

Der Blitz ihres Handys blendet fast den ganzen Raum und nimmt ihm schlagartig die Gemütlichkeit. Als hätte das Foto dem Raum die Seele gestohlen. „Ei ähm so äxzeitett, eim goin to pohst mei selfie on Instagrämm. Sänk ju, Mister Wikström.“ Bedankt sie sich, wie  eine Untertänige, für die Audience bei Königin Silvia. Fehlt nur noch der Knicks. Wie albern. Einerseits.

Andererseits…ich bin geschockt. „Hey entschuldige bitte die Unterbrechung.“ sagt er mir zugewandt und auf mich konzentriert wirkend. “ Viele Deutsche haben eine so komische Aussprache. Das klingt lustig.“

„Hm?“ frage ich geistesabwesend nach, ohne wirklich die Antwort abzuwarten, da meine Großhirnrinde jetzt alle Synapsen gleichzeitig zu betätigen scheint. Alle Bilder von Prominenten werden jetzt abgerufen und verglichen mit dem Exemplar, das da vor mir zu sitzen scheint. Deswegen läuft der Rest von mir wie auf Autopilot. Er kam mir SCHON irgendwie bekannt vor. Aber vielleicht verwechsel ich das mit dem Gefühl der Vertrautheit.  Ich habe schon fast ein schlechtes Gewissen. Es ist mir jetzt irgendwie peinlich, dass ich ihn nicht zuordnen kann. Gerade so, wie wenn man einem Nachbarn auf der Straße begegnet und ihn irgendwie zu kennen scheint. Man merkt dann nur an SEINER Reaktion, dass man ihn kennt und grüßt höflich zurück. In diesem Moment fällt einem vielleicht ein, dass der Typ zwei Stockwerke unter einem wohnt. Aber der Name ist einem deswegen immer noch nicht bekannt.

Vielleicht habe ich ihn unbewusst schon einmal gesehen und DAHER kommt er mir bekannt vor. Ja, kann sein. Aber den Namen habe ich noch nie gehört. Meine Gedanken werden in diesem Moment herum gewirbelt. So, wie die Schneeflocken draußen, vom langsam stärker werdenden Sturm und den vielen kleinen Windrosen, ausgeliefert sind. So ausgeliefert fühle ich mich jetzt der Tatsache, dass mir Thore Wikström gegenüber sitzt.

Thore, der so aussieht, wie ich mir Thor aus den Germanischen Sagen  immer schon vorgestellt hatte.

Totaler Systemabsturz. Reboot.

Zumindest ist die Chance relativ gering, dass DIES ein Serienkiller ist. Bei seinem Bekanntheitsgrad. Ok, er ist kein Justin Bieber, der wohl derzeit allen Generationen bekannt sein wird. Aber immerhin wird er erkannt. „Warum wollte sie gebissen werden?“ oops, fragte ich das gerade laut?! Ich glaube, ich bin unter Schock und deswegen kann ich mein Sprachzentrum nicht mehr kontrollieren. Keine Zensur mehr vorhanden.

Er könnte jetzt auch denken, dass ich mit ihm hier nur sitzen will, weil er berühmt ist. Und wahrscheinlich setzt er voraus, dass ich ihn kenne. Ich bilde mir ein, dass er über meine Frage verwundert wirkt. Das lese ich anhand der nachdenklichen Mimik ab. Oh, ein schlechtes Zeichen, er verschränkt die Arme voreinander. „So, du kennst die Serie nicht, in der ich mitspiele? fragt er mit einem strengen Unterton, den man z.b. von Lehrern kennt. „So, sie wissen also nicht, was wir letzte Unterrichtsstunde durchgenommen hatten?!“ Nur, dass Thore Ironie mitklingen lässt. „Dann scheinen Vampir Stories nicht zu deinem Lieblingsgenre zu gehören, was?“

„Doch, durchaus. Aber ich besitze keinen Fernseher.“ Als er mich fragt, warum ich keinen Fernseher besitze, lasse ich mich dazu hinreißen einen gefühlt einstündigen Vortrag darüber zu halten, auf welche Thesen sich meine Antihaltung stützen. Dass ich nämlich der Meinung bin, dass die Menschen damit kontrolliert werden. Wissen wir, welchen subliminal Botschaften wir täglich ausgesetzt sind, nur durch die Glotze? Ich erzähle ihm von meiner Sucht nach Serien und dem Schlüssel-Erlebnis das ich hatte.

Es war, als ich durch die Straßen ging. Das war während der Zeit, in der ich mein Abi nachholte. Ich hätte eigentlich Hausaufgaben machen müssen. Telefonate von Freunden und Familie beantwortete ich zu der Zeit, in der die Serien liefen kategorisch nicht. Eine Bombe hätte neben mir einschlagen können. Ich wäre gestorben, grübelnd ob Lorelei und der grimmige Diner´s Besitzer Luke Danes zusammen kommen und zusammen passen. Ich war gezwungen mit dem Hund gassie zu gehen, also riss ich mich von der Berieselung kurz los. Es war schon dunkel draußen und es war ca. 20 Uhr. Überall aus den Zimmerfenstern leuchtete blaues, kühles, unregelmäßig flackerndes Licht. Der Fernseher lief offensichtlich. Ich ging an diesem Abend besonders lange spazieren. Vorbei an unzähligen blau flammenden Fenstern. Hinter denen Menschen saßen, die sich wie scheinbar massenhypnotisiert, vermutlich regungslos dem dumpfen Strahl des „Volksempfängers“ der Moderne und dessen genauso dumpfen Inhalten auslieferten. Ausgenommen Der Vampirserie, in der Thore mitspielte. Obwohl ich ja noch garnicht beurteilen konnte, ob die nicht auch total bescheuert war. Dass er darin mitwirkt, ist ja erstmal kein Gütesiegel Klasse A. Vielleicht spielt er ja auch echt schlecht?

Ich lasse sie voll raushängen, meine Verschwörungstheorie und scheine Thore damit zu amüsieren. „Warum lachst du?“ frage ich verunsichert. Ob er mich spätestens JETZT für ein bisschen bekloppt hält? „Ich lache, weil ich auch keinen Fernseher habe.“

Also du bist Schauspieler und hast keinen Fernseher? Und warum DU nicht?“ muss ich irritiert nachfragen, schlage meine Beine übereinander und schlürfe genüsslich an meiner heißen Schokolade, mit Schlagobers. „Ich habe dafür keine Zeit, zumindest nicht derzeit. Aber im Prinzip fühle ich mich nicht unterhalten, nicht stimuliert.

Nicht inspiriert.

Dazu ist mir meine Zeit zu kostbar. Da lese ich lieber ein gutes Buch oder treffe mich mit Freunden.“ erzählt er mir mitteilungsfreudig und erstaunt mich mit seiner Offenheit. Schließlich könnte ich ja auch ein irrer Fan sein. Schließlich könnte ich aus seiner Sicht auch eine Serienmörderin sein. Durch den Perspektivwechsel vollzieht sich ein Rollentausch. Also zumindest könnte ich ein Stalker sein. Ich weiß noch nicht, wie seine Offenheit bewerte. Eigentlich ist es toll, wenn jemand so offen und schier angstfrei zu sein scheint – ohne jegliche Berührungsängste. ABER, es ist auch leichtsinnig und naiv. So, wie ich. Also Naiv bin ich nicht. Aber leichtsinnig schon. Manchmal. Öfters. Manchmal oft. Ein bisschen Verstimmtheit kann ich in mir noch feststellen. Darüber, dass er mir nicht gleich gesagt hat, wer er ist. Dabei ist das völlig bescheuert! Ich begrüße ja auch nicht jeden mit „Hallo, ich bin Sara und Gesundheitspflegerin.“ Und, dass er Schauspieler ist, sagt mir ja noch lange nichts darüber aus, wer er ist. Es sagt mir lediglich, was er beruflich macht. Vielleicht sogar oder bestimmt sogar, was seine Berufung ist.

Plötzlich gibt es einen lauten, dumpfen Knall. Ich zucke zusammen und auch Thore dreht sich erschreckt um. „So ein Mist!“ flucht er auf Englisch. Ich kann den Knall erst garnicht zuordnen, sehe dann aber, dass der Tafelaufsteller vor dem Café gegen die Scheibe geworfen wurde. „Der Sturm hat an Stärke gewonnen.“ sagt er fast lyrisch bildlich. „Und was bedeutet das?“ frag ich mit ein wenig Unverständnis. „Dass ich nicht mehr auf meine Hütte komme.“ reibt er sich jetzt nachdenklich am Kinn. „Das Problem ist, dass keine Unterkunft jetzt noch ein freies Zimmer haben wird, da ja heute der Auftakt des Synchron Ski Weltmeister Dings stattfindet.“ wirkt er fast ein wenig beunruhigt. danach schweigt er wieder. SCHWEIGEN.

Lustig, auch er kann sich nicht merken, wie das Synchron Ski Dings heißt. Klasse, jetzt beginnt mein Hirn nach vermeintlichen Gemeinsamkeiten zu suchen, um zu belegen, dass wir zusammenpassen. Dies ist der Pseudogrund, den meine biochemische Schaltzentrale vorschiebt, um meine Ratio zu beruhigen und nicht den wahren Scham behafteten Grund dafür nennen zu müssen. Und der wahre Grund heißt „körperliche Anziehung“! Herzlichen Glückwunsch! Und als nächstes lässt es mich dann schonmal Möbel für unser gemeinsames Nest aussuchen. Angefangen bei einem Toaster, für unsere tolle, große Wohnküche, in der wir un all morgendlich begegnen würden um gemeinschaftlich, schweigend einen Kaffee zu trinken. Das heißt, wenn er soviel unterwegs ist, wird das mit ihm zusammen wohnen, ein wohl eher einsames Unterfangen. Moment welches Unterfangen?

Immernoch Schweigen. Ich frage mich, ob sein Schweigen eventuell ein an mich gerichteter Appell sein soll. Soll ich ihn jetzt etwa fragen, ob er  bei mir übernachten möchte? Er hat mir ja schließlich eine Vorlage gegeben.Vielleicht ist es aber von ihm auch garnicht als Vorlage gemeint? Eigentlich bin ich doch immer ein Meister darin, zu erkennen, was Menschen von mir wollen. Ich habe das Gefühl, er will, dass ich es ihm anbiete. Was soll er denn auch sonst machen? Wo soll er denn dann sonst schlafen? Schließlich kommt er ja nun nicht auf seine Hütte, weil er wegen mir noch hierher gekommen ist. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, das mir ein Alibi bietet, mutig zu sein und ihn zu fragen. Das wäre ja wohl galaktisch, wenn er bei mir…ich mein natürlich auf einer extra Liege. Die rau Gruber, der die Pension gehört, wird ja wohl noch ne olle Liege haben. Aber er ist ja eine Berühmtheit. Den kann ich doch nicht auf einer schäbigen Liege schlafen lassen. Aber wenn er so abenteuerlustig ist, auf einer Hütte, fast auf Gletscherhöhe zu urlauben, dann wird er sich damit ja wohl zufrieden geben.

„Would you“ beginne ich todesmutig meine Frage einzuleiten, während er zeitgleich „could I“ einsetzt. Wir müssen beide lachen. „You first“ lässt er mir den Vortritt und wedelt dabei so mit der Hand, wie jemand der sich mit wedelnder Hand verbeugt. Jetzt gibts kein Zurück mehr. Na und, fragen kostet nichts, mehr als nein sagen kann er nicht und schließlich will ich ihm ja nur helfen. Ich bin mir sicher, dass die Dame, die zuvor an unseren Tisch kam, ihm dieses Angebot wohl auch gern unterbreitet hätte.

Ich druckse herum „Ich mein, vielleicht möchtest du ja…also du könntest, wenn du woanders keine andere Möglichkeit findest…also weißt du, weil du ja quasie wegen mir hier sitzt. Also UND wegen des Sturms.“ ich pausiere und er hört mir amüsiert lächelnd zu. Es ist so ein Lächen, bei dem sich nur ein Mundwinkel nach oben hebt. Der andere behält cool seine Stellung. Er hilft mir aber auch kein Stück weiter! Kommt mir nicht einen Millimeter entgegen und lässt mich hier abschwitzen und herumdruckesn. Das macht mich jetzt wütend. Mit Wut im Nacken, bin ich mutiger. Wut macht Mut. Großzügig, schon fast großkotzig, biete ich ihm an „Wenn du möchtest, kannst du gern bei mir übernachten. Ich bin mir sicher Frau Gruber hat noch ein altes, klappriges, hartes Feldbett.“ hänge ich jetzt spaßig hinten ran, damit gleich klar ist, dass ich ich nicht so eine bin.

Er tut so überspitzt lustig, als käme mein Angebot ganz plötzlich und überraschend „Oh das ist so nett von dir, danke ich nehme dein Angebot gern an. Nein im Ernst, danke.“ bringt er seine ehrlich gemeinte Dankbarkeit zum Ausdruck.

Tja, das wäre dann das. Das wird ja ne anstrengende Nacht. Eine, in der ich versuchen muss, nicht zu pupsen, zu schnarchen und blendend auszusehen. Wann habe ich mir eigentlich das letzte Mal meine Beine rasiert? Is schon wieder n paar Tage her. Naja egal, ziehe ich lange Hosen an. Und meine Füße?! Oh nein, mein Nagellack ist nicht mehr frisch. Er sieht total abgeblättert aus. Egal, zieh eben Socken an und behaupt, dass ich immer kalte Füße hab, wenn er fragen sollte. Noch was? Check ich. Mein Zimmer? Das ist zum Glück nicht ganz so chaotisch. Vielleicht noch den einen oder anderen Strumpf und das eine oder andere angerotzte Taschentuch verschwinden lassen, so nebenbei und dann passt des scho´.

Oh Gott, hilf mir. Ich bin aufgeregt. Lass mich ruhig bleiben und im Jetzt und das jetzt einfach nur mal genießen können. Ich möchte den Menschen, der mich vorhin angerempelt hat, mit allen guten Sachen segnen. Beschenk ihn reichlich, lieber Gott. Schließlich habe ich ihm und dem Timing des Schicksals, wenn es sowas gibt, zu verdanken, dass ich jetzt eine solch spannende Begegnung habe. Dass ich auf einmal so gläubig bete, muss wohl mit den ganzen Kruzifixen zutun haben, die hier im stock katholischen Dorf überall plakativ herumhängen. Ach naja, irgendwie bin ich schon auch ein gläubiger Mensch, glaub ich.

Auf jeden Fall, wünsche ich mir jetzt Beistand von überirdischen Kräften, damit mich meine irdischen Kräfte nicht übermannen und zu Fall bringen. Jetzt muss ich an die toten Hosen denken. „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ Mut antrinken? Ne lieber nicht, dann hab ich mich ja noch weniger im Griff.  Die Unterhaltung stockt. „Und was spielst du noch so? Also ich  mein Rollen. Und spielst du auch Theater?“ löchere ich ihn nun. Vielleicht ist es ihm garnicht Recht von seiner Arbeit zu erzählen, wenn er hier ist, um abzuschalten. Ich werd auch nicht gern auf meine Arbeit angesprochen, wenn ich Urlaub hab. Tja, zu spät.

Er erzählt mir von einigen Filmprojekten, bei denen er mitwirkte und dass er auch Theater spielt. „Und kann man davon gut leben?“

„Naja, die Rollen liegen nicht auf der Straße und man muss sich jedesmal vielen Konkurrenten im Casting stellen und auch mal Absagen kassieren. Das gehört eben auch zum Job.“ Ich könnte ihm stundenlang zuhören. Vielleicht wird das ja was. Wer weiß, wann wir schlafen gehen. Vielleicht quatschen wir bis in die Morgenstunden, bei mir zuhause. Wünschen würde ich mir jedenfalls.

Fortsetzung folgt…©by soulstripShe

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