Neues Jahr, neues Glück – Teil 6 „Liebe im Nichts“

Sein Zeigefinger streift langsam und kaum spürbar und doch das innerste Mark erreichend, über mein nacktes Knie. Das einzige Geräusch, das man in meinem Zimmer vernehmen kann ist das knisternde Holz des brennenden Scheites im steinernen Kamin und den Schlag meines Herzens. Mein Puls rast. Ruhiges Atmen fällt mir schwer in Anbetracht seines direkten und mich musternden Blickes. Er sieht mich an. Fordernd und doch geduldig und liebevoll. Ich habe das Gefühl meine Bauchdecke zittert vor Aufregung für ihn sichtbar. Schon fast selbstgefällig lächelt er. Der Blick ist nicht gespielt sondern echt. Das merke ich daran, weil dieser mich durchdringt und in mein tiefstes Inneres erreicht. Er versucht nicht, mich pseudo-erotisch anzustarren und die Situation pseudo-zu-kontrollieren um mich pseudo-zu-verunsichern. Den Unterschied spüre ich. Ich erkenne, wenn jemand nur spielt, die Situation und sich im Griff zu haben. Das würde mir dann eher peinlich sein, aufgrund des Fremdschämens. Für mich ist Erotik, wenn der andere sich im Griff hat und ich mich fallen lassen kann. Und dann wieder, habe ich mich im Griff und er lässt sich fallen. Wie beim Tango tanzen, bei dem erst der eine, dann wieder der andere, Nähe und Distanz, Kontrolle und Kontrollverlust demonstriert. Unsere Hemmungen und Ängste unsere Bedenken – all das fällt in diesen Momenten von einem ab. Alles nur eine Illusion würde Jiddu Krishnamurti, indischer Philosoph,  sagen. Und genauso sieht er mich jetzt an. Ich fühle mich gesehen, beachtet und so sein gelassen. Das gibt mir Sicherheit, mich weiter, tiefer hingeben zu können. Stück für Stück, immer mehr. Voller Vertrauen. Zumindest, in diesem Moment.

Krishnamurti nennt das Gleichnis des Baumes. Wenn ich den Baum ansehe und denke „dies ist ein Baum“  sehe ich nicht mehr das Wesen des Baumes, sondern nur das Bild eines Baumes. Ein Bild ist statisch und zweidimensional. Ich projiziere etwas auf den anderen, das dann wie ein Filter davor geschoben wird. Meine Wahrnehmung wäre dann so flach wie ein Blatt Papier, das aus diesem Baum geschaffen wurde. Das Wesen eines anderen, mit allem was ihn ausmacht im Jetzt zu erfassen, ist es, wonach der Mensch sich sehnt. Der Wahrgenommene und der Wahrnehmende. DAS ist dieser Moment, in dem alles von einem abfällt. Der Moment, dem ich hinterherjage, seitdem ich von Zweisamkeit weiß. Erlebt habe ich sie nur in wenigen Momenten von langjährigen Beziehungen. Momente, in denen ich wusste,  Angst ist auch nur ein solches Bild. Zweidimensional. Eine Mauer aus Pappmacheé allenfalls.

Wer hätte gedacht, dass ein einzelnes Knie so viele Rezeptoren  haben kann? Ein Hauch seines Körpers fasst mich an und es fühlt sich an, als hätte er tausend Hände, die meinen Körper in Gänze berühren.

Ich liege auf der Couch und er sitzt neben mir. Über mich gebeugt. Immernoch sehen wir uns tief in die Augen.  Als spielten wir das Spiel „Wer zuerst wegschaut hat verloren“, nur dass wir nicht spielen. Es fühlt sich fundamental an. Ich wünsche mir mehr. Wie verzehrte sich meine Seele schon immer nach einem Gegenüber, das die Geduld und die Würde hat, abzuwarten. Abzuwarten, bis ich mich verzehrend winde vor Verlangen, weil das geduldige und würdevolle „Nichts“ so unerträglich erscheint. Das Nichts, das einen umgibt, wenn man liebt. Wie ein gemeinsames Vakuum. Alles und Nichts um einen herum. Alle Sinne fühlen nichts außer seinen Geruch…Geschmack… seine Geräusche. Losgelöster Fokus.

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Er sitzt einfach nur neben mir und sagt nichts. Auch ich schweige. Seine Berührung wandert meinen Arm hinauf, über den Hügel meiner Schulter, entlang meines Schlüsselbeines. Seine Augen folgen seinem Finger. Kurz sieht er zu mir. Vermutlich um sich zu vergewissern, dass es mir gefällt. Ich schließe meine Augen und sehe mit dem Teil von mir, den er in diesem Moment berührt. Ich sehe mit jeder Pore meines Daseins.

„Brot, Salz…hab ich noch Zucker?“
„Nein, nicht abschweifen! Lass dich fallen.“ bitte ich meine Gedanken.
„Wenn ich intra muskulär injiziere muss ich aspiriren. Bei subkutaner Injektion wird nicht…“ quatscht meine Großhirnrinde weiter, um sich bloß nicht in der Situation zu verlieren.
Verärgert und genervt von meinen abschweifenden Gedanken, öffne ich die Augen.
Ich erblicke ihn dicht vor mir. Sofort holt mich sein Blick voll ins Hier und Jetzt zurück. Denn jetzt sieht er mich an als wolle er mich gierig verschlingen. Unerbittlich ergreift seine Hand meinen Nacken und zieht mich langsam mit bestimmenden Genickgriff näher zu sich heran.

Sein Blick durchbohrt mich förmlich, genauso wie sich seine Zunge den Weg zu meiner bahnt.
Intensiv begegnen sie sich. Ich habe das Gefühl mich darin zu verlieren. Ich versinke in seiner Umarmung. Aus seinem fordernden Druck wird jetzt ein kaum spürbares, leichtes Streifen unserer geöffneten Lippen. Fast so als berührt sich lediglich unser Atem.

Ich räkle mich. Doch was ist das denn jetzt?!

„Autsch“ schreie ich und winde mich aus seiner vereinnahmenden Umarmung. „Was ist?“ fragt er hochgeschreckt und wirkt durchaus besorgt.
„Ich hab nen Kraaaaampf…achhhhh Scheiße! Tut das weh.“ Mein Wadenkrampf unterbricht unser körperliches Geflüster. Na Super! Ganz Toll!

Ich beuge mich vor und halte meine Wade fest. Kräftig schlage ich auf die Couch, in der Hoffnung, der Krampf verschwindet dadurch. Wie eine Übersprungshandlung, um den Schmerz besser aushalten zu können. Wie Zähne zusammenbeißen, ohne Zähne zusammenbeißen. Während ich dies tue scheint sich mein Bewusstsein aus dem Nebel meines Vorbewussten zu lösen und in der Realität anzukommen, in der ich mich leise wimmern höre.

Kein warmes Kaminfeuer. Stattdessen, Dunkelheit. Kein wärmender Körper neben mir. Stattdessen meine, mich wärmenden 30 Kilo zuviel auf den Rippen, die mich nun plötzlich wieder umgeben.

Einen Moment ist mein Denken noch benommen vom Traum und vom Schmerz des Krampfes, sowie der schmerzhaften Erkenntnis, dass alles, was ich erlebte ein Traum war. Ich atme, als hätte ich Wehen, ich atme in den Schmerz. Der Wadenkrampf löst sich auf. Der Schmerz meiner Seele bleibt. War es ALLES nur ein Traum?! Für wenige Sekunden bin ich nicht nur räumlich desorientiert – auch sehe ich mich für diesen kurzen aber wahrhaftigen Moment außerstande zu unterscheiden, was ich tatsächlich erlebte und was nicht. Der Traum war so real. Noch immer spüre ich seine Berührung, unsere Küsse. Sein Geruch liegt mir in der Nase. Der Klang seiner Stimme hallt in meinem Ohr, sein Atem liegt noch auf meiner Haut.

Völlig hin und her gerissen zwischen Traum und Wirklichkeit dämmert es mir, wo ich mich befinde und beginne zu weinen. ES weint mich. Ich weine so sehr, dass ich keine Luft holen kann und es sich mehr in ein nach Luft japsendes Schluchzen verwandelt.
Zuhause. In meinem alt bewährten Zuhause. Nichts hat sich verändert, auch ich nicht.

Was soll sich denn auch von allein verändern? ICH muss es ändern. Ich möchte es ändern. Ich kann es ändern. Aufgewacht aus meinem Traum, angekommen in meiner Wirklichkeit, beginnen meine Sehnsucht und Antriebslosigkeit mich zu umweben, wie eine unerbittliche Spinne ihren Faden um ihre Beute wickelt. Betäubt und bei wachem Bewusstsein sterbend zurückgelassen.

NEIN. Ich möchte mich dem nicht beugen. Ich zapple. Innerlich. Tief innen drin bäumt sich etwas auf. Die Wut. Wut gibt mir Mut und Antrieb. Wut kann zerstören. Wut kann erschaffen. Mir ist Antrieb aus Wut lieber, als garkein Antrieb.

Alles um mich herum fühlt sich immernoch beklemmend an. Ich sitze immernoch im Dunkel des Raumes, der sich dumpf anhört. Wie eine kleine Kammer, in der ich sitze.
Als mich was am Arm berührt, schrecke ich zurück und falle fast vom Bett. Von ganz weit her, immer näher kommend höre ich jemanden meinen Namen rufen.
Alles geht rasend schnell, ich fühle mich wie gelähmt aus Angst davor, meinen Verstand zu verlieren.
Mit einem Mal fühl ich mich, als zöge jemand an mir. Wie in einem dunklen Tunnel in dem ich entlang gezogen werde, von unnachgiebigen Händen aus dem Nichts.
Sterbe ich grade? Mein Name hallt wie ein Echo in meinem Gehörgang.
Jetzt ist es für einen kurzen Moment so hell, dass ich nichts sehen kann. So, als sehe man mit geschlossenen Augen in die Sonne.
Eine hundertstel Sekunde später sehe ich das Zimmer meiner Pension hell erleuchtet.
Thore schüttelt sanft meine Schulter und ruft meinen Namen.
„Was? Was ist los?“ schrecke ich auf.
„Du hast so unruhig geschlafen, klang nach nem unangenehmen Traum. Da dachte ich, ich erlöse dich und weck dich auf.“
Nun plötzlich fühle ich mich erleichtert, wie im Himmel geradezu.
Ich brauche noch einen Moment um die Situation zu erfassen, die sich jetzt einerseits real und doch unwirklich anfühlt.

Ich muss lachen, weil ich so erleichtert bin, dass alles nur ein Traum war. Ein Traum im Traum. Ich betaste meinen Körper. Er fühlt sich leicht an. Nichts mehr zu spüren von der Schwere der zusätzlichen Kilo und dem traurig-schweren Gemüt.

„Na, das muss ja ein bewegender Traum gewesen sein.“ spöttelte Thore leichtfertig herum. Streichelte meine Schulter kurz fürsorglich und klopfte sie dann freundschaftlich. Umgehend wird mir klar, was ich da träumte, bevor ich im Traum aufwachte. Als ich mir erschöpft über das Gesicht streife, bemerke ich die Tränen, die ich offensichtlich in echt weinte.

Ich glaube, ich werde grade Rot, vielleicht habe ich sogar hektische Flecken. So schön der Traum einerseits war, so schrecklich war er auch und ich bin froh. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich mir bereits in der ersten Hälfte der Nacht, einen Fauxpas leistete und noch die andere Hälfte überstehen muss. Ich hoffe, dies gelingt mir ohne weitere Zwischenfälle. Ich finde ja, er könnte sich auch mal daneben benehmen, damit ich nicht so allein als traumatisierter Trottel dastehe.

Mal sehen, was die andere Hälfte der Nacht noch so mit sich bringt.

Fortsetzung folgt…© by soulstripShe

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