Neues Jahr, neues Glück – Teil 7 „Ein Zeichen“

Völlig desorientiert wache ich auf. Es ist hell. Ich kann sehen, dass ich mich in dem Pensionszimmer befinde. Aber im ersten Moment erscheint es mir schwer, die verworrenen Erlebnisse der letzten Nacht zu sortieren. Von der zweiten Hälfte der Nacht bekam ich so gut wie garnichts mit. Ich muss so fest geschlafen haben, dass ich völlig verpasste, als Thore das Zimmer verlassen hatte. Immerhin können meine dick geschwollenen Augen, mit noch unscharfem Blick ihn nirgends entdecken. Aber ich höre auch nichts aus dem Bad. Der Himmel, in den ich vom Bett aus, durch das schräge Dachfenster aus rustikalem Holz sehen kann, ist hellblau und Kristall klar. Der Schneesturm war offensichtlich vorüber. Nur, wo Thore sich derzeit befindet, ist mir nicht klar. Und nun geht es mir wie der Schneekönigin, deren Herz sich ganz vereist angefühlt haben muss.

Ich spüre, wie sich Enttäuschung in mir ausbreitet. Darüber, dass ich nur träumte, dass wir uns näher kommen und darüber, dass er nun auch noch weg ist. Irgendwie fühle ich mich wie – verlassen.

„Nein, nun werd´nicht wieder theatralisch. Du reißt dich jetzt zusammen, fällst definitiv nicht in die Opferhaltung der Verlassenen, erinnerst dich daran, was du schon alles geschafft hast in diesem neuen Jahr und daran, dass du auch allein glücklich bist. Du kannst stolz darauf sein, wie sehr du dich aus deiner Comfort-Zone gekämpft hast und gehst jetzt duschen. Und zwar kalt-warm-kalt!“ lässt mein aufbauend-motivierender Teil meines Erwachsenen-Ich´s jetzt verlauten.

„Zu Befehl Drill Sergant! Widerstand zwecklos.“ freue ich mich über den immer stärker werdenden Teil meiner Persönlichkeit, der positiv eingestellt ist und nicht gleich alles persönlich nimmt und dramatisiert. Und zwar nicht, weil irgendein Konflitktscheuer Mann, mit schlechter Streitkultur mir unterstellt, ich sei wieder einmal nur zickig und solle mich jetzt gefälligst mal zusammenreißen. Was natürlich genau das Gegenteil in mir bewirkt hätte. Nein, ich bin kein Opfer sondern positiv und eine Macherin, nicht dramatisch sondern gelassen, weil ich es will.

Hach, so eine Dusche tut gut. Nach den nächtlichen Traumeskapaden hat mein Körper aber auch echt ne Dusche nötig. Ich habe das Gefühl, wie ne Kabine voller verschwitzter Fußballspieler zu müffeln. Ich lehne mit beiden Händen an den beígefarbenen Kacheln und lasse den warmen Wasserstrahl meine Haut streicheln. Ich halte meinen Kopf darunter. Das gibt mir das Gefühl, mir selbst den Kopf zu waschen. „Was ich mir dabei dachte. Immer muss ich gleich so körperliche Gedanken haben, wenn ich ´nem attraktiven Mann begegne. Das lässt mich total unentspannt sein.

Ich habe oft das Gefühl der Schönheit verfallen zu sein. Wenn ich schöne Menschen sehe, bin ich fasziniert. Aber – und dessen bin ich mir durchaus bewusst, Schönheit wird letztlich auch völlig überbewertet. Das wurde mir klar, als ich mich mit einer 90 jährigen Dame unterhielt, deren Haut sich den Zeichen der Zeit beugen musste. Als ich dann ein Bild hinter ihr erblickte, auf dem sie in den 20er Jahren abgelichtet wurde. Schön, wie man sich eine Göttin vorstellt. Dieser Moment bleuchtete meinen engstirnigen Tunnelblick, auf den, von der Norm vorgegebenen Wert -Schönheit. Wo war ihre Schönheit nun? Und hat sie diese glücklicher sein lassen, als weniger schöne Menschen? Hilft ihr der Fakt, der vergangenen Schönheit heute?
Der Umgang mit den alten Menschen lehrte mich, dass innere Schönheit mehr zählt. Menschen also, die liebevoll sind. Menschen vielleicht, die alle Tugenden in sich vereinen. Rechtschaffen, liebevoll, gerecht, ehrlich, taktvoll, sanftmütig, mitfühlend. Aber auch die liebenswürdigsten Menschen können sich aufgrund einer krankheitsbedingten psychischen Veränderung, längst gebändigten Monstern wie Wut, Jähzorn, Sadismus, Taktlosigkeit, Gleichgültigkeit erneut machtlos ausgeliefert fühlen und dieses dann Grimassen schneidend nicht mehr verbergen. Niemand ist nur schön oder nur nett. Man ist wohl immer eine Art Gewichtung, eine Mischung aus dem zur Verfügung stehenden Verhaltensrepertoire des Menschen.
Wie unzählige Elemente eines endlosen Periodensystems.
Das macht ja jeden Menschen auch so einzigartig und den einen oder anderen sogar spannend für einen selbst. So spannend, dass man ihn kennenlernen möchte. Dass man etwas von ihm lernen möchte. Deswegen ist es wohl immer toll, wenn man sich ergänzt. Also nicht total unterschieldich ist, aber schon auch ein wenig. Eben soviel, dass Spannung da ist. Das undefinierbare gewisse Etwas macht vielleicht den Unterschied zwischen „einfach nur schön“ und „interressant schön“.

Ich selbst bin auch nicht hübsch im klassischen Sinne. Dazu kommt, dass ich seit meiner Kindheit auch immer pummeliger war, als andere Kinder. Und größer. Die gleichaltrigen Jungen hatten immer schon Angst vor mir. Deshalb versuchte ich wohl immer irgendwie niedlich zu wirken, damit sie diese Angst verlieren und auch, damit sie mich so sehen, wie ich mich innen drin fühlte. Schutzbedürftig und zerbrechlich. Allein durch mein Äußeres erweckte ich wohl immer schon den Anschein als sei ich herb und stark. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen, die aussehen, wie Kinder von anderen niedlich gefunden werden. Dem wollen sie entgegen wirken und sind deswegen besonders zäh und tough. Wie ein Jack Russel Terrier.  Und Frauen wie ich, die auch als Mädchen schon wie kleine Frauen aussehen, kämpfen immer darum, nicht ständig überschätzt und auch mal als schwach angesehen zu werden.

Später begriff ich dann, dass ich nunmal nicht der niedliche Frauentyp bin. Mein kleines Mädchen innen drinnen fand niemals einen Mann, der sich auch mal vätertlich um es kümmern wollte. Also tat ich es selbst.  Gleichzeitig zog ich immer Typen an, die in meiner Gegenwart zu unreifen, kleinen Jungs mutierten. Dieses Bild der fürsorglichen, liebevollen Mutter wurde wohl durch meine üppigen Kurven und meinen ersterlernten Beruf der Erzieherin noch verstärkt.

Ab da trat ich so auf, wie ich nunmal bin. Souverän, im Großen und Ganzen. Ich war es Leid mich unbeholfen darzustellen, wo ich es nunmal nicht war. Oder freundlich , wenn ich mein Gegenüber nicht leiden konnte. Und das alles nur um wenigstens irgendeine Aufmerksamkeit von Typen zu erhalten. Wenn ich schlecht drauf bin, lass ich das auch raushängen. Ich verbiege mich nicht mehr und versuche authentisch zu sein. So komm ich wenigstens mit mir gut aus. Und mehr bedarf es ja auch nicht.

Ich glaube, ich bin hochsensibel und spüre immer schnell, wen ich da vor mir habe. Diese schnelle Einschätzung gibt mir Sicherheit. Ob ich mich in meiner Wahrnehmung über andere auch schonmal getäuscht habe? Sicherlich nur, wenn ich verliebt war. Und da aber auch nicht grundlegend.  Meine Alarmglocken leuten trotzdem. Ich höre dann nur meist nicht auf sie, weil ich daran glauben will, dass jeder eine Chance verdient hat. Da benötige ich meist etwas länger, um Unehrlichkeiten dingfest zu machen, wobei ich aber immer sofort spüre, dass etwas nicht stimmig ist, an seinem Verhalten. Es heißt ja auch „Liebe macht Blind“. Dieses Sprichwort trifft auch auf mich zu. Kaum ist eine Art von Beziehung in Sicht, steigen in mir Wünsche und Ängste auf, die dann meine Urteilsfähgikeit eintrüben und mich, zumindest immer mal wieder kurzfristig unzurechnungsfähig sein lassen.

Als Lügendetektor hat man es in privaten Beziehungen wahrlich nicht einfach. Ich erwarte ja nicht, dass mein Gegenüber mir alles „beichtet“. Jeder sollte kleine Geheimnisse bewahren. Jeder sollte, auch in einer Beziehung immernoch einen kleinen Bereich Privatsphäre haben. Ich glaube nicht an das Konstrukt, Alles miteinander zu teilen. Schon garnicht Geld. Jeder verdient seins. Wenn einer der beiden nunmal erheblich mehr verdient, sag ich nichts dagegen, eingeladen zu werden oder einzuladen. Aber grundsätzlich bin ich für Gütertrennung. Selbst der gerechteste, gelassenste Mensch ist nicht davor geschützt, in einer Trennungssitutaion unfair zu handeln. Selbst bei einvernehmlicher Trennung liegen Verletzungen auf beiden Seiten vor und man könnte in manchen Angelegenheiten unfair reagieren, da nicht mehr der Verstand die Exekutive anführt, sonderen dann evtl. der kindische, verletzte Anteil der Psyche, der auf Vergeltung aus ist.

Deswegen – je klarer die Verhältnisse klar getrennt sind, desto weniger Scherereien hat man, wenn das dicke Ende kommt.

Worüber ich so nachdenke, während mir das wohlig warme Wasser  über meinen Kopf, an den Ohrmuscheln wie ein Wasserfall vorbei rauscht. Schon fast abartig von mir, bereits vor Beginn einer eventuellen Beziehung, an das Ende zu denken.

Um mich von dieser, wie ich finde, negativen Gedanken-Spirale zu trennen, stelle ich mir nun vor, wie seine Hände mich umschlingen und das Wasser unsere Körper zu einem einzigen verbindet. Das Wasser, das durch Furchen und über Hügel fließt und sich so die Körperlandschaften erschließt, wie ein Fluss, dessen Quell Aphrodites Schoß zu entspringen scheint. Mich nicht nur vom Wasser sondern auch von seinen warmen, sanften, geschickten Händen liebkost zu fühlen. Dieser Fantasie durch einen tiefen Seufzer Ausdruck zu verleihen, scheint mir jetzt ein innerer Drang zu sein. Wenn ich mir vorstelle, wie wir uns in dem Wasserstrahl begegnen. Wie unsere Hände, unsere Lippen den Körper des anderen auskundschaften mit zögerlichem Abwarten einerseits, gleichzeitig mit mutigem herantasten an die sensiblen Bereiche des anderen. Schon entwischt meiner Kehle ein wohliges Raunen und ich muss mich an der Wandhalterung der Dusche festhalten, weil das Gefühl – wie ein Beben – kaum auszuhalten ist.

Plötzlich kommt mir wieder zu Bewusstsein, dass er mich ja einfach hat sitzen lassen. Ohne ein Dankeschön, ohne ein auf Wiedersehen. Einfach weg, ist er. Was soll ich mich da noch in irgendwelche Fantasien hineinbegegben. Das würde ja jetzt nur meine Enttäuschung verstärken. Am besten ich lenke mich ab. Jetzt kalt duschen! Ohne Gnade stelle ich den Hebel auf kalt. Es ist so kalt, dass ich am quietschen und hyperventilieren gleichzeitig bin. Ich bin am hecheln, wie bei ner Schwangerschaftsgymnastik, die ich nur aus dem Fernsehen kenne.

„Oh no not I, I will survive, for as long as I know how to love I will be alive…“ singe ich, während das Handtuch meine, vom Duschen schrumpelig gewordene Haut, trocken rubbelt. Während ich mir die Haare föne kommt mir Patsy Cline in den Sinn. Eine Country Sängerin, die auch nicht gerade Glück in der Liebe hatte „Crazy. Crazy for feeling so lonely. Ohohoh Crazy. Crazy for feeeeeling soooo bluuuuueee“.

Ups, ein Pups entfläucht mir und schallt im Bad irgendwie doppelt so laut. Aß ich gestern Erbsen, Bohnen oder Linsen? Das war definitiv ein Kohlenhydrat Pups. Das hatte ich während meiner Ausbildung gelernt.  Eigentlich heißt es ja Flatulenz. Die lauten Flatulenzen sind immer die Kohlenhydrat-Flatulenzen und die leisen, die doll riechen, sind die Eiweiß Flatulenzen. Jetzt denke ich wieder über die Arbeit nach und verspüre schon etwas Aufregung, weil mein Praktikum übermorgen losgeht. Es ist nur ein Praktikum.  Ich muss mich ja nicht profilieren. Ich bin da, um etwas zu lernen und nicht, um schon alles zu können. Außerdem macht sich sowas immer gut in der Vita. Arbeit ist immer gut, um sich abzulenken. Blöder Arsch, der! Geht der einfach, OHNE AUCH NUR EINE NOTIZ HINTERLASSEN ZU HABEN. Einfach davon gestohlen! Blödian, Arsch! Penner! Fluchen hilft auch. Meistens. Am besten man tut es laut. Ich muss es laut aussprechen. Ich schaue mich im Spiegel an und sage mir jetzt „Ich bin toll und er, er ist einfach ein Arschloch. Egoistisch, unsensibel und gleichgültig. Blöder, hochnäsiger Typ!“

Um meine Schimpftirade verstärkend abzuschließen, folgt ein „Jawohl!“, während ich aus dem warmen Dampfsauna ähnlichen Badezimmer nun in mein klirrend kaltes Schlafzimmer gehe. Das Fenster steht sperrangelweit auf und ich hab mir n Handtuch drum gewickelt. Ich kann mich nicht erinnern, das Fenster geöffnet zu haben. Schnell überlege ich, ob evtl. die Vermieterin kurz im Zimmer war, um es frisch zu machen. Aber doch nicht am Wochenende und nicht unabgesprochen – bringe ich den Gedanken noch eben so zuende, als ich wie versteinert stehen bleibe, weil Thore aus der Kochnische, Rechts um die Ecke linst und schelmisch grinst. Wie niedlich er aussieht, wenn er lächelt. Seine obere Zahnreihe bildet  eine Art kleinen Überbiss. Und seine Augen sehen eigentlich so aus, wie die eines kleinen, glücklichen Kindes. Groß und rund und lächelnd. Lächelnde Augen. Das ist es. Augen sind für mich eines der aussagekräftigesten Kommunikationsmittel. Auch ich spreche immer mit den Augen. Augen vermögen es, jemanden auszuschließen oder in ihn einzudringen, mit tiefen, intensiven, durchdringenden Blicken. Es gibt auch leblose Augen. Traurige Augen, verzweifelte oder aber eben glückliche. Wie die, von Thore.

Wenn er mich so anstrahlt, fühlt es sich an, als gehe die Sonne in meinem Herzen auf. Was eigentlich nicht gut ist, denn das heißt, das er Macht über mich hat. Macht deswegen, weil ich sie ihm einräume. Ich bin ihm verfallen. Ok, jetzt muss ich irgendwelche unsympatischen Anteile an ihm ausmachen. Schwächen oder Gemeinheiten. Irgendwas, das ihn etwas weniger anziehend sein lässt, bevor ich nicht sicher weiß, ob er es erwidert. Und es auf ein einseitiges ihm verfallen sein hinausläuft.

„Wie überhaupt ist er hier rein gekommen? Warum ist er wieder hier? Wo war er? Was von dem, das ich im Bad so alles von mir gab, hörte er mit an?“ überschlagen sich jetzt meine Gedanken, während ich versuche so cool und unbeteiligt wie möglich zu wirken. „Hattest du eine gute Zeit im Bad?“ fragt er mich. Na toll! DAS konnte alles meinen! Ich überlege jetzt ob es im Prinzip egal ist, was er alles mitbekam, wenn er denn ALLES mitbekam und den Fokus von mir weg, darauf zu lenken, wo er war und wie er hier wieder herein kam. „Gute Taktik.“ lobt mich mein Verstand.

Jetzt, wo ich ihn dazu befragen will, um unter anderem zu überspielen, dass ich mich gerade irgendwie nackt fühle, weil ich ja unter dem Handtuch im Grunde auch nackt bin, biegt er mit einem Tablett um die Ecke.

Jetzt erst bemerke ich den Duft von Kaffee. Sehe auf den Tellern frisch geschnittenes, nett drappiertes Obst liegen. Neben zwei Buttercroissants hat er  in kleine Gläschen ein Klecks Honig und rote Marmelade abgefüllt. Liebevoll sehen die Servietten gefaltet aus. Auf dem Tellerrand liegen getrocknete Apfelscheiben. Der Orangensaft sieht frisch gepresst aus und oben auf schwimmt eine kleine blau-lila Blüte. „Tadaaaa.“ ruft Thore feierlich. „Mhh, das sieht aber wirklich delicious aus.“ sage ich freudig. „Ich dachte mir, nach deiner turbulenten Nacht und als Dankeschön, dass du mich vor dem Sturm gerettet hast, würdest du dich über ein gemütliches Frühstück im Bett freuen.“
Aller Ärger löst sich in Luft auf.

Dass ich aber auch immer so ein Kopfkino abfahren muss, wenn mal etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle. Jetzt hab ich mich ganz umsonst geärgert. Dabei ist er wirklich nett. Und so….toll!

Als ich, gekleidet in meinem schlabber Jogginganzug aus dem Bad komme, sitzt Thore im Schneidersitz auf dem gemachten Bett. Von seinem Handy erklingt, wie soll es anders sein – Vivaldi – die vier Jahreszeiten.

„DAS ist ein Zeichen!“ möchte ich glauben. Doch ein Teil von mir bleibt skeptisch und kühl. „Ein Zeichen!“, verspottet mich meine Vernunft. „Ja, ein Zeichen!“, wage ich mich, mir selbst, naiv und magisch denkend aber glücklich zu widersprechen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass er genau DIE klassische Musik abspielt, die ich hörte, als ich ihn zum ersten Mal erblickte? Selbst Spock …und Sherlock Holmes zusammen genommen, würden DAS für ziemlich faszinierend und gut deduziert und weniger für einen Zufall halten.

Fortsetzung folgt…© by soulstripShe