Neues Jahr, Neues Glück – Teil 8 „Kotzen, Küssen oder Kaffee?“

Fast vier Tage ist es nun her, dass Thore und ich zusammen frühstückten. Diese Zeit fühlt sich an wie ein paar Wochen. Ach, was sag´ich, MONATE. Naja, wie eine halbe Ewigkeit. Das Schlimmste ist für mich immer die Ungewissheit. Nicht zu wissen, woran man ist, ist anstrengender als einfach nur einen Korb zu bekommen. Es fühlt sich an, als sei man ein Zombie. Einer, dessen einziger Antrieb und Lebensinhalt darin besteht, nur in der Nähe des Opfers umher zu kreisen. Halb verhungert, mit großem Appettit auf das Herz, das Hirn und die Seele des Geliebten, die Kreise immer kleiner ziehen – wie ein Raubtier auf der Jagd nach seiner Beute.

Schon in dieser Zeit neige ich dazu, mich gefühlsmäßig an die Person zu binden. Da kann ich erstmal nichts dafür. In meiner frühkindlichen Entwicklung, genauer, der oralen Phase, wurden meine Bedürfnisse nicht adäquat befriedigt. Seitdem besteht bei mir eine Fixierungssucht. Kann ich diese nicht in Form menschlicher Zuneigung stillen, kompensiere ich eben durch orale Fixierung. Damit ist jetzt nicht das gemeint, was einem zu oral meist als erstes einfällt, is klar! In meinem Fall ist es das Essen. Das Essen ist immer da, wenn ich es brauche. Es hält immer, was es verspricht. Zumindest für den Moment. Bis zu dem Zeitpunkt, da einem kotzübel wird und der Bauch wehtut. Der Moment, wenn man in eine Schnappatmung verfällt, wie ein Goldfisch in einem zu kleinen, veralgten Glas ohne Sauerstoff. Und das nur, weil der Magen so voll gestopft ist, dass er den Lungen den Platz zum atmen nimmt. Wenn man sich mal bewusst macht, dass der Magen eines Erwachsenen im Prinzip nur ein Fassungsvermögen von 500ml hat, und wie man diesen Wert als Esssüchtiger ständig überschreitet, kann man sich ausrechnen, wie belastend das für den gesamten Körper ist. Abgesehen von den Fettmassen, die man evtl. zusätzlich  mit sich herumtragen muss. Angesichts dieser Tatsache und der, des Spottes der Gesellschaft, finde ich es immer wieder erstaunlich, wie leidensfähig Menschen sein können.

Thore hingegen hat einen wirklich schönen Körper und seitdem ich an meinem arbeite, habe ich auch ein anderes Verhältnis zu ihm – also zu meinem Körper. Obwohl…vielleicht auch zu Thore, zu Männern überhaupt. Es verunsichert mich, plötzlich wieder interessant für die Männerwelt zu sein. Ich weiß garncht mehr, wie ich mit deren Reaktionen auf mich umgehen soll. Ich glaube, das wusste ich noch nie. Thore wirkt  zufrieden in seinem Körper. Er erzählte mir, dass er neulich ein Interview in einer Fernsehshow gab. Natürlich wurde er auf diverse Nacktszenen angesprochen, für die er kein Bodydouble verwendet. Selbstverständlich habe ich dieses Interview gegoogelt und mir auf YouTube reingezogen und zwar nicht nur einmal. Nein, immer und immer wieder. Der Talkmaster unterstellte ihm fast schon, als sei es etwas schlimmes, stolz auf seinen Körper zu sein. Thore hingegen blieb ganz ruhig und bezeichnete es eher als ein Wohlgefühl in dem eigenen Körper. Er fühle sich in seinem Körper wohl. Würde ich auch, sähe ich so aus.  Er ist selbst in Interviews irgendwie gelassen. Aber nicht nur das. Er ist auch lustig. Er kann auch über sich selbst lachen. Das macht ihn noch anziehender. Von ihm geht ein starker Sog auf die Damenwelt aus.

Wenn ich jetzt krampfig werde oder in Konkurrenz zu anderen Frauen gehe, werde ich definitiv der Verlierer sein. Weil ich dann nur noch von Eifersucht getrieben bin und vor allem deshalb, weil es immer eine Frau gibt, die hübscher oder interessanter ist als man selbst. Ich muss eben einfach so sein, wie ich bin. Und ICH bin diejenige, der er seine Handynummer gab. Entweder es funkt, oder eben nicht. Das ist dann eben auch so, würde meine Mutter jetzt sagen. Eifersucht. Eine weitere Sucht, die alles kaputt machen kann, bevor es begonnen hat. Ich merke aber, wie ich versuche, unser beider Begegnung  das „schicksalsträchtig“ Siegel auf zu drücken.

Alles in meinem Erleben, je nach Tageslaune, spricht dafür oder dagegen. Er liebt mich, er liebt mich nicht. Wie die Blütenblätter, die man ausrupft und es so deichselt, dass das letzte Blatt ein „er liebt mich“ wird. Oder die Billardkugel, die man solange schüttelt, bis sie „Yes“ anzeigt. Alles soll dafür sprechen und meine Hoffnung füttern. Wie in Goethes´ Leiden des jungen Werthers , wo Werther es als Fügung sieht und die gemeinsame Vorliebe für den Dichter Kloppstock als Beweis dafür nimmt, dass sie zusammen gehören, trotzdem sie in einer Beziehung ist – wohlgemerkt. Das Unerreichbare scheint oft so anziehend.

Ähnlich wie der Werther, neige ich dazu, mir ein Lied als DAS Lied auszusuchen, das wir in der Zeit des Zusammenseins beiläufig hörten. Wird es dann im Radio gespielt, ist es ein Zeichen. Je öfter es gespielt wird, desto größer ist die Chance, dass das Schicksal  einen wirklich meint und persönlich mit einem redet “ Ja, das ist er und er liebt dich, wie du ihn. Als Beweis dafür spiele ich dir euer Lied.“

Man erkennt es schon an den ersten paar Takten und beginnt sofort wie ein Breitmaulfrosch leicht dümmlich zu grinsen. Man geht nicht mehr einfach nur den Gang entlang, sondern federt. Jeder noch so ätzender Umstand, Stress oder Ärger wird übergossen mit rosafarbenen zähflüssigem Zuckerguss, sodass sich alles irgendwie nur noch schön anfühlt und süß. Alles ist dann garnicht mehr so schlimm. Die Hormone des Glücks regieren das Hirn nun in gänze und wirken wie eine Droge. Jeder Mann, in den ich verliebt war, war wie meine Droge und ihn an mich zu binden, bisher immer mein verwegener Plan.

Das doofe an einer Droge jedoch ist, dass man nie und zwar wirklich NIEMALS davon genug haben kann. Verschafft mir ein Mann nicht mehr die Wirkung, bin ich geneigt mich wieder zu lösen aus der Verbindung. Und mir ein neues Subjekt zu suchen, das die Gefühle in mir auslöst, nach denen ich süchtig bin. Im Prinzip betreibe ich Missbrauch. Ok, der andere kann ja nein sagen. Aber man sollte nicht die Manipulationsfähigkeit einer Frau unterschätzen.

Das alles ähnelt sehr einem bulimischen Fressanfall. Will man schnell ein Opfer finden, begibt man sich in eine Internet Singlebörse. Hier sieht man sich die Fotos der Männer, wie Wurstscheiben in der Supermarkt-Fleischauslage an. Man sucht sich nach ungefährem Geschmack einen aus. Kurzer Blick auf den Steckbrief. Und mit dem verlockenden Angebot des schnellen unverbindlichen, sprich unkompliziertem Sex, gehen einem einige schnell in die Falle.

„Hallo?“ beantworte ich enttäuscht den Anruf meiner Mutter. Sie ruft mich auf meinem Handy an. Manno, ich dachte es sei er. Nach einem geglückten Abwimmelversuch fahre ich mit meinem Gedankenmonolog weiter fort.

Ja im Prinzip kann man sagen, ich konsumiere Männer wie Lebensmittel. Also konsumierte, muss ich ja sagen. Weil ich es ja jetzt alles anders machen will. Ich habe ein halbes Leben so zugebracht. Glücklicher machte es mich nicht. Das Wissen darum allein half mir auch nicht. Wie eine Beziehung geht, kann ich ja nur lernen, wenn ich mich auch in eine begebe und somit heraus komme aus meiner selbst verordneten Schutzhaft, genannt „Isolation“. Ob ich mich dabei vor den Männern schützen wollte, oder die Männer vor mir. Oder ob ich mich letztlich vor mir selbst schützen wollte, kann ich garnicht so genau sagen. Aber ich habe verstanden, wie kurz das Leben ist und ich habe beschlossen, bestimmte Lektionen nicht wiederholen zu wollen/müssen. Und dies ist nicht einfach nur eine Plattitüde.

Gedanken getrieben hetze ich den Krankenhausgang entlang. Überhaupt bin ich hier immer die einzige, die am hetzen ist. Alle anderen haben die Ruhe weg. Vielleicht wäre ich in der Notaufnahme doch besser aufgehoben. DA rennen selbst die Österreicher. Hatte ich denn jetzt die Kurven alle schon abgearbeitet? Ich prüfe es lieber nochmal nach. Kurven nennt man in der Krankenhaussprache die Patientenakten. Hier ordnet der Arzt Dinge an, die ich dann umsetzen muss.

Durch meinen Beruf habe ich bereits  mehrere Menschen im Sterbeprozess, bis zum letzten Moment begleiten dürfen. Diese Situationen sind für einen selbst so grenzerfahrend, wenn man sich darauf einlässt. Sie führen einem so sehr vor Augen, was wichtig ist. Nämlich WIE ich mein Leben gelebt habe ist entscheidend, ob ich in Frieden oder im Todeskampf aus diesem Leben gehe. Elisabeth Kübler-Ross hat meine Erkenntnis in einem ihrer letzten Interviews bestätigt. Ich strebe eine ähnliche Haltung in der Liebe an. Aber letztlich kommt ja doch immer alles anders als man denkt und letztlich ist das Fleisch auch immer wieder schwach, da kann der Geist noch so willig sein. Und im Verdrängen sind wir Menschen ja eh meisterhaft, denn das passiert immer wieder automatisch und unbewusst, wenn ich nicht bewusst dafür sorge, dass bestimmte Inhalte in meinem Bewusstsein bleiben.

So habe ich es zum Beispiel geschafft drei Jahre lang vegan und nun noch vegetarisch zu leben. Zu Weihnachten allerdings packte mich die Fleischeslust und ich versuchte ganz bewusst diese Bilder der leidenden Tiere aus meinem Kopf zu verbannen, als ich vor einer Dönerbude stand. Es war wirklich schwer. Dieser Kampf kostete mich soviel psychische Energie (von der wir laut S. Freud nur eine begrenzte Menge zur Verfügung haben), dass ich erstmal schlafen gehen musste, nachdem ich den Döner verspeist hatte.

Hier hatte ich jetzt aber die Büchse der Pandora geöffnet und ich verfiel in einen regelrechten ca. zwei monatelangen Rausch. Schon während des Fleisch Kaufens konnte ich meine Gedanken dabei beobachten, wie sie entschuldigende Rechtfertigungen oder ent-emotionalisierte Rationalisierungen aus dem Hut zauberten.

„Das Tier ist doch jetzt sowieso schon tot. So kannst du seinen Tod wenigstens noch in einen guten Zweck verwandeln, wenn du es jetzt isst. Es ist gestorben, um dich zu nähren. Das ist ein ganz natürlicher Prozess.“

„Aber ich möchte die Quälerei nicht unterstützen und mit der Kaufkraft des Konsumenten bestimme ich das Angebot mit.“

„Wenn du es nicht isst, wird es weggeschmissen. Es ist doch jetzt schon herunter gesetzt, weil es bald abgelaufen ist. Dann ist das Tier umsonst gestorben. Außerdem ist der Mensch nun mal ein Allesfresser. Das ist nur natürlich.“, usw.

Thore isst Fleisch. Ich weiß garnicht, wie ich das finde und ob ich damit umgehen kann. Immerhin bin ich ja aus moralischen und nicht aus gesundheitlichen Gründen Vegetarier. Und ich weiß garnicht, ob es so gut ist, wenn die Moral so sehr auseinander geht. Aber ich habe mich mit ihm über das Thema noch nicht unterhalten und weiß garnicht genau, wie seine Einstellung dazu so ist.

Aber auch ich bin mal rückfällig geworden. Ich will ja nicht moralisierend in der Gegend herumlaufen. Ich wünsche mir nur einfach, dass die Werte meines Liebsten den meinen ähneln. So kann ich mir z.B. auch niemals eine Beziehung mit einem rechts-radikal gesinnten vorstellen.
Es gelang mir in diesen zwei Monaten des Fleischessens nicht in Gänze mein Gewissen, dass ich drei Jahre zuvor müßig aus dem Würgegriff des Verdrängungsmechanismus befreien musste, mundtot zu argumentieren. Es blieb bei der Verknüpfung von Bildern und Gefühlen mit einer Sache, die ich mir in den ersten Monaten meines Veganer Daseins antrainierte. Ich bildete im Prinzip neue Schaltkreise. Immer, wenn ich ein Stück Fleisch sehe, passiert es automatisch, dass ich das Tier sehe. Damit verbunden, entstehen sofort Bilder des Tieres in Massentierhaltung. Bilder des Tieres wie es um sein Leben kämpft, nicht versteht, was mit ihm passiert und warum es so schlimm und unwürdig behandelt wird und sich letztlich dem, von Menschen auferlegten Schicksal in Resignation beugt.
Diese Bilder produzieren in mir entsprechendes Mitgefühl. Der Grad zwischen mitfühlen und mitleiden ist schmal! Manchmal machen mich diese Bilder auch fertig. Dann muss ich die Hochspannung des Schaltkreies, wie mit ´nem Dimmschalter runter regulieren. Aber eben nicht so weit, dass ich die Tatsache des Tierleids wieder erfolgreich verdrängen kann.

Damit habe ich mir selbst bewiesen, dass ich in der Lage bin, meine Überzeugungen zu ändern und somit, mich anders zu verhalten. Zwar auch wieder ferngesteuert, also vom eigenen Hirn, aber eben halbwegs selbstbestimmt ferngesteuert. Zwar gibt es immer mal wieder kleine Rückfälle, aber anerkennend, dass auch ich nur ein Mensch bin, verurteile ich mich dafür nicht mehr.

Wenn ich eines im Philosophie Unterricht lernte, dann, dass der Mensch determinierter ist, als ihm das lieb ist. So merke ich auch, wenn ich an Thore denke, dieses Ziehen der Sucht nach Liebesrausch. Vielleicht sogar nach Drama. Ob ich dem wirklich standhalten kann und will, weiß ich nicht. Ich weiß nur, ich möchte endlich mal entspannt sein, in der Nähe eines Mannes. Ihn irgendwie maßvoll lieben, wenn das irgendwie geht. Allerdings muss ich mich ja auch schon aus meinem Schneckenhäuschen wagen und ihm zeigen, dass ich daran interessiert bin, ihn näher kennenzulernen.

Nachdem Thore und ich einen wunderschönen und auch sehr lustigen Morgen, mit Frühstück im Bett verbrachten, gingen unsere Wege wieder auseinander. Er war hier, um sich auf seinen neuen Job vorzubereiten, seine neue Rolle. Das heißt, er muss sich ein bisschen zurückziehen und auf sich und die Rolle konzentrieren. Hab ich ja gewusst. Jahrelange Beziehungsmuster werde ich nicht ändern können. IMMERNOCH steh ich auf Männer, die irgendwie nicht erreichbar sind. Maaaaan! Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich dieser Zombie bin. Dieser Liebeshungrige Zombie, der unstillbaren Hunger hat. Das würde bedeuten, dass ich mir nicht immer nur Männer aussuche, die sich nicht wirklich einbringen. Sondern, das würde bedeuten, dass kein einziger meinem Bedürfnis nach Nähe permanent gerecht werden kann.

Was allerdings diesmal anders und positiv läuft, ist seine Ankündigung.  Das heißt, ich mache Fortschritte in der Wahl meiner Männer. Er kündigt an, nicht verfügbar oder ansprechbar zu sein, für die nächsten Tage. Und ER macht den Vorschlag Nummern auszutauschen. Allerdings fällt es mir schon schwer seine Freundlichkeit und Offenheit zu deuten. Bin ich für ihn lediglich eine Art Kumpel oder nimmt er mich doch schon auch auf der Mann/Frau Ebene wahr?

Seine Handynummer zu haben, ist für mich, wie für den Esel die Möhre vor der Nase zu haben. Die Möhre an der Angel, die mich in Bewegung hält, in der Hoffnung, ich erreiche sie doch noch. Naja eine kleine sms schadet doch nichts. What´s App benutzt er nicht. Er ist auch sonst in keinen Social Media Plattformen unterwegs. Eigentlich ganz vernünftig, wenn man in der Öffentlichkeit steht, glaub ich. Ach ne, lieber doch nicht. Soll er sich lieber melden. Ich will nicht anhänglich wirken, auch wenn ich es verspüre – den Drang mich an seine Lippen zu heften, zum Beispiel. Ich will ihn nicht überfordern oder verschrecken. Er wirkt manchmal auch, wie ein Reh, das leicht zu erschrecken ist und dann wegrennt, obwohl man es doch nur streicheln wollte. Aber für ein Reh würde es eine Zähmung durch den Menschen bedeuten. Und wir alle kennen die Geschichte des kleinen Prinzen.

Ne, also jetzt versuche ich, mal wieder etwas runter zu kommen. Fixierung ist scheiße, weil man dann so Stalker-ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legt. Vor allem völlig die Realität verzerrt. Naja Realität ist eh relativ. Ich weiß. Und doch, es ist wichtig, dass ich jetzt nicht ganz so hoch fliege, sonst wird der Fall echt tief. Bis ins Erdkern-Innere oder so.

Es ging unerwartet kontaktarm weiter. Warum suche ich mir denn eigentlich immer Männer aus, die unverbindlich bleiben? Männer, die entweder örtlich nicht verfügbar sind, mich aber total überschwänglich und zeitraubend auf allen möglichen Social Media Wegen lieben wollen. Oder welche, die neben mir sitzen aber sich emotional am anderen Ende des Äquators befinden. Ich kenne die Antwort auf die Frage schon. Es hat etwas mit der Kindheit und mit der Rolle meines Vaters zu tun. Natürlich. Aber bringt mich das Wissen um die Antwort auf meine Frage weiter lieber Dr. Freud?

Ich wende mich von der Psychoanalyse ab und dem Kognitivismus zu. Martin Seligman hatte ja mal ein Buch heraus gebracht mit dem Titel „Pessimisten küsst man nicht, Optimismus kann man lernen“. Das würde ein viel besserer Weg sein, um über meine tiefe Vertrauenskluft zu Männern eine Brücke zu bauen, auf der ich ihnen ohne Sicherungsgurt begegnen kann.

Aber auch das ist müßig, denn vom Unbewussten wird man weitaus mehr beeinflusst in seinem Denken, als man sich als Mensch mit Verstand eingestehen will. Gedanken können sich gut oder schlecht anfühlen. Der Kognitivismus hilft einem im Prinzip ja nur, das Denken zu ändern. Und dadurch tiefe Überzeugungen aufzuweichen, bis sie sich verändert haben. Solange an seinem Denken herum zu feilen, bis man alles nicht mehr mit einer Dramaqueen-Brille beurteilt, ist mein Ziel. Ich las ja auch mal, dass man nicht immer das selbe tun und andere Ergebnisse erwarten kann. Will ich was anders haben, muss was anders machen. Aus diesem Grund bin ich ja hier.

Thore hat diese Leichtigkeit. Das zieht mich einerseits an. Andererseits turnt es auch ab, weil er vielleicht dazu neigt, Dinge, Situationen oder Menschen nicht so ernst zu nehmen. Ich bin wütend, enttäuscht und traurig. Ich fühle mich abgelehnt, weil er sich nach unseren tollen paar Stunden, die wir miteinander hatten, nicht mehr bei mir meldete. Wenn er es auch so schön fand wie ich, dann würde er sich schon gemeldet haben. Vielleicht habe ich auf ihn anstrengend, kompliziert oder abstoßend gewirkt?

„Sara, Zimmer acht, frisch aus dem OP, benötigt eine Nierenschale. Der Stationsarzt hat bei ihm MCP Tropfen gegen Übelkeit angesetzt. Und ermittle bitte die Schmerzskala bei ihm.“

Hier auf der akuten Inneren geht es mitunter turbulent zu. Natürlich nicht so schlimm wie in der Notaufnahme. Jetzt klingelt es aus Zimmer acht schon wieder. Leider kam mir Zimmer drei dazwischen. Die Zeit hier in der Unfallklinik des Skiortes ist wirklich lehrreich. Die Menschen sind hier auch in Notsituationen viel gelassener als in der deutschen Hauptstadt. Außerdem kann man hier wirklich allehand komplizierte Brüche sehen. Man glaubt garnicht, was Menschen auf zwei Brettern, oder einem Brett manchmal anstellen. Bei manchen Verletzungen habe ich mich schon gefragt, wie er oder sie das hin bekam.

Aus dem Zimmer acht kommen grad zwei kichernde Mädels der Putzkolonne. Wahrscheinlich fänden Männer die beiden total süß. So kindliche Frauen, hager und mager, leicht und beschwingt. Verspielt irgendwie. Ich werde immer eher dem mütterlichen Typ Frau zugeschrieben. Wenn ich DAS höre, werde ich meist aggressiv. Innerlich. Ich bin zwar gut darin, mich um Menschen und deren Belange zu kümmern, aber ob ich das wirklich gerne mache und ob mir das wirklich gut tut, wage ich manches Mal zu bezweifeln. Und setzt ein Mann diese Eigenschaft bei mir voraus, nur aufgrund meines Äußeren oder meiner Berufswahl, werde ich echt ungehalten. Meist verhalte ich mich dann mit Absicht besonders rücksichtslos und hole mein verbales Samurai heraus, um ihn im Wortgefecht nieder zu metzeln. Einfach nur, damit er nicht auf weitere dumme Gedanken kommt. Gedanken wie, ich solle ihm doch bitte sagen, wo seine Socken liegen oder welches Hemd er zu welcher Hose anziehen soll. Um sich dann, von mir gut gestylt, von anderen Frauen Bestätigung zu holen. Einer, der danach nachhause kommt, sich ins gemütliche Nest meiner geschaffenen Geborgenheit kuschelt um mich dann zu fragen, was es denn heute zu essen gibt und ob ich ihm ein Bier aus der Küche holen könne.
Ich klinge bitter? Finde ich nicht. Ich klinge realistisch. Desillusioniert. Allerdings lebte es sich in meinen juvenilen Beziehungs-Sandschlössern unbeschwerter. Dingen auf den Grund zu gehen kann eben auch wehtun. Darum wird Alice im Wunderland wohl gefragt, wie tief sie in den Hasenbau gehen will.

Während ich Alexandras Song „Illusionen“ summe und Zimmer acht betrete, stockt mir der Atem und ich verstumme. 1) weil mir eine Duftwolke von Erbrochenem entgegen fliegt und b) weil der Patient in Zimmer acht offensichtlich Thore ist, der sich gerade die Seele aus dem Leib kotzt.

Sofort laufe ich los und organisiere eine Nierenschale, die ich leider vergessen hatte, schusselig, wie ich manches Mal bin. Während ich im Eilschritt den langen Stationsflur entlangschliddere und mir unterwegs noch ein paar Zellstofftücher und Einmalhandschuhe organisiere, überschlagen sich meine Gedanken.

Ich hab ihm so Unrecht getan. Vielleicht hätte er sich bei mir gemeldet. Konnte er aber nicht, weil er hier liegt. Was ist ihm passiert? Offensichtlich musste er operiert werden und reagiert mit Übelkeit auf die nachlassende Narkose.

Deswegen kicherten die Putzfeen so. Weil ER hier ist. Oh man, ob ich meine Professionalität wahren kann? Ich fühle mich in leichtem Schock Zustand. Ich handle wie ein Roboter. Klopfe an der Zimmertüre erneut an, als ich das Zimmer betrete. Halte ihm die Nierenschale, als er sich zur Seite beugt, weil er sich erneut übergeben muss. Er befindet sich derzeit noch im Dämmerzustand. Wirkt desorientiert. Seine Augen fallen ihm sofort wieder zu, als er seinen Oberkörper erschöpft wieder ins Kissen sinken lässt.

Ich lege auf die Pfütze auf dem Boden den Zellstoff, befeuchte einen Waschlappen und wische ihm den Mund ab und tupfe ihn danach trocken. Hier muss dringend frische Luft rein. Ich kippe das Fenster an.

Wie schwach und verletzlich er aussieht, wie er da so liegt. Schutzlos ausgeliefert, nur dämmernd bei Bewusstsein. So ein starker, großer Mann. Er sieht grad ganz klein aus. Ich muss ihn etwas aufwecken, damit er zu sich kommt. Im Dämmerzustand ist die Gefahr des Verschluckens zu groß.

„Thore“ flüstere ich seinen Namen sachte, genauso sachte, wie meine Berührung seiner Schulter. Er reagiert nur wenig „Hm?“ fragt er verschlafen nach. Wir dürfen ja unsere Patienten eigentlich nicht duzen.

Nagut, härtere Geschütze. “ Hallo Schlafmütze! Einmal wach werden bitte!“ sage ich ihm etwas schroffer und kühler. Es klingt wenig mitfühlend und genauso unnachgiebig rüttele ich nun seine Schulter. Er kommt zu sich und lächelt.

„Hej sarrrraaaa you´re so great.“ lallt Thore. Klingt fast besoffen. Er bekommt die Lippen kaum auseinander und die Augen kaum auf.

„Ich hab hier etwas gegen die Übelkeit. Wenn du das trinkst, dann geht es dir gleich besser.“

Er muss aufschlucken und guckt nun schmerzverzerrt. „Hast du Schmerzen?“

„Nein, wenn du da bist geht es mir gut“ sagt er auf Deutsch. „Ahh“ stöhnt er nun doch schmerzerfüllt.

Ich besorge dir gleich ein Schmerzmittel. Ich wundere mich über sein Deutsch. Er kann kaum sprechen und haut hier Deutsch raus.

„Kannst du den Becher selber halten?“

„Jadå.“ spricht er nun wieder auf Schwedisch und schläft wieder weg. Irgendwie auch süß, wie er so rumlallt.

„Hallooooo, bleib mal wach, hier trink mal bitte.“ Ich stütze seinen Kopf etwas hoch, damit er weiß, was ich von ihm will und setze den Becher an seine Lippen. „Soooooo und jetzt mal trinken, bitte.“

Während sich seine Augen müde etwas nach hinten rollen, lallt er er brabbelnd „I really like you Sasa.“ und lächelt dabei. Meinte er jetzt mich? Vielleicht kennt er ja eine Sasa, so wie Sasa Gabor und verwechselt mich aufgrund seiner Verwirrung. Kann ich mich jetzt freuen, dass er mich meinte, oder betrachte ich es wertfrei, weil er mein Patient ist und er außerdem auch nicht mich gemeint haben könnte?

Ich beschließe mich darüber zu freuen und seine Aussage auf mich zu beziehen. DAS war besser als jeder Song, der plötzlich im Radio gespielt wird. Mein Magen hüpft, mein Herz auch und ich glaub, ich auch.

Während ich ihm seine Schmerztropfen organisiere frage ich mich immernoch, weswegen er hier liegt. Ich fühle mich ihm gerade eigenartig überlegen, aber auch nah. Ich bin doch schon ganz schön souverän, muss ich feststellen. Garnicht mehr so unsicher bzw. verunsichert, das sich dann in Kleinkindgehabe inklusive quietschender klein Mädchen-Stimme.
Naja ok, er liegt jetzt auch etwas wehrlos und nicht Herr seiner Sinne, mir ausgeliefert in seinem Bett. Ist ja klar, dass ich grad die federführende bin.

Ich schicke die Reinigungskraft erneut in sein Zimmer, damit sie nochmal durch wischen. „Gern doch“ gibt sie kichernd wider. Diesmal schicke ich allerdings nicht eine dieser Hühner herein sondern die Bodenständige, sich der Rente annähernde Berta. Ich muss ihm meine potenzielle Konkurrenz nicht geradewegs in die Arme schubsen. Ihrem Kichern entnehme ich, dass sich die Nachricht, durch wen Zimmer acht belegt ist, herumsprach.

Ich muss mir unbedingt seine Patientenakte durchlesen.

Ein hübsches junges Mädel quatscht mich auf dem Weg zu seinem Zimmer an und fragt mich auf gebrochenem Deutsch, ob ich eine Blumenvase habe. Niedlich. Muss ich neidlos anerkennen. Die Aussprache klingt so niedlich und maaaan, es gibt aber auch echt hübsche Frauen. Schon wieder beginne ich zu kategorisieren und reihe mich ein in einer Liga unter ihr ein. Aber genau dieses blöde private Sara-Klassendenken will ich ja los werden. Aussehen ist nicht alles und außerdem Geschmackssache. Ich glaub, was ich so schön an ihr fand, war ihre Art. Sie wirkt so nett und sympathisch, dass man gleich in ihren Bann gezogen wird und beginnt, glücklich zurück zu strahlen. Als hätte ich gerade in der Lotterie gewonnen, grinse ich.  Normalerweise vergleiche ich mich in meiner überwiegenden Stimmung eher mit Grumpy Cat. Wäre ich ein Tier, wäre ich Grumpy Cat, oder Angry Bird. Sie hingegen wirkt eher wie Tweety. Ein sympatisches, süßes, pfiffiges Vögelchen.

„Schwester Sara, möchten Sie gleich einer Gastroskopie beiwohnen?“ fragte mich der diensthabende Arzt und lenkte mich somit von meiner Blumenvasen Mission ab. Ach und das Schmerzmittel muss ich noch organisieren. „Klar bin ich mit von der Partie, bei ´ner Gastro, was ne Frage, Dr. Gruber“ gab ich kodderig zurück. Ich hatte hier ja eh den Status eines Piefkes, also konnte ich mich auch dem Ruf entsprechend benehmen. Wir lachen beide.

Hier besteht eine weniger Steile Hierarchie als in Deutschland, in den meisten Krankenhäusern.

Freudig summend husche ich zurück zu Thore´s Zimmer, vergaß vor lauter Freude anzuklopfen, riss die Tür auf und was ich jetzt sah ließ mich, wie von Medusa angeblickt, versteinern.

Tweety saß an Thore´s Bett, hielt seine Hand. Beide lehnten ihre Köpfe an der Stirn des anderen. Es sah nach sehr zärtlicher Zuneigung aus.

Tja, Pech Sara, DAS ist wahrscheinlich Sasa.

Ich höre auf zu atmen und mein Herz fühlt sich jetzt ohne Übertreibung und Einbildung so an, als stoße man ein Messer hinein. Dieses Stechen. Diese Demütigung. Diese Enttäuschung. Dieser Schmerz. Meine Knie werden weich und ich habe das Gefühl in Ohnmacht fallen zu müssen. „Du reißt dich jetzt zusammen! Schließlich bist du ein Profi.“ faucht mein Über-Ich mich an. Ich kann mich hinter meiner Maske des Berufs verstecken.

Da ich noch direkt hinter der Tür stehe, bekomme ich diese ebenso direkt ins Kreuz, als die Dame aus der Hygieneabteilung mit ihrem Wischmop das Zimmer betreten will.

„Ja super, jetzt gib mir auch noch von hinten eine drauf DU SCHEIß LEBEN!!!“ schimpfe ich innerlich. Im außen jedoch hört man von mir lediglich ein beschämtes „ups“ und auf die Entschuldigung der Wischmop schwingenden Dame ein leises „Macht nix, konntest du ja nicht wissen. Kannst ja nicht durch die Tür gucken.“ höre ich mich selber sagen, während ich schrill dabei lache. Viel zu laut. Völlig unangemessen zu laut. Ich hasse Menschen, wenn sie aus Unsicherheit zu laut lachen. Und nun bin ich selbst einer von ihnen. Tja, so schnell kann´s gehen.

Ich trete zu Thore ans Bett und sage kühl „Ich habe ihr Schmerzmittel dabei, die müssten sie noch nehmen.“ Ich reiche ihm die Tropfen in einem kleinen Becherchen.

Danach lässt sein Kopf in das weiche Kissen sinken nimmt meine Hand, drückt sie und sagt „Danke Sara, du bist mein Engel.“ Sofort schießen mir die Tränen in die Augen. Ich bin verwirrt. Weiß nicht was ich davon halten soll. Nein! Er ist verwirrt. Noch halb auf Narkosedröhnung. Das darf ich jetzt nicht ernst nehmen.

Wohl auf Schwedisch sagt er zu Tweety. Ihrer Mimik, die ja meist universal ist, entnehme ich ein „Ahhh, achso, SIE ist es.“, dann lächelt sie mich an.

Der Dame von der Putzkolonne fällt in dem Moment die Kinnlade herunter. Sie steht jetzt da, als schaue sie sich einen Film an. Und ich? Ich bin die weibliche Hauptrolle? Kann das sein?

Ist das jetzt gut, oder wächst mir die Situation schon jetzt über beide Ohren? Meinte er das so wie er es sagte? Meint er einfach nur, dass ich meinen Job gut mache. Oder meint er, dass er in mich verliebt ist und ich ihm wie ein Engel vorkomme? Oder hat er nur einen Spaß gemacht? Oder er ist drauf von den Tropfen? Die schießen nämlich umgehend in die Blutlaufbahn und man fühlt sich ein bisschen wie auf Droge. Nicht, dass ich wüsste, wie sich das anfühlt – auf Droge sein.

Thore hält immernoch meine Hand. Mir ist die Situation unangenehm, deswegen winde ich mich aus seiner Berührung und verabschiede mich mit den Worten „I´m gonna leave you two alone now, though – take care.“
Meinen Kloß im Hals schlucke ich herunter, die Tränen ziehen sich langsam zurück.

„Thanks“ bedankt sich Tweety bei mir.

Die Putzfrau steht immernoch mit offenem Mund da und schaut mir hinterher. „Berta, mach´n Mund zu, die Milch wird sauer!“ ruf ich ihr zu, während ich den Raum verlasse. Den Raum, der soviel Unklarheit für mich  insich birgt, dass mir schwindelig ist. Wie in Trance gehe ich zum Schwesternzimmer und nehme mir eine Tasse Kaffe. Ich muss mich setzten und schlürfe ihn, den heißen Kaffee. Wenigstens darauf kann ich mich verlassen. Mit diesem Reiz kann ich was anfangen. Dass Kaffee noch wie Kaffee schmeckt. Mal besser, mal schlechter – dennoch immer nach Kaffee. Kaffe ist meine neue Essanfall-Stopphilfe geworden, seit ich soviel abnahm. Dieses Ritual gibt mir Halt und gebietet mir Einhalt. Wie für einen Raucher vermutlich die Zigarette.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Am liebsten würde ich jetzt zu ihm stürmen, die Zimmertüre aufreißen und ihn küssen. Ein völlig paradoxes, unlogisches Verlangen. Das mag eklig klingen, bedenkt man, dass er sich vor garnicht solanger Zeit übergab. Aber das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. Ich verspüre einfach nur den Drang zu ihm gehen zu müssen und ihn zu küssen. Wild, unbändig, stürmisch – so, dass wir beide kaum noch Luft bekommen. Ganz gleich, wer um uns herum ist und was vor oder nach diesem einen Moment geschieht. Die uralte Morla aus der unendlichen Geschichte hatte Recht “ es ist sogar egal, dass es egal ist“. Er hat mich vor seiner Bekannten schonmal nicht verleugnet. Das sind gute Neuigkeiten und lassen mich erneut hoffen.
Küssen. Einfach nur das.

Stattdessen sitze ich jetzt wie festnegnietet, kopfschüttelnd da, während ich Berta und die anderen im Krankenhausflur über Thore und mich tuscheln höre und schlürfe meinen Kaffee, der immer schmeckt, wie Kaffee.

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