Neues Jahr, Neues Glück – Teil 9 „Na also, geht doch!“

Es ist jetzt halb zwei in der Nacht.
Ich schiebe ne Nachtschicht, wohl wissend, dass nicht mal 100 m von mir entfernt er residiert.
Ich stelle mir vor, wie zwischen uns ein unsichtbares Band schwebt. Zwischen ihm und mir ist definitiv etwas. Ich kann aber nicht definieren was es ist. Und ich wage nicht zu hoffen das es ist, was ich mir wünsche. Dass er meine Art der Zuneigung für ihn, auch für mich empfindet.

Ich stelle die Tabletten für den Frühdienst bereit, als ich jemanden den Gang entlang schlurfen höre. Das ist allerdings nichts Ungewöhnliches. Die meisten Patienten auf der Station haben vierer-Zimmer. Das bedeutet, man kommt nicht zu seiner Nachtruhe. Man hört es Schnarchen, Pupsen, Husten, Stöhnen, Röcheln, Blubbern, im Schlaf quatschen, Betten quietschen.
Das Bad befindet sich im Zimmer. Manchmal hört man dann eben auch, wie Mit-Patienten mit Infusionsständer, im Dunkeln, die Enden der Betten oder Türpfosten übersehen, sich stoßen und flüsternd vor Schmerz, schimpfen und fluchen.

Wenigstens sind die Zimmer geschlechtlich aufgeteilt.
Nicht jeder kann zur Toilette gehen, sondern benötigt dann eine Urinflasche oder Bettpfanne, für größere Verrichtungen. Schon aus diesem Grund macht eine Geschlechtertrennung Sinn. Ich hätte wohl erstmal ne Verstopfung. Ich könnte nicht…vor anderen…naja und so weiter. Too Much Information aus der Kategorie „Dinge, über die die Welt nicht spricht“.

Wieder andere können auch einfach nicht schlafen, weil sie nicht zuhause sind – nicht ihr Bett, ihr Kopfkissen, Kuscheltier, ihre Matratze haben. Aber, wenn es einem wirklich schlecht geht, nimmt man das in Kauf.  Dann scheint es auch irgendwie nicht wirklich wichtig zu sein. Es ist nur nicht sehr förderlich für den Heilungsprozess, wenn man sich an solchen Sachen stört.

Schlimm ist auch, von anderen so dermaßen abhängig zu sein. Wenn man Hilfe von einer grummeligen Stationsschwester erhält ist es mehr eine Strafe als eine Hilfe. Naja, Herr von und zu Thore hat ja sein Einzelzimmer. Und ihn zu pflegen, darum reißen sich alle.
Ich bin den gestrigen Tag mit Absicht nicht drinnen gewesen. Habe immer meine Kollegin reingehen lassen.
Kann auch gut und gern darauf verzichten Tweety nochmal zu begegnen. Neben ihr fühle ich mich noch klobig, dick und hässlich. Sie ist eben sehr, sehr hübsch, zierlich und kleiner als ich.
Noch vor Kurzem hätte ich mich zurück gezogen. Eine andere Frau im Spiel? Nicht mit mir, ich konkurriere nicht. Entweder jemand findet mich und nur mich toll oder ich bin raus, aus dem Spiel.
Diese Einstellung möchte ich auch ändern.
Und: Vor allem werde ich nicht mehr einfach so kampflos klein beigeben. Ich fand das Kämpfen um einen Mann immer albern und würdelos. Wie ne Art Schlamm-Catchen.
Aber nun probiere ich etwas ganz Neues. Die „ich bin hier und ich bleibe hier, bis die Situation geklärt ist“ Strategie.
Allerdings muss ich das Turtelspiel auch nicht hautnah mit erleben. Ich weiß schon, wann man sich diskret, jedoch präsent und abwartend im Hintergrund bereithält. UND nicht, dass es hinterher im Kollegenkreis heißt, ich vermische Privates mit Beruflichem.
Wobei, auch egal, die ganze Station zerreißt sich eh schon das Maul über mich. Genauer über ihn und mich. Es wird wild spekuliert. Die Gespräche verstummen, sobald ich den Raum betrete. Das lässt mich allerdings kalt.
Für Lästerein bin ich nicht empfänglich. Ich bin auch kein Opfertyp. Ich bin glaub ich eher der Typ, der andere verunsichert. Deswegen würde sich auch niemand wirklich trauen etwas ernsthaft Böses gegen mich auszurichten. Egal ob Deutschland oder Österreich, geratscht wird hi wie da.

Nachts vermeide ich die Zimmer zu betreten, um den Patienten soviel Nachtruhe wie möglich zu gönnen.
Obwohl ich mich dabei erwische, mir krampfhaft einen Grund auszudenken, weshalb ich um diese Uhrzeit unbedingt sein Zimmer betreten muss. Aber eine Stimme in mir ruft mich immer wieder zur Vernunft. Ich sei hier um zu arbeiten und nicht um zu flirten. Das sei ansosnten Missbrauch von Schutzbefohlenen. Wobei ich garnicht weiß, ob das überhaupt stimmt. Zumindest hält es mich jetzt davon ab, sein Zimmer zu stürmen und ihn zu erobern. Ich lass es bleiben, rufe mich zur Vernunft und konzentriere mich wieder auf das Sortieren von Pillen unterschiedlichster Form, Farbe und Wirkung.

Die schlurfenden Schritte kommen näher. Das heißt, eigentlich schlurft nur ein Fuß, der andere setzt auf. Pock-schlurf-pock-schlurf…bleibt stehen. Ein Kopf lugt um die Ecke, ins Schwesternzimmer. Oh mein Gott, es ist ER!
„Atmen nicht vergssen, ruhig bleiben“ – gebe ich mir selbst als Regieanweisung. Man, er hat echt lange Beine. Ein Bein ist bis zum Knie gegipst. Darum also das schlurf-pock Geräusch.
Ich bin erschrocken und mache mir sofort Sorgen. Zugleich bin ich auch verunsichert. Wie immer, wenn ich in seiner Nähe bin. Souverän versuche ich mich in die Rolle meines Jobs einzufinden und reiße mich zusammen.

„Thore, was ist los? Kannst du nicht schlafen?“ frage ich, in der Hoffnung, er erwiderte „Ja, wegen dir. Du machst mich schlaflos“.
Er steht da mit seinem Krankenhaushemd in Blau. Die Blauen sind die großen Größen. Schließlich ist er ja groß. 1,90 m auf sicher.
Steht ihm gut die Farbe, denke ich so, während ich ihn weiter mustere. Seine muskolösen, langen Beine schauen nackig unter dem Hemd hervor. Selbst das gegipste Bein sieht sexy aus. An einem seiner großen Füße trägt er den weißen Krankenhaus-Schlappen.
„Nein, nicht sexy.“ versuche ich mir einzureden, damit mein Hirn meinem autonomen Nervensystem mitteilen kann, weniger Speichel zu produzieren. Sonst fühle ich mich gleich schon wieder wie der Schäferhund von Pawlow.
„Also jetzt finde schon etwas an ihm, dass total doof ist.“ treibt mich mein innerer Kritiker an, damit ich ihm normal und auf Augenhöhe begegnen kann. Ok, los geht’s – Entwertungsphase Stufe I
Hat grad ein bisschen was vom Schlumpf. Er wäre dann ein tapsiger Muskelschlumpf, mit Klumpfuß. Nein, schlümpfe sind niedlich. Das geht so nicht.
Das geht noch besser. Ok.
Stufe II
Aber irgendwie erinnert er mich dann doch eher an einen dummen Troll, mit seinen langsamen, ungelenken, schwankenden Bewegungen. Ein Troll, wie aus einem Harry Potter Film, sabbernd und mit grünem Popelschleim aus der Nase hängend, seine Trollkeule schwingend.
Keule? Apropos Keule. Hach jaaaa,seine Oberschenkel…dumdidum, gerate ich schon wieder ins Schwärmen.
„Nein! Dumm, Popelschleim, Trottel, sabbernd.“ fauche ich mich selber zur Räson.
Sich jemanden madig zu machen, den man so hyper toll findet, ist eine gute Strategie, damit man wenigstens noch einen Funken Stolz und Haltung bewahren kann.
Selbstaufwertung durch Abwertung des anderen. Nicht wirklich souverän, aber nicht weniger effektiv. Aber auch gefährlich.
Man muss aufpassen, dass man den Stop- Knopf findet.
Ließe man dieses Programm nicht laufen, würde man wohl Gefahr laufen sich prompt, sobald der angebetete den Raum betritt, wie ein Fußabtreter vor seine Füße zu werfen.

Den Beutel für die Wundflüssigkeit hält er in der einen, das Ende des Schlauches, der eigentlich in seiner OP Wunde liegen sollte, in der anderen Hand.

„Sollte das nicht hier drin sein? Ist es schlimm, dass es draußen ist? Ich hab mich umgedreht und merkte, dass der Schlauch rausrutschte.“
Er deutet auf seine OP Wunde und das Schlauchende. Wie hilflos er wirkt. Ich genieße seine Hilflosigkeit etwas, zugegeben. Ich glaube, ich fühle mich ihm deswegen unterlegen, weil ich seinen „sexuellen Marktwert“ höher einschätze als meinen. Hinzu kommt dann noch die Komplikation seines Ruhms. Das erschwert einiges. Zumindest für mich. Das steigert irgendwie seinen Marktwert.
Ruhm.
Damals, als ich  fünf oder sechs war, sah ich den Film „Fame“ und ab da wollte ich berühmt werden. Ich wollte auch auf eine solche Schule gehen, wo man singt, musiziert und Schauspiel lernt.
Dann, interessanterweise kurz nach diesem Schlüsselerlebnis, kam eine Castingcrew von der Sesamstraße in unsere Schule.
Ich kam in die Castingrunde, in der zwei Mädchen mit Inge Meisel eine Szene hatten.
Ich wurde nicht genommen.
Dieses Erlebnis der Ablehnung hat mich entmutigt und ich zog mich in mein Einsielder-Krebs Häuschen zurück. Beleidigt, dass die Welt mich für nicht talentiert hielt. Zumindest, was das Schauspiel anging.

Heute hingegen bin ich froh, dass es mit dem Ruhm bei mir nichts wurde. Da stelle ich mir schon die eine oder andere Situation unangenehm vor.
Missgeschicke, die einem passieren, vor der Öffentlichkeit ausgebreitet. Oder auch Lügen, die verbreitet werden. Oder, dass alte Geheimnisse ausgeschlachtet werden. Oder, man läuft nicht top gestylt durch die Gegend und es wird gleich ein psychisches Problem vermutet. Die Leute kennen einen nicht. Sie glauben jedoch einen zu kennen weil sie mal ein Interview von einem lasen. Sie wollen, dass man so ist wie sie es sich vortsllen. Kleine Abweichungen werden heute sofort mit shitstorms bestraft. Das ist die Kehrseite die der Ruhm mit sich bringt. Wenn ich Millionen verdienen würde, wäre mir das dann vielleicht auch egal. Da würde dann der Preis, ok sein. Denn es mögen einen ja eh nie alle Menschen. Und was schert es mich, dass die Leute mich beschimpfen, wenn ich gut davon leben kann. Aber nichts zu verdienen und sich von den Leuten trotzdem beschimpfen zu lassen und sich dem nicht entziehen zu können? Heikel. Mit so einer Masse von Menschen, die einen dann ungerechtfertigt kritisieren?
Nicht einfach. Allerdings, ist der Ruf erst ruiniert…Ein Hoch auf Justin Bieber.
Aber nun bin ja nicht ICH diejenige die eigenständig im Rampenlicht steht. Er ist es ja, der mit seinem Paket „Ruhm“ daher kommt.
DAS ist ja noch schlimmer! „Hier kommt die FREUNDIN VON!“, würden sie sagen.
Aber darüber muss ich mir ja keine Sorgen machen. Denn wie wir Frauen jetzt alle wissen, spätestens seit dem Film „Er steht einfach nicht auf dich“, hätte Thore das schon längst deutlich gezeigt, würde er meine offensichtlichen Gefühle erwidern. Obwohl- waren sie denn tatsächlich so offensichtlich? Trage ich nicht meinen Teil dazu bei, dass ich mich meist in der friendzone befinde und nicht die Angebetete bin? Es muss etwas mit mir zutun haben. Mit meinen Signalen, die ich sende.

Das Schlimmste ist eigentlich, dass Thore durch diesen Ruhm eine übermenschliche Dimension annimmt, die mir zu groß erscheint. Überdurchschnittlich toll und ohne Fehler, wie ein Gott. Wie Thor. Aber was mache ich mir n Kopf? Ich würde ein Leben an seiner Seite eh nicht wollen. Zu verschieden.
In einem Buch von Bas Kast hieß es mal – sinngemäß – dass für eine gute, langanhaltende Beziehung Gemeinsamkeiten der Garant seien. Forschungsergebnisse zeigten wohl, dass man einander besser verstehe, wenn man Dinge wie z.B. Berufsfeld, bis hin zu ethischen Vorstellungen gemein hat. Dadurch, dass man einander so besser verstehen kann, fühle man sich nah. Und diese Nähe sei wohl entscheidend.
Gegensätze seien zwar interessant aber eben nicht von Dauer. Natürlich gäbe es auch hier einige Ausnahmen.

Tja, gegensätzlicher könnten wir zwei wohl kaum sein. ABER, ich wollte ja positiv denken. Ich will ja der Schmied meines Glückes sein und mein Glück nicht mehr dem Zufall und meinem depressiven Hang überlassen. Will mich nicht mehr, wie damals als kleines Kind, bei jeder Zurückweisung gleich in mein Häuschen zurückziehen. Ich werde zum frontal Angriff übergehen. Jawohl!

Ich werde von ihm, aus meinem Gedankenkarussell gerissen.

„Also? Ist es nun schlimm, dass der Schlauch sich gelöst hat?“ fragt er mich und wedelt dabei mit dem Schlauch, der eben noch in ihm drin steckte, vor meiner Nase herum.
Ich verzog meine Mine und zog meinen Kopf zurück, als wedele er mit einem Regenwurm vor meiner Nase herum.
Ich schließe die Tür des Schwesternzimmers und ziehe die Jalousie zu.
Als ich mir Latexhandschuhe überziehe, schnalzt das Gummie. Thore schaut jetzt, wie ein kleines verängstigtes Kind.
„Keine Angst, ich schau nur. Darf ich?“ frage ich ihn überlegen lächelnd.
Ich deute an, dass ich als nächstes sein Hemd beiseite nehmen muss, um mir die Wunde anzusehen.

„Ja. Äh ja klar.“ stammelt er herum. Er schaut starr und stocksteif an die Wand.
Ich beuge mich vornüber. In die Knie wollt ich nun nicht gehen. Das würde zuviele Assoziationen wecken, bei mir zumindest.
Scheiß was auf Rücken schonendes Arbeiten.
Aber SO kann ich mir das nicht wirklich genau angucken.
Nun gehe ich doch in die Hocke.
Nun sieht er doch zu mir herunter.
Als ich so vor ihm hocke und vorsichtig sein Hemd beiseite streife, entgeht mir nicht, dass sich auf seinen Unterarmen Gänsehaut bildet. Sofort starrt er wieder an die Wand. Ich starre auf seine Wunde. Ich fixiere sie an, damit mein Blick nicht über seine restlich freigelegte Körperlandschaft wandert. Ich muss mich zusammenreißen.
Wie sanft seine Haut aussieht.

Ich versuche mich auf seine Wunde zu konzentrieren und mich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Schließlich steht er jetzt fast entblößt vor mir. Ich atme tief ein und puste die Luft wieder heraus. Als mein Luftstrahl seine Haut erreicht, stellen sich seine Haare erneut auf. Es ist ganz still im Raum. Ich höre ihn tief und schnell einatmen, fast als zucke er zusammen. Er schluckt, als ich mit meinen Fingern vorsichtig die Haut um die Wunde abtaste.
Schade, dass ich Handschuhe trage.
Wieder denke ich an die pawlow’sche Glocke. Diesmal bin nicht ich der sabbernde Hund.
Langsam beginne ich Spaß an der Situation zu haben.
Und sollte in diesem Moment jemand vorbeikommen, könnte schon allein diese Pose einen falschen Eindruck hinterlassen, mache ich mir Sorgen. Schnell lass ich das Hemd los, bis es wieder in Gänze seinen stark gewölbten Hüftmuskel bedeckt. Ich richte mich auf und grinse ihn künstlich breit an.
„Ne, doch -alles gut. Brauchste nicht mehr tragen. Siehst gut aus.“ verhaspel ich mich „ich mein, die Wunde. Die Wunde sieht gut aus.“ korrigiere ich mich, während mein Gesicht erleuchtet wie eine Tomate.
„Ich werde jetzt noch mal kurz die restlichen Fäden entfernen.“ lasse ich ihn beiläufig wissen.
Das war nur ein Vorwand, denn die Fäden würden sich auch von allein auflösen. Aber das weiß er ja nicht.

Ich bitte ihn also auf die Untersuchungsliege. Ich fühle mich verwegen, ihn so auszutricksen. Ob das jetzt wohl schon unter Missbrauch fällt?,
frage ich mich, während ich ihn bitte sein Hemd beiseite zu schieben.
„Wird das wehtun?“ fragt er mit wackeliger Stimme. Seine Augen sind weit aufgerissen.
„Was für ne Memme“, denke ich so bei mir und fühle mich nun noch überlegener.
„Nein, das wird nur ein bisschen kitzeln“ beruhige ich ihn sanft lächelnd.
Als ich so die wenigen Fäden vorsichtig aus seiner elastischen Haut herausziehe, kommt mir in Bewusstsein, was ich hier grad tue.
Ich nutze seine Unwissenheit aus, nur um ihn erneut in eine hilflose Position zu bringen.

„Tut mir Leid, dass ich mich nicht gemeldet hab, aber es kam mir etwas dazwischen.“
Sagt er, während ich sachlich den Faden aus ihm heraushole.
-welch kuriose Stuation, das glaubt mir kein Mensch, was mir hier grad passiert. Mir fällt es ja auch schwer, es als real zu erfassen.

„Offensichtlich“ gebe ich erheitert wieder, erfreut darüber dass er es anspricht. Scheint ein verlässlicher Typ zu sein und vor allem konfliktfähig!
Die meisten Männer tun ja so, als wäre nichts passiert. Nach dem Motto „wenn man so tut als wär´nichts, ist auch nichts“.
Noch ein Grund mehr, ihn zu mögen.

Nein. Er soll nicht so nett zu mir sein. Dann kann ich mich nicht beherrschen. Männer, die sich einfühlen können. Gift. Wie ein Zuckerschock für einen Diabetiker.

„Und gestern“ zögert er, „gestern war ich nicht auf der Höhe“. Spaßt er herum.
„Meine Schwester hat mir erzählt, dass ich gestern total daneben war.“
„Ach, so schlimm war das garnicht. Es gibt viele, die Narkosemittel nicht vertragen“
MOOOOMENT! Hat er gerade „Schwester“ gesagt???
Bin ich ein Trottel. Jetzt komm ICH mir vor wie ein dummer Troll. Aber woher hätt ich es wissen sollen? Ich lese halt keine Klatschblätter. Jetzt, im Nachhinein fällt mir die Ähnlichkeit der beiden auf.
Ich freue mich einen Kullerkeks – innerlich. Um mir meine Gedanken nicht anmerken zu lassen, lenke ich das Thema nun auf seine Verletzung.
Was ist denn überhaupt passiert?“ frage ich nun doch neugierig nach.

Auf dem Einweisungsbericht stand nur, dass er sich mit einem Skimobil angelegt hatte und anhand seiner OP Narbe weiß ich, dass er an der Leiste operiert wurde. Und, dass er eine Fraktur, also einen Bruch am Schienbein hat. Is klar, das ist auch so ziemlich die einzige Stelle seines Körper, die nicht von Muskeln bedeckt ist. Im Prinzip erzählt er mir jetzt genau das gleiche, nur etwas anschaulicher. Und wie dann der Rettungshubschrauber kam, weil die Retter auf Ski nicht durchkamen zu ihm.
Während er gerade sehr ernsthaft von seinem Erlebnis berichtet, schweifen meine Gedanken schon wieder ab.

Mir fällt grad ein, dass ich eigentlich nicht auf muskolöse Typen stehe. Ist alles so hart.
Ein weiterer Punkt, den ich mir madig machen kann. Zum ansehen finde ich seine Muskelportion gut. Obwohl mir die Arme schon fast zuviel haben. Aber ich will mal nicht so sein. Ich bin mal tolerant.
Wir müssten uns entgegen kommen. Mich stört nicht seine Muskelportion zuviel und ihn nicht meine Speckportion zuviel.

„Meine Hütte ist ja eher etwas schwierig zu erreichen, wie du weißt. Nach dem Schneesturm war die Spur verweht und ich kam mit dem Mobil vom Weg ab.“
„Aha“,
„So, fertig.“
„War garnicht schlimm“, sagt er fast stolz und mit leuchtenden Augen.
„Naja und dann“ führt er weiter aufgeregt aus „Dann hab ich versucht es wieder in die Bahn zu bringen und aufzustellen. War doch schwerer, als ich dachte.“, lachte er verlegen.

Zumindest signalisiert er mir dass ich sowas wie eine nette Bekannte für ihn bin. Das ist doch schonmal was.

Er tut mir gut. Wenn ich in seiner Nähe bin geht es mit gut, rede ich mir selbst ein.
„Hattest du soviel zutun, oder keine Lust mich in meinem Zimmer zu besuchen?“ fragt er jetzt einfach so, ganz unverblümt.
„Ich ähm, ich wollte dir deine Ruhe lassen.“ druckse ich herum. „So ein Quatsch! Du störst mich doch nicht. Du bist eine willkommene Abwechslung.“ gibt er lachend zurück.

Wie meint er das? Bin ich jetzt der Lückenfüller für seine Schwester? Oder bin ich hier sein Animateur?
Fast als habe er meine Gedanken gehört, fügt er etwas ernster hinzu „Ich habe dich gern um mich.“
Mein Herz, das hört man jetzt vermutlich bis nach Timbuktu schlagen. So stark bringen mich seine paar Worte dazu, dass mein Herz so kräftig das Blut durch meine Gefäße pumpt,
dass sie sich ganz gewiss sichtbar heben und senken. Ich kann es spüren, wie ich erröte und es ist mir peinlich.
Hektisch ziehe ich die Jalousie wieder hoch und öffne die Türe des Schwesternzimmers, in der Hoffnung, es nimmt ein wenig die Intimität und die gefährliche, Sehnsucht weckende Nähe, die ich hier grad spüre.

„Lass es Sara. Hör auf über zu über zu bewerten. Freunde, ja ok. Aber mehr wird nicht draus.“ sage ich zu mir selbst-entmutigend.

Ich vertrete ja die Harry und Sally These. Mann und Frau können nicht befreundet sein. Es ist einfach so, dass ich mich dem Menschen so sehr nah fühle, dass ich in ihn hineinkriechen will. Mit Frauenfreundschaften passiert das bei mir nicht, weil ich nicht lesbisch bin. Wäre ich es, steckte ich in dem selben Dilemma, nur in Lila. Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll. Von ihm und mir. Ich weiß nun, dass Tweety seine Schwester ist. Sie hat sich gleich aufgemacht aus Schweden, als sie hörte, was ihm passiert ist.

Ich bin froh, dass sie nur seine Schwester ist. ES hätte mir das Herz gebrochen, wäre es seine Freundin. Seine Liebste. Und wenn ich mir DAS vorstelle, dass er eine Freundin hat und wir zu dritt etwas unternehmen. Ich als seine gute Freundin eine Kumpel-Frau-Freundin, er und seine Liebste, seine Auserwählte, seine Prinzessin. Seine persönliche Königin von Schweden. Wenn ich mir vor Augen führe, wie es mir damit ginge, muss ich mir eingestehen, dass ich doch schon mehr für ihn empfinde, als mir lieb ist. Klar ist auch, dass es nicht nur sexuelle Anziehung ist. Wobei die derzeit extrem ist. Liegt aber nicht an ihm. Liegt mehr an meinen Hormonen. Eisprung. Wenn ein Ei springt fühle ich mich wie ne Katze sich fühlen muss. Rollig. Es bremst mich lediglich mein Verstand und hält mich davon ab, wie eine rollige Katze des Nachts umher zu streunen. Mein Maunzen echohaft in der Stille der Nacht durch die Gassen raunen zu lassen und mit meinem Hintern hin und her zu wedeln. Vielleicht sollte ich mich sterilisieren lassen. dann hab ich das Problem nicht mehr.

Es ist ein wirklich lästiges Problem, einmal im Monat. Wie ein Teenager unterliege ich dann der Flut an Hormonen, die mich fast im Griff haben. Fast so sehr, dass ich mich jetzt, da Thore so hilflos vor mir steht, beinahe vergessen könnte. Völlig kopflos laufe ich die Wege auf Arbeit, im Supermarkt oder zuhause dann doppelt, weil es mir in diesen Momenten an Konzentration mangelt. Ich bin dann vergesslich, wie ein an Demenz Erkrankter im zweiten Stadium.

„Hallo?!“ sagt er lächelnd, von unten hochschauend, meinen unfokussierten, verträumten Blick einfangend. Mich aus meiner Gedankenspirale herausholend, mit dem Schlauch in der Hand wedelnd.

„äh ja, sorry.“ verlegen lasse ich mich durch seinen Blick in den rechten Fokus rücken. Ich schaue mir den Beutel an und stelle fest, dass kaum Wundflüssigkeit enthalten ist. Das ist ein gutes Zeichen. Ich darf die Entscheidung nicht allein treffen, weil ich hier nur Praktikantin bin, aber ich würde sagen, die Drainage brauchst du nicht mehr.“

„Darf ich?“ frage ich ihn, während ich sein Hemd in der Bauchhöhe zögerlich zur Seite schiebe.

„Sure.“ antwortet er – als sei es ihm peinlich, dass er nicht selbst darauf kam, mir die betreffende Stelle zu zeigen. Fast erstarrt steht er da. Er hält die Luft an. Seine frische Narbe zieht sich entlang der Leisten und Bauchfalte. Naja also da, wo die meisten Menschen eine Falte haben. Bei ihm allerdings besteht die einzige Unebenheit darin, dass sich der äußere Muskel der Hüfte vorne entlangwölbt. Ich muss ein wenig lachen und erinnere ihn Luft zu holen „breathe“.

Er saugt die Luft hörbar ein, dass sein Bauch ganz dick wird. Wir müssen beide lachen. Schmerzferzerrt guckt er jetzt, weil die Narbe beim Lachen schon wehtut. „Nicht lachen“, ermahne ich ihn im Spaß.
Das bringt ihn noch mehr zum lachen. Er hält sich den Bauch.
Ich bin heimlich froh, dass wir jetzt lachen. Denn die Situation wurde mir schon zu brenzlig – zu intim. Unprofessionell intim.
Wir schlendern fast romantisch den Flur entlang bis zu seiner Zimmertüre, gerade so als würde ich ihn nachhause gebracht haben. Er bleibt stehen, ohne sie zu öffnen. Es entsteht wieder eine unkomfortable Stille.
Das ist in Spielfilmen immer der Moment, wo einer den anderen noch auf einen Kaffee mit hinein bittet.
„Na dann ruh dich mal aus und schlaf gut“ wünsche ich ihm lächelnd, jedoch mit distanziertem Ausdruck. So, als hätte ich auch jeden anderen x-beliebigen Patienten meinen können.

Sein Gesicht verzieht sich zu einer enttäuschten Mine, so erscheint es mir. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein. Meiner Wahrnehmung kann ich derzeit nicht trauen. So sehr Körperdroge verseucht, wie mein Hirn
derzeit ist. Verliebt eben; mein ganz persönlicher Verliebtheitscocktail aus Serotonin, Adrenalin, Oxitozin und was weiß ich noch so alles für unbekannte, körpereigene Substanzen.
Ich drehe mich auf dem Absatz um und mache kehrt.
Nüchtern, fachlich korrekt, distanziert.

Ich höre nicht, dass er seine Tür schon geöffnet hat. Steht er etwa immernoch da davor? War ich zu hart? Fühlt er sich jetzt abgelehnt? Verarscht? War ich ZU distanziert?
Vermutlich schon. „Dreh dich jetzt bloß nicht um, nicht umdrehen.“ hämmert mein Verstand im Kopf.
Ich drehe mich um. Er steht noch da, öffnet gerade seine Zimmertüre. Auch er dreht sich nochmal um, während er ins Zimmer geht.
Ich winke ihm zu und lächle.
„Das hättest du nicht tun sollen! Jetzt fühlt er sich als etwas besonderes. Aus der Nummer kommst du nur wieder schwer bis garnicht raus.“ meckert mein Verstand mit mir.
Ich habe bisher immer, wenn ich hätte eindeutig zugeneigte Zeichen geben sollen, die kalte Schulter gezeigt. Weit hat es mich nicht gebracht.

Da, er lächelt zurück und macht eine coole, wedelnde Handbewegung.
DAS ist der Beweis! Es war richtig etwas zu riskieren. Raus aus der Comfortzone.

Es ist ein neues Jahr und es ist richtig, dass ich mich mal anders verhalte und auch in der Liebe etwas riskiere. Für die Liebe lohnt es sich immer, ein Risiko einzugehen.
Und wenn ich dann tief stürze, weil er mir doch einen Korb gibt, dann hab ich es wenigstens versucht!
„Also, lieber Verstand: Wie Dieter Nuhr schon sagte: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten!“
Zufrieden laufe ich den Flur entlang, zurück zum Schwesternzimmer. „NA ALSO GEHT DOCH!“, gröhlt mein inneres Kind, das sich
gerade wie ein aufmüpfiger, jubelnder Teenager anfühlt.

Mein Handy vibriert.
Sms. Ganz altmodisch.
„Hey Schöne Schwester, kommen sie mich morgen gern besuchen, ich würde mich freuen.
Mr. T.“
Mein Herz pocht, alles dreht sich. Er findet mich schön. Ich hoffe, er meint es nicht nur so als daher gesagten Spruch. Aber hierbei verlass ich mich auf meine Menschenkenntnis, die mir sagt SO EINER ist er nicht. Er ist kein So-daher-Sager.

„We will see Mr. T.
for right now würde ich Ihnen etwas schlaf verordnen;)“

Ich höre das Piepsen seines Handys als er meine sms empfing.
Dünne Wände hat es hier – denke ich so, während ich fast schwebend und ein wenig selbstgefällig meiner Arbeit weiter nachgehe. Wirkliche Konzentration bekomme ich jedoch in dieser restlichen Dienstzeit kaum noch zustande.

 

 

 

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