Neues Jahr, neues Glück – Teil 4 „Wunder gibt es…“

Nun bin ich schon eine Woche hier und habe schon dreimal gedacht, Thore gesehen zu haben. Pustekuchen. Fehlanzeige. Er geistert hier wie ein Phantom durch den kleinen Ort. Wie MEIN Phantom.

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Ich bin schlecht gelaunt! Deswegen schlurfe ich hier herum wie ein Miesmuffel. Typisch deutscher unhöflicher und roher „Piefke“, wie der Österreicher uns gern nennt. Naja, was soll´s. So unterscheide ich mich wenigstens nicht, von den durch die Straße latschenden Snowboardern. Die Snowboarder wären mit den Softstiefeln zwar in der Lage, jedoch zu cool um ihre Füße beim Gehen zu heben. Die Skifahrer hingegen müssen gehen wie Cool Jay´s mit den Hartstiefeln. Egal ob Hart -oder Softstiefel, diese Art zu gehen macht Geräusche. So ergibt sich eine ganz spezielle Geräuschkulisse, wie sie nur die Hauptstraße eines Skiortes haben kann.

Um mich in Ruhe in diesem Ort zu akklimatisieren, habe ich vor Beginn meines Praktikums extra eine Woche Urlaub eingeplant. Ich schlurfe also nicht nur schlecht gelaunt, sondern auch gelangweilt hier herum. Ach naja, was soll´s. Ich habe in meinem Leben derzeit eh keinen Platz für eine romantische Beziehung. Selbst mein Freundeskreis beschwert sich schon, dass sie mich so selten zu Gesicht bekommen.

Ich lebe nun schon seit 5 Jahren allein. Da gewöhnt man sich daran. Entwickelt immer mehr Eigenheiten wie, was zu sein und zu liegen hat. Wie voll der Wasserkocher gefüllt wird, wenn man nur eine Tasse Instant Kaffee brüht. In welcher Art und Weise man einen Lappen hinlegt, nachdem man die Arbeitsplatte damit abgewischt hat. Ich weiß, wo was liegt und finde es genauso wieder vor, wie ich es verließ. Keiner, über den ich mich ärgern muss, weil er Unordnung, in mein routiniertes System hineinbringt. Mit dem ich mich sicher fühle und das mir vorgaukelt, mein Leben unter Kontrolle zu haben.

Keiner, auf den ich nachts warte, wenn er später zu Bett kommt, um auch mal ein wenig Zeit für sich selbst gehabt zu haben. Keiner der auf mich wartet, weswegen ich das Gefühl habe, immer früher von Veranstaltungen zurückkommen zu müssen. Und überhaupt! Wenn Beziehung und zusammen wohnen, bin ich für getrennte Schlafzimmer.  Aber solange ich Single bin, genieße ich ; die Ruhe und Monotonie. Keine Eifersucht und damit einhergehendes Gefühl der Selbstdemütigung. Keine Abhängigkeit. Zumindest keine von Menschen. Was Genussmittel angeht, bin ich eher in der Gefahr die Kontrolle verlieren. Zu leicht versucht man oft die Leere zu füllen. Mit allerlei Ersatzmitteln, die sich der Gesellschaft in Europa so bieten.

Ich bin nach mehreren konventionellen Beziehungen sowieso der Meinung, alles sollte ganz anders sein.

Man sollte wie in einer WG zusammen wohnen und ab und zu miteinander schlafen. Man würde sich dann verabreden. Das Beisammensein wäre nicht selbstverständlich. Das Miteinanderschlafen auch nicht. Man hätte seinen eignen Rückzugsort. Wenn man sich gestritten hat, muss nicht einer von beiden entwürdigend auf die Couch umziehen, weil man die Nähe des anderen räumlich grad nicht aushält. Und es hat noch viele andere Vorzüge so zu leben, denke ich mir. Welcher Mann würde denn sowas mitmachen? Zumindest keiner von Denen, die ich während meines Single-Daseins kennenlernte. Nicht das DIES mein einziges Ausschlusskriterium sei. Die Liste ist noch viel länger.

Was ich allerdings auch gelernt habe, im Laufe meines bisherigen Liebeslebens: Wenn da einer kommt, der mir die Lichter ausschießt, dann werfe ich meist alle von mir aufgestellten „Sicherheits“ – Regeln über den Haufen. Dann setzt sich mein Bauch gegenüber dem Kopf durch. Oder heißt es des Kopfes? Genitiv, Dativ, Akku…egal! Zurück zu Inhaltlichem. Freud würde an dieser Stelle sagen „Das Individuum ist nicht ICH-stark. Es lässt sich vom ES regieren.“ Das Über-Ich hat dann nichts mehr zu melden. Der Teil, der die moralische Instanz darstellt. Der – „Dies und Jenes tut man nicht! Und schon garnicht so!“ – Teil in einem jedem. Drauf g´schisse, wie der Wiener mit seinem Schmäh jetzt sagen würde.

Was mir so alles durch den Kopf geht, während ich das bunte, geschäftige Treiben der Sportler, der Presse und der Autogrammjäger beobachte. Dieses Gewusel macht mich noch aggressiv, wenn ich mich hier nicht zurückziehe. Derzeit ist hier wirklich viel los. Obwohl die Straßen voll von Menschen sind, habe ich das Gefühl als sei alles leer. In mir und um mich herum. Wie eine Geisterstadt. Hier findet Synchron-Ski-Weltcup-Irgendwas statt. Da gibt es sogar eine Weltmeisterschaft. Ach naja, so genau blick ich hier noch nicht durch. Auf jeden Fall erklärt sich für mich jetzt dieser ganze Pressewirbel vom Bahnhof. Keine Promis im klassischen Sinne, sondern Sportler Promis.

Siegertreppchen Platz 1 =  A Promi

2. Platz = B Promi

und so fort…

Ein riesen Sportevent. Irgendwie geht mir der Sinn des Ganzen ab.

Wer ist denn eigentlich mal auf die Idee gekommen, Sportler zu interviewen? Wären sie gut darin, ihre Misserfolge sportlich positiv zu reden, wären sie wohl eher in der Politik gelandet.  Fotos von der Siegerpose, ok. Aber es werden ja auch interviewende Journalisten auf die Armen losgelassen.

„Ja gut ich mein..“ oder auch „Ja gut, ich sag mal so“ sind beliebte einleitende, antrainierte Phrasen, die ein

„Boris-Becker-Ähhhhhh“ vermeiden und den Satzbau flüssig wirken lassen sollen.

Letztendlich beschreibt der Sportler dann nochmal in seinem eigenen, zwar einstudierten, trotzdem ungelenken Sportjargon, den Hergang seiner Leistung oder seines Versagens. Wollte der Frage stellende Reporter doch mehr über das WARUM wissen.

Allerdings stellen manche Reporter aber auch echt blöde Fragen, muss man fairerweise dazu sagen. Aber was soll es, der Zuschauer will ja den Hype erleben, also werden vor und nach dem Wettkampf Sportler, wie Trainer in die Interview-Pflicht genommen. Das alles zwischen Sponsoren-Werbepausen, die vermutlich der eigentliche Grund für das elende In-die-Länge-Ziehen sind.

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Dann wird noch eine Showbühne im Übertragungsort aufgebaut, damit der Ort auch etwas davon hat. Hier treten dann mehr dritt-, bis zweitklassige mit Aprés-Ski Hits vergangener Jahre, aber mindestens ein Zugpferd – also ein erstklassiger Künstler, mit aktuellem Aprés Ski Hit auf. Das Alles führt wohl dazu, dass Sportler gezwungen sind, Spitzensportler zu werden. Sehe sich doch einmal einer die Fußballer von heute an. Damals waren sie sportlich, heute sehen die alle aus, wie Kampfmaschinen oder „der Terminator“ in Fleisch und Blut. Ohne Doping geht doch eh nichts mehr. Naja gut, nicht Alle sind gleich. Aber alle stehen unter Zugzwang, wenn mit unfairen Mitteln gekämpft wird. Vielleicht war DAS auch schon immer so, nur wurde nie darüber berichtet?

Ach, ist ja auch egal! Ich bin verstimmt. Vielleicht bekomm´ ich ja auch meine Tage?

Bei Terminator muss ich grad wieder an Thore denken. Ich hab ihn ja nicht stehen sehen, aber geschätzt an der Länge seiner Beine, die sich leicht muskulös in der Jeans abzeichneten, müsste er schon ziemlich groß sein.

Hach ja! Ich mag ja große Männer. Neben kleinen Männern fühle ich mich immer wie ´ne riesen Matrone. Da kann ja der kleine Mann nichts dafür. Und neben großen Männern, fühle ich mich immer klein und zierlich. Etwas, das ich nie war, außer vielleicht als Baby! Die anderen hatten schon immer Angst vor mir. Insbesondere Männer, da ich ja meist größer war, als der Klassendurchschnitt. Erst Recht dann, als ich sitzen blieb – in der 2. Klasse.

„Pass doch auf!“ fauche ich einen Autogrammjäger an. Rücksichtsloses, euphorisiertes, unzurechnungsfähiges Zombie-Pack denke ich mir, während ich geschockt über so viel Rücksichtslosigkeit, mit meinem Hintern direkt in einem der vielen Schneehaufen am Straßenrand zum Sitzen komme.

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Schön, dass der Schnee pappig und nass ist. So dann auch meine Hose, wenn ich gleich aufstehe. Mir schießt vor Wut und Scham die Röte ins Gesicht. Super, dass MIR das wieder passiert. Das bringt das Fass gleich zum Überlaufen. Gleich muss ich losheulen. Ich kriege BESTIMMT meine Tage! Anders kann ich mir diese emotionale Instabilität aufgrund einer solchen Lapalie nicht erklären. „Hey, denk dran, du wolltest postitiv denken! Neues Jahr, neues..“, „Ach hör bloß auf! Neues Jahr BLA BLA!“ entgegne ich mir selbst in meinem gedanklichen Monolog. Kann auch sein, dass ich das grad laut aussprach, so genau weiß ich es einen Augenblick später schon nicht mehr. Ist mir jetzt auch egal, wenn´s so wär´. Ich merke, wie mein Hals sich zuschnürt und sich darunter ein dicker Kloß ansammelt. In meinen Augen sammelt sich Tränenflüssigkeit. „Scheiße! Gleich heule ich los!“ Es ist wirklich ein Kreuz der Frau. Den Hormonen zu bestimmten Zeiten völlig unterworfen zu sein, wie der Mann. Bloß anders. Ich spüre, wie die Nässe, des Schnees durch das material meiner Hose dringt. Na super! Nun hab ich auch noch nen nassen Arsch. Wenn ich jetzt also aufstehe, verfolgt mich dieser Plumps in den Schneehaufen, bis ich die Tür meiner Unterkunft hinter mir geschlossen habe. Jetzt gerade wünsche ich mir, ich hätte mir doch einen langen Mantel und nicht die taillierte Jacke gekauft. Aber ich war doch so stolz darauf 30 Kilo abgenommen zu haben und endlich wieder meine Taille zeigen zu können. „Tja Sara, Hochmut kommt vor dem Fall!“ hackt mein Über-Ich auf mir herum.

Nun fahre ich schon kein Ski mehr, um nicht umgefahren zu werden und da haut´s mich HIER um. Mitten auf der Straße!

Während ich versuche mein Gesäß aus dem nassen, großen Schneematschhaufen zu erheben, werden mir von vorn zwei große, kratvolle aber doch auch schlanke Hände gereicht. Da ich vor Scham auf den Boden gesehen hatte, realisiere ich erst jetzt, dass diese Hände zu Thore gehören.

Natürlich! JETZT! Bitte lieber Gott JETZT DOCH NICHT! Ich komme mir gerade wirklich klein und hilflos vor. Wie ein, an der Laterne festgebundener Welpe im Regen. Nicht grad wie eine 30 Kilo leichtere Grazie. Er weiß ja auch nicht, dass ich vorher mehr wog. Mein Kopf und Gemüt haben diese Tatsache wohl auch noch nicht realisiert. Vorher hätte ich mich selbst aus dem Schneeberg gekämpft. Ich hätte mir nie die Blöße gegeben, Hilfe bei sowas anzunehmen. Ich bin zwar dick, aber trotzdem beweglich. Nun bin ich auch noch nicht so schlank, wie ich gern wäre, aber schlanker. Aber wann ist Frau schon mal SO schlank wie sie gern wäre!? Weswegen auch immer, ich fühle mich unsicher und weiß nicht so recht, wie ich mich verhalten soll.

WO WAR ER die ganze Woche, in den Momenten, in denen ich einfach blendend aussah. In denen ich mich lächelnd mit anderen unterhielt und hoffte, dass er mich irgendwie erspäht und mich so toll findet, dass er mein Lächeln und meine wehenden Haare in Zeitlupe wahrnimmt. Als er sich jetzt zu mir herunter beugt und mir lächelnd seine Hände reicht und strahlend „Hey do you need a hand?“ fragt, erlebe ICH nun alles wie in Zeitlupe. Während er mir aufhilft, fühle ich mich elektrisiert und so, als hätte plötzlich jemand das Licht angeknipst. Es wirkt so, als strengte ihn das garnicht an. Als sei ich leicht wie eine Feder.

Ich roch plötzlich den süßen Geruch von Glühwein und gebrannten Mandeln von den Eventhütten gegenüber. Irgendwie erschien mir das Licht Rosa. Ich hörte Musik in meinem Kopf „Wunder gibt es immer wieder..“ Katja Ebstein. Nicht der Idealtypische Song, dennoch passend. Obwohl, der nicht in meinem Kopf spielt, sondern als Soundcheck auf der Bühne eingespielt wird.

Die Situation ist schon wieder so peinlich, gleichzeitig toll und absurd, so unwirklich, dass ich einfach innerlich loslasse und zu lachen beginne. Die ganze Wut, die Unsicherheit, alles fällt irgendwie von mir ab. Der Kloß im Hals löst sich auf, ich fühle mich erleichtert, schniefe, während mir lachend eine Träne kullert.

Er hebt meine frisch gekaufte Papiertüte mit getrockneten Apfelringen auf. Meinen Tigel mit Ringelblumen Creme, der in der Straßenrinne vor sich hin kullert, sammelt er auch für mich ein. Nur gut, dass ich nicht grad Tampons einkaufen war, denke ich während des Hose trocken Rubbelns.Nicht, dass das was Schlimmes wäre, oder gar unrein, wie es in manchen Kulturen heißt. Aber manch einer leidet ja auch an „Zyklusphobie“ wie ich es immer nenne.
Eigentlich hab ich ihn fast garnicht erkannt, als er mit tief in die Stirn gezogener Mütze und hochgewickeltem Schal, quasie vermummt, vor mir steht. Aber irgendwie hatte ich ihn glaube ich, an seinen hellblauen Augen erkannt. Und er zog sich ja auch schnell seinen Schal zum Kinn herunter, sodass ich sein charmantes Lächeln wiedererkennen konnte.

Plötzlich fällt mir wieder ein, was ich an diesem Ort, zu dieser Jahreszeit so gern mag.

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Bin ein Naturromantiker. Ich mag die verschneiten Hänge und Tannen, die eingeschneiten Häuser und kleinen Hütten. Den knisternden Kamin, so man denn einen hat. Ich mag, nach einer langen Wanderung bei kalter Witterung, wenn mir abends die Muskeln schmerzen und meine Haut langsam zu kribbeln beginnt, weil sie von der Kälte schon taub war und jetzt wieder glüht. Wenn ich nur noch mein Unterhemd, die langen Unterhosen mit den dicken Wollsocken trage und mich in eine Kuscheldecke, an den Kamin setze und eine heiße Schokolade trinke. Ich kann dann hinausschauen aus dem Balkon, direkt ins das verschneite Tal und auf die beleuchtete Nacht-Ski Piste gegenüber. Kann den Nachtfahrern beim Slalom ziehen zusehen. Auch, wie bereits einige Planierraupen die Pisten für den nächsten Morgen präparieren.

So schön das zu-sich-selbst-kommen in solchen Momenten auch ist. Dennoch scheint mir gerade dieser perfekt dazu, ihn zu teilen, mit einem Menschen, den man mag, damit man sich einander noch näher fühlen kann.

Jetzt oder nie! „Danke Thore, wie wär es mit einer heißen Schokolade als kleines Dankeschön, für den Schneerettungseinsatz?“, höre ich mich auf Englisch sagen, ohne darüber nachgedacht zu haben. Ich habe extra seinen Namen genannt, um ihm zu signalisieren, dass ich mich an ihn erinnere! Das lernt man in jedem Rhetorikbuch.

Spontan fällt mir ein kleines, gemütliches Kaffeehäuschen in einer schmalen Seitengasse ein. Die Fensterscheiben, bei diesem Wetter leicht beschlagen. Das Kerzenlicht und das, der stoffbezogenen Wandlaternen, scheint immer so warm nach draußen. Beim Vorbeigehen entgeht einem nicht die Tortenvitrine, die mehrere Stockwerke mit unterschiedlichsten süßen Kuchen- und Tortengebilden aufweist. Die Menschen, die dort drinnen sitzen, mal Pärchen, mal einzelne, sehen in jedem Fall zufrieden aus. DAS wollte ich nun auch! Neues Jahr, neues Glück. Es steht mir zu. Schließlich sang Katja Ebstein mir Mut zu.

Ich kann garnichts dagegen tun, aber sofort kommt mir das Bild in den Kopf, wie ich mit Thore dort sitze. Es warm und trocken. Es duftet nach frisch gemahlenem und frisch gebrühtem Kaffee und nach ihm. Das einzige, das zwischen uns steht ist die Kerze, die sich in unseren Augen spiegelt. Heimlich aber doch bemerkt, berühren sich unter dem Tisch unsere Hände vorsichtig.

So, wie man eine zarte Pflanze streichelt, um sie respektvoll in dieser Welt willkommen zu heißen, damit sie besser gedeihen kann.

„Oh ehm“ druckste er rum. „Hey weißt Du, das ist wirklich nett von Dir…“ Mir ist, als wird mir schwarz vor Augen. Es klingt nach einem ABER.  Ich will es nicht zulassen. Glück gibt es nicht, Glück macht man!

„Und wenn ich darauf bestehe?“  unterbreche ich ihn mit meinem nettesten Lächeln, das ich habe.

– Oh man, jetzt trau ich mich ja was. Könnte für ganz schön aufdringlich gehalten werden. Aber so bin ich eben. Also nicht aufdringlich, aber draufgängerisch. Bleibt einem auch nichts anderes übrig, wenn man nicht DER Typ Frau ist, der von Männern angesprochen wird. Letztlich weiß ich nicht, warum sie mich nie ansprechen. Vielleicht die Größe? Vielleicht auch die Figur? Ein Großteil, sagen die Kommunikationspsychologen, läuft nonverbal. Also laut Watzlawick kann man nicht, nicht kommunizieren. Das heißt im Umkehrschluss, dass man immer kommuniziert. Sobald ein Empfänger, also eine andere Person, mit einem im Raum ist wird man zum Sender von Nachrichten, die der andere entschlüsselt. Hierbei kommt es mitunter zu fatalen Entschlüsselungsfehlern. Sogenannte Missverständnisse.

Also wird es an meiner Ausstrahlung liegen. Das, was ich ausstrahle oder auch aussende.  Wie ist denn meine Ausstrahlung? Was genau sende ich? Bestimmt ´ne Mischung aus unnahbar und zickig. Vielleicht auch zu selbstbewusst wirkend. Wie man sich eine Emanze vorstellt. Kompliziert auf jeden Fall.

Kompliziert = anstrengend!

Das Aussehen ist es meistens nicht. Auch wenn man im Kopf immer ein bestimmte Vorstellung von seinem Traumpartner hat. Oder einem bestimmten Beuteschema nachgeht, letztlich spielt das Aussehen die geringste Rolle für eine wirklich beständige und richtige Beziehung.

Ich hatte auch schon einen Partner, der nach klassischen Gesichtspunkten und meinen eigenen, nicht hübsch war. Aber als ich ihn dann näher kennenlernte und mit dem Mann zusammen war, war er für mich der Schönste aller Männer. Da hätte auch Alexander Skarsgård daneben stehen können. Den hätte ich vielleicht zur Kenntnis genommen. Aber er hätte mich nicht im Geringsten interessiert, geschweige denn berührt. – überschlagen sich meine Gedanken, bis ich unterbrochen werde.

„Also gut, wenn du darauf bestehst.“ wiederholt er übertrieben, nachäffend und schmunzelt dabei.

„Sollen wir?“ lenkt er ein, nachdem er kurz wachsam zu der Menschenmenge, aus Presse, Sportlern und Fans rüber sah. Er bietet mir seinen Arm an, in den ich mich einhaken soll. „Nicht, dass du wieder fällst!“ sagt er lachend. Hat er gerade zugesagt? Nun taumle ich vor Freude, sodass ich mich widerstandslos unter seinen Arm hake. Aus dem Schwarz vor Augen ist nun ein buntes Feuerwerk geworden, das mich auf dem ganzen Weg zur Kaffeestube begleitet. In meinem Kopf rieselt dass Blut spärlich, sodass ich die Situation immer noch nicht realisieren kann. Da sind sie wieder, die Schmetterlinge im Bauch. Jetzt bin ich innerlich so aufgeregt, dass ein Kaffee nicht gut wäre. Heiße Schokolade. Ja, DIE muss es jetzt sein. Beruhigt meine Nerven bestimmt.

Aufregend und unwirklich fühlt es sich an, so mit ihm nebeneinander zu gehen. Zusammen. Zu zweit. Schön. Ich genieße es. Jetzt! Und dass meine Hose am Po aussieht als hätte ich eine leichte Blasenschwäche, ist mir nun auch völlig egal. Wenn DAS dabei rausspringt, war es das auf jeden Fall Wert. Ich habe das Gefühl ein absolutes Glückskind zu sein. Ich mein, wie wahrscheinlich ist es, dass ER jetzt hier lang geht und mir auch noch aufhilft? Das heißt, ich bin ihm nicht egal. Und wie wahrscheinlich war es, dass er tatsächlich Ja sagt? Ich mein, sowas passiert doch nur in schnulzigen Liebesromanen, aber doch nicht im echten Leben – und dann auch noch MIR. Offensichtlich doch! Aber nicht zu früh freuen und locker bleiben. DOCH freuen und trotzdem locker bleiben:-) Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie das Gesetz der Anziehung oder Gott. Fakt ist, hätte ich nicht die Initiative ergriffen, wäre nichts daraus geworden. Bildlich gesprochen : Die Tür öffnete sich und ich ging hindurch.

Tja, wer hätte das gedacht! Katja Ebstein hatte Recht und ich auch. Neues Jahr, neues Glück!

Fortsetzung folgt…© by SoulstripShe

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Neues Jahr, Neues Glück – Teil 3 „Thore´s Hammer“

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Wir plaudern  also kurz über das Wetter, der Zug fährt, der Schaffner kommt. Nachdem der Schaffner unsere Fahrkarten mit einem altmodischen Lochkartengerät entwertet hat, scheint es, als hätte er dies auch mit der Unterhaltung getan. Der Schaffner hat das Abteil verlassen und nun herrscht Schweigen. Verlegen lächle ich ihn an. Wenigstens lächelt er zurück. Naja, oder wir lächeln irgendwie zeitgleich. Wir müssten ja nun auch bald da sein. Also ich kann dieses Schweigen nicht aushalten, weiß aber auch nicht worüber ich mich mit ihm unterhalten soll. Mist! Ich bin so grottenschlecht im Smalltalk und im Flirten erst recht. Naja, nun  steckt er sich Kopfhörer ins Ohr und wischt irgendwas an seinem Smartphone herum.

Ich frage mich grad, woher er kommt. Er sieht auf jeden Fall nordisch aus. Aber hey, das hat nichts zu sagen, es gibt ja auch blonde Türken. Sein Englisch klingt astrein und vor allem flüssig. Nicht so stockend wie meins. Meist muss ich ersteinmal überlegen, bevor ich spreche. Ich suche nach den Vokabeln und überlege ob das jetzt in present tense oder past tense gesagt wird und worin noch gleich der Unterschied liegt. Entweder er kommt irgendwo aus den nordischen Ländern. Da sprechen die ja bekanntlich alle ziemlich fließend Englisch. Oder er lebt in England oder USA. Seine Aussprache klingt sehr amerikanisch angehaucht.

SUPER! Zum aus dem Fenster gucken ist es jetzt auch schon zu dunkel. Womit beschäftige ich mich jetzt? Am liebsten würde ich mir auch gern meine Musik weiter anhören und dabei anstatt der winterlichen Berglandschaft, seine markante Gesichtslandschaft, Mimik und Gestik studieren. Da er das wohl vermutlich für etwas aufdringlich halten könnte, entscheide ich mich doch dagegen und für die Disziplin. Ich hole mein Buch heraus „Siddhartha“ von Hermann Hesse. Dazu kann ich keine Musik hören, weil der Inhalt des Buches sehr gehaltvoll ist. Da muss ich mich konzentrieren.

Ich merke, wie meine Augen durch die Buchstabenzeilen wandern, in meinem Gehirn inhaltlich aber so rein garnichts ankommt. Aus den gelesenen Wörtern erschließt sich in dieser Situation absolut kein Sinn. Ich kann ihn atmen hören. Wenn man Kopfhörer trägt, merkt man nicht so sehr, was man im Außen für Geräusche produziert. Ich stelle mir seinen Atem in meinem Gesicht vor. Wie er wohl riecht oder schmeckt? Ich finde, jeder Mensch hat hat einen eignen Geruch, aber davon abgesehen gibt es auch Geruchsgruppen.

Es gibt die, die riechen, als hätten sie zu wenig getrunken und Fleisch gegessen. Dann gibt es noch die Raucher. Dann gibt es die, die nach frischem Gemüse oder Obst riechen. Und ich spreche hierbei von Gerüchen aus dem Mund. Da sind die Grüche, die der restliche Körper aussendet noch nicht inbegriffen. Aber meist kann ich schon allein am Atem feststellen, ob ich denjenigen gern küssen möchte. Und wenn ich ihn küssen möchte, passt er genetisch bestimmt zu mir. Naja, zumindest hatte ich mal irgendwo gelesen, dass man Menschen, die man gut riechen kann, auch sympatisch bis anziehend findet. Meine Theorie ist eher die, dass man diese Menschen sympatisch findet, WEIL sie für einen gut riechen. Und das steht bestimmt auch irgendwo von irgendwem Schlaues geschrieben.
Allerdings ist Genetik kein Ausschlusskriterium für Arschlöcher. Aber vielleicht werden ja alle erst bei MIR zum Arschloch. „Jetzt hör aber auf!“ spricht ein Teil meiner Selbst. „Hörst dich schon an, wie die Frauen, die sich selbst die Schuld dafür geben wenn ihr Mann sie schlägt.“ Und ich spreche hier nicht von dem neusten, neuerdings gesellschaftsfähigen soft SM Bestseller und der dort einvernehmlichen Gewalt.
Und es geht ja bei Gewalt in der Partnerschaft nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Mit Schuld komme ich nicht weit. Wenn ich aber davon ausgehe, dass jeder seinen Teil der Verantwortung für eine Situation in der Beziehung trägt, kann ich was daran ändern.
Ich verliebe mich vielleicht immer wieder in Männer, die gewalttätig sind. Und noch schlimmer, bleibe wie ein winselnder Hund bei ihnen in meiner „erlernten Hilflosigkeit (M.Seligmann), weil ich tief im Inneren glaube, dass ich sowas verdient habe. Dabei gibt es doch auch Männer, die nicht gewalttätig sind.
Und mir ist dann auch nicht klar, dass ich wieder einmal mehr nur Sklave meines Unterbewussten bin. Das bestrebt ist, bekannte Situationen immer wieder zu erschaffen.
Wie ein Regisseur wählt es die Kulisse und besetzt Rollen. Sobald etwas nicht stimmt, ruft es „cut“ und tauscht gegebenenfalls die Acteure nochmals. Außer mir. ICH spiele die Hauptrolle. Immer. Dabei sollte einem das bewusst sein. Aber auch wenn man jetzt in der Lage ist, die Arschlöcher zu erkennen, ist man noch lange nicht übern Berg. Denn trotzdem ist dieser Typ Mann dann immernoch aufregend und man verfällt ihm trotzdem noch eine Weile.
Wielang ist diese Weile?
Genau so lange nämlich, bis man sich selbst befördert hat und das Liebes-Stück als sein Autor umschreibt. Auch DIES würde vom Regisseur exakt umgesetzt werden. Ich liebe dieses Gleichnis für unsere Psyche.

Hach, jetzt wäre mir grad das Buch aus der Hand gefallen! Man! Plötzlich spricht er. Laut. Mit mir? Was hat er gesagt? Sowas wie Heisan? Nun redet er weiter auf…tja auf was eigentlich? Ha! Doch aus den nordischen Ländern. Aber ob das jetzt Norwegisch, Schwedisch oder Finnisch ist, vermag ich nicht zu differenzieren. Und ich dachte im allerersten Moment, er spricht mit mir. Kurz ging mein Herz wieder schneller. Jetzt fühlt es sich grad an, wie beim Intervalltraining. Voll Speed rennen und abbremsen um wieder langsam zu gehen.

Während er telefoniert guckt er mich an und macht eine Geste, die wohl soviel wie „Entschuldigung“ heißen soll. Dabei sieht er mein Buchcover. Für diesen Augenblick ist es so, als würde er so mit dem Anrufer telefonieren, wie ich mein Buch gelesen habe. Denn seine Mimik und Gestik ist jetzt grad für mich bestimmt. Er reißt die Augen auf, schiebt das Kinn nachvorne, was für mich übersetzt soviel heißt wie „Hey, sieh mal her, ich hab dir was mitzuteilen!“ Er zeigt auf mein Buch und hebt den Daumen. Ich übersetzte dies in „Super Buch! – habs gelesen. Oder auch „Kraaass, DAS liest du? Respekt, ich wollte es immer mal lesen, hab ich aber noch nicht.“ Nebenbei spricht er in sein Headset „Jaha…ju… förlåt? Jag mår bra, tack!“ Ich lächel ihn wieder an – verlegen natürlich und rätsele, was er wohl grad gesagt hat.

Warum bin ich denn verlegen? Ich glaube, bei soviel Mann schon doch eingschüchtert. Er hat so eine Art. Etwas souveränes. Selbst als er eben noch mit offener Kinnlade, völlig unbeeindruckt von meiner Gegenwart, vor sich hindöste. Umgekehrt muss es vielen Männern so gehen, wenn sie mich sehen. Ich habe schon einen ziemlich selbstbewussten Auftritt. Wenn der Mann dann als erstes durch meine Ausstrahlung eingeschüchtert ist, fühl ich mich noch stärker und schon ist der Mann nicht mehr ganz so sehr interessant für mich. Aber Männer, die sich durch mich nicht verunsichern lassen, verunsichern mich wiederum. Komisch ist das. Naja, es kann eben nur EINEN geben. Ist ja bei den Tieren auch so, von denen unterscheiden wir uns ja auch nur durch unsere Großhirnrinde. Das Denken. Zumindest einige wenige Exemplare der Menschheit sind in der Lage dazu. Der Rest scheint evolutionär irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter stecken geblieben zu sein. Was die Moral angeht jedenfalls. Mit Moral meine ich jetzt auch nicht, das moralisierende Verbieten von Dingen. Sondern eher das Erkennen der Verantwortung für den eigenen Umgang mit unserem Planeten, zum Beispiel. Eigenes Handeln mit seinen Auswirkungen reflektieren zu können, ist eine Eigenschaft, die nicht Vielen vorbehalten zu sein scheint.

Genau so sollte das auch in einer Beziehung geschehen. Beide Partner sollten dazu in der Lage sein. Denn natürlich sollte eine Beziehung immer auf Augenhöhe sein, trotzdem gibt es da schon feine Abstufungen. Mal dominiert der eine, dann wieder der andere. Also jetzt grad, dominiert er die Situation. Hat bestimmt auch etwas mit meinem Selbstwertgefühl zutun. Ich denke ja meist bei attraktiven Männern, dass die an mir eh nicht interessiert sind, weil ich eben nicht aussehe wie ein Model. Wer tut das schon? Nicht mal ein Model sieht in ihrer Freizeit aus wie ein Model! Im Gegenteil. Der Großteil der Modelwelt rennt zwischen den Aufträgen rum wie ein Schlumpf. Und die anderen der Gesellschaft versuchen immer so auszusehen, wie ein Model während eines Shootings. Komisch irgendwie. Hey, vielleicht ist er ja auch ein Model? Er könnte eines sein. Er sieht wirklich gut aus. Also, interessant irgendwie.

Da wir jetzt 2014 haben und ich mir vornahm positiver zu denken, beschloss ich das ganze anders zu betrachten. Nämlich s: Wenn ich für Männer, die ich für sehr, sehr, sehr interessant halte, eh nicht interessant bin, dann muss ich ja auch keine Angst haben, mich falsch zu verhalten. Ich spiele dann ja garnicht mit, in der Liga. Dann ist es doch sowieso egal. Dann muss ich auch nicht verlegen sein. Er flirtet nicht. Er ist einfach nur nett. Dann kann ich ja so sein, wie ich eben bin. Große Klappe. Dann ist es egal, wenn ich ihn verschrecke, weil ich eh von Anfang an nicht in sein Beuteschema passte. Also, was mach ich  mir einen Kopf. Immer hübsch auf dem Teppich bleiben. Wäre da bloß nicht immer meine Hormone, die mir dazwischen funken!

Er findet es cool, dass ich dieses Buch lese und ich bin ihm nicht egal. Naja, vielleicht können wir ja doch noch kurz ins Gespräch kommen, bevor wir am Ziel ankommen. Jetzt kommt keine Station mehr davor, das heißt er fährt auch nach St. August. Die Chancen ihm dort zu begegnen sind groß, denn der Ort ist wirklich klein. Warum will ich das denn noch, wenn ich eh nicht für ihn Frage komme? Naja vielleicht ist es spaßig und wohltuend mit ihm befreundet zu sein.

Ich habe einige Männer, mit denen ich befreundet bin. Die männliche (analytische) Sichtweise, die meine verquirlten Gedanken wieder sortiert, tut mir meist gut.

Oh Mist, der Zug kommt gleich an. Wie kann ich ihn denn wiedersehen? Ich meine einen sicheren Weg, ihn wiederzusehen. Nicht dieses unsichere „nach-ihm-Ausschau-halten“. Zu glauben ihn um jede Ecke biegen zu sehen. Von hinten oder von der Seite glauben erkennen zu können, um dann bei genauerem Hinsehen doch nur wieder enttäuscht zu werden.

Ich habe es also nicht geschafft ein solches „Attachment“ aufzubauen, dass er mir seinen Namen verrät, meine Telefonnummer haben möchte und sich mit mir treffen will. Mist! Mist! Mist! STOP!!! Es ist ein neues Jahr. Ich wollte ja neue Synapsenkreise aufbauen. Neue Schaltkreise in meinem Hirn schaffen, neue Überzeugungen bilden. Ich bin interessant. Einfach so. UND ich habe Eindruck gemacht. Weil ich bin, wie ich bin. Und er ist zumindest schonmal nicht zurück geschreckt. Das ist doch gut. Und wenn ich ihn nicht wiedersehe dann habe ich mich jetzt wenigstens getraut ihn anzuquatschen – einen riesengroßen, erwachsenen Erwachsenen Vikinger.

Oh, er ist fertig mit telefonieren. Jetzt erklärt er sich rechtfertigend auf Englisch, dass er es selbst immer ein bisschen komisch findet, wenn die Leute, während des Telefonierens, in den Raum sprechen – aber eben nicht mit den dort Anwesenden. Vermutlich hatte ich demenstprechend irritiert drein geschaut, dass er sich jetzt dafür quasie entschuldigt. Na toll, jetzt bin ich wieder am überlegen, was ich ihm darauf möglichst charmant und gleichermaßen raffiniert entgegnen könnte. Leere. Ich lächle wieder einfach nur. “ Maaaaaan! Sara! Komm jetzt mal aus dir heraus“ brüllt ein Teil von mir, mich innerlich an. Nö, Nichts. Da kommt nichts. Er holt aus seiner Tasche eine Tüte Pfefferminz-Bonbons heraus. Ich zucke fast zusammen, als er sie mir freudestrahlend entgegenstreckt und mich fragt, ob ich auch einen möchte.

Meine Hand zittert beim Ausstrecken in die Tüte. Deswegen sind meine Bewegungen etwas ungelenk. Damit er das nicht merkt, huscht meine Hand flink wie eine Maus in die Tüte und ebenso wieder heraus. Ich bedanke mich , während meine Hand nach den Bonbons greift und ich hoffe, dass mir unterwegs zum Mund nichts herunterfällt. Ach nein, natürlich. Da ist es schon geschehen. Der Pfefferminz Drops flutscht mir aus der Hand und fällt auf den Boden. Fast zeitgleich beugen wir uns nun vorn über, so dass sich unsere Köpfe beinahe im Gang treffen. Er winkt ab und sagt „Please, let me!“ Mein Kopf ist jetzt eine Mischung aus Tomaten -und Purpur-Rot. Gekonnt schnipst er den Bonbon in den Mülleimer, der unter dem Klapptisch am Fenster angebracht ist.

Er lässt mich lachend nochmal hineingreifen und sagt dabei „Let´s give it another try!“. Lass ihn bloß nicht fallen, lass ihn bloß nicht fallen, lass ihn…geschafft. Im Mund. Der Drops ist gelutscht.

Plötzlich, als ich so lutsche strecke ich ihm meine Hand entgegen “ I´m Sara, by the way“. Er sagt darauf „Hi Sara, nice to meet you“.

Als er meine Hand greift und schüttelt, lächelt er und zwinkert mit einem Auge. Ich ziehe in Erwägung, dass er vermutlich eher Zuckungen hat, anstatt mir grad eben tatsächlich zugezwinkert zu haben. Denke ich so bei mir, als mir auffällt, dass ER MIR SEINEN Namen nicht sagte. Mutig, vielleicht von der Pfefferminz, frage ich nach „And you are?“, beiße mir, kaum dass ich es ausgesprochen hatte, wieder auf die Lippen. Aber mein innerer Entschuldiger, mein seelischer, innerer Mutmacher rechtfertigt nun mein forsches Vorgehen vor meiner inneren richterlichen Abteilung – dem Über-Ich. Wieso, er hat mir seinen Namen nicht verraten und das gehört sich ja nun nicht. Also das versteht sich doch von selbst, dass man die Namensinformation als QuitProQuo austauscht.

Als er jetzt aber kurz stutzt indem er die Augenbrauen runzelt, sein Kinn etwas in Richtung Brust zieht und sein Kopf etwas seitlich dreht beschleicht mich das Gefühl, dass ich doch sehrwohl etwas absolut Verbotenes und Unerhörtes getan habe. Wahrscheinlich habe ich jetzt grade wieder genau SO drein geschaut. Als er sagt „Oh ja sorry, I´m Thore!“

Ich nur  grinsend „Ah, ok. Thore hm? Well ya, nice to meet you too!“. Grinsend deswegen, weil ich ja zuvor das Gefühl hatte, wie von Thor´s Hammer getroffen worden zu sein, als ich Thore erblickte.

Amüsiert wie ich bin, bemerke ich garnicht, dass der Zug jetzt gerade in den Zielbahnhof einfährt. Glücklicherweise bin ich auch zu amüsiert, um mich darum zu sorgen, ob ich ihn wiedersehen werde.

Als ich es realisiere beschließe ich nochmal kurz zur Toilette zu gehen, da ich just in diesem Moment starken Harndrang verspüre. Da ich nicht weiß, wie weit weg sich die Pension mit meinen Schweren Koffern im Schlepptau anfühlt, flitze ich zur Toilette. Thore packt grad seinen Krempel zusammen während ich mich beeile , um mit ihm zusammen den Zug verlassen zu können. So hab ich vielleicht eine geringe Chance mit ihm zusammen noch ein Stückchen zu gehen und vielleicht sogar herausfinden, in welchem Hotel er wohnt, oder ob er eine bezaubernde Freundin hat, die ihn vom Bahnhof abholt. Auf dem engen Gang zur Toilette konnte ich ein Blitzlichtgewitter sehen. St.Anton war auch bei Prominenten ein beliebtes Urlaubsziel. Davon hatte ich bereits gehört, aber dass es so schlimm ist, hatte ich nicht gedacht. Ziemlich übertrieben dieser Reporterauflauf. Vor allen Dingen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass irgendein Promi hier tatsächlich mit der Schu Schu-Bahn ankommt. Dann doch wohl eher standesgemäß mit Flugzeug bis München oder Innsbruck und direkt weiter mit der Allrad-Limousine.

Ein Blick in den Toilettenspiegel verrät mir, ich hab mich verguckt. Meinen Augen leuchten verdächtig. Ach und nebenbei stelle ich fest, so schlecht sehe ich garnicht aus, nachdem oder vielleicht weil ich von Thor´s Hammer getroffen wurde.

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Mist, er ist nicht mehr hier, denke ich und ziehe einen Flunsch als ich zum Abteil zurück gekehrt bin. Dabei hatte ich mich doch so sehr beeilt!

Schlecht gelaunt kämpfe ich mich mit meinen zwei riesen Koffern an dem Fotografen-Pulk vorbei. Soviele Männer auf einen Haufen und keinen interessiert es, dass ich Hilfe beim Tragen gebrauchen könnte. Tja, die guten Manieren und eine zuvorkommende Art sind wohl der Emanzipation der Frau zum Opfer gefallen. Selbst ist die Frau. Dann mach ich meinen Scheiß eben allein. Wie immer. Aber wenn ich nur hilflos genug meine Koffer hinter mir herschleife und immer wieder stehenbleibe, wird sich wohl einer erbarmen. Das zumindest ist immer die Strategie einer guten Freundin. Schamlos speilt sie mit den Klischees und lässt die Hilflose raushängen.

Ein bisschen neugierig bin ich jetzt natürlich schon, wegen wem dieser Massenauflauf hier veranstaltet wird. Aber man kann nicht in das Auge des Blitzlicht-Tornados sehen. Zuviele Menschen. Jetzt grad bin ich auch einfach nur entmutigt und enttäuscht, dass ich Thore nicht mehr um mich habe und die Chancen auch nicht besonders hoch stehen, dass  ich ihn hier wiedersehe. Zuviele Menschen auf einen Haufen. Und selbst wenn. Ach, er hat sowieso bestimmt ne Freundin.

Ich entscheide mich, nicht die hilflose Masche abzuziehen und schleppe mein schweres Gepäck verstimmt zu meiner Pension. Ich kann nur soviel sagen – nur gut, dass ich vorher nochmal zur Toilette war. Der Weg ist beschwerlich. Es schneit. Doofer Schnee! Mir ist kalt. Ich will in mein Bett. Die Decke über den Kopf ziehen und nicht mehr aufstehen. Haben ja nicht lange gehalten, meine neuen Vorsätze für das neue Jahr, positive zu denken und zu fühlen. Mein Großhirn ist stärker. Für jetzt.

Ich schlafe ein, mit dem Hall seines Namens in meinen  Ohren „Thore“. Sein Bild verblasst langsam. Einzig der schwingende „Mjölnir“ – der Hammer des Thor von Asgard, dem Reich der Götter – zeichnet sich ganz deutlich vor meinem inneren Auge ab, bevor er mich trifft und ich einschlafe.

Fortsetzung folgt…. © by SoulstripShe

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Neues Jahr, Neues Glück – Teil 2 „Grün meint Gehen!“

Erregend anregend- schöne Beschreibung der Wirkung, die ein völlig Fremder auf mich hat. Vielleicht gerade, weil er mir fremd ist. Nach dem ersten Jahr der Beziehung fiele alles, was jetzt an ihm spannend ist, dem Alltag zum Opfer. Rülpsen dann pupsen in Gegenwart des anderen. Irgendwann sitzt der eine auf Klo, während der andere sich im selben Bad, wenige Zentimeter entfernt, zurecht macht. Aber um dem vorzubeugen und weil ich in dieser Beziehung alles anders machen würde, hätten wir ZWEI Badezimmer! Und wenn es die nicht gibt, dann einen ausgeklügelten Zeit-Nutzungsplan.

Ob ich ihn in diesem Moment wohl immernoch so anregend finden würde, wenn er ne Knoblauch -oder Alkoholfahne hätte. Diese hätte sich dann jetzt ungehindert im Abteil verbreiten können, während er mit offener Kinnlade vor sich hindöste.

Jetzt reckt und streckt er sich…sogar sein Doppelkinn, das sich grad beim Gähnen formt, wirkt irgendwie charmant und nimmt der markanten „Jawline“ keinen Funken Männlichkeit. Kann man ein Doppelkinn charmant finden? Offensichtlich schon.
Ich fühle mich wie vom Donner erschlagen, weil mich seine leuchtenden Augen so tief durchdringend, anblinzeln. Wie Katharina Thalbach so schön sagte „Manchmal kann es einen, wie ein Donnerschlag treffen!“. Tja, manchmal trifft´s einen einfach. Zu blöd nur, wenn das Gegenüber statt eines Donners nur das leise Pupsen einer Obstfliege vernimmt. Also bildlich gesprochen, ist klar! Kann eine Obstfliege überhaupt pupsen? Die Rede ist hier von Drosophila Melanogaster, damit wir uns richtig verstehen.
In die Biologie übertragen, stell ich mir grad feuernde Synapsen auf Hochtouren vor – der Donnerschlag. Naja und in WAHRHEIT ist es dann so – ich bilde mir ein, er hat wegen mir leuchtende Augen und blinzelt mich an. Aber in echt -und das wäre jetzt die pupsende Obstfliege – hat er vom Gähnen einfach nur Tränen in den Augen. Soviel jetzt wieder zur subjektiven Wahrnehmung. Und zum Thema Obst fällt mir, als Gesundheitspflegerin natürlich IMMER gleich die Obst-ipation = Verstopfung und die dazugehörige Prophylaxe ein. SO hatte ich mir letztlich die Schreibweise des Fremdwortes merken können. MEINE GEDANKEN RASEN!

Nun mal langsam mit den Pferden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu doch noch garnicht wirklich was sagen. Apropos langsam – der Zug steht immernoch. Es sind bereits gefühlte 10 Minuten vergangen. Das ist schon eigenartig, so mitten auf der Strecke.

Oh, jetzt lächelt er mich an. Kurz und flüchtig, wie man jemanden anlächelt, dessen Weg man flüchtig auf der Straße kreuzt. Ich warte ja immernoch auf die Freundin, die reumütig aus dem Nebenabteil angekrochen kommt, um sich bei ihm zu entschuldigen. Dann wird er ihr großmütig verzeihen, sie werden sich nach der Versöhnung noch verliebter fühlen als zuvor, sich küssen (vor mir, denn dass ich auch da bin, werden sie garnicht bemerken). Händchenhaltend werden sie dann den Zug verlassen. Arm in Arm durch die kleinen Gassen im Ski-Ort laufen. Natürlich werden sie mir immer wieder turtelnd über den Weg laufen, nachdem und bevor sie eine großartige Versöhnungsnacht verbracht haben.

STOP, was denk ich denn da schon wieder?! Viel schlimmer noch! Ich denke nicht nur, nein ich sehe es förmlich vor meinem geistigen Auge, ganz lebendig sehe ich es. Ganz lebendig fühlt es sich an. Warum ist es immer so leicht, sich so unangenehme Dinge in den schillerndsten Farben, mit emotionaler Theatralik vorzustellen?

Und warum ist es so schwer, sich vorstellen, dass einem selbst das passiert? Ich meine, das Gute. Zum Beispiel, dass ICH die Freundin bin, mit der er Arm in Arm, völlig verliebt alles verklärt wahrnehmend, durch die Gassen bummelt. Dann würde es vielleicht an meiner Stelle jemanden geben, der von uns unbeachtet unseren Weg kreuzt. Der oder die sich denkt „Warum kann nicht ICH an ihrer Stelle sein?“ Es wird wohl immer Trauerklöße geben, die sich als Pechvogel wahrnehmen und denken, sie haben kein Glück in der Liebe.
Dass aber Liebe genauso wenig mit Glück zutun hat, wie ein guter Job, das ist ja das was einem die Hirnforschung heutzutage berichtet. Mein Leben, meine Verantwortung. Keine Ausreden mehr.

Neues Jahr, neues Glück! ICH will nicht mehr zu den Menschen gehören, der sich in Selbstmitleid suhlt und darüber beschwert, wie ungeliebt man sich fühlt. Wie wenig man beachtet wird, von Männern. Nein falsch.

Anders herum :

Ich gehöre ab sofort zu den Menschen, die die Initiative in ihrem Leben ergreifen. Ich nehme mein Leben selbst in die Hand, anstatt gelebt zu werden. Gelebt zu werden, von unbewussten Programmen, Denkmustern, Überzeugungen. Oder was auch immer diese negativen, verderblichen Kräfte sein mögen, die einen immer wieder wie ferngesteuert in ähnlich unglückliche Dilemma treibt.Wenn´s sein muss geh ich da auch mit der Brechstange heran und tue ab jetzt immer genau das Gegenteil von dem, was ich zuvor getan hätte. Das meistens eben Nichts gewesen war. Ich tat meistens nichts. Jetzt handele ich. Hoffentlich finde ich über das Gegenteilige irgendwie MEINE Mitte. MEINEN Weg. Naja und genau damit habe ich ja bereits begonnen. Sonst würde ich ja nicht in diesem Zug sitzen. Im Zug auf dem Weg in ein berufliches Ausprobieren. Als Gesundheitspflegerin im Praktikum, in der Sportklinik des Skiortes.

Genau! Also BIN ich ja schon dieser jemand, der sein „Glück“ in die eigenen Hände nimmt! Es durchtreibt mich plötzlich ein Schwall von Schmetterlingen vom Hirn in den Magen und zurück ins Hirn. Mein Bauch gibt Grün, mein Kopf sagt Rot. Grün meint gehen, Rot bleib stehen. Schwups. Schon passiert.

„Na? Gut geschlafen?“ höre ich mich ihn plötzlich fragen. Na toll! Mein Kopf ist hoch Rot. Ich spüre es genau! Diese Hitze im Gesicht, wie eine reife Gesichts-Tomate. Nein, was mach ich denn!?! Ich beiße mir auf die Lippen und versuche zu lächeln, beides gleichzeitig. Da das anatomisch garnicht möglich ist, sehe ich grad bestimmt irgendwie verkrampft aus. Und überhaupt: Wie seh ICH denn eigentlich grad aus? Ich habe kein Spiegel-Check gemacht. Meine Haare stehen bestimmt wie wilde Antennen vom Kopf ab. Meine Augen sind nicht geschminkt, dann seh ich immer irgendwie fad und kränkelnd aus, weil meine Wimpern und Augenbrauen so Aschblond sind, wie mein Haupthaar. Wobei mein Haupthaar seit dem 25. Lebensjahr zu ergrauen begonnen hat. Wenigstens sieht man keinen Ansatz, weil ich den vor Fahrtantritt schon wegfärbte.

Vermutlich habe ich auch irgendwo im Gesicht noch n Abdruck meiner Kapuzenjacke, in die ich meine Gesichtshälfte während des Nickerchens geknautscht hatte. Genau – ein Sharpei ist wohl grad garnichts gegen mein prä-menstruelles Gesicht, voller Wasseransammlungen um die Augen.

Naja, EGAL! Meine Mutter sagt immer „Die tollsten Männer trifft man bei Kaisers an der Kasse, wenn man aussieht wie Karla Arsch aus Laatzen“ ( nichts für ungut Laatzen!). Allerdings sagte sie nichts davon, dass man diese tollen Männer dann auch kennenlernt. Vermutlich würde ein Kennenlernen ausbleiben, so wie man aussähe. Aber DAS ist nun auch egal, denn ich hatte ihn ja jetzt angesprochen – ungeachtet dessen, wie ich aussehen könnte.

„Pardon me?“ antwortet er mir. OK?! Also er spricht schon mal kein Deutsch. „Ähm, did you sleep well?“ versuche ich mein Glück nun also auf Englisch.

Bevor ich mich verseh´, stecken wir schon in einem kleinen Dialog, der vielleicht nie stattgefunden hätte, wenn ICH nicht die Initiative ergriffen hätte. Ok, es ist ein Dialog darüber, warum der Zug steht und über das Wetter. Der Inhalt ist für mich zum jetztigen Zeitpunkt jedoch noch nicht von Belang. Es ist schon aufregend genug, überhaupt mit ihm zu reden. Ich kann eh noch nicht klar denken. Die Worte fallen mir einfach so aus dem Mund heraus. So, wie Essen, das man ausversehen, ohne das man es will ausspuckt. Ach je, na das würde mir grad noch fehlen. Wenn ich ihn jetzt ausversehen anspucke. Ich schlucke meine Pavlov prognostizierte Spucke herunter, um nicht sabbernd da zu sitzen.

„The more snow, the more fun it´s gonna be“. Er spricht grad vom Ski fahren. Ich stelle mir jedoch grad eine hitzige Schneeballschlacht mit ihm vor. Über mein Kopfkino lache ich nun plötzlich. Laut. Grell. Er stutzt, zieht die Augenbrauen kurz zusammen. Deswegen fällt es mir überhaupt erst auf. Ich reiße mich jetzt zusammen. Ich erinnere mich, dass Männer nicht auf grelles, lautes Lachen stehen. Ach was soll´s, so bin ich eben!

Ah, der Zug fährt weiter.

…Fortsetzung folgt ©by SoulstripShe

Neues Jahr, neues Glück – Teil 1 „Aufregend Erregend“

Neues Jahr, neues Glück!

Na klar, es ist ganz einfach. Der Wiederholungszwang von dem Sigmund Freud sprach ist einfach nur ein Bündel von Konditionierungen. Laut Pawlow beginne ich also zu sabbern (unwillkürliche körperliche Reaktion), sobald ich einen potenziellen Partner wahrnehme (Reiz). Laut Freud haben die Männer, bei denen ich zu sabbern anfange meist unliebsame Eigenschaften meines Vaters. Eigenschaften, die mir das Gefühl geben, meine Kindheit sei ein Überlebenstraining gewesen.

Hier sitz ich nun. Im Jahr 2014. Fast vierzig. Mit einigen wenigen gescheiterten Beziehungen und, dank des Internets, mit UNZÄHLIGEN Liebschaften, die ich mir auch hätte sparen können. Die mich nur eines gelehrt haben:

Männer gaukeln Frauen für SEX vor, dass ein Funken Hoffnung besteht, dass sie sich in sie verlieben könnten. Und Frauen gaukeln Männer für diesen Funken Hoffnung vor, sie seien genauso versessen auf Sex. Aus diesem Funken bastelt sich Frau dann eine Fantasie, in der sie mit dem Angebeteten ein Leben wie in der Rama-Werbung lebt.

Die Hoffnung darauf hält sie am Leben. Lässt sie sich lebendig fühlen. So haben beide – Mann und Frau – das, was sie wollen. Bis zu dem Moment, wo Frau das Realitätsprinzip herausfordert und zu riskieren bereit ist, dass die ganze Affäre endet, weil sie feststellt, dass der Mann sie nur bei der Stange hielt, damit sie ihm die Stange hält.

ABER dieses Jahr ist alles anders. Ich habe nun wirklich verstanden, dass ich den Wiederholungszwang durchbrechen kann. Den Fluch auflösen, besser gesagt, umkehren. Das Wort heißt UMkonditionierung.

Eine, von Verhaltenstherapeuten nicht so leicht eingestufte Übung. Übung – ein gutes weiteres Stichwort. Übung macht den Meister. Wiederholung ist wie Klebstoff. In mühevoller Kleinstarbeit klöppelten meine Eltern daran, dass mein Männerbild, mein Frauenbild und mein Bild davon, wie eine Liebesbeziehung zu sein hat, nicht sehr positiv ausfällt.

Doch jedesmal, wenn mir jetzt der Gedanke kommt, dass es nur schlechte Männer auf der Welt gibt, oder alle Guten schon vergeben sind. Oder ich es nicht Wert bin, Glück zu haben und geliebt zu werden. Jedesmal, wenn mir diese Gedanken nun kommen, werde ich neurolinguistisch umprogrammieren. Jawohl! Denn spätestens seit dem Film „The Secret“ weiß die Welt, dass Glück nicht wirklich existiert und alles von einem selbst angezogen wird.

Oder aber, wenn man kein magisches Denken mag, dass das Leben reine Evolution ist und wir mal Einzeller, Bakterien waren. Wir mutierten also vom Einzeller zum Vielzeller. Mutation ist spontan und zufällig. Das heißt, wir sind alle Mutanten. Und zum Wort „zufällig“ fällt mir spontan ein, dass man in esoterischen Kreisen auch davon spricht, dass einem etwas zufällt. Und wie C.G. Jung das mit der Synchronizität meinte, habe ich bis heute nur halb kapiert. Wie war das noch gleich? – Viele zufällige, aufeinander treffende Ereignisse, die vom Individuum in einen für es bedeutungsvollen Zusammenhang gebracht werden. Oder so ähnlich. Und in der Bibel heißt es ja „bittet, so wird euch gegeben!“. Was davon nun stimmt, kann sich jeder selbst aussuchen und genau das, wird er dann auch erleben. Denn soviel weiß ich. Wahrnehmung ist nicht nur subjektiv sondern auch selektiv.

Spielt auch keine Rolle. Fakt ist, man kann Hunde konditionieren, ja sogar Flöhe. Dann doch wohl erst Recht Menschen oder?

Aber es scheint, als sei dies gerade aufgrund des Verstandes ein weitaus komplizierteres Unterfangen, als mir lieb ist.

Nun sitze ich hier also im Zug. Höre Vivaldi. Den Herbst und den Winter. Die Winterlandschaft tuckelt an der ratternden „Bimmel“ Bahn parallel zum Gebirge und an mir vorbei.

Die Musik fiedelt und ich sinniere, wie ich nun endlich auch mal eine glückliche Liebesbeziehung leben kann. Hatte ich dieses Thema ja nun die letzten fünf Jahre meines Eremitendaseins lang genug verdrängt, ja sogar abgeschrieben.

Durch den monotonen Klang der Schienen und dem damit einhergehnden Schaukeln werde ich ganz müde. Mir werden die Augen schwer. Draußen ist es schummrig bewölkt. Obwohl es mittags ist, ist es so dunkel als würde die Sonne heute nicht für mich scheinen. 20140121_201233

Ich schlafe ein, mit dem Gedanken über den Triumph in der Liebe. Das Gefühl des Sieges über mein ängstliches ES macht sich in mir breit.

Die Bahn rattert monoton. Immernoch. Leise. Vivaldis Winter spielt weit weg. Ganz weit weg. Alles ist jetzt still. Auch in meinem Kopf. Endlich – Ruhe.

Plötzlich! Als meine Augen sich öffnen, erblicken sie eine Überflutung von Reizen. Damit einhergehend, rauschen Niagarafälle aus Glückshormonen durch meinen Körper. Meine Pupillen fühlen sich an, wie auf „E“ -weit. Mein Kopf – blutleer, alles im Bauch.

Ich erblicke ihn. Das gibt´s doch nicht! Da sitzt er mir direkt gegenüber. Man! Wann kam ER denn hier rein? Wo war ICH denn da??? Und überhaupt.

Ich traue mich nicht, mich zu bewegen.

Ich hab Angst, ich träume nur und sobald ich mich bewege, würde ich aufwachen. Ich will nicht aufwachen.

Man sieht der toll aus. Naja, das ist ja eh Geschmackssache, aber ICH find, der sieht toll aus, wie er da so sitzt und schläft. Er schläft? Wie lange hatte ich denn dann geschlafen? Entweder war er sehr müde und schlief umgehend ein, als er zum Sitzen kam oder aber ich hatte länger geschlafen.

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Ein Blick auf mein schlaues phone verrät mir, dass es 16 Uhr ist. Die Bahn kommt grad auf einem Bahnhof zum Stehen. Fahrgäste steigen ein. Mit großen, schwer aussehenden Koffern und Ski und Snowboards bepackt. Der Zug fährt weiter.

Oh wie schön, es beginnt zu schneien. Langsame Flocken. Ganz federleicht, überhaupt wie Federn. Ich schaue lächelnd aus dem Fenster. Stelle mir Vivaldis Winter an und versuche, nicht zu dem Unbekannten gegenüber, rüber zu schauen. Dem steht nämlich jetzt grad der Mund offen. Ich würde auch nicht wollen, dass man mich anstarrt, während mein Unterkiefer immer schwerer wird und ich so sehr in den Schlaf gerate, dass es mir letztlich auch egal ist, ob da nun Fliegen reinkommen könnten oder Sabber raus. Aber einen kurzen Moment schau ich doch hinüber. Er sieht so selig aus, wie er da so schläft. Irgendwie fast kuschelig. Da möcht ich mich glatt dazu setzen und anschmiegen.

Uuups! Jetzt schaut er mich an! Auweia, so schnell kann ich garnicht weggucken. Sein Blick ist so unbeschreiblich…na unbeschreiblich eben. Ich fühle mich wie vom Blitz getroffen, als er mich anlächelt. Dabei war es jetzt nur der Bruchteil einer Sekunde. Vor Verlegenheit lächle ich ihn an. Ich schließe meine Augen für einen Moment wohlwollend, so nach dem Motto „Mach dir keinen Kopf, wir sind ja unter uns. Ich kenn das. Ist mir auch schon passiert.“ Für einen kurzen Miniaugenblick sieht er mich an. Während er zurücklächelt, verdreht er leicht die Augen, so schwer scheinen sie zu sein. Und schon fallen ihm wieder die Lider zu. Er schmatzt jetzt wohlig. Das macht mein Hund auch immer, wenn er seine Schnauze unter die Hundedecke nestelt.

Der Blitz durchzuckt mich immernoch. Vielleicht ist es doch eher ein Donnerschlag, der mich trifft. Wie Thor’s Hammer. Mein Bauch fühlt sich aufeinmal ganz wohlig warm an. Mein Herz – tja mein Herz. DAS hat sich gedacht, es wandert mal ein Stückchen höher. So Richtung Hals. Genau da schlägt es jetzt. Schlagen ist untertrieben. Eher eine kurzfristige Tachykardie!

Na toll! Ich sitze hier in einem Zugabateil allein mit einem Mann, der aussieht wie…naja toll eben. Und er schläft ein. Hab ich also soviel Anziehungskraft wie ne Schlaftablette?!

Auf der anderen Seite, solange er schläft, kann er nicht weglaufen und ich kann mir einen Schlachtplan überlegen, wie ich mich interessant machen kann. Also dieser Gedanke erinnert mich stark an den Film „Misery“.

Cool bleiben. Aber nett. Nett und interessant. Genau. Ach was solls! Jetzt ist ein neues Jahr. Das Jahr 2014 und ich habe begriffen, dass ich meine Emotionenverknüpfungen im Gehirn einfach nur neu vernetzen muss. Neue Schaltkreise bauen. Neuer Schaltkreis erfordert neues Handeln. Ich bin einfach mal ich. Und ich hecke jetzte keinen Plan aus, wie ich an ihn herankomme. Ich denke jetzt völlig un-zwanghaft an was Schönes. Es schneit. Ich mag Schnee. Genau, ich freue mich jetzt darüber, dass es schneit. „Schneeflöckchen Weißröckchen, duhu lieb-licher Stern..“

Und ich seh ihn schon wieder an. Was, wenn jetzt bei der nächsten Station eine atemberaubende Frau dazu steigt? Was, wenn in dem Skiort eine atemberaubende Frau bereits auf ihn wartet. Ach komm, denk an was Schönes! „Ma-halst Blumen und Blätter, wir haben dich gern“, summ ich vor mich hin und versuche mich über den Schnee zu freuen. Und darüber, dass ich einen neuen Schaltkreis baue. Das perfekte Fundament, für eine glückliche Beziehung, mit meinem zukünftigen Traummann, der mir zusteht und der zu mir steht. Ich sitze hier und tue nichts. Denke nichts. Zen.

Immer wieder muss ich ihn angucken. „A, B, C – die Katze lief im Schnee, Last Christmas I Gave you my Heart“ Nein! DAS Lied nicht – uterbreche ich nun mein inneres Liedersummen. Dieses Lied handelt von Leid. Lied und Leid hat übrigens die selben Buchstaben, stelle ich grad fest. Je nachdem, an welcher Stelle, welcher Buchstabe steht, wird Leid oder Lied daraus.

Ok. Neuer Schaltkreis, neues Handeln. Kurz vor der nächsten Station setz ich mich mit meinem ganzen Krempel einfach neben ihn. Wenn dann eine Frau dazu steigt, denkt sie, er gehört zu mir. Ich zu ihm. Was, wenn er schwul ist? Alle gutaussehenden Männer sind schwul. So eine bescheuerte Schlussfolgerung! Deduktiv oder induktiv? Ach, egal – auch DIESEN Unterschied kann ich mir nie merken!

So. Ich sitze neben ihm. Ich rieche ihn. Er riecht…gut. Eine Mischung aus, ich schätze mal Schweiß und einem dezenten Herrenduft.

Was nun? Er wird bestimmt an der nächsten Haltestelle wach. Mir fällt grad auf, er hat nur Handgepäck dabei. ODER sein Koffer steht in einem anderen Abteil, in dem auch seine Freundin sitzt. Und sie haben sich gestritten und nun hat er einfach das Abteil gewechselt, weil sie ihm eine Szene gemacht hat. Vielleicht ist er deswegen so müde.

Streiten ist anstrengend. Ich kenne einige Männer, die versuchen vor ihren Problemen davon zu schlafen.

Das wäre überhaupt kein guter Partner für mich. Einer, der einschläft, weil es  Konflikte gibt. Und mich dann auch noch mit dem schweren Gepäck allein im Zugabteil sitzen lässt. Nein. Ich nehme meinen Krempel und setzte mich wieder auf meinen alten Platz zurück. Ihm gegenüber, ans Fenster. Nix da, mit neuem Schaltkreis und neuem Verhalten. Scheiß aufs neue Jahr! Jetzt schon? Wir haben doch erst Ende Januar!

Die Bahn hält an. Vielleicht sind wir kurz vor einem Tunnel und müssen einen anderen Zug vorbei lassen?

Die Bahn fährt nicht weiter. Er wird wach, reibt sich die Augen, streckt sich, guckt etwas verschlafen und selig herüber zu mir. Eine Durchsage tönt mit österreichischem Dialekt durch die Sprechanlage.

Wir müssen uns gedulden, die Fahrt gehe bald weiter. BALD? Definiere BALD lieber Zugführer!!

Ich bleibe komischerweise total ruhig (für meine Verhältnisse). Im Gegensatz zu sonst. Da hätte ich schon längst, zumindest innerlich die Nerven verloren. Aber vielleicht passiert in mir doch eine Art Umkonditionierung. Zum Glück, ohne zu sabbern. Zumindest nicht offensichtlich, denn dieser Mensch mir gegenüber, ist schon sehr aufregend, um nicht zu sagen erregend!

Fortsetzung folgt © by SoulstripShe