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Neues Jahr, Neues Glück – Teil 2 „Grün meint Gehen!“

Erregend anregend- schöne Beschreibung der Wirkung, die ein völlig Fremder auf mich hat. Vielleicht gerade, weil er mir fremd ist. Nach dem ersten Jahr der Beziehung fiele alles, was jetzt an ihm spannend ist, dem Alltag zum Opfer. Rülpsen dann pupsen in Gegenwart des anderen. Irgendwann sitzt der eine auf Klo, während der andere sich im selben Bad, wenige Zentimeter entfernt, zurecht macht. Aber um dem vorzubeugen und weil ich in dieser Beziehung alles anders machen würde, hätten wir ZWEI Badezimmer! Und wenn es die nicht gibt, dann einen ausgeklügelten Zeit-Nutzungsplan.

Ob ich ihn in diesem Moment wohl immernoch so anregend finden würde, wenn er ne Knoblauch -oder Alkoholfahne hätte. Diese hätte sich dann jetzt ungehindert im Abteil verbreiten können, während er mit offener Kinnlade vor sich hindöste.

Jetzt reckt und streckt er sich…sogar sein Doppelkinn, das sich grad beim Gähnen formt, wirkt irgendwie charmant und nimmt der markanten „Jawline“ keinen Funken Männlichkeit. Kann man ein Doppelkinn charmant finden? Offensichtlich schon.
Ich fühle mich wie vom Donner erschlagen, weil mich seine leuchtenden Augen so tief durchdringend, anblinzeln. Wie Katharina Thalbach so schön sagte „Manchmal kann es einen, wie ein Donnerschlag treffen!“. Tja, manchmal trifft´s einen einfach. Zu blöd nur, wenn das Gegenüber statt eines Donners nur das leise Pupsen einer Obstfliege vernimmt. Also bildlich gesprochen, ist klar! Kann eine Obstfliege überhaupt pupsen? Die Rede ist hier von Drosophila Melanogaster, damit wir uns richtig verstehen.
In die Biologie übertragen, stell ich mir grad feuernde Synapsen auf Hochtouren vor – der Donnerschlag. Naja und in WAHRHEIT ist es dann so – ich bilde mir ein, er hat wegen mir leuchtende Augen und blinzelt mich an. Aber in echt -und das wäre jetzt die pupsende Obstfliege – hat er vom Gähnen einfach nur Tränen in den Augen. Soviel jetzt wieder zur subjektiven Wahrnehmung. Und zum Thema Obst fällt mir, als Gesundheitspflegerin natürlich IMMER gleich die Obst-ipation = Verstopfung und die dazugehörige Prophylaxe ein. SO hatte ich mir letztlich die Schreibweise des Fremdwortes merken können. MEINE GEDANKEN RASEN!

Nun mal langsam mit den Pferden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu doch noch garnicht wirklich was sagen. Apropos langsam – der Zug steht immernoch. Es sind bereits gefühlte 10 Minuten vergangen. Das ist schon eigenartig, so mitten auf der Strecke.

Oh, jetzt lächelt er mich an. Kurz und flüchtig, wie man jemanden anlächelt, dessen Weg man flüchtig auf der Straße kreuzt. Ich warte ja immernoch auf die Freundin, die reumütig aus dem Nebenabteil angekrochen kommt, um sich bei ihm zu entschuldigen. Dann wird er ihr großmütig verzeihen, sie werden sich nach der Versöhnung noch verliebter fühlen als zuvor, sich küssen (vor mir, denn dass ich auch da bin, werden sie garnicht bemerken). Händchenhaltend werden sie dann den Zug verlassen. Arm in Arm durch die kleinen Gassen im Ski-Ort laufen. Natürlich werden sie mir immer wieder turtelnd über den Weg laufen, nachdem und bevor sie eine großartige Versöhnungsnacht verbracht haben.

STOP, was denk ich denn da schon wieder?! Viel schlimmer noch! Ich denke nicht nur, nein ich sehe es förmlich vor meinem geistigen Auge, ganz lebendig sehe ich es. Ganz lebendig fühlt es sich an. Warum ist es immer so leicht, sich so unangenehme Dinge in den schillerndsten Farben, mit emotionaler Theatralik vorzustellen?

Und warum ist es so schwer, sich vorstellen, dass einem selbst das passiert? Ich meine, das Gute. Zum Beispiel, dass ICH die Freundin bin, mit der er Arm in Arm, völlig verliebt alles verklärt wahrnehmend, durch die Gassen bummelt. Dann würde es vielleicht an meiner Stelle jemanden geben, der von uns unbeachtet unseren Weg kreuzt. Der oder die sich denkt „Warum kann nicht ICH an ihrer Stelle sein?“ Es wird wohl immer Trauerklöße geben, die sich als Pechvogel wahrnehmen und denken, sie haben kein Glück in der Liebe.
Dass aber Liebe genauso wenig mit Glück zutun hat, wie ein guter Job, das ist ja das was einem die Hirnforschung heutzutage berichtet. Mein Leben, meine Verantwortung. Keine Ausreden mehr.

Neues Jahr, neues Glück! ICH will nicht mehr zu den Menschen gehören, der sich in Selbstmitleid suhlt und darüber beschwert, wie ungeliebt man sich fühlt. Wie wenig man beachtet wird, von Männern. Nein falsch.

Anders herum :

Ich gehöre ab sofort zu den Menschen, die die Initiative in ihrem Leben ergreifen. Ich nehme mein Leben selbst in die Hand, anstatt gelebt zu werden. Gelebt zu werden, von unbewussten Programmen, Denkmustern, Überzeugungen. Oder was auch immer diese negativen, verderblichen Kräfte sein mögen, die einen immer wieder wie ferngesteuert in ähnlich unglückliche Dilemma treibt.Wenn´s sein muss geh ich da auch mit der Brechstange heran und tue ab jetzt immer genau das Gegenteil von dem, was ich zuvor getan hätte. Das meistens eben Nichts gewesen war. Ich tat meistens nichts. Jetzt handele ich. Hoffentlich finde ich über das Gegenteilige irgendwie MEINE Mitte. MEINEN Weg. Naja und genau damit habe ich ja bereits begonnen. Sonst würde ich ja nicht in diesem Zug sitzen. Im Zug auf dem Weg in ein berufliches Ausprobieren. Als Gesundheitspflegerin im Praktikum, in der Sportklinik des Skiortes.

Genau! Also BIN ich ja schon dieser jemand, der sein „Glück“ in die eigenen Hände nimmt! Es durchtreibt mich plötzlich ein Schwall von Schmetterlingen vom Hirn in den Magen und zurück ins Hirn. Mein Bauch gibt Grün, mein Kopf sagt Rot. Grün meint gehen, Rot bleib stehen. Schwups. Schon passiert.

„Na? Gut geschlafen?“ höre ich mich ihn plötzlich fragen. Na toll! Mein Kopf ist hoch Rot. Ich spüre es genau! Diese Hitze im Gesicht, wie eine reife Gesichts-Tomate. Nein, was mach ich denn!?! Ich beiße mir auf die Lippen und versuche zu lächeln, beides gleichzeitig. Da das anatomisch garnicht möglich ist, sehe ich grad bestimmt irgendwie verkrampft aus. Und überhaupt: Wie seh ICH denn eigentlich grad aus? Ich habe kein Spiegel-Check gemacht. Meine Haare stehen bestimmt wie wilde Antennen vom Kopf ab. Meine Augen sind nicht geschminkt, dann seh ich immer irgendwie fad und kränkelnd aus, weil meine Wimpern und Augenbrauen so Aschblond sind, wie mein Haupthaar. Wobei mein Haupthaar seit dem 25. Lebensjahr zu ergrauen begonnen hat. Wenigstens sieht man keinen Ansatz, weil ich den vor Fahrtantritt schon wegfärbte.

Vermutlich habe ich auch irgendwo im Gesicht noch n Abdruck meiner Kapuzenjacke, in die ich meine Gesichtshälfte während des Nickerchens geknautscht hatte. Genau – ein Sharpei ist wohl grad garnichts gegen mein prä-menstruelles Gesicht, voller Wasseransammlungen um die Augen.

Naja, EGAL! Meine Mutter sagt immer „Die tollsten Männer trifft man bei Kaisers an der Kasse, wenn man aussieht wie Karla Arsch aus Laatzen“ ( nichts für ungut Laatzen!). Allerdings sagte sie nichts davon, dass man diese tollen Männer dann auch kennenlernt. Vermutlich würde ein Kennenlernen ausbleiben, so wie man aussähe. Aber DAS ist nun auch egal, denn ich hatte ihn ja jetzt angesprochen – ungeachtet dessen, wie ich aussehen könnte.

„Pardon me?“ antwortet er mir. OK?! Also er spricht schon mal kein Deutsch. „Ähm, did you sleep well?“ versuche ich mein Glück nun also auf Englisch.

Bevor ich mich verseh´, stecken wir schon in einem kleinen Dialog, der vielleicht nie stattgefunden hätte, wenn ICH nicht die Initiative ergriffen hätte. Ok, es ist ein Dialog darüber, warum der Zug steht und über das Wetter. Der Inhalt ist für mich zum jetztigen Zeitpunkt jedoch noch nicht von Belang. Es ist schon aufregend genug, überhaupt mit ihm zu reden. Ich kann eh noch nicht klar denken. Die Worte fallen mir einfach so aus dem Mund heraus. So, wie Essen, das man ausversehen, ohne das man es will ausspuckt. Ach je, na das würde mir grad noch fehlen. Wenn ich ihn jetzt ausversehen anspucke. Ich schlucke meine Pavlov prognostizierte Spucke herunter, um nicht sabbernd da zu sitzen.

„The more snow, the more fun it´s gonna be“. Er spricht grad vom Ski fahren. Ich stelle mir jedoch grad eine hitzige Schneeballschlacht mit ihm vor. Über mein Kopfkino lache ich nun plötzlich. Laut. Grell. Er stutzt, zieht die Augenbrauen kurz zusammen. Deswegen fällt es mir überhaupt erst auf. Ich reiße mich jetzt zusammen. Ich erinnere mich, dass Männer nicht auf grelles, lautes Lachen stehen. Ach was soll´s, so bin ich eben!

Ah, der Zug fährt weiter.

…Fortsetzung folgt ©by SoulstripShe

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