Neues Jahr, neues Glück – Teil 6 „Liebe im Nichts“

Sein Zeigefinger streift langsam und kaum spürbar und doch das innerste Mark erreichend, über mein nacktes Knie. Das einzige Geräusch, das man in meinem Zimmer vernehmen kann ist das knisternde Holz des brennenden Scheites im steinernen Kamin und den Schlag meines Herzens. Mein Puls rast. Ruhiges Atmen fällt mir schwer in Anbetracht seines direkten und mich musternden Blickes. Er sieht mich an. Fordernd und doch geduldig und liebevoll. Ich habe das Gefühl meine Bauchdecke zittert vor Aufregung für ihn sichtbar. Schon fast selbstgefällig lächelt er. Der Blick ist nicht gespielt sondern echt. Das merke ich daran, weil dieser mich durchdringt und in mein tiefstes Inneres erreicht. Er versucht nicht, mich pseudo-erotisch anzustarren und die Situation pseudo-zu-kontrollieren um mich pseudo-zu-verunsichern. Den Unterschied spüre ich. Ich erkenne, wenn jemand nur spielt, die Situation und sich im Griff zu haben. Das würde mir dann eher peinlich sein, aufgrund des Fremdschämens. Für mich ist Erotik, wenn der andere sich im Griff hat und ich mich fallen lassen kann. Und dann wieder, habe ich mich im Griff und er lässt sich fallen. Wie beim Tango tanzen, bei dem erst der eine, dann wieder der andere, Nähe und Distanz, Kontrolle und Kontrollverlust demonstriert. Unsere Hemmungen und Ängste unsere Bedenken – all das fällt in diesen Momenten von einem ab. Alles nur eine Illusion würde Jiddu Krishnamurti, indischer Philosoph,  sagen. Und genauso sieht er mich jetzt an. Ich fühle mich gesehen, beachtet und so sein gelassen. Das gibt mir Sicherheit, mich weiter, tiefer hingeben zu können. Stück für Stück, immer mehr. Voller Vertrauen. Zumindest, in diesem Moment.

Krishnamurti nennt das Gleichnis des Baumes. Wenn ich den Baum ansehe und denke „dies ist ein Baum“  sehe ich nicht mehr das Wesen des Baumes, sondern nur das Bild eines Baumes. Ein Bild ist statisch und zweidimensional. Ich projiziere etwas auf den anderen, das dann wie ein Filter davor geschoben wird. Meine Wahrnehmung wäre dann so flach wie ein Blatt Papier, das aus diesem Baum geschaffen wurde. Das Wesen eines anderen, mit allem was ihn ausmacht im Jetzt zu erfassen, ist es, wonach der Mensch sich sehnt. Der Wahrgenommene und der Wahrnehmende. DAS ist dieser Moment, in dem alles von einem abfällt. Der Moment, dem ich hinterherjage, seitdem ich von Zweisamkeit weiß. Erlebt habe ich sie nur in wenigen Momenten von langjährigen Beziehungen. Momente, in denen ich wusste,  Angst ist auch nur ein solches Bild. Zweidimensional. Eine Mauer aus Pappmacheé allenfalls.

Wer hätte gedacht, dass ein einzelnes Knie so viele Rezeptoren  haben kann? Ein Hauch seines Körpers fasst mich an und es fühlt sich an, als hätte er tausend Hände, die meinen Körper in Gänze berühren.

Ich liege auf der Couch und er sitzt neben mir. Über mich gebeugt. Immernoch sehen wir uns tief in die Augen.  Als spielten wir das Spiel „Wer zuerst wegschaut hat verloren“, nur dass wir nicht spielen. Es fühlt sich fundamental an. Ich wünsche mir mehr. Wie verzehrte sich meine Seele schon immer nach einem Gegenüber, das die Geduld und die Würde hat, abzuwarten. Abzuwarten, bis ich mich verzehrend winde vor Verlangen, weil das geduldige und würdevolle „Nichts“ so unerträglich erscheint. Das Nichts, das einen umgibt, wenn man liebt. Wie ein gemeinsames Vakuum. Alles und Nichts um einen herum. Alle Sinne fühlen nichts außer seinen Geruch…Geschmack… seine Geräusche. Losgelöster Fokus.

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Er sitzt einfach nur neben mir und sagt nichts. Auch ich schweige. Seine Berührung wandert meinen Arm hinauf, über den Hügel meiner Schulter, entlang meines Schlüsselbeines. Seine Augen folgen seinem Finger. Kurz sieht er zu mir. Vermutlich um sich zu vergewissern, dass es mir gefällt. Ich schließe meine Augen und sehe mit dem Teil von mir, den er in diesem Moment berührt. Ich sehe mit jeder Pore meines Daseins.

„Brot, Salz…hab ich noch Zucker?“
„Nein, nicht abschweifen! Lass dich fallen.“ bitte ich meine Gedanken.
„Wenn ich intra muskulär injiziere muss ich aspiriren. Bei subkutaner Injektion wird nicht…“ quatscht meine Großhirnrinde weiter, um sich bloß nicht in der Situation zu verlieren.
Verärgert und genervt von meinen abschweifenden Gedanken, öffne ich die Augen.
Ich erblicke ihn dicht vor mir. Sofort holt mich sein Blick voll ins Hier und Jetzt zurück. Denn jetzt sieht er mich an als wolle er mich gierig verschlingen. Unerbittlich ergreift seine Hand meinen Nacken und zieht mich langsam mit bestimmenden Genickgriff näher zu sich heran.

Sein Blick durchbohrt mich förmlich, genauso wie sich seine Zunge den Weg zu meiner bahnt.
Intensiv begegnen sie sich. Ich habe das Gefühl mich darin zu verlieren. Ich versinke in seiner Umarmung. Aus seinem fordernden Druck wird jetzt ein kaum spürbares, leichtes Streifen unserer geöffneten Lippen. Fast so als berührt sich lediglich unser Atem.

Ich räkle mich. Doch was ist das denn jetzt?!

„Autsch“ schreie ich und winde mich aus seiner vereinnahmenden Umarmung. „Was ist?“ fragt er hochgeschreckt und wirkt durchaus besorgt.
„Ich hab nen Kraaaaampf…achhhhh Scheiße! Tut das weh.“ Mein Wadenkrampf unterbricht unser körperliches Geflüster. Na Super! Ganz Toll!

Ich beuge mich vor und halte meine Wade fest. Kräftig schlage ich auf die Couch, in der Hoffnung, der Krampf verschwindet dadurch. Wie eine Übersprungshandlung, um den Schmerz besser aushalten zu können. Wie Zähne zusammenbeißen, ohne Zähne zusammenbeißen. Während ich dies tue scheint sich mein Bewusstsein aus dem Nebel meines Vorbewussten zu lösen und in der Realität anzukommen, in der ich mich leise wimmern höre.

Kein warmes Kaminfeuer. Stattdessen, Dunkelheit. Kein wärmender Körper neben mir. Stattdessen meine, mich wärmenden 30 Kilo zuviel auf den Rippen, die mich nun plötzlich wieder umgeben.

Einen Moment ist mein Denken noch benommen vom Traum und vom Schmerz des Krampfes, sowie der schmerzhaften Erkenntnis, dass alles, was ich erlebte ein Traum war. Ich atme, als hätte ich Wehen, ich atme in den Schmerz. Der Wadenkrampf löst sich auf. Der Schmerz meiner Seele bleibt. War es ALLES nur ein Traum?! Für wenige Sekunden bin ich nicht nur räumlich desorientiert – auch sehe ich mich für diesen kurzen aber wahrhaftigen Moment außerstande zu unterscheiden, was ich tatsächlich erlebte und was nicht. Der Traum war so real. Noch immer spüre ich seine Berührung, unsere Küsse. Sein Geruch liegt mir in der Nase. Der Klang seiner Stimme hallt in meinem Ohr, sein Atem liegt noch auf meiner Haut.

Völlig hin und her gerissen zwischen Traum und Wirklichkeit dämmert es mir, wo ich mich befinde und beginne zu weinen. ES weint mich. Ich weine so sehr, dass ich keine Luft holen kann und es sich mehr in ein nach Luft japsendes Schluchzen verwandelt.
Zuhause. In meinem alt bewährten Zuhause. Nichts hat sich verändert, auch ich nicht.

Was soll sich denn auch von allein verändern? ICH muss es ändern. Ich möchte es ändern. Ich kann es ändern. Aufgewacht aus meinem Traum, angekommen in meiner Wirklichkeit, beginnen meine Sehnsucht und Antriebslosigkeit mich zu umweben, wie eine unerbittliche Spinne ihren Faden um ihre Beute wickelt. Betäubt und bei wachem Bewusstsein sterbend zurückgelassen.

NEIN. Ich möchte mich dem nicht beugen. Ich zapple. Innerlich. Tief innen drin bäumt sich etwas auf. Die Wut. Wut gibt mir Mut und Antrieb. Wut kann zerstören. Wut kann erschaffen. Mir ist Antrieb aus Wut lieber, als garkein Antrieb.

Alles um mich herum fühlt sich immernoch beklemmend an. Ich sitze immernoch im Dunkel des Raumes, der sich dumpf anhört. Wie eine kleine Kammer, in der ich sitze.
Als mich was am Arm berührt, schrecke ich zurück und falle fast vom Bett. Von ganz weit her, immer näher kommend höre ich jemanden meinen Namen rufen.
Alles geht rasend schnell, ich fühle mich wie gelähmt aus Angst davor, meinen Verstand zu verlieren.
Mit einem Mal fühl ich mich, als zöge jemand an mir. Wie in einem dunklen Tunnel in dem ich entlang gezogen werde, von unnachgiebigen Händen aus dem Nichts.
Sterbe ich grade? Mein Name hallt wie ein Echo in meinem Gehörgang.
Jetzt ist es für einen kurzen Moment so hell, dass ich nichts sehen kann. So, als sehe man mit geschlossenen Augen in die Sonne.
Eine hundertstel Sekunde später sehe ich das Zimmer meiner Pension hell erleuchtet.
Thore schüttelt sanft meine Schulter und ruft meinen Namen.
„Was? Was ist los?“ schrecke ich auf.
„Du hast so unruhig geschlafen, klang nach nem unangenehmen Traum. Da dachte ich, ich erlöse dich und weck dich auf.“
Nun plötzlich fühle ich mich erleichtert, wie im Himmel geradezu.
Ich brauche noch einen Moment um die Situation zu erfassen, die sich jetzt einerseits real und doch unwirklich anfühlt.

Ich muss lachen, weil ich so erleichtert bin, dass alles nur ein Traum war. Ein Traum im Traum. Ich betaste meinen Körper. Er fühlt sich leicht an. Nichts mehr zu spüren von der Schwere der zusätzlichen Kilo und dem traurig-schweren Gemüt.

„Na, das muss ja ein bewegender Traum gewesen sein.“ spöttelte Thore leichtfertig herum. Streichelte meine Schulter kurz fürsorglich und klopfte sie dann freundschaftlich. Umgehend wird mir klar, was ich da träumte, bevor ich im Traum aufwachte. Als ich mir erschöpft über das Gesicht streife, bemerke ich die Tränen, die ich offensichtlich in echt weinte.

Ich glaube, ich werde grade Rot, vielleicht habe ich sogar hektische Flecken. So schön der Traum einerseits war, so schrecklich war er auch und ich bin froh. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich mir bereits in der ersten Hälfte der Nacht, einen Fauxpas leistete und noch die andere Hälfte überstehen muss. Ich hoffe, dies gelingt mir ohne weitere Zwischenfälle. Ich finde ja, er könnte sich auch mal daneben benehmen, damit ich nicht so allein als traumatisierter Trottel dastehe.

Mal sehen, was die andere Hälfte der Nacht noch so mit sich bringt.

Fortsetzung folgt…© by soulstripShe

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Neues Jahr, Neues Glück – Teil 3 „Thore´s Hammer“

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Wir plaudern  also kurz über das Wetter, der Zug fährt, der Schaffner kommt. Nachdem der Schaffner unsere Fahrkarten mit einem altmodischen Lochkartengerät entwertet hat, scheint es, als hätte er dies auch mit der Unterhaltung getan. Der Schaffner hat das Abteil verlassen und nun herrscht Schweigen. Verlegen lächle ich ihn an. Wenigstens lächelt er zurück. Naja, oder wir lächeln irgendwie zeitgleich. Wir müssten ja nun auch bald da sein. Also ich kann dieses Schweigen nicht aushalten, weiß aber auch nicht worüber ich mich mit ihm unterhalten soll. Mist! Ich bin so grottenschlecht im Smalltalk und im Flirten erst recht. Naja, nun  steckt er sich Kopfhörer ins Ohr und wischt irgendwas an seinem Smartphone herum.

Ich frage mich grad, woher er kommt. Er sieht auf jeden Fall nordisch aus. Aber hey, das hat nichts zu sagen, es gibt ja auch blonde Türken. Sein Englisch klingt astrein und vor allem flüssig. Nicht so stockend wie meins. Meist muss ich ersteinmal überlegen, bevor ich spreche. Ich suche nach den Vokabeln und überlege ob das jetzt in present tense oder past tense gesagt wird und worin noch gleich der Unterschied liegt. Entweder er kommt irgendwo aus den nordischen Ländern. Da sprechen die ja bekanntlich alle ziemlich fließend Englisch. Oder er lebt in England oder USA. Seine Aussprache klingt sehr amerikanisch angehaucht.

SUPER! Zum aus dem Fenster gucken ist es jetzt auch schon zu dunkel. Womit beschäftige ich mich jetzt? Am liebsten würde ich mir auch gern meine Musik weiter anhören und dabei anstatt der winterlichen Berglandschaft, seine markante Gesichtslandschaft, Mimik und Gestik studieren. Da er das wohl vermutlich für etwas aufdringlich halten könnte, entscheide ich mich doch dagegen und für die Disziplin. Ich hole mein Buch heraus „Siddhartha“ von Hermann Hesse. Dazu kann ich keine Musik hören, weil der Inhalt des Buches sehr gehaltvoll ist. Da muss ich mich konzentrieren.

Ich merke, wie meine Augen durch die Buchstabenzeilen wandern, in meinem Gehirn inhaltlich aber so rein garnichts ankommt. Aus den gelesenen Wörtern erschließt sich in dieser Situation absolut kein Sinn. Ich kann ihn atmen hören. Wenn man Kopfhörer trägt, merkt man nicht so sehr, was man im Außen für Geräusche produziert. Ich stelle mir seinen Atem in meinem Gesicht vor. Wie er wohl riecht oder schmeckt? Ich finde, jeder Mensch hat hat einen eignen Geruch, aber davon abgesehen gibt es auch Geruchsgruppen.

Es gibt die, die riechen, als hätten sie zu wenig getrunken und Fleisch gegessen. Dann gibt es noch die Raucher. Dann gibt es die, die nach frischem Gemüse oder Obst riechen. Und ich spreche hierbei von Gerüchen aus dem Mund. Da sind die Grüche, die der restliche Körper aussendet noch nicht inbegriffen. Aber meist kann ich schon allein am Atem feststellen, ob ich denjenigen gern küssen möchte. Und wenn ich ihn küssen möchte, passt er genetisch bestimmt zu mir. Naja, zumindest hatte ich mal irgendwo gelesen, dass man Menschen, die man gut riechen kann, auch sympatisch bis anziehend findet. Meine Theorie ist eher die, dass man diese Menschen sympatisch findet, WEIL sie für einen gut riechen. Und das steht bestimmt auch irgendwo von irgendwem Schlaues geschrieben.
Allerdings ist Genetik kein Ausschlusskriterium für Arschlöcher. Aber vielleicht werden ja alle erst bei MIR zum Arschloch. „Jetzt hör aber auf!“ spricht ein Teil meiner Selbst. „Hörst dich schon an, wie die Frauen, die sich selbst die Schuld dafür geben wenn ihr Mann sie schlägt.“ Und ich spreche hier nicht von dem neusten, neuerdings gesellschaftsfähigen soft SM Bestseller und der dort einvernehmlichen Gewalt.
Und es geht ja bei Gewalt in der Partnerschaft nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Mit Schuld komme ich nicht weit. Wenn ich aber davon ausgehe, dass jeder seinen Teil der Verantwortung für eine Situation in der Beziehung trägt, kann ich was daran ändern.
Ich verliebe mich vielleicht immer wieder in Männer, die gewalttätig sind. Und noch schlimmer, bleibe wie ein winselnder Hund bei ihnen in meiner „erlernten Hilflosigkeit (M.Seligmann), weil ich tief im Inneren glaube, dass ich sowas verdient habe. Dabei gibt es doch auch Männer, die nicht gewalttätig sind.
Und mir ist dann auch nicht klar, dass ich wieder einmal mehr nur Sklave meines Unterbewussten bin. Das bestrebt ist, bekannte Situationen immer wieder zu erschaffen.
Wie ein Regisseur wählt es die Kulisse und besetzt Rollen. Sobald etwas nicht stimmt, ruft es „cut“ und tauscht gegebenenfalls die Acteure nochmals. Außer mir. ICH spiele die Hauptrolle. Immer. Dabei sollte einem das bewusst sein. Aber auch wenn man jetzt in der Lage ist, die Arschlöcher zu erkennen, ist man noch lange nicht übern Berg. Denn trotzdem ist dieser Typ Mann dann immernoch aufregend und man verfällt ihm trotzdem noch eine Weile.
Wielang ist diese Weile?
Genau so lange nämlich, bis man sich selbst befördert hat und das Liebes-Stück als sein Autor umschreibt. Auch DIES würde vom Regisseur exakt umgesetzt werden. Ich liebe dieses Gleichnis für unsere Psyche.

Hach, jetzt wäre mir grad das Buch aus der Hand gefallen! Man! Plötzlich spricht er. Laut. Mit mir? Was hat er gesagt? Sowas wie Heisan? Nun redet er weiter auf…tja auf was eigentlich? Ha! Doch aus den nordischen Ländern. Aber ob das jetzt Norwegisch, Schwedisch oder Finnisch ist, vermag ich nicht zu differenzieren. Und ich dachte im allerersten Moment, er spricht mit mir. Kurz ging mein Herz wieder schneller. Jetzt fühlt es sich grad an, wie beim Intervalltraining. Voll Speed rennen und abbremsen um wieder langsam zu gehen.

Während er telefoniert guckt er mich an und macht eine Geste, die wohl soviel wie „Entschuldigung“ heißen soll. Dabei sieht er mein Buchcover. Für diesen Augenblick ist es so, als würde er so mit dem Anrufer telefonieren, wie ich mein Buch gelesen habe. Denn seine Mimik und Gestik ist jetzt grad für mich bestimmt. Er reißt die Augen auf, schiebt das Kinn nachvorne, was für mich übersetzt soviel heißt wie „Hey, sieh mal her, ich hab dir was mitzuteilen!“ Er zeigt auf mein Buch und hebt den Daumen. Ich übersetzte dies in „Super Buch! – habs gelesen. Oder auch „Kraaass, DAS liest du? Respekt, ich wollte es immer mal lesen, hab ich aber noch nicht.“ Nebenbei spricht er in sein Headset „Jaha…ju… förlåt? Jag mår bra, tack!“ Ich lächel ihn wieder an – verlegen natürlich und rätsele, was er wohl grad gesagt hat.

Warum bin ich denn verlegen? Ich glaube, bei soviel Mann schon doch eingschüchtert. Er hat so eine Art. Etwas souveränes. Selbst als er eben noch mit offener Kinnlade, völlig unbeeindruckt von meiner Gegenwart, vor sich hindöste. Umgekehrt muss es vielen Männern so gehen, wenn sie mich sehen. Ich habe schon einen ziemlich selbstbewussten Auftritt. Wenn der Mann dann als erstes durch meine Ausstrahlung eingeschüchtert ist, fühl ich mich noch stärker und schon ist der Mann nicht mehr ganz so sehr interessant für mich. Aber Männer, die sich durch mich nicht verunsichern lassen, verunsichern mich wiederum. Komisch ist das. Naja, es kann eben nur EINEN geben. Ist ja bei den Tieren auch so, von denen unterscheiden wir uns ja auch nur durch unsere Großhirnrinde. Das Denken. Zumindest einige wenige Exemplare der Menschheit sind in der Lage dazu. Der Rest scheint evolutionär irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter stecken geblieben zu sein. Was die Moral angeht jedenfalls. Mit Moral meine ich jetzt auch nicht, das moralisierende Verbieten von Dingen. Sondern eher das Erkennen der Verantwortung für den eigenen Umgang mit unserem Planeten, zum Beispiel. Eigenes Handeln mit seinen Auswirkungen reflektieren zu können, ist eine Eigenschaft, die nicht Vielen vorbehalten zu sein scheint.

Genau so sollte das auch in einer Beziehung geschehen. Beide Partner sollten dazu in der Lage sein. Denn natürlich sollte eine Beziehung immer auf Augenhöhe sein, trotzdem gibt es da schon feine Abstufungen. Mal dominiert der eine, dann wieder der andere. Also jetzt grad, dominiert er die Situation. Hat bestimmt auch etwas mit meinem Selbstwertgefühl zutun. Ich denke ja meist bei attraktiven Männern, dass die an mir eh nicht interessiert sind, weil ich eben nicht aussehe wie ein Model. Wer tut das schon? Nicht mal ein Model sieht in ihrer Freizeit aus wie ein Model! Im Gegenteil. Der Großteil der Modelwelt rennt zwischen den Aufträgen rum wie ein Schlumpf. Und die anderen der Gesellschaft versuchen immer so auszusehen, wie ein Model während eines Shootings. Komisch irgendwie. Hey, vielleicht ist er ja auch ein Model? Er könnte eines sein. Er sieht wirklich gut aus. Also, interessant irgendwie.

Da wir jetzt 2014 haben und ich mir vornahm positiver zu denken, beschloss ich das ganze anders zu betrachten. Nämlich s: Wenn ich für Männer, die ich für sehr, sehr, sehr interessant halte, eh nicht interessant bin, dann muss ich ja auch keine Angst haben, mich falsch zu verhalten. Ich spiele dann ja garnicht mit, in der Liga. Dann ist es doch sowieso egal. Dann muss ich auch nicht verlegen sein. Er flirtet nicht. Er ist einfach nur nett. Dann kann ich ja so sein, wie ich eben bin. Große Klappe. Dann ist es egal, wenn ich ihn verschrecke, weil ich eh von Anfang an nicht in sein Beuteschema passte. Also, was mach ich  mir einen Kopf. Immer hübsch auf dem Teppich bleiben. Wäre da bloß nicht immer meine Hormone, die mir dazwischen funken!

Er findet es cool, dass ich dieses Buch lese und ich bin ihm nicht egal. Naja, vielleicht können wir ja doch noch kurz ins Gespräch kommen, bevor wir am Ziel ankommen. Jetzt kommt keine Station mehr davor, das heißt er fährt auch nach St. August. Die Chancen ihm dort zu begegnen sind groß, denn der Ort ist wirklich klein. Warum will ich das denn noch, wenn ich eh nicht für ihn Frage komme? Naja vielleicht ist es spaßig und wohltuend mit ihm befreundet zu sein.

Ich habe einige Männer, mit denen ich befreundet bin. Die männliche (analytische) Sichtweise, die meine verquirlten Gedanken wieder sortiert, tut mir meist gut.

Oh Mist, der Zug kommt gleich an. Wie kann ich ihn denn wiedersehen? Ich meine einen sicheren Weg, ihn wiederzusehen. Nicht dieses unsichere „nach-ihm-Ausschau-halten“. Zu glauben ihn um jede Ecke biegen zu sehen. Von hinten oder von der Seite glauben erkennen zu können, um dann bei genauerem Hinsehen doch nur wieder enttäuscht zu werden.

Ich habe es also nicht geschafft ein solches „Attachment“ aufzubauen, dass er mir seinen Namen verrät, meine Telefonnummer haben möchte und sich mit mir treffen will. Mist! Mist! Mist! STOP!!! Es ist ein neues Jahr. Ich wollte ja neue Synapsenkreise aufbauen. Neue Schaltkreise in meinem Hirn schaffen, neue Überzeugungen bilden. Ich bin interessant. Einfach so. UND ich habe Eindruck gemacht. Weil ich bin, wie ich bin. Und er ist zumindest schonmal nicht zurück geschreckt. Das ist doch gut. Und wenn ich ihn nicht wiedersehe dann habe ich mich jetzt wenigstens getraut ihn anzuquatschen – einen riesengroßen, erwachsenen Erwachsenen Vikinger.

Oh, er ist fertig mit telefonieren. Jetzt erklärt er sich rechtfertigend auf Englisch, dass er es selbst immer ein bisschen komisch findet, wenn die Leute, während des Telefonierens, in den Raum sprechen – aber eben nicht mit den dort Anwesenden. Vermutlich hatte ich demenstprechend irritiert drein geschaut, dass er sich jetzt dafür quasie entschuldigt. Na toll, jetzt bin ich wieder am überlegen, was ich ihm darauf möglichst charmant und gleichermaßen raffiniert entgegnen könnte. Leere. Ich lächle wieder einfach nur. “ Maaaaaan! Sara! Komm jetzt mal aus dir heraus“ brüllt ein Teil von mir, mich innerlich an. Nö, Nichts. Da kommt nichts. Er holt aus seiner Tasche eine Tüte Pfefferminz-Bonbons heraus. Ich zucke fast zusammen, als er sie mir freudestrahlend entgegenstreckt und mich fragt, ob ich auch einen möchte.

Meine Hand zittert beim Ausstrecken in die Tüte. Deswegen sind meine Bewegungen etwas ungelenk. Damit er das nicht merkt, huscht meine Hand flink wie eine Maus in die Tüte und ebenso wieder heraus. Ich bedanke mich , während meine Hand nach den Bonbons greift und ich hoffe, dass mir unterwegs zum Mund nichts herunterfällt. Ach nein, natürlich. Da ist es schon geschehen. Der Pfefferminz Drops flutscht mir aus der Hand und fällt auf den Boden. Fast zeitgleich beugen wir uns nun vorn über, so dass sich unsere Köpfe beinahe im Gang treffen. Er winkt ab und sagt „Please, let me!“ Mein Kopf ist jetzt eine Mischung aus Tomaten -und Purpur-Rot. Gekonnt schnipst er den Bonbon in den Mülleimer, der unter dem Klapptisch am Fenster angebracht ist.

Er lässt mich lachend nochmal hineingreifen und sagt dabei „Let´s give it another try!“. Lass ihn bloß nicht fallen, lass ihn bloß nicht fallen, lass ihn…geschafft. Im Mund. Der Drops ist gelutscht.

Plötzlich, als ich so lutsche strecke ich ihm meine Hand entgegen “ I´m Sara, by the way“. Er sagt darauf „Hi Sara, nice to meet you“.

Als er meine Hand greift und schüttelt, lächelt er und zwinkert mit einem Auge. Ich ziehe in Erwägung, dass er vermutlich eher Zuckungen hat, anstatt mir grad eben tatsächlich zugezwinkert zu haben. Denke ich so bei mir, als mir auffällt, dass ER MIR SEINEN Namen nicht sagte. Mutig, vielleicht von der Pfefferminz, frage ich nach „And you are?“, beiße mir, kaum dass ich es ausgesprochen hatte, wieder auf die Lippen. Aber mein innerer Entschuldiger, mein seelischer, innerer Mutmacher rechtfertigt nun mein forsches Vorgehen vor meiner inneren richterlichen Abteilung – dem Über-Ich. Wieso, er hat mir seinen Namen nicht verraten und das gehört sich ja nun nicht. Also das versteht sich doch von selbst, dass man die Namensinformation als QuitProQuo austauscht.

Als er jetzt aber kurz stutzt indem er die Augenbrauen runzelt, sein Kinn etwas in Richtung Brust zieht und sein Kopf etwas seitlich dreht beschleicht mich das Gefühl, dass ich doch sehrwohl etwas absolut Verbotenes und Unerhörtes getan habe. Wahrscheinlich habe ich jetzt grade wieder genau SO drein geschaut. Als er sagt „Oh ja sorry, I´m Thore!“

Ich nur  grinsend „Ah, ok. Thore hm? Well ya, nice to meet you too!“. Grinsend deswegen, weil ich ja zuvor das Gefühl hatte, wie von Thor´s Hammer getroffen worden zu sein, als ich Thore erblickte.

Amüsiert wie ich bin, bemerke ich garnicht, dass der Zug jetzt gerade in den Zielbahnhof einfährt. Glücklicherweise bin ich auch zu amüsiert, um mich darum zu sorgen, ob ich ihn wiedersehen werde.

Als ich es realisiere beschließe ich nochmal kurz zur Toilette zu gehen, da ich just in diesem Moment starken Harndrang verspüre. Da ich nicht weiß, wie weit weg sich die Pension mit meinen Schweren Koffern im Schlepptau anfühlt, flitze ich zur Toilette. Thore packt grad seinen Krempel zusammen während ich mich beeile , um mit ihm zusammen den Zug verlassen zu können. So hab ich vielleicht eine geringe Chance mit ihm zusammen noch ein Stückchen zu gehen und vielleicht sogar herausfinden, in welchem Hotel er wohnt, oder ob er eine bezaubernde Freundin hat, die ihn vom Bahnhof abholt. Auf dem engen Gang zur Toilette konnte ich ein Blitzlichtgewitter sehen. St.Anton war auch bei Prominenten ein beliebtes Urlaubsziel. Davon hatte ich bereits gehört, aber dass es so schlimm ist, hatte ich nicht gedacht. Ziemlich übertrieben dieser Reporterauflauf. Vor allen Dingen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass irgendein Promi hier tatsächlich mit der Schu Schu-Bahn ankommt. Dann doch wohl eher standesgemäß mit Flugzeug bis München oder Innsbruck und direkt weiter mit der Allrad-Limousine.

Ein Blick in den Toilettenspiegel verrät mir, ich hab mich verguckt. Meinen Augen leuchten verdächtig. Ach und nebenbei stelle ich fest, so schlecht sehe ich garnicht aus, nachdem oder vielleicht weil ich von Thor´s Hammer getroffen wurde.

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Mist, er ist nicht mehr hier, denke ich und ziehe einen Flunsch als ich zum Abteil zurück gekehrt bin. Dabei hatte ich mich doch so sehr beeilt!

Schlecht gelaunt kämpfe ich mich mit meinen zwei riesen Koffern an dem Fotografen-Pulk vorbei. Soviele Männer auf einen Haufen und keinen interessiert es, dass ich Hilfe beim Tragen gebrauchen könnte. Tja, die guten Manieren und eine zuvorkommende Art sind wohl der Emanzipation der Frau zum Opfer gefallen. Selbst ist die Frau. Dann mach ich meinen Scheiß eben allein. Wie immer. Aber wenn ich nur hilflos genug meine Koffer hinter mir herschleife und immer wieder stehenbleibe, wird sich wohl einer erbarmen. Das zumindest ist immer die Strategie einer guten Freundin. Schamlos speilt sie mit den Klischees und lässt die Hilflose raushängen.

Ein bisschen neugierig bin ich jetzt natürlich schon, wegen wem dieser Massenauflauf hier veranstaltet wird. Aber man kann nicht in das Auge des Blitzlicht-Tornados sehen. Zuviele Menschen. Jetzt grad bin ich auch einfach nur entmutigt und enttäuscht, dass ich Thore nicht mehr um mich habe und die Chancen auch nicht besonders hoch stehen, dass  ich ihn hier wiedersehe. Zuviele Menschen auf einen Haufen. Und selbst wenn. Ach, er hat sowieso bestimmt ne Freundin.

Ich entscheide mich, nicht die hilflose Masche abzuziehen und schleppe mein schweres Gepäck verstimmt zu meiner Pension. Ich kann nur soviel sagen – nur gut, dass ich vorher nochmal zur Toilette war. Der Weg ist beschwerlich. Es schneit. Doofer Schnee! Mir ist kalt. Ich will in mein Bett. Die Decke über den Kopf ziehen und nicht mehr aufstehen. Haben ja nicht lange gehalten, meine neuen Vorsätze für das neue Jahr, positive zu denken und zu fühlen. Mein Großhirn ist stärker. Für jetzt.

Ich schlafe ein, mit dem Hall seines Namens in meinen  Ohren „Thore“. Sein Bild verblasst langsam. Einzig der schwingende „Mjölnir“ – der Hammer des Thor von Asgard, dem Reich der Götter – zeichnet sich ganz deutlich vor meinem inneren Auge ab, bevor er mich trifft und ich einschlafe.

Fortsetzung folgt…. © by SoulstripShe