Neues Jahr, Neues Glück – Teil 8 „Kotzen, Küssen oder Kaffee?“

Fast vier Tage ist es nun her, dass Thore und ich zusammen frühstückten. Diese Zeit fühlt sich an wie ein paar Wochen. Ach, was sag´ich, MONATE. Naja, wie eine halbe Ewigkeit. Das Schlimmste ist für mich immer die Ungewissheit. Nicht zu wissen, woran man ist, ist anstrengender als einfach nur einen Korb zu bekommen. Es fühlt sich an, als sei man ein Zombie. Einer, dessen einziger Antrieb und Lebensinhalt darin besteht, nur in der Nähe des Opfers umher zu kreisen. Halb verhungert, mit großem Appettit auf das Herz, das Hirn und die Seele des Geliebten, die Kreise immer kleiner ziehen – wie ein Raubtier auf der Jagd nach seiner Beute.

Schon in dieser Zeit neige ich dazu, mich gefühlsmäßig an die Person zu binden. Da kann ich erstmal nichts dafür. In meiner frühkindlichen Entwicklung, genauer, der oralen Phase, wurden meine Bedürfnisse nicht adäquat befriedigt. Seitdem besteht bei mir eine Fixierungssucht. Kann ich diese nicht in Form menschlicher Zuneigung stillen, kompensiere ich eben durch orale Fixierung. Damit ist jetzt nicht das gemeint, was einem zu oral meist als erstes einfällt, is klar! In meinem Fall ist es das Essen. Das Essen ist immer da, wenn ich es brauche. Es hält immer, was es verspricht. Zumindest für den Moment. Bis zu dem Zeitpunkt, da einem kotzübel wird und der Bauch wehtut. Der Moment, wenn man in eine Schnappatmung verfällt, wie ein Goldfisch in einem zu kleinen, veralgten Glas ohne Sauerstoff. Und das nur, weil der Magen so voll gestopft ist, dass er den Lungen den Platz zum atmen nimmt. Wenn man sich mal bewusst macht, dass der Magen eines Erwachsenen im Prinzip nur ein Fassungsvermögen von 500ml hat, und wie man diesen Wert als Esssüchtiger ständig überschreitet, kann man sich ausrechnen, wie belastend das für den gesamten Körper ist. Abgesehen von den Fettmassen, die man evtl. zusätzlich  mit sich herumtragen muss. Angesichts dieser Tatsache und der, des Spottes der Gesellschaft, finde ich es immer wieder erstaunlich, wie leidensfähig Menschen sein können.

Thore hingegen hat einen wirklich schönen Körper und seitdem ich an meinem arbeite, habe ich auch ein anderes Verhältnis zu ihm – also zu meinem Körper. Obwohl…vielleicht auch zu Thore, zu Männern überhaupt. Es verunsichert mich, plötzlich wieder interessant für die Männerwelt zu sein. Ich weiß garncht mehr, wie ich mit deren Reaktionen auf mich umgehen soll. Ich glaube, das wusste ich noch nie. Thore wirkt  zufrieden in seinem Körper. Er erzählte mir, dass er neulich ein Interview in einer Fernsehshow gab. Natürlich wurde er auf diverse Nacktszenen angesprochen, für die er kein Bodydouble verwendet. Selbstverständlich habe ich dieses Interview gegoogelt und mir auf YouTube reingezogen und zwar nicht nur einmal. Nein, immer und immer wieder. Der Talkmaster unterstellte ihm fast schon, als sei es etwas schlimmes, stolz auf seinen Körper zu sein. Thore hingegen blieb ganz ruhig und bezeichnete es eher als ein Wohlgefühl in dem eigenen Körper. Er fühle sich in seinem Körper wohl. Würde ich auch, sähe ich so aus.  Er ist selbst in Interviews irgendwie gelassen. Aber nicht nur das. Er ist auch lustig. Er kann auch über sich selbst lachen. Das macht ihn noch anziehender. Von ihm geht ein starker Sog auf die Damenwelt aus.

Wenn ich jetzt krampfig werde oder in Konkurrenz zu anderen Frauen gehe, werde ich definitiv der Verlierer sein. Weil ich dann nur noch von Eifersucht getrieben bin und vor allem deshalb, weil es immer eine Frau gibt, die hübscher oder interessanter ist als man selbst. Ich muss eben einfach so sein, wie ich bin. Und ICH bin diejenige, der er seine Handynummer gab. Entweder es funkt, oder eben nicht. Das ist dann eben auch so, würde meine Mutter jetzt sagen. Eifersucht. Eine weitere Sucht, die alles kaputt machen kann, bevor es begonnen hat. Ich merke aber, wie ich versuche, unser beider Begegnung  das „schicksalsträchtig“ Siegel auf zu drücken.

Alles in meinem Erleben, je nach Tageslaune, spricht dafür oder dagegen. Er liebt mich, er liebt mich nicht. Wie die Blütenblätter, die man ausrupft und es so deichselt, dass das letzte Blatt ein „er liebt mich“ wird. Oder die Billardkugel, die man solange schüttelt, bis sie „Yes“ anzeigt. Alles soll dafür sprechen und meine Hoffnung füttern. Wie in Goethes´ Leiden des jungen Werthers , wo Werther es als Fügung sieht und die gemeinsame Vorliebe für den Dichter Kloppstock als Beweis dafür nimmt, dass sie zusammen gehören, trotzdem sie in einer Beziehung ist – wohlgemerkt. Das Unerreichbare scheint oft so anziehend.

Ähnlich wie der Werther, neige ich dazu, mir ein Lied als DAS Lied auszusuchen, das wir in der Zeit des Zusammenseins beiläufig hörten. Wird es dann im Radio gespielt, ist es ein Zeichen. Je öfter es gespielt wird, desto größer ist die Chance, dass das Schicksal  einen wirklich meint und persönlich mit einem redet “ Ja, das ist er und er liebt dich, wie du ihn. Als Beweis dafür spiele ich dir euer Lied.“

Man erkennt es schon an den ersten paar Takten und beginnt sofort wie ein Breitmaulfrosch leicht dümmlich zu grinsen. Man geht nicht mehr einfach nur den Gang entlang, sondern federt. Jeder noch so ätzender Umstand, Stress oder Ärger wird übergossen mit rosafarbenen zähflüssigem Zuckerguss, sodass sich alles irgendwie nur noch schön anfühlt und süß. Alles ist dann garnicht mehr so schlimm. Die Hormone des Glücks regieren das Hirn nun in gänze und wirken wie eine Droge. Jeder Mann, in den ich verliebt war, war wie meine Droge und ihn an mich zu binden, bisher immer mein verwegener Plan.

Das doofe an einer Droge jedoch ist, dass man nie und zwar wirklich NIEMALS davon genug haben kann. Verschafft mir ein Mann nicht mehr die Wirkung, bin ich geneigt mich wieder zu lösen aus der Verbindung. Und mir ein neues Subjekt zu suchen, das die Gefühle in mir auslöst, nach denen ich süchtig bin. Im Prinzip betreibe ich Missbrauch. Ok, der andere kann ja nein sagen. Aber man sollte nicht die Manipulationsfähigkeit einer Frau unterschätzen.

Das alles ähnelt sehr einem bulimischen Fressanfall. Will man schnell ein Opfer finden, begibt man sich in eine Internet Singlebörse. Hier sieht man sich die Fotos der Männer, wie Wurstscheiben in der Supermarkt-Fleischauslage an. Man sucht sich nach ungefährem Geschmack einen aus. Kurzer Blick auf den Steckbrief. Und mit dem verlockenden Angebot des schnellen unverbindlichen, sprich unkompliziertem Sex, gehen einem einige schnell in die Falle.

„Hallo?“ beantworte ich enttäuscht den Anruf meiner Mutter. Sie ruft mich auf meinem Handy an. Manno, ich dachte es sei er. Nach einem geglückten Abwimmelversuch fahre ich mit meinem Gedankenmonolog weiter fort.

Ja im Prinzip kann man sagen, ich konsumiere Männer wie Lebensmittel. Also konsumierte, muss ich ja sagen. Weil ich es ja jetzt alles anders machen will. Ich habe ein halbes Leben so zugebracht. Glücklicher machte es mich nicht. Das Wissen darum allein half mir auch nicht. Wie eine Beziehung geht, kann ich ja nur lernen, wenn ich mich auch in eine begebe und somit heraus komme aus meiner selbst verordneten Schutzhaft, genannt „Isolation“. Ob ich mich dabei vor den Männern schützen wollte, oder die Männer vor mir. Oder ob ich mich letztlich vor mir selbst schützen wollte, kann ich garnicht so genau sagen. Aber ich habe verstanden, wie kurz das Leben ist und ich habe beschlossen, bestimmte Lektionen nicht wiederholen zu wollen/müssen. Und dies ist nicht einfach nur eine Plattitüde.

Gedanken getrieben hetze ich den Krankenhausgang entlang. Überhaupt bin ich hier immer die einzige, die am hetzen ist. Alle anderen haben die Ruhe weg. Vielleicht wäre ich in der Notaufnahme doch besser aufgehoben. DA rennen selbst die Österreicher. Hatte ich denn jetzt die Kurven alle schon abgearbeitet? Ich prüfe es lieber nochmal nach. Kurven nennt man in der Krankenhaussprache die Patientenakten. Hier ordnet der Arzt Dinge an, die ich dann umsetzen muss.

Durch meinen Beruf habe ich bereits  mehrere Menschen im Sterbeprozess, bis zum letzten Moment begleiten dürfen. Diese Situationen sind für einen selbst so grenzerfahrend, wenn man sich darauf einlässt. Sie führen einem so sehr vor Augen, was wichtig ist. Nämlich WIE ich mein Leben gelebt habe ist entscheidend, ob ich in Frieden oder im Todeskampf aus diesem Leben gehe. Elisabeth Kübler-Ross hat meine Erkenntnis in einem ihrer letzten Interviews bestätigt. Ich strebe eine ähnliche Haltung in der Liebe an. Aber letztlich kommt ja doch immer alles anders als man denkt und letztlich ist das Fleisch auch immer wieder schwach, da kann der Geist noch so willig sein. Und im Verdrängen sind wir Menschen ja eh meisterhaft, denn das passiert immer wieder automatisch und unbewusst, wenn ich nicht bewusst dafür sorge, dass bestimmte Inhalte in meinem Bewusstsein bleiben.

So habe ich es zum Beispiel geschafft drei Jahre lang vegan und nun noch vegetarisch zu leben. Zu Weihnachten allerdings packte mich die Fleischeslust und ich versuchte ganz bewusst diese Bilder der leidenden Tiere aus meinem Kopf zu verbannen, als ich vor einer Dönerbude stand. Es war wirklich schwer. Dieser Kampf kostete mich soviel psychische Energie (von der wir laut S. Freud nur eine begrenzte Menge zur Verfügung haben), dass ich erstmal schlafen gehen musste, nachdem ich den Döner verspeist hatte.

Hier hatte ich jetzt aber die Büchse der Pandora geöffnet und ich verfiel in einen regelrechten ca. zwei monatelangen Rausch. Schon während des Fleisch Kaufens konnte ich meine Gedanken dabei beobachten, wie sie entschuldigende Rechtfertigungen oder ent-emotionalisierte Rationalisierungen aus dem Hut zauberten.

„Das Tier ist doch jetzt sowieso schon tot. So kannst du seinen Tod wenigstens noch in einen guten Zweck verwandeln, wenn du es jetzt isst. Es ist gestorben, um dich zu nähren. Das ist ein ganz natürlicher Prozess.“

„Aber ich möchte die Quälerei nicht unterstützen und mit der Kaufkraft des Konsumenten bestimme ich das Angebot mit.“

„Wenn du es nicht isst, wird es weggeschmissen. Es ist doch jetzt schon herunter gesetzt, weil es bald abgelaufen ist. Dann ist das Tier umsonst gestorben. Außerdem ist der Mensch nun mal ein Allesfresser. Das ist nur natürlich.“, usw.

Thore isst Fleisch. Ich weiß garnicht, wie ich das finde und ob ich damit umgehen kann. Immerhin bin ich ja aus moralischen und nicht aus gesundheitlichen Gründen Vegetarier. Und ich weiß garnicht, ob es so gut ist, wenn die Moral so sehr auseinander geht. Aber ich habe mich mit ihm über das Thema noch nicht unterhalten und weiß garnicht genau, wie seine Einstellung dazu so ist.

Aber auch ich bin mal rückfällig geworden. Ich will ja nicht moralisierend in der Gegend herumlaufen. Ich wünsche mir nur einfach, dass die Werte meines Liebsten den meinen ähneln. So kann ich mir z.B. auch niemals eine Beziehung mit einem rechts-radikal gesinnten vorstellen.
Es gelang mir in diesen zwei Monaten des Fleischessens nicht in Gänze mein Gewissen, dass ich drei Jahre zuvor müßig aus dem Würgegriff des Verdrängungsmechanismus befreien musste, mundtot zu argumentieren. Es blieb bei der Verknüpfung von Bildern und Gefühlen mit einer Sache, die ich mir in den ersten Monaten meines Veganer Daseins antrainierte. Ich bildete im Prinzip neue Schaltkreise. Immer, wenn ich ein Stück Fleisch sehe, passiert es automatisch, dass ich das Tier sehe. Damit verbunden, entstehen sofort Bilder des Tieres in Massentierhaltung. Bilder des Tieres wie es um sein Leben kämpft, nicht versteht, was mit ihm passiert und warum es so schlimm und unwürdig behandelt wird und sich letztlich dem, von Menschen auferlegten Schicksal in Resignation beugt.
Diese Bilder produzieren in mir entsprechendes Mitgefühl. Der Grad zwischen mitfühlen und mitleiden ist schmal! Manchmal machen mich diese Bilder auch fertig. Dann muss ich die Hochspannung des Schaltkreies, wie mit ´nem Dimmschalter runter regulieren. Aber eben nicht so weit, dass ich die Tatsache des Tierleids wieder erfolgreich verdrängen kann.

Damit habe ich mir selbst bewiesen, dass ich in der Lage bin, meine Überzeugungen zu ändern und somit, mich anders zu verhalten. Zwar auch wieder ferngesteuert, also vom eigenen Hirn, aber eben halbwegs selbstbestimmt ferngesteuert. Zwar gibt es immer mal wieder kleine Rückfälle, aber anerkennend, dass auch ich nur ein Mensch bin, verurteile ich mich dafür nicht mehr.

Wenn ich eines im Philosophie Unterricht lernte, dann, dass der Mensch determinierter ist, als ihm das lieb ist. So merke ich auch, wenn ich an Thore denke, dieses Ziehen der Sucht nach Liebesrausch. Vielleicht sogar nach Drama. Ob ich dem wirklich standhalten kann und will, weiß ich nicht. Ich weiß nur, ich möchte endlich mal entspannt sein, in der Nähe eines Mannes. Ihn irgendwie maßvoll lieben, wenn das irgendwie geht. Allerdings muss ich mich ja auch schon aus meinem Schneckenhäuschen wagen und ihm zeigen, dass ich daran interessiert bin, ihn näher kennenzulernen.

Nachdem Thore und ich einen wunderschönen und auch sehr lustigen Morgen, mit Frühstück im Bett verbrachten, gingen unsere Wege wieder auseinander. Er war hier, um sich auf seinen neuen Job vorzubereiten, seine neue Rolle. Das heißt, er muss sich ein bisschen zurückziehen und auf sich und die Rolle konzentrieren. Hab ich ja gewusst. Jahrelange Beziehungsmuster werde ich nicht ändern können. IMMERNOCH steh ich auf Männer, die irgendwie nicht erreichbar sind. Maaaaan! Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich dieser Zombie bin. Dieser Liebeshungrige Zombie, der unstillbaren Hunger hat. Das würde bedeuten, dass ich mir nicht immer nur Männer aussuche, die sich nicht wirklich einbringen. Sondern, das würde bedeuten, dass kein einziger meinem Bedürfnis nach Nähe permanent gerecht werden kann.

Was allerdings diesmal anders und positiv läuft, ist seine Ankündigung.  Das heißt, ich mache Fortschritte in der Wahl meiner Männer. Er kündigt an, nicht verfügbar oder ansprechbar zu sein, für die nächsten Tage. Und ER macht den Vorschlag Nummern auszutauschen. Allerdings fällt es mir schon schwer seine Freundlichkeit und Offenheit zu deuten. Bin ich für ihn lediglich eine Art Kumpel oder nimmt er mich doch schon auch auf der Mann/Frau Ebene wahr?

Seine Handynummer zu haben, ist für mich, wie für den Esel die Möhre vor der Nase zu haben. Die Möhre an der Angel, die mich in Bewegung hält, in der Hoffnung, ich erreiche sie doch noch. Naja eine kleine sms schadet doch nichts. What´s App benutzt er nicht. Er ist auch sonst in keinen Social Media Plattformen unterwegs. Eigentlich ganz vernünftig, wenn man in der Öffentlichkeit steht, glaub ich. Ach ne, lieber doch nicht. Soll er sich lieber melden. Ich will nicht anhänglich wirken, auch wenn ich es verspüre – den Drang mich an seine Lippen zu heften, zum Beispiel. Ich will ihn nicht überfordern oder verschrecken. Er wirkt manchmal auch, wie ein Reh, das leicht zu erschrecken ist und dann wegrennt, obwohl man es doch nur streicheln wollte. Aber für ein Reh würde es eine Zähmung durch den Menschen bedeuten. Und wir alle kennen die Geschichte des kleinen Prinzen.

Ne, also jetzt versuche ich, mal wieder etwas runter zu kommen. Fixierung ist scheiße, weil man dann so Stalker-ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legt. Vor allem völlig die Realität verzerrt. Naja Realität ist eh relativ. Ich weiß. Und doch, es ist wichtig, dass ich jetzt nicht ganz so hoch fliege, sonst wird der Fall echt tief. Bis ins Erdkern-Innere oder so.

Es ging unerwartet kontaktarm weiter. Warum suche ich mir denn eigentlich immer Männer aus, die unverbindlich bleiben? Männer, die entweder örtlich nicht verfügbar sind, mich aber total überschwänglich und zeitraubend auf allen möglichen Social Media Wegen lieben wollen. Oder welche, die neben mir sitzen aber sich emotional am anderen Ende des Äquators befinden. Ich kenne die Antwort auf die Frage schon. Es hat etwas mit der Kindheit und mit der Rolle meines Vaters zu tun. Natürlich. Aber bringt mich das Wissen um die Antwort auf meine Frage weiter lieber Dr. Freud?

Ich wende mich von der Psychoanalyse ab und dem Kognitivismus zu. Martin Seligman hatte ja mal ein Buch heraus gebracht mit dem Titel „Pessimisten küsst man nicht, Optimismus kann man lernen“. Das würde ein viel besserer Weg sein, um über meine tiefe Vertrauenskluft zu Männern eine Brücke zu bauen, auf der ich ihnen ohne Sicherungsgurt begegnen kann.

Aber auch das ist müßig, denn vom Unbewussten wird man weitaus mehr beeinflusst in seinem Denken, als man sich als Mensch mit Verstand eingestehen will. Gedanken können sich gut oder schlecht anfühlen. Der Kognitivismus hilft einem im Prinzip ja nur, das Denken zu ändern. Und dadurch tiefe Überzeugungen aufzuweichen, bis sie sich verändert haben. Solange an seinem Denken herum zu feilen, bis man alles nicht mehr mit einer Dramaqueen-Brille beurteilt, ist mein Ziel. Ich las ja auch mal, dass man nicht immer das selbe tun und andere Ergebnisse erwarten kann. Will ich was anders haben, muss was anders machen. Aus diesem Grund bin ich ja hier.

Thore hat diese Leichtigkeit. Das zieht mich einerseits an. Andererseits turnt es auch ab, weil er vielleicht dazu neigt, Dinge, Situationen oder Menschen nicht so ernst zu nehmen. Ich bin wütend, enttäuscht und traurig. Ich fühle mich abgelehnt, weil er sich nach unseren tollen paar Stunden, die wir miteinander hatten, nicht mehr bei mir meldete. Wenn er es auch so schön fand wie ich, dann würde er sich schon gemeldet haben. Vielleicht habe ich auf ihn anstrengend, kompliziert oder abstoßend gewirkt?

„Sara, Zimmer acht, frisch aus dem OP, benötigt eine Nierenschale. Der Stationsarzt hat bei ihm MCP Tropfen gegen Übelkeit angesetzt. Und ermittle bitte die Schmerzskala bei ihm.“

Hier auf der akuten Inneren geht es mitunter turbulent zu. Natürlich nicht so schlimm wie in der Notaufnahme. Jetzt klingelt es aus Zimmer acht schon wieder. Leider kam mir Zimmer drei dazwischen. Die Zeit hier in der Unfallklinik des Skiortes ist wirklich lehrreich. Die Menschen sind hier auch in Notsituationen viel gelassener als in der deutschen Hauptstadt. Außerdem kann man hier wirklich allehand komplizierte Brüche sehen. Man glaubt garnicht, was Menschen auf zwei Brettern, oder einem Brett manchmal anstellen. Bei manchen Verletzungen habe ich mich schon gefragt, wie er oder sie das hin bekam.

Aus dem Zimmer acht kommen grad zwei kichernde Mädels der Putzkolonne. Wahrscheinlich fänden Männer die beiden total süß. So kindliche Frauen, hager und mager, leicht und beschwingt. Verspielt irgendwie. Ich werde immer eher dem mütterlichen Typ Frau zugeschrieben. Wenn ich DAS höre, werde ich meist aggressiv. Innerlich. Ich bin zwar gut darin, mich um Menschen und deren Belange zu kümmern, aber ob ich das wirklich gerne mache und ob mir das wirklich gut tut, wage ich manches Mal zu bezweifeln. Und setzt ein Mann diese Eigenschaft bei mir voraus, nur aufgrund meines Äußeren oder meiner Berufswahl, werde ich echt ungehalten. Meist verhalte ich mich dann mit Absicht besonders rücksichtslos und hole mein verbales Samurai heraus, um ihn im Wortgefecht nieder zu metzeln. Einfach nur, damit er nicht auf weitere dumme Gedanken kommt. Gedanken wie, ich solle ihm doch bitte sagen, wo seine Socken liegen oder welches Hemd er zu welcher Hose anziehen soll. Um sich dann, von mir gut gestylt, von anderen Frauen Bestätigung zu holen. Einer, der danach nachhause kommt, sich ins gemütliche Nest meiner geschaffenen Geborgenheit kuschelt um mich dann zu fragen, was es denn heute zu essen gibt und ob ich ihm ein Bier aus der Küche holen könne.
Ich klinge bitter? Finde ich nicht. Ich klinge realistisch. Desillusioniert. Allerdings lebte es sich in meinen juvenilen Beziehungs-Sandschlössern unbeschwerter. Dingen auf den Grund zu gehen kann eben auch wehtun. Darum wird Alice im Wunderland wohl gefragt, wie tief sie in den Hasenbau gehen will.

Während ich Alexandras Song „Illusionen“ summe und Zimmer acht betrete, stockt mir der Atem und ich verstumme. 1) weil mir eine Duftwolke von Erbrochenem entgegen fliegt und b) weil der Patient in Zimmer acht offensichtlich Thore ist, der sich gerade die Seele aus dem Leib kotzt.

Sofort laufe ich los und organisiere eine Nierenschale, die ich leider vergessen hatte, schusselig, wie ich manches Mal bin. Während ich im Eilschritt den langen Stationsflur entlangschliddere und mir unterwegs noch ein paar Zellstofftücher und Einmalhandschuhe organisiere, überschlagen sich meine Gedanken.

Ich hab ihm so Unrecht getan. Vielleicht hätte er sich bei mir gemeldet. Konnte er aber nicht, weil er hier liegt. Was ist ihm passiert? Offensichtlich musste er operiert werden und reagiert mit Übelkeit auf die nachlassende Narkose.

Deswegen kicherten die Putzfeen so. Weil ER hier ist. Oh man, ob ich meine Professionalität wahren kann? Ich fühle mich in leichtem Schock Zustand. Ich handle wie ein Roboter. Klopfe an der Zimmertüre erneut an, als ich das Zimmer betrete. Halte ihm die Nierenschale, als er sich zur Seite beugt, weil er sich erneut übergeben muss. Er befindet sich derzeit noch im Dämmerzustand. Wirkt desorientiert. Seine Augen fallen ihm sofort wieder zu, als er seinen Oberkörper erschöpft wieder ins Kissen sinken lässt.

Ich lege auf die Pfütze auf dem Boden den Zellstoff, befeuchte einen Waschlappen und wische ihm den Mund ab und tupfe ihn danach trocken. Hier muss dringend frische Luft rein. Ich kippe das Fenster an.

Wie schwach und verletzlich er aussieht, wie er da so liegt. Schutzlos ausgeliefert, nur dämmernd bei Bewusstsein. So ein starker, großer Mann. Er sieht grad ganz klein aus. Ich muss ihn etwas aufwecken, damit er zu sich kommt. Im Dämmerzustand ist die Gefahr des Verschluckens zu groß.

„Thore“ flüstere ich seinen Namen sachte, genauso sachte, wie meine Berührung seiner Schulter. Er reagiert nur wenig „Hm?“ fragt er verschlafen nach. Wir dürfen ja unsere Patienten eigentlich nicht duzen.

Nagut, härtere Geschütze. “ Hallo Schlafmütze! Einmal wach werden bitte!“ sage ich ihm etwas schroffer und kühler. Es klingt wenig mitfühlend und genauso unnachgiebig rüttele ich nun seine Schulter. Er kommt zu sich und lächelt.

„Hej sarrrraaaa you´re so great.“ lallt Thore. Klingt fast besoffen. Er bekommt die Lippen kaum auseinander und die Augen kaum auf.

„Ich hab hier etwas gegen die Übelkeit. Wenn du das trinkst, dann geht es dir gleich besser.“

Er muss aufschlucken und guckt nun schmerzverzerrt. „Hast du Schmerzen?“

„Nein, wenn du da bist geht es mir gut“ sagt er auf Deutsch. „Ahh“ stöhnt er nun doch schmerzerfüllt.

Ich besorge dir gleich ein Schmerzmittel. Ich wundere mich über sein Deutsch. Er kann kaum sprechen und haut hier Deutsch raus.

„Kannst du den Becher selber halten?“

„Jadå.“ spricht er nun wieder auf Schwedisch und schläft wieder weg. Irgendwie auch süß, wie er so rumlallt.

„Hallooooo, bleib mal wach, hier trink mal bitte.“ Ich stütze seinen Kopf etwas hoch, damit er weiß, was ich von ihm will und setze den Becher an seine Lippen. „Soooooo und jetzt mal trinken, bitte.“

Während sich seine Augen müde etwas nach hinten rollen, lallt er er brabbelnd „I really like you Sasa.“ und lächelt dabei. Meinte er jetzt mich? Vielleicht kennt er ja eine Sasa, so wie Sasa Gabor und verwechselt mich aufgrund seiner Verwirrung. Kann ich mich jetzt freuen, dass er mich meinte, oder betrachte ich es wertfrei, weil er mein Patient ist und er außerdem auch nicht mich gemeint haben könnte?

Ich beschließe mich darüber zu freuen und seine Aussage auf mich zu beziehen. DAS war besser als jeder Song, der plötzlich im Radio gespielt wird. Mein Magen hüpft, mein Herz auch und ich glaub, ich auch.

Während ich ihm seine Schmerztropfen organisiere frage ich mich immernoch, weswegen er hier liegt. Ich fühle mich ihm gerade eigenartig überlegen, aber auch nah. Ich bin doch schon ganz schön souverän, muss ich feststellen. Garnicht mehr so unsicher bzw. verunsichert, das sich dann in Kleinkindgehabe inklusive quietschender klein Mädchen-Stimme.
Naja ok, er liegt jetzt auch etwas wehrlos und nicht Herr seiner Sinne, mir ausgeliefert in seinem Bett. Ist ja klar, dass ich grad die federführende bin.

Ich schicke die Reinigungskraft erneut in sein Zimmer, damit sie nochmal durch wischen. „Gern doch“ gibt sie kichernd wider. Diesmal schicke ich allerdings nicht eine dieser Hühner herein sondern die Bodenständige, sich der Rente annähernde Berta. Ich muss ihm meine potenzielle Konkurrenz nicht geradewegs in die Arme schubsen. Ihrem Kichern entnehme ich, dass sich die Nachricht, durch wen Zimmer acht belegt ist, herumsprach.

Ich muss mir unbedingt seine Patientenakte durchlesen.

Ein hübsches junges Mädel quatscht mich auf dem Weg zu seinem Zimmer an und fragt mich auf gebrochenem Deutsch, ob ich eine Blumenvase habe. Niedlich. Muss ich neidlos anerkennen. Die Aussprache klingt so niedlich und maaaan, es gibt aber auch echt hübsche Frauen. Schon wieder beginne ich zu kategorisieren und reihe mich ein in einer Liga unter ihr ein. Aber genau dieses blöde private Sara-Klassendenken will ich ja los werden. Aussehen ist nicht alles und außerdem Geschmackssache. Ich glaub, was ich so schön an ihr fand, war ihre Art. Sie wirkt so nett und sympathisch, dass man gleich in ihren Bann gezogen wird und beginnt, glücklich zurück zu strahlen. Als hätte ich gerade in der Lotterie gewonnen, grinse ich.  Normalerweise vergleiche ich mich in meiner überwiegenden Stimmung eher mit Grumpy Cat. Wäre ich ein Tier, wäre ich Grumpy Cat, oder Angry Bird. Sie hingegen wirkt eher wie Tweety. Ein sympatisches, süßes, pfiffiges Vögelchen.

„Schwester Sara, möchten Sie gleich einer Gastroskopie beiwohnen?“ fragte mich der diensthabende Arzt und lenkte mich somit von meiner Blumenvasen Mission ab. Ach und das Schmerzmittel muss ich noch organisieren. „Klar bin ich mit von der Partie, bei ´ner Gastro, was ne Frage, Dr. Gruber“ gab ich kodderig zurück. Ich hatte hier ja eh den Status eines Piefkes, also konnte ich mich auch dem Ruf entsprechend benehmen. Wir lachen beide.

Hier besteht eine weniger Steile Hierarchie als in Deutschland, in den meisten Krankenhäusern.

Freudig summend husche ich zurück zu Thore´s Zimmer, vergaß vor lauter Freude anzuklopfen, riss die Tür auf und was ich jetzt sah ließ mich, wie von Medusa angeblickt, versteinern.

Tweety saß an Thore´s Bett, hielt seine Hand. Beide lehnten ihre Köpfe an der Stirn des anderen. Es sah nach sehr zärtlicher Zuneigung aus.

Tja, Pech Sara, DAS ist wahrscheinlich Sasa.

Ich höre auf zu atmen und mein Herz fühlt sich jetzt ohne Übertreibung und Einbildung so an, als stoße man ein Messer hinein. Dieses Stechen. Diese Demütigung. Diese Enttäuschung. Dieser Schmerz. Meine Knie werden weich und ich habe das Gefühl in Ohnmacht fallen zu müssen. „Du reißt dich jetzt zusammen! Schließlich bist du ein Profi.“ faucht mein Über-Ich mich an. Ich kann mich hinter meiner Maske des Berufs verstecken.

Da ich noch direkt hinter der Tür stehe, bekomme ich diese ebenso direkt ins Kreuz, als die Dame aus der Hygieneabteilung mit ihrem Wischmop das Zimmer betreten will.

„Ja super, jetzt gib mir auch noch von hinten eine drauf DU SCHEIß LEBEN!!!“ schimpfe ich innerlich. Im außen jedoch hört man von mir lediglich ein beschämtes „ups“ und auf die Entschuldigung der Wischmop schwingenden Dame ein leises „Macht nix, konntest du ja nicht wissen. Kannst ja nicht durch die Tür gucken.“ höre ich mich selber sagen, während ich schrill dabei lache. Viel zu laut. Völlig unangemessen zu laut. Ich hasse Menschen, wenn sie aus Unsicherheit zu laut lachen. Und nun bin ich selbst einer von ihnen. Tja, so schnell kann´s gehen.

Ich trete zu Thore ans Bett und sage kühl „Ich habe ihr Schmerzmittel dabei, die müssten sie noch nehmen.“ Ich reiche ihm die Tropfen in einem kleinen Becherchen.

Danach lässt sein Kopf in das weiche Kissen sinken nimmt meine Hand, drückt sie und sagt „Danke Sara, du bist mein Engel.“ Sofort schießen mir die Tränen in die Augen. Ich bin verwirrt. Weiß nicht was ich davon halten soll. Nein! Er ist verwirrt. Noch halb auf Narkosedröhnung. Das darf ich jetzt nicht ernst nehmen.

Wohl auf Schwedisch sagt er zu Tweety. Ihrer Mimik, die ja meist universal ist, entnehme ich ein „Ahhh, achso, SIE ist es.“, dann lächelt sie mich an.

Der Dame von der Putzkolonne fällt in dem Moment die Kinnlade herunter. Sie steht jetzt da, als schaue sie sich einen Film an. Und ich? Ich bin die weibliche Hauptrolle? Kann das sein?

Ist das jetzt gut, oder wächst mir die Situation schon jetzt über beide Ohren? Meinte er das so wie er es sagte? Meint er einfach nur, dass ich meinen Job gut mache. Oder meint er, dass er in mich verliebt ist und ich ihm wie ein Engel vorkomme? Oder hat er nur einen Spaß gemacht? Oder er ist drauf von den Tropfen? Die schießen nämlich umgehend in die Blutlaufbahn und man fühlt sich ein bisschen wie auf Droge. Nicht, dass ich wüsste, wie sich das anfühlt – auf Droge sein.

Thore hält immernoch meine Hand. Mir ist die Situation unangenehm, deswegen winde ich mich aus seiner Berührung und verabschiede mich mit den Worten „I´m gonna leave you two alone now, though – take care.“
Meinen Kloß im Hals schlucke ich herunter, die Tränen ziehen sich langsam zurück.

„Thanks“ bedankt sich Tweety bei mir.

Die Putzfrau steht immernoch mit offenem Mund da und schaut mir hinterher. „Berta, mach´n Mund zu, die Milch wird sauer!“ ruf ich ihr zu, während ich den Raum verlasse. Den Raum, der soviel Unklarheit für mich  insich birgt, dass mir schwindelig ist. Wie in Trance gehe ich zum Schwesternzimmer und nehme mir eine Tasse Kaffe. Ich muss mich setzten und schlürfe ihn, den heißen Kaffee. Wenigstens darauf kann ich mich verlassen. Mit diesem Reiz kann ich was anfangen. Dass Kaffee noch wie Kaffee schmeckt. Mal besser, mal schlechter – dennoch immer nach Kaffee. Kaffe ist meine neue Essanfall-Stopphilfe geworden, seit ich soviel abnahm. Dieses Ritual gibt mir Halt und gebietet mir Einhalt. Wie für einen Raucher vermutlich die Zigarette.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Am liebsten würde ich jetzt zu ihm stürmen, die Zimmertüre aufreißen und ihn küssen. Ein völlig paradoxes, unlogisches Verlangen. Das mag eklig klingen, bedenkt man, dass er sich vor garnicht solanger Zeit übergab. Aber das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. Ich verspüre einfach nur den Drang zu ihm gehen zu müssen und ihn zu küssen. Wild, unbändig, stürmisch – so, dass wir beide kaum noch Luft bekommen. Ganz gleich, wer um uns herum ist und was vor oder nach diesem einen Moment geschieht. Die uralte Morla aus der unendlichen Geschichte hatte Recht “ es ist sogar egal, dass es egal ist“. Er hat mich vor seiner Bekannten schonmal nicht verleugnet. Das sind gute Neuigkeiten und lassen mich erneut hoffen.
Küssen. Einfach nur das.

Stattdessen sitze ich jetzt wie festnegnietet, kopfschüttelnd da, während ich Berta und die anderen im Krankenhausflur über Thore und mich tuscheln höre und schlürfe meinen Kaffee, der immer schmeckt, wie Kaffee.

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Neues Jahr, neues Glück – Teil 6 „Liebe im Nichts“

Sein Zeigefinger streift langsam und kaum spürbar und doch das innerste Mark erreichend, über mein nacktes Knie. Das einzige Geräusch, das man in meinem Zimmer vernehmen kann ist das knisternde Holz des brennenden Scheites im steinernen Kamin und den Schlag meines Herzens. Mein Puls rast. Ruhiges Atmen fällt mir schwer in Anbetracht seines direkten und mich musternden Blickes. Er sieht mich an. Fordernd und doch geduldig und liebevoll. Ich habe das Gefühl meine Bauchdecke zittert vor Aufregung für ihn sichtbar. Schon fast selbstgefällig lächelt er. Der Blick ist nicht gespielt sondern echt. Das merke ich daran, weil dieser mich durchdringt und in mein tiefstes Inneres erreicht. Er versucht nicht, mich pseudo-erotisch anzustarren und die Situation pseudo-zu-kontrollieren um mich pseudo-zu-verunsichern. Den Unterschied spüre ich. Ich erkenne, wenn jemand nur spielt, die Situation und sich im Griff zu haben. Das würde mir dann eher peinlich sein, aufgrund des Fremdschämens. Für mich ist Erotik, wenn der andere sich im Griff hat und ich mich fallen lassen kann. Und dann wieder, habe ich mich im Griff und er lässt sich fallen. Wie beim Tango tanzen, bei dem erst der eine, dann wieder der andere, Nähe und Distanz, Kontrolle und Kontrollverlust demonstriert. Unsere Hemmungen und Ängste unsere Bedenken – all das fällt in diesen Momenten von einem ab. Alles nur eine Illusion würde Jiddu Krishnamurti, indischer Philosoph,  sagen. Und genauso sieht er mich jetzt an. Ich fühle mich gesehen, beachtet und so sein gelassen. Das gibt mir Sicherheit, mich weiter, tiefer hingeben zu können. Stück für Stück, immer mehr. Voller Vertrauen. Zumindest, in diesem Moment.

Krishnamurti nennt das Gleichnis des Baumes. Wenn ich den Baum ansehe und denke „dies ist ein Baum“  sehe ich nicht mehr das Wesen des Baumes, sondern nur das Bild eines Baumes. Ein Bild ist statisch und zweidimensional. Ich projiziere etwas auf den anderen, das dann wie ein Filter davor geschoben wird. Meine Wahrnehmung wäre dann so flach wie ein Blatt Papier, das aus diesem Baum geschaffen wurde. Das Wesen eines anderen, mit allem was ihn ausmacht im Jetzt zu erfassen, ist es, wonach der Mensch sich sehnt. Der Wahrgenommene und der Wahrnehmende. DAS ist dieser Moment, in dem alles von einem abfällt. Der Moment, dem ich hinterherjage, seitdem ich von Zweisamkeit weiß. Erlebt habe ich sie nur in wenigen Momenten von langjährigen Beziehungen. Momente, in denen ich wusste,  Angst ist auch nur ein solches Bild. Zweidimensional. Eine Mauer aus Pappmacheé allenfalls.

Wer hätte gedacht, dass ein einzelnes Knie so viele Rezeptoren  haben kann? Ein Hauch seines Körpers fasst mich an und es fühlt sich an, als hätte er tausend Hände, die meinen Körper in Gänze berühren.

Ich liege auf der Couch und er sitzt neben mir. Über mich gebeugt. Immernoch sehen wir uns tief in die Augen.  Als spielten wir das Spiel „Wer zuerst wegschaut hat verloren“, nur dass wir nicht spielen. Es fühlt sich fundamental an. Ich wünsche mir mehr. Wie verzehrte sich meine Seele schon immer nach einem Gegenüber, das die Geduld und die Würde hat, abzuwarten. Abzuwarten, bis ich mich verzehrend winde vor Verlangen, weil das geduldige und würdevolle „Nichts“ so unerträglich erscheint. Das Nichts, das einen umgibt, wenn man liebt. Wie ein gemeinsames Vakuum. Alles und Nichts um einen herum. Alle Sinne fühlen nichts außer seinen Geruch…Geschmack… seine Geräusche. Losgelöster Fokus.

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Er sitzt einfach nur neben mir und sagt nichts. Auch ich schweige. Seine Berührung wandert meinen Arm hinauf, über den Hügel meiner Schulter, entlang meines Schlüsselbeines. Seine Augen folgen seinem Finger. Kurz sieht er zu mir. Vermutlich um sich zu vergewissern, dass es mir gefällt. Ich schließe meine Augen und sehe mit dem Teil von mir, den er in diesem Moment berührt. Ich sehe mit jeder Pore meines Daseins.

„Brot, Salz…hab ich noch Zucker?“
„Nein, nicht abschweifen! Lass dich fallen.“ bitte ich meine Gedanken.
„Wenn ich intra muskulär injiziere muss ich aspiriren. Bei subkutaner Injektion wird nicht…“ quatscht meine Großhirnrinde weiter, um sich bloß nicht in der Situation zu verlieren.
Verärgert und genervt von meinen abschweifenden Gedanken, öffne ich die Augen.
Ich erblicke ihn dicht vor mir. Sofort holt mich sein Blick voll ins Hier und Jetzt zurück. Denn jetzt sieht er mich an als wolle er mich gierig verschlingen. Unerbittlich ergreift seine Hand meinen Nacken und zieht mich langsam mit bestimmenden Genickgriff näher zu sich heran.

Sein Blick durchbohrt mich förmlich, genauso wie sich seine Zunge den Weg zu meiner bahnt.
Intensiv begegnen sie sich. Ich habe das Gefühl mich darin zu verlieren. Ich versinke in seiner Umarmung. Aus seinem fordernden Druck wird jetzt ein kaum spürbares, leichtes Streifen unserer geöffneten Lippen. Fast so als berührt sich lediglich unser Atem.

Ich räkle mich. Doch was ist das denn jetzt?!

„Autsch“ schreie ich und winde mich aus seiner vereinnahmenden Umarmung. „Was ist?“ fragt er hochgeschreckt und wirkt durchaus besorgt.
„Ich hab nen Kraaaaampf…achhhhh Scheiße! Tut das weh.“ Mein Wadenkrampf unterbricht unser körperliches Geflüster. Na Super! Ganz Toll!

Ich beuge mich vor und halte meine Wade fest. Kräftig schlage ich auf die Couch, in der Hoffnung, der Krampf verschwindet dadurch. Wie eine Übersprungshandlung, um den Schmerz besser aushalten zu können. Wie Zähne zusammenbeißen, ohne Zähne zusammenbeißen. Während ich dies tue scheint sich mein Bewusstsein aus dem Nebel meines Vorbewussten zu lösen und in der Realität anzukommen, in der ich mich leise wimmern höre.

Kein warmes Kaminfeuer. Stattdessen, Dunkelheit. Kein wärmender Körper neben mir. Stattdessen meine, mich wärmenden 30 Kilo zuviel auf den Rippen, die mich nun plötzlich wieder umgeben.

Einen Moment ist mein Denken noch benommen vom Traum und vom Schmerz des Krampfes, sowie der schmerzhaften Erkenntnis, dass alles, was ich erlebte ein Traum war. Ich atme, als hätte ich Wehen, ich atme in den Schmerz. Der Wadenkrampf löst sich auf. Der Schmerz meiner Seele bleibt. War es ALLES nur ein Traum?! Für wenige Sekunden bin ich nicht nur räumlich desorientiert – auch sehe ich mich für diesen kurzen aber wahrhaftigen Moment außerstande zu unterscheiden, was ich tatsächlich erlebte und was nicht. Der Traum war so real. Noch immer spüre ich seine Berührung, unsere Küsse. Sein Geruch liegt mir in der Nase. Der Klang seiner Stimme hallt in meinem Ohr, sein Atem liegt noch auf meiner Haut.

Völlig hin und her gerissen zwischen Traum und Wirklichkeit dämmert es mir, wo ich mich befinde und beginne zu weinen. ES weint mich. Ich weine so sehr, dass ich keine Luft holen kann und es sich mehr in ein nach Luft japsendes Schluchzen verwandelt.
Zuhause. In meinem alt bewährten Zuhause. Nichts hat sich verändert, auch ich nicht.

Was soll sich denn auch von allein verändern? ICH muss es ändern. Ich möchte es ändern. Ich kann es ändern. Aufgewacht aus meinem Traum, angekommen in meiner Wirklichkeit, beginnen meine Sehnsucht und Antriebslosigkeit mich zu umweben, wie eine unerbittliche Spinne ihren Faden um ihre Beute wickelt. Betäubt und bei wachem Bewusstsein sterbend zurückgelassen.

NEIN. Ich möchte mich dem nicht beugen. Ich zapple. Innerlich. Tief innen drin bäumt sich etwas auf. Die Wut. Wut gibt mir Mut und Antrieb. Wut kann zerstören. Wut kann erschaffen. Mir ist Antrieb aus Wut lieber, als garkein Antrieb.

Alles um mich herum fühlt sich immernoch beklemmend an. Ich sitze immernoch im Dunkel des Raumes, der sich dumpf anhört. Wie eine kleine Kammer, in der ich sitze.
Als mich was am Arm berührt, schrecke ich zurück und falle fast vom Bett. Von ganz weit her, immer näher kommend höre ich jemanden meinen Namen rufen.
Alles geht rasend schnell, ich fühle mich wie gelähmt aus Angst davor, meinen Verstand zu verlieren.
Mit einem Mal fühl ich mich, als zöge jemand an mir. Wie in einem dunklen Tunnel in dem ich entlang gezogen werde, von unnachgiebigen Händen aus dem Nichts.
Sterbe ich grade? Mein Name hallt wie ein Echo in meinem Gehörgang.
Jetzt ist es für einen kurzen Moment so hell, dass ich nichts sehen kann. So, als sehe man mit geschlossenen Augen in die Sonne.
Eine hundertstel Sekunde später sehe ich das Zimmer meiner Pension hell erleuchtet.
Thore schüttelt sanft meine Schulter und ruft meinen Namen.
„Was? Was ist los?“ schrecke ich auf.
„Du hast so unruhig geschlafen, klang nach nem unangenehmen Traum. Da dachte ich, ich erlöse dich und weck dich auf.“
Nun plötzlich fühle ich mich erleichtert, wie im Himmel geradezu.
Ich brauche noch einen Moment um die Situation zu erfassen, die sich jetzt einerseits real und doch unwirklich anfühlt.

Ich muss lachen, weil ich so erleichtert bin, dass alles nur ein Traum war. Ein Traum im Traum. Ich betaste meinen Körper. Er fühlt sich leicht an. Nichts mehr zu spüren von der Schwere der zusätzlichen Kilo und dem traurig-schweren Gemüt.

„Na, das muss ja ein bewegender Traum gewesen sein.“ spöttelte Thore leichtfertig herum. Streichelte meine Schulter kurz fürsorglich und klopfte sie dann freundschaftlich. Umgehend wird mir klar, was ich da träumte, bevor ich im Traum aufwachte. Als ich mir erschöpft über das Gesicht streife, bemerke ich die Tränen, die ich offensichtlich in echt weinte.

Ich glaube, ich werde grade Rot, vielleicht habe ich sogar hektische Flecken. So schön der Traum einerseits war, so schrecklich war er auch und ich bin froh. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich mir bereits in der ersten Hälfte der Nacht, einen Fauxpas leistete und noch die andere Hälfte überstehen muss. Ich hoffe, dies gelingt mir ohne weitere Zwischenfälle. Ich finde ja, er könnte sich auch mal daneben benehmen, damit ich nicht so allein als traumatisierter Trottel dastehe.

Mal sehen, was die andere Hälfte der Nacht noch so mit sich bringt.

Fortsetzung folgt…© by soulstripShe

Neues Jahr, Neues Glück – Teil 3 „Thore´s Hammer“

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Wir plaudern  also kurz über das Wetter, der Zug fährt, der Schaffner kommt. Nachdem der Schaffner unsere Fahrkarten mit einem altmodischen Lochkartengerät entwertet hat, scheint es, als hätte er dies auch mit der Unterhaltung getan. Der Schaffner hat das Abteil verlassen und nun herrscht Schweigen. Verlegen lächle ich ihn an. Wenigstens lächelt er zurück. Naja, oder wir lächeln irgendwie zeitgleich. Wir müssten ja nun auch bald da sein. Also ich kann dieses Schweigen nicht aushalten, weiß aber auch nicht worüber ich mich mit ihm unterhalten soll. Mist! Ich bin so grottenschlecht im Smalltalk und im Flirten erst recht. Naja, nun  steckt er sich Kopfhörer ins Ohr und wischt irgendwas an seinem Smartphone herum.

Ich frage mich grad, woher er kommt. Er sieht auf jeden Fall nordisch aus. Aber hey, das hat nichts zu sagen, es gibt ja auch blonde Türken. Sein Englisch klingt astrein und vor allem flüssig. Nicht so stockend wie meins. Meist muss ich ersteinmal überlegen, bevor ich spreche. Ich suche nach den Vokabeln und überlege ob das jetzt in present tense oder past tense gesagt wird und worin noch gleich der Unterschied liegt. Entweder er kommt irgendwo aus den nordischen Ländern. Da sprechen die ja bekanntlich alle ziemlich fließend Englisch. Oder er lebt in England oder USA. Seine Aussprache klingt sehr amerikanisch angehaucht.

SUPER! Zum aus dem Fenster gucken ist es jetzt auch schon zu dunkel. Womit beschäftige ich mich jetzt? Am liebsten würde ich mir auch gern meine Musik weiter anhören und dabei anstatt der winterlichen Berglandschaft, seine markante Gesichtslandschaft, Mimik und Gestik studieren. Da er das wohl vermutlich für etwas aufdringlich halten könnte, entscheide ich mich doch dagegen und für die Disziplin. Ich hole mein Buch heraus „Siddhartha“ von Hermann Hesse. Dazu kann ich keine Musik hören, weil der Inhalt des Buches sehr gehaltvoll ist. Da muss ich mich konzentrieren.

Ich merke, wie meine Augen durch die Buchstabenzeilen wandern, in meinem Gehirn inhaltlich aber so rein garnichts ankommt. Aus den gelesenen Wörtern erschließt sich in dieser Situation absolut kein Sinn. Ich kann ihn atmen hören. Wenn man Kopfhörer trägt, merkt man nicht so sehr, was man im Außen für Geräusche produziert. Ich stelle mir seinen Atem in meinem Gesicht vor. Wie er wohl riecht oder schmeckt? Ich finde, jeder Mensch hat hat einen eignen Geruch, aber davon abgesehen gibt es auch Geruchsgruppen.

Es gibt die, die riechen, als hätten sie zu wenig getrunken und Fleisch gegessen. Dann gibt es noch die Raucher. Dann gibt es die, die nach frischem Gemüse oder Obst riechen. Und ich spreche hierbei von Gerüchen aus dem Mund. Da sind die Grüche, die der restliche Körper aussendet noch nicht inbegriffen. Aber meist kann ich schon allein am Atem feststellen, ob ich denjenigen gern küssen möchte. Und wenn ich ihn küssen möchte, passt er genetisch bestimmt zu mir. Naja, zumindest hatte ich mal irgendwo gelesen, dass man Menschen, die man gut riechen kann, auch sympatisch bis anziehend findet. Meine Theorie ist eher die, dass man diese Menschen sympatisch findet, WEIL sie für einen gut riechen. Und das steht bestimmt auch irgendwo von irgendwem Schlaues geschrieben.
Allerdings ist Genetik kein Ausschlusskriterium für Arschlöcher. Aber vielleicht werden ja alle erst bei MIR zum Arschloch. „Jetzt hör aber auf!“ spricht ein Teil meiner Selbst. „Hörst dich schon an, wie die Frauen, die sich selbst die Schuld dafür geben wenn ihr Mann sie schlägt.“ Und ich spreche hier nicht von dem neusten, neuerdings gesellschaftsfähigen soft SM Bestseller und der dort einvernehmlichen Gewalt.
Und es geht ja bei Gewalt in der Partnerschaft nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Mit Schuld komme ich nicht weit. Wenn ich aber davon ausgehe, dass jeder seinen Teil der Verantwortung für eine Situation in der Beziehung trägt, kann ich was daran ändern.
Ich verliebe mich vielleicht immer wieder in Männer, die gewalttätig sind. Und noch schlimmer, bleibe wie ein winselnder Hund bei ihnen in meiner „erlernten Hilflosigkeit (M.Seligmann), weil ich tief im Inneren glaube, dass ich sowas verdient habe. Dabei gibt es doch auch Männer, die nicht gewalttätig sind.
Und mir ist dann auch nicht klar, dass ich wieder einmal mehr nur Sklave meines Unterbewussten bin. Das bestrebt ist, bekannte Situationen immer wieder zu erschaffen.
Wie ein Regisseur wählt es die Kulisse und besetzt Rollen. Sobald etwas nicht stimmt, ruft es „cut“ und tauscht gegebenenfalls die Acteure nochmals. Außer mir. ICH spiele die Hauptrolle. Immer. Dabei sollte einem das bewusst sein. Aber auch wenn man jetzt in der Lage ist, die Arschlöcher zu erkennen, ist man noch lange nicht übern Berg. Denn trotzdem ist dieser Typ Mann dann immernoch aufregend und man verfällt ihm trotzdem noch eine Weile.
Wielang ist diese Weile?
Genau so lange nämlich, bis man sich selbst befördert hat und das Liebes-Stück als sein Autor umschreibt. Auch DIES würde vom Regisseur exakt umgesetzt werden. Ich liebe dieses Gleichnis für unsere Psyche.

Hach, jetzt wäre mir grad das Buch aus der Hand gefallen! Man! Plötzlich spricht er. Laut. Mit mir? Was hat er gesagt? Sowas wie Heisan? Nun redet er weiter auf…tja auf was eigentlich? Ha! Doch aus den nordischen Ländern. Aber ob das jetzt Norwegisch, Schwedisch oder Finnisch ist, vermag ich nicht zu differenzieren. Und ich dachte im allerersten Moment, er spricht mit mir. Kurz ging mein Herz wieder schneller. Jetzt fühlt es sich grad an, wie beim Intervalltraining. Voll Speed rennen und abbremsen um wieder langsam zu gehen.

Während er telefoniert guckt er mich an und macht eine Geste, die wohl soviel wie „Entschuldigung“ heißen soll. Dabei sieht er mein Buchcover. Für diesen Augenblick ist es so, als würde er so mit dem Anrufer telefonieren, wie ich mein Buch gelesen habe. Denn seine Mimik und Gestik ist jetzt grad für mich bestimmt. Er reißt die Augen auf, schiebt das Kinn nachvorne, was für mich übersetzt soviel heißt wie „Hey, sieh mal her, ich hab dir was mitzuteilen!“ Er zeigt auf mein Buch und hebt den Daumen. Ich übersetzte dies in „Super Buch! – habs gelesen. Oder auch „Kraaass, DAS liest du? Respekt, ich wollte es immer mal lesen, hab ich aber noch nicht.“ Nebenbei spricht er in sein Headset „Jaha…ju… förlåt? Jag mår bra, tack!“ Ich lächel ihn wieder an – verlegen natürlich und rätsele, was er wohl grad gesagt hat.

Warum bin ich denn verlegen? Ich glaube, bei soviel Mann schon doch eingschüchtert. Er hat so eine Art. Etwas souveränes. Selbst als er eben noch mit offener Kinnlade, völlig unbeeindruckt von meiner Gegenwart, vor sich hindöste. Umgekehrt muss es vielen Männern so gehen, wenn sie mich sehen. Ich habe schon einen ziemlich selbstbewussten Auftritt. Wenn der Mann dann als erstes durch meine Ausstrahlung eingeschüchtert ist, fühl ich mich noch stärker und schon ist der Mann nicht mehr ganz so sehr interessant für mich. Aber Männer, die sich durch mich nicht verunsichern lassen, verunsichern mich wiederum. Komisch ist das. Naja, es kann eben nur EINEN geben. Ist ja bei den Tieren auch so, von denen unterscheiden wir uns ja auch nur durch unsere Großhirnrinde. Das Denken. Zumindest einige wenige Exemplare der Menschheit sind in der Lage dazu. Der Rest scheint evolutionär irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter stecken geblieben zu sein. Was die Moral angeht jedenfalls. Mit Moral meine ich jetzt auch nicht, das moralisierende Verbieten von Dingen. Sondern eher das Erkennen der Verantwortung für den eigenen Umgang mit unserem Planeten, zum Beispiel. Eigenes Handeln mit seinen Auswirkungen reflektieren zu können, ist eine Eigenschaft, die nicht Vielen vorbehalten zu sein scheint.

Genau so sollte das auch in einer Beziehung geschehen. Beide Partner sollten dazu in der Lage sein. Denn natürlich sollte eine Beziehung immer auf Augenhöhe sein, trotzdem gibt es da schon feine Abstufungen. Mal dominiert der eine, dann wieder der andere. Also jetzt grad, dominiert er die Situation. Hat bestimmt auch etwas mit meinem Selbstwertgefühl zutun. Ich denke ja meist bei attraktiven Männern, dass die an mir eh nicht interessiert sind, weil ich eben nicht aussehe wie ein Model. Wer tut das schon? Nicht mal ein Model sieht in ihrer Freizeit aus wie ein Model! Im Gegenteil. Der Großteil der Modelwelt rennt zwischen den Aufträgen rum wie ein Schlumpf. Und die anderen der Gesellschaft versuchen immer so auszusehen, wie ein Model während eines Shootings. Komisch irgendwie. Hey, vielleicht ist er ja auch ein Model? Er könnte eines sein. Er sieht wirklich gut aus. Also, interessant irgendwie.

Da wir jetzt 2014 haben und ich mir vornahm positiver zu denken, beschloss ich das ganze anders zu betrachten. Nämlich s: Wenn ich für Männer, die ich für sehr, sehr, sehr interessant halte, eh nicht interessant bin, dann muss ich ja auch keine Angst haben, mich falsch zu verhalten. Ich spiele dann ja garnicht mit, in der Liga. Dann ist es doch sowieso egal. Dann muss ich auch nicht verlegen sein. Er flirtet nicht. Er ist einfach nur nett. Dann kann ich ja so sein, wie ich eben bin. Große Klappe. Dann ist es egal, wenn ich ihn verschrecke, weil ich eh von Anfang an nicht in sein Beuteschema passte. Also, was mach ich  mir einen Kopf. Immer hübsch auf dem Teppich bleiben. Wäre da bloß nicht immer meine Hormone, die mir dazwischen funken!

Er findet es cool, dass ich dieses Buch lese und ich bin ihm nicht egal. Naja, vielleicht können wir ja doch noch kurz ins Gespräch kommen, bevor wir am Ziel ankommen. Jetzt kommt keine Station mehr davor, das heißt er fährt auch nach St. August. Die Chancen ihm dort zu begegnen sind groß, denn der Ort ist wirklich klein. Warum will ich das denn noch, wenn ich eh nicht für ihn Frage komme? Naja vielleicht ist es spaßig und wohltuend mit ihm befreundet zu sein.

Ich habe einige Männer, mit denen ich befreundet bin. Die männliche (analytische) Sichtweise, die meine verquirlten Gedanken wieder sortiert, tut mir meist gut.

Oh Mist, der Zug kommt gleich an. Wie kann ich ihn denn wiedersehen? Ich meine einen sicheren Weg, ihn wiederzusehen. Nicht dieses unsichere „nach-ihm-Ausschau-halten“. Zu glauben ihn um jede Ecke biegen zu sehen. Von hinten oder von der Seite glauben erkennen zu können, um dann bei genauerem Hinsehen doch nur wieder enttäuscht zu werden.

Ich habe es also nicht geschafft ein solches „Attachment“ aufzubauen, dass er mir seinen Namen verrät, meine Telefonnummer haben möchte und sich mit mir treffen will. Mist! Mist! Mist! STOP!!! Es ist ein neues Jahr. Ich wollte ja neue Synapsenkreise aufbauen. Neue Schaltkreise in meinem Hirn schaffen, neue Überzeugungen bilden. Ich bin interessant. Einfach so. UND ich habe Eindruck gemacht. Weil ich bin, wie ich bin. Und er ist zumindest schonmal nicht zurück geschreckt. Das ist doch gut. Und wenn ich ihn nicht wiedersehe dann habe ich mich jetzt wenigstens getraut ihn anzuquatschen – einen riesengroßen, erwachsenen Erwachsenen Vikinger.

Oh, er ist fertig mit telefonieren. Jetzt erklärt er sich rechtfertigend auf Englisch, dass er es selbst immer ein bisschen komisch findet, wenn die Leute, während des Telefonierens, in den Raum sprechen – aber eben nicht mit den dort Anwesenden. Vermutlich hatte ich demenstprechend irritiert drein geschaut, dass er sich jetzt dafür quasie entschuldigt. Na toll, jetzt bin ich wieder am überlegen, was ich ihm darauf möglichst charmant und gleichermaßen raffiniert entgegnen könnte. Leere. Ich lächle wieder einfach nur. “ Maaaaaan! Sara! Komm jetzt mal aus dir heraus“ brüllt ein Teil von mir, mich innerlich an. Nö, Nichts. Da kommt nichts. Er holt aus seiner Tasche eine Tüte Pfefferminz-Bonbons heraus. Ich zucke fast zusammen, als er sie mir freudestrahlend entgegenstreckt und mich fragt, ob ich auch einen möchte.

Meine Hand zittert beim Ausstrecken in die Tüte. Deswegen sind meine Bewegungen etwas ungelenk. Damit er das nicht merkt, huscht meine Hand flink wie eine Maus in die Tüte und ebenso wieder heraus. Ich bedanke mich , während meine Hand nach den Bonbons greift und ich hoffe, dass mir unterwegs zum Mund nichts herunterfällt. Ach nein, natürlich. Da ist es schon geschehen. Der Pfefferminz Drops flutscht mir aus der Hand und fällt auf den Boden. Fast zeitgleich beugen wir uns nun vorn über, so dass sich unsere Köpfe beinahe im Gang treffen. Er winkt ab und sagt „Please, let me!“ Mein Kopf ist jetzt eine Mischung aus Tomaten -und Purpur-Rot. Gekonnt schnipst er den Bonbon in den Mülleimer, der unter dem Klapptisch am Fenster angebracht ist.

Er lässt mich lachend nochmal hineingreifen und sagt dabei „Let´s give it another try!“. Lass ihn bloß nicht fallen, lass ihn bloß nicht fallen, lass ihn…geschafft. Im Mund. Der Drops ist gelutscht.

Plötzlich, als ich so lutsche strecke ich ihm meine Hand entgegen “ I´m Sara, by the way“. Er sagt darauf „Hi Sara, nice to meet you“.

Als er meine Hand greift und schüttelt, lächelt er und zwinkert mit einem Auge. Ich ziehe in Erwägung, dass er vermutlich eher Zuckungen hat, anstatt mir grad eben tatsächlich zugezwinkert zu haben. Denke ich so bei mir, als mir auffällt, dass ER MIR SEINEN Namen nicht sagte. Mutig, vielleicht von der Pfefferminz, frage ich nach „And you are?“, beiße mir, kaum dass ich es ausgesprochen hatte, wieder auf die Lippen. Aber mein innerer Entschuldiger, mein seelischer, innerer Mutmacher rechtfertigt nun mein forsches Vorgehen vor meiner inneren richterlichen Abteilung – dem Über-Ich. Wieso, er hat mir seinen Namen nicht verraten und das gehört sich ja nun nicht. Also das versteht sich doch von selbst, dass man die Namensinformation als QuitProQuo austauscht.

Als er jetzt aber kurz stutzt indem er die Augenbrauen runzelt, sein Kinn etwas in Richtung Brust zieht und sein Kopf etwas seitlich dreht beschleicht mich das Gefühl, dass ich doch sehrwohl etwas absolut Verbotenes und Unerhörtes getan habe. Wahrscheinlich habe ich jetzt grade wieder genau SO drein geschaut. Als er sagt „Oh ja sorry, I´m Thore!“

Ich nur  grinsend „Ah, ok. Thore hm? Well ya, nice to meet you too!“. Grinsend deswegen, weil ich ja zuvor das Gefühl hatte, wie von Thor´s Hammer getroffen worden zu sein, als ich Thore erblickte.

Amüsiert wie ich bin, bemerke ich garnicht, dass der Zug jetzt gerade in den Zielbahnhof einfährt. Glücklicherweise bin ich auch zu amüsiert, um mich darum zu sorgen, ob ich ihn wiedersehen werde.

Als ich es realisiere beschließe ich nochmal kurz zur Toilette zu gehen, da ich just in diesem Moment starken Harndrang verspüre. Da ich nicht weiß, wie weit weg sich die Pension mit meinen Schweren Koffern im Schlepptau anfühlt, flitze ich zur Toilette. Thore packt grad seinen Krempel zusammen während ich mich beeile , um mit ihm zusammen den Zug verlassen zu können. So hab ich vielleicht eine geringe Chance mit ihm zusammen noch ein Stückchen zu gehen und vielleicht sogar herausfinden, in welchem Hotel er wohnt, oder ob er eine bezaubernde Freundin hat, die ihn vom Bahnhof abholt. Auf dem engen Gang zur Toilette konnte ich ein Blitzlichtgewitter sehen. St.Anton war auch bei Prominenten ein beliebtes Urlaubsziel. Davon hatte ich bereits gehört, aber dass es so schlimm ist, hatte ich nicht gedacht. Ziemlich übertrieben dieser Reporterauflauf. Vor allen Dingen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass irgendein Promi hier tatsächlich mit der Schu Schu-Bahn ankommt. Dann doch wohl eher standesgemäß mit Flugzeug bis München oder Innsbruck und direkt weiter mit der Allrad-Limousine.

Ein Blick in den Toilettenspiegel verrät mir, ich hab mich verguckt. Meinen Augen leuchten verdächtig. Ach und nebenbei stelle ich fest, so schlecht sehe ich garnicht aus, nachdem oder vielleicht weil ich von Thor´s Hammer getroffen wurde.

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Mist, er ist nicht mehr hier, denke ich und ziehe einen Flunsch als ich zum Abteil zurück gekehrt bin. Dabei hatte ich mich doch so sehr beeilt!

Schlecht gelaunt kämpfe ich mich mit meinen zwei riesen Koffern an dem Fotografen-Pulk vorbei. Soviele Männer auf einen Haufen und keinen interessiert es, dass ich Hilfe beim Tragen gebrauchen könnte. Tja, die guten Manieren und eine zuvorkommende Art sind wohl der Emanzipation der Frau zum Opfer gefallen. Selbst ist die Frau. Dann mach ich meinen Scheiß eben allein. Wie immer. Aber wenn ich nur hilflos genug meine Koffer hinter mir herschleife und immer wieder stehenbleibe, wird sich wohl einer erbarmen. Das zumindest ist immer die Strategie einer guten Freundin. Schamlos speilt sie mit den Klischees und lässt die Hilflose raushängen.

Ein bisschen neugierig bin ich jetzt natürlich schon, wegen wem dieser Massenauflauf hier veranstaltet wird. Aber man kann nicht in das Auge des Blitzlicht-Tornados sehen. Zuviele Menschen. Jetzt grad bin ich auch einfach nur entmutigt und enttäuscht, dass ich Thore nicht mehr um mich habe und die Chancen auch nicht besonders hoch stehen, dass  ich ihn hier wiedersehe. Zuviele Menschen auf einen Haufen. Und selbst wenn. Ach, er hat sowieso bestimmt ne Freundin.

Ich entscheide mich, nicht die hilflose Masche abzuziehen und schleppe mein schweres Gepäck verstimmt zu meiner Pension. Ich kann nur soviel sagen – nur gut, dass ich vorher nochmal zur Toilette war. Der Weg ist beschwerlich. Es schneit. Doofer Schnee! Mir ist kalt. Ich will in mein Bett. Die Decke über den Kopf ziehen und nicht mehr aufstehen. Haben ja nicht lange gehalten, meine neuen Vorsätze für das neue Jahr, positive zu denken und zu fühlen. Mein Großhirn ist stärker. Für jetzt.

Ich schlafe ein, mit dem Hall seines Namens in meinen  Ohren „Thore“. Sein Bild verblasst langsam. Einzig der schwingende „Mjölnir“ – der Hammer des Thor von Asgard, dem Reich der Götter – zeichnet sich ganz deutlich vor meinem inneren Auge ab, bevor er mich trifft und ich einschlafe.

Fortsetzung folgt…. © by SoulstripShe

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Neues Jahr, Neues Glück – Teil 2 „Grün meint Gehen!“

Erregend anregend- schöne Beschreibung der Wirkung, die ein völlig Fremder auf mich hat. Vielleicht gerade, weil er mir fremd ist. Nach dem ersten Jahr der Beziehung fiele alles, was jetzt an ihm spannend ist, dem Alltag zum Opfer. Rülpsen dann pupsen in Gegenwart des anderen. Irgendwann sitzt der eine auf Klo, während der andere sich im selben Bad, wenige Zentimeter entfernt, zurecht macht. Aber um dem vorzubeugen und weil ich in dieser Beziehung alles anders machen würde, hätten wir ZWEI Badezimmer! Und wenn es die nicht gibt, dann einen ausgeklügelten Zeit-Nutzungsplan.

Ob ich ihn in diesem Moment wohl immernoch so anregend finden würde, wenn er ne Knoblauch -oder Alkoholfahne hätte. Diese hätte sich dann jetzt ungehindert im Abteil verbreiten können, während er mit offener Kinnlade vor sich hindöste.

Jetzt reckt und streckt er sich…sogar sein Doppelkinn, das sich grad beim Gähnen formt, wirkt irgendwie charmant und nimmt der markanten „Jawline“ keinen Funken Männlichkeit. Kann man ein Doppelkinn charmant finden? Offensichtlich schon.
Ich fühle mich wie vom Donner erschlagen, weil mich seine leuchtenden Augen so tief durchdringend, anblinzeln. Wie Katharina Thalbach so schön sagte „Manchmal kann es einen, wie ein Donnerschlag treffen!“. Tja, manchmal trifft´s einen einfach. Zu blöd nur, wenn das Gegenüber statt eines Donners nur das leise Pupsen einer Obstfliege vernimmt. Also bildlich gesprochen, ist klar! Kann eine Obstfliege überhaupt pupsen? Die Rede ist hier von Drosophila Melanogaster, damit wir uns richtig verstehen.
In die Biologie übertragen, stell ich mir grad feuernde Synapsen auf Hochtouren vor – der Donnerschlag. Naja und in WAHRHEIT ist es dann so – ich bilde mir ein, er hat wegen mir leuchtende Augen und blinzelt mich an. Aber in echt -und das wäre jetzt die pupsende Obstfliege – hat er vom Gähnen einfach nur Tränen in den Augen. Soviel jetzt wieder zur subjektiven Wahrnehmung. Und zum Thema Obst fällt mir, als Gesundheitspflegerin natürlich IMMER gleich die Obst-ipation = Verstopfung und die dazugehörige Prophylaxe ein. SO hatte ich mir letztlich die Schreibweise des Fremdwortes merken können. MEINE GEDANKEN RASEN!

Nun mal langsam mit den Pferden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu doch noch garnicht wirklich was sagen. Apropos langsam – der Zug steht immernoch. Es sind bereits gefühlte 10 Minuten vergangen. Das ist schon eigenartig, so mitten auf der Strecke.

Oh, jetzt lächelt er mich an. Kurz und flüchtig, wie man jemanden anlächelt, dessen Weg man flüchtig auf der Straße kreuzt. Ich warte ja immernoch auf die Freundin, die reumütig aus dem Nebenabteil angekrochen kommt, um sich bei ihm zu entschuldigen. Dann wird er ihr großmütig verzeihen, sie werden sich nach der Versöhnung noch verliebter fühlen als zuvor, sich küssen (vor mir, denn dass ich auch da bin, werden sie garnicht bemerken). Händchenhaltend werden sie dann den Zug verlassen. Arm in Arm durch die kleinen Gassen im Ski-Ort laufen. Natürlich werden sie mir immer wieder turtelnd über den Weg laufen, nachdem und bevor sie eine großartige Versöhnungsnacht verbracht haben.

STOP, was denk ich denn da schon wieder?! Viel schlimmer noch! Ich denke nicht nur, nein ich sehe es förmlich vor meinem geistigen Auge, ganz lebendig sehe ich es. Ganz lebendig fühlt es sich an. Warum ist es immer so leicht, sich so unangenehme Dinge in den schillerndsten Farben, mit emotionaler Theatralik vorzustellen?

Und warum ist es so schwer, sich vorstellen, dass einem selbst das passiert? Ich meine, das Gute. Zum Beispiel, dass ICH die Freundin bin, mit der er Arm in Arm, völlig verliebt alles verklärt wahrnehmend, durch die Gassen bummelt. Dann würde es vielleicht an meiner Stelle jemanden geben, der von uns unbeachtet unseren Weg kreuzt. Der oder die sich denkt „Warum kann nicht ICH an ihrer Stelle sein?“ Es wird wohl immer Trauerklöße geben, die sich als Pechvogel wahrnehmen und denken, sie haben kein Glück in der Liebe.
Dass aber Liebe genauso wenig mit Glück zutun hat, wie ein guter Job, das ist ja das was einem die Hirnforschung heutzutage berichtet. Mein Leben, meine Verantwortung. Keine Ausreden mehr.

Neues Jahr, neues Glück! ICH will nicht mehr zu den Menschen gehören, der sich in Selbstmitleid suhlt und darüber beschwert, wie ungeliebt man sich fühlt. Wie wenig man beachtet wird, von Männern. Nein falsch.

Anders herum :

Ich gehöre ab sofort zu den Menschen, die die Initiative in ihrem Leben ergreifen. Ich nehme mein Leben selbst in die Hand, anstatt gelebt zu werden. Gelebt zu werden, von unbewussten Programmen, Denkmustern, Überzeugungen. Oder was auch immer diese negativen, verderblichen Kräfte sein mögen, die einen immer wieder wie ferngesteuert in ähnlich unglückliche Dilemma treibt.Wenn´s sein muss geh ich da auch mit der Brechstange heran und tue ab jetzt immer genau das Gegenteil von dem, was ich zuvor getan hätte. Das meistens eben Nichts gewesen war. Ich tat meistens nichts. Jetzt handele ich. Hoffentlich finde ich über das Gegenteilige irgendwie MEINE Mitte. MEINEN Weg. Naja und genau damit habe ich ja bereits begonnen. Sonst würde ich ja nicht in diesem Zug sitzen. Im Zug auf dem Weg in ein berufliches Ausprobieren. Als Gesundheitspflegerin im Praktikum, in der Sportklinik des Skiortes.

Genau! Also BIN ich ja schon dieser jemand, der sein „Glück“ in die eigenen Hände nimmt! Es durchtreibt mich plötzlich ein Schwall von Schmetterlingen vom Hirn in den Magen und zurück ins Hirn. Mein Bauch gibt Grün, mein Kopf sagt Rot. Grün meint gehen, Rot bleib stehen. Schwups. Schon passiert.

„Na? Gut geschlafen?“ höre ich mich ihn plötzlich fragen. Na toll! Mein Kopf ist hoch Rot. Ich spüre es genau! Diese Hitze im Gesicht, wie eine reife Gesichts-Tomate. Nein, was mach ich denn!?! Ich beiße mir auf die Lippen und versuche zu lächeln, beides gleichzeitig. Da das anatomisch garnicht möglich ist, sehe ich grad bestimmt irgendwie verkrampft aus. Und überhaupt: Wie seh ICH denn eigentlich grad aus? Ich habe kein Spiegel-Check gemacht. Meine Haare stehen bestimmt wie wilde Antennen vom Kopf ab. Meine Augen sind nicht geschminkt, dann seh ich immer irgendwie fad und kränkelnd aus, weil meine Wimpern und Augenbrauen so Aschblond sind, wie mein Haupthaar. Wobei mein Haupthaar seit dem 25. Lebensjahr zu ergrauen begonnen hat. Wenigstens sieht man keinen Ansatz, weil ich den vor Fahrtantritt schon wegfärbte.

Vermutlich habe ich auch irgendwo im Gesicht noch n Abdruck meiner Kapuzenjacke, in die ich meine Gesichtshälfte während des Nickerchens geknautscht hatte. Genau – ein Sharpei ist wohl grad garnichts gegen mein prä-menstruelles Gesicht, voller Wasseransammlungen um die Augen.

Naja, EGAL! Meine Mutter sagt immer „Die tollsten Männer trifft man bei Kaisers an der Kasse, wenn man aussieht wie Karla Arsch aus Laatzen“ ( nichts für ungut Laatzen!). Allerdings sagte sie nichts davon, dass man diese tollen Männer dann auch kennenlernt. Vermutlich würde ein Kennenlernen ausbleiben, so wie man aussähe. Aber DAS ist nun auch egal, denn ich hatte ihn ja jetzt angesprochen – ungeachtet dessen, wie ich aussehen könnte.

„Pardon me?“ antwortet er mir. OK?! Also er spricht schon mal kein Deutsch. „Ähm, did you sleep well?“ versuche ich mein Glück nun also auf Englisch.

Bevor ich mich verseh´, stecken wir schon in einem kleinen Dialog, der vielleicht nie stattgefunden hätte, wenn ICH nicht die Initiative ergriffen hätte. Ok, es ist ein Dialog darüber, warum der Zug steht und über das Wetter. Der Inhalt ist für mich zum jetztigen Zeitpunkt jedoch noch nicht von Belang. Es ist schon aufregend genug, überhaupt mit ihm zu reden. Ich kann eh noch nicht klar denken. Die Worte fallen mir einfach so aus dem Mund heraus. So, wie Essen, das man ausversehen, ohne das man es will ausspuckt. Ach je, na das würde mir grad noch fehlen. Wenn ich ihn jetzt ausversehen anspucke. Ich schlucke meine Pavlov prognostizierte Spucke herunter, um nicht sabbernd da zu sitzen.

„The more snow, the more fun it´s gonna be“. Er spricht grad vom Ski fahren. Ich stelle mir jedoch grad eine hitzige Schneeballschlacht mit ihm vor. Über mein Kopfkino lache ich nun plötzlich. Laut. Grell. Er stutzt, zieht die Augenbrauen kurz zusammen. Deswegen fällt es mir überhaupt erst auf. Ich reiße mich jetzt zusammen. Ich erinnere mich, dass Männer nicht auf grelles, lautes Lachen stehen. Ach was soll´s, so bin ich eben!

Ah, der Zug fährt weiter.

…Fortsetzung folgt ©by SoulstripShe