Neues Jahr, neues Glück – Teil 1 „Aufregend Erregend“

Neues Jahr, neues Glück!

Na klar, es ist ganz einfach. Der Wiederholungszwang von dem Sigmund Freud sprach ist einfach nur ein Bündel von Konditionierungen. Laut Pawlow beginne ich also zu sabbern (unwillkürliche körperliche Reaktion), sobald ich einen potenziellen Partner wahrnehme (Reiz). Laut Freud haben die Männer, bei denen ich zu sabbern anfange meist unliebsame Eigenschaften meines Vaters. Eigenschaften, die mir das Gefühl geben, meine Kindheit sei ein Überlebenstraining gewesen.

Hier sitz ich nun. Im Jahr 2014. Fast vierzig. Mit einigen wenigen gescheiterten Beziehungen und, dank des Internets, mit UNZÄHLIGEN Liebschaften, die ich mir auch hätte sparen können. Die mich nur eines gelehrt haben:

Männer gaukeln Frauen für SEX vor, dass ein Funken Hoffnung besteht, dass sie sich in sie verlieben könnten. Und Frauen gaukeln Männer für diesen Funken Hoffnung vor, sie seien genauso versessen auf Sex. Aus diesem Funken bastelt sich Frau dann eine Fantasie, in der sie mit dem Angebeteten ein Leben wie in der Rama-Werbung lebt.

Die Hoffnung darauf hält sie am Leben. Lässt sie sich lebendig fühlen. So haben beide – Mann und Frau – das, was sie wollen. Bis zu dem Moment, wo Frau das Realitätsprinzip herausfordert und zu riskieren bereit ist, dass die ganze Affäre endet, weil sie feststellt, dass der Mann sie nur bei der Stange hielt, damit sie ihm die Stange hält.

ABER dieses Jahr ist alles anders. Ich habe nun wirklich verstanden, dass ich den Wiederholungszwang durchbrechen kann. Den Fluch auflösen, besser gesagt, umkehren. Das Wort heißt UMkonditionierung.

Eine, von Verhaltenstherapeuten nicht so leicht eingestufte Übung. Übung – ein gutes weiteres Stichwort. Übung macht den Meister. Wiederholung ist wie Klebstoff. In mühevoller Kleinstarbeit klöppelten meine Eltern daran, dass mein Männerbild, mein Frauenbild und mein Bild davon, wie eine Liebesbeziehung zu sein hat, nicht sehr positiv ausfällt.

Doch jedesmal, wenn mir jetzt der Gedanke kommt, dass es nur schlechte Männer auf der Welt gibt, oder alle Guten schon vergeben sind. Oder ich es nicht Wert bin, Glück zu haben und geliebt zu werden. Jedesmal, wenn mir diese Gedanken nun kommen, werde ich neurolinguistisch umprogrammieren. Jawohl! Denn spätestens seit dem Film „The Secret“ weiß die Welt, dass Glück nicht wirklich existiert und alles von einem selbst angezogen wird.

Oder aber, wenn man kein magisches Denken mag, dass das Leben reine Evolution ist und wir mal Einzeller, Bakterien waren. Wir mutierten also vom Einzeller zum Vielzeller. Mutation ist spontan und zufällig. Das heißt, wir sind alle Mutanten. Und zum Wort „zufällig“ fällt mir spontan ein, dass man in esoterischen Kreisen auch davon spricht, dass einem etwas zufällt. Und wie C.G. Jung das mit der Synchronizität meinte, habe ich bis heute nur halb kapiert. Wie war das noch gleich? – Viele zufällige, aufeinander treffende Ereignisse, die vom Individuum in einen für es bedeutungsvollen Zusammenhang gebracht werden. Oder so ähnlich. Und in der Bibel heißt es ja „bittet, so wird euch gegeben!“. Was davon nun stimmt, kann sich jeder selbst aussuchen und genau das, wird er dann auch erleben. Denn soviel weiß ich. Wahrnehmung ist nicht nur subjektiv sondern auch selektiv.

Spielt auch keine Rolle. Fakt ist, man kann Hunde konditionieren, ja sogar Flöhe. Dann doch wohl erst Recht Menschen oder?

Aber es scheint, als sei dies gerade aufgrund des Verstandes ein weitaus komplizierteres Unterfangen, als mir lieb ist.

Nun sitze ich hier also im Zug. Höre Vivaldi. Den Herbst und den Winter. Die Winterlandschaft tuckelt an der ratternden „Bimmel“ Bahn parallel zum Gebirge und an mir vorbei.

Die Musik fiedelt und ich sinniere, wie ich nun endlich auch mal eine glückliche Liebesbeziehung leben kann. Hatte ich dieses Thema ja nun die letzten fünf Jahre meines Eremitendaseins lang genug verdrängt, ja sogar abgeschrieben.

Durch den monotonen Klang der Schienen und dem damit einhergehnden Schaukeln werde ich ganz müde. Mir werden die Augen schwer. Draußen ist es schummrig bewölkt. Obwohl es mittags ist, ist es so dunkel als würde die Sonne heute nicht für mich scheinen. 20140121_201233

Ich schlafe ein, mit dem Gedanken über den Triumph in der Liebe. Das Gefühl des Sieges über mein ängstliches ES macht sich in mir breit.

Die Bahn rattert monoton. Immernoch. Leise. Vivaldis Winter spielt weit weg. Ganz weit weg. Alles ist jetzt still. Auch in meinem Kopf. Endlich – Ruhe.

Plötzlich! Als meine Augen sich öffnen, erblicken sie eine Überflutung von Reizen. Damit einhergehend, rauschen Niagarafälle aus Glückshormonen durch meinen Körper. Meine Pupillen fühlen sich an, wie auf „E“ -weit. Mein Kopf – blutleer, alles im Bauch.

Ich erblicke ihn. Das gibt´s doch nicht! Da sitzt er mir direkt gegenüber. Man! Wann kam ER denn hier rein? Wo war ICH denn da??? Und überhaupt.

Ich traue mich nicht, mich zu bewegen.

Ich hab Angst, ich träume nur und sobald ich mich bewege, würde ich aufwachen. Ich will nicht aufwachen.

Man sieht der toll aus. Naja, das ist ja eh Geschmackssache, aber ICH find, der sieht toll aus, wie er da so sitzt und schläft. Er schläft? Wie lange hatte ich denn dann geschlafen? Entweder war er sehr müde und schlief umgehend ein, als er zum Sitzen kam oder aber ich hatte länger geschlafen.

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Ein Blick auf mein schlaues phone verrät mir, dass es 16 Uhr ist. Die Bahn kommt grad auf einem Bahnhof zum Stehen. Fahrgäste steigen ein. Mit großen, schwer aussehenden Koffern und Ski und Snowboards bepackt. Der Zug fährt weiter.

Oh wie schön, es beginnt zu schneien. Langsame Flocken. Ganz federleicht, überhaupt wie Federn. Ich schaue lächelnd aus dem Fenster. Stelle mir Vivaldis Winter an und versuche, nicht zu dem Unbekannten gegenüber, rüber zu schauen. Dem steht nämlich jetzt grad der Mund offen. Ich würde auch nicht wollen, dass man mich anstarrt, während mein Unterkiefer immer schwerer wird und ich so sehr in den Schlaf gerate, dass es mir letztlich auch egal ist, ob da nun Fliegen reinkommen könnten oder Sabber raus. Aber einen kurzen Moment schau ich doch hinüber. Er sieht so selig aus, wie er da so schläft. Irgendwie fast kuschelig. Da möcht ich mich glatt dazu setzen und anschmiegen.

Uuups! Jetzt schaut er mich an! Auweia, so schnell kann ich garnicht weggucken. Sein Blick ist so unbeschreiblich…na unbeschreiblich eben. Ich fühle mich wie vom Blitz getroffen, als er mich anlächelt. Dabei war es jetzt nur der Bruchteil einer Sekunde. Vor Verlegenheit lächle ich ihn an. Ich schließe meine Augen für einen Moment wohlwollend, so nach dem Motto „Mach dir keinen Kopf, wir sind ja unter uns. Ich kenn das. Ist mir auch schon passiert.“ Für einen kurzen Miniaugenblick sieht er mich an. Während er zurücklächelt, verdreht er leicht die Augen, so schwer scheinen sie zu sein. Und schon fallen ihm wieder die Lider zu. Er schmatzt jetzt wohlig. Das macht mein Hund auch immer, wenn er seine Schnauze unter die Hundedecke nestelt.

Der Blitz durchzuckt mich immernoch. Vielleicht ist es doch eher ein Donnerschlag, der mich trifft. Wie Thor’s Hammer. Mein Bauch fühlt sich aufeinmal ganz wohlig warm an. Mein Herz – tja mein Herz. DAS hat sich gedacht, es wandert mal ein Stückchen höher. So Richtung Hals. Genau da schlägt es jetzt. Schlagen ist untertrieben. Eher eine kurzfristige Tachykardie!

Na toll! Ich sitze hier in einem Zugabateil allein mit einem Mann, der aussieht wie…naja toll eben. Und er schläft ein. Hab ich also soviel Anziehungskraft wie ne Schlaftablette?!

Auf der anderen Seite, solange er schläft, kann er nicht weglaufen und ich kann mir einen Schlachtplan überlegen, wie ich mich interessant machen kann. Also dieser Gedanke erinnert mich stark an den Film „Misery“.

Cool bleiben. Aber nett. Nett und interessant. Genau. Ach was solls! Jetzt ist ein neues Jahr. Das Jahr 2014 und ich habe begriffen, dass ich meine Emotionenverknüpfungen im Gehirn einfach nur neu vernetzen muss. Neue Schaltkreise bauen. Neuer Schaltkreis erfordert neues Handeln. Ich bin einfach mal ich. Und ich hecke jetzte keinen Plan aus, wie ich an ihn herankomme. Ich denke jetzt völlig un-zwanghaft an was Schönes. Es schneit. Ich mag Schnee. Genau, ich freue mich jetzt darüber, dass es schneit. „Schneeflöckchen Weißröckchen, duhu lieb-licher Stern..“

Und ich seh ihn schon wieder an. Was, wenn jetzt bei der nächsten Station eine atemberaubende Frau dazu steigt? Was, wenn in dem Skiort eine atemberaubende Frau bereits auf ihn wartet. Ach komm, denk an was Schönes! „Ma-halst Blumen und Blätter, wir haben dich gern“, summ ich vor mich hin und versuche mich über den Schnee zu freuen. Und darüber, dass ich einen neuen Schaltkreis baue. Das perfekte Fundament, für eine glückliche Beziehung, mit meinem zukünftigen Traummann, der mir zusteht und der zu mir steht. Ich sitze hier und tue nichts. Denke nichts. Zen.

Immer wieder muss ich ihn angucken. „A, B, C – die Katze lief im Schnee, Last Christmas I Gave you my Heart“ Nein! DAS Lied nicht – uterbreche ich nun mein inneres Liedersummen. Dieses Lied handelt von Leid. Lied und Leid hat übrigens die selben Buchstaben, stelle ich grad fest. Je nachdem, an welcher Stelle, welcher Buchstabe steht, wird Leid oder Lied daraus.

Ok. Neuer Schaltkreis, neues Handeln. Kurz vor der nächsten Station setz ich mich mit meinem ganzen Krempel einfach neben ihn. Wenn dann eine Frau dazu steigt, denkt sie, er gehört zu mir. Ich zu ihm. Was, wenn er schwul ist? Alle gutaussehenden Männer sind schwul. So eine bescheuerte Schlussfolgerung! Deduktiv oder induktiv? Ach, egal – auch DIESEN Unterschied kann ich mir nie merken!

So. Ich sitze neben ihm. Ich rieche ihn. Er riecht…gut. Eine Mischung aus, ich schätze mal Schweiß und einem dezenten Herrenduft.

Was nun? Er wird bestimmt an der nächsten Haltestelle wach. Mir fällt grad auf, er hat nur Handgepäck dabei. ODER sein Koffer steht in einem anderen Abteil, in dem auch seine Freundin sitzt. Und sie haben sich gestritten und nun hat er einfach das Abteil gewechselt, weil sie ihm eine Szene gemacht hat. Vielleicht ist er deswegen so müde.

Streiten ist anstrengend. Ich kenne einige Männer, die versuchen vor ihren Problemen davon zu schlafen.

Das wäre überhaupt kein guter Partner für mich. Einer, der einschläft, weil es  Konflikte gibt. Und mich dann auch noch mit dem schweren Gepäck allein im Zugabteil sitzen lässt. Nein. Ich nehme meinen Krempel und setzte mich wieder auf meinen alten Platz zurück. Ihm gegenüber, ans Fenster. Nix da, mit neuem Schaltkreis und neuem Verhalten. Scheiß aufs neue Jahr! Jetzt schon? Wir haben doch erst Ende Januar!

Die Bahn hält an. Vielleicht sind wir kurz vor einem Tunnel und müssen einen anderen Zug vorbei lassen?

Die Bahn fährt nicht weiter. Er wird wach, reibt sich die Augen, streckt sich, guckt etwas verschlafen und selig herüber zu mir. Eine Durchsage tönt mit österreichischem Dialekt durch die Sprechanlage.

Wir müssen uns gedulden, die Fahrt gehe bald weiter. BALD? Definiere BALD lieber Zugführer!!

Ich bleibe komischerweise total ruhig (für meine Verhältnisse). Im Gegensatz zu sonst. Da hätte ich schon längst, zumindest innerlich die Nerven verloren. Aber vielleicht passiert in mir doch eine Art Umkonditionierung. Zum Glück, ohne zu sabbern. Zumindest nicht offensichtlich, denn dieser Mensch mir gegenüber, ist schon sehr aufregend, um nicht zu sagen erregend!

Fortsetzung folgt © by SoulstripShe

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