Neues Jahr, Neues Glück – Teil 8 „Kotzen, Küssen oder Kaffee?“

Fast vier Tage ist es nun her, dass Thore und ich zusammen frühstückten. Diese Zeit fühlt sich an wie ein paar Wochen. Ach, was sag´ich, MONATE. Naja, wie eine halbe Ewigkeit. Das Schlimmste ist für mich immer die Ungewissheit. Nicht zu wissen, woran man ist, ist anstrengender als einfach nur einen Korb zu bekommen. Es fühlt sich an, als sei man ein Zombie. Einer, dessen einziger Antrieb und Lebensinhalt darin besteht, nur in der Nähe des Opfers umher zu kreisen. Halb verhungert, mit großem Appettit auf das Herz, das Hirn und die Seele des Geliebten, die Kreise immer kleiner ziehen – wie ein Raubtier auf der Jagd nach seiner Beute.

Schon in dieser Zeit neige ich dazu, mich gefühlsmäßig an die Person zu binden. Da kann ich erstmal nichts dafür. In meiner frühkindlichen Entwicklung, genauer, der oralen Phase, wurden meine Bedürfnisse nicht adäquat befriedigt. Seitdem besteht bei mir eine Fixierungssucht. Kann ich diese nicht in Form menschlicher Zuneigung stillen, kompensiere ich eben durch orale Fixierung. Damit ist jetzt nicht das gemeint, was einem zu oral meist als erstes einfällt, is klar! In meinem Fall ist es das Essen. Das Essen ist immer da, wenn ich es brauche. Es hält immer, was es verspricht. Zumindest für den Moment. Bis zu dem Zeitpunkt, da einem kotzübel wird und der Bauch wehtut. Der Moment, wenn man in eine Schnappatmung verfällt, wie ein Goldfisch in einem zu kleinen, veralgten Glas ohne Sauerstoff. Und das nur, weil der Magen so voll gestopft ist, dass er den Lungen den Platz zum atmen nimmt. Wenn man sich mal bewusst macht, dass der Magen eines Erwachsenen im Prinzip nur ein Fassungsvermögen von 500ml hat, und wie man diesen Wert als Esssüchtiger ständig überschreitet, kann man sich ausrechnen, wie belastend das für den gesamten Körper ist. Abgesehen von den Fettmassen, die man evtl. zusätzlich  mit sich herumtragen muss. Angesichts dieser Tatsache und der, des Spottes der Gesellschaft, finde ich es immer wieder erstaunlich, wie leidensfähig Menschen sein können.

Thore hingegen hat einen wirklich schönen Körper und seitdem ich an meinem arbeite, habe ich auch ein anderes Verhältnis zu ihm – also zu meinem Körper. Obwohl…vielleicht auch zu Thore, zu Männern überhaupt. Es verunsichert mich, plötzlich wieder interessant für die Männerwelt zu sein. Ich weiß garncht mehr, wie ich mit deren Reaktionen auf mich umgehen soll. Ich glaube, das wusste ich noch nie. Thore wirkt  zufrieden in seinem Körper. Er erzählte mir, dass er neulich ein Interview in einer Fernsehshow gab. Natürlich wurde er auf diverse Nacktszenen angesprochen, für die er kein Bodydouble verwendet. Selbstverständlich habe ich dieses Interview gegoogelt und mir auf YouTube reingezogen und zwar nicht nur einmal. Nein, immer und immer wieder. Der Talkmaster unterstellte ihm fast schon, als sei es etwas schlimmes, stolz auf seinen Körper zu sein. Thore hingegen blieb ganz ruhig und bezeichnete es eher als ein Wohlgefühl in dem eigenen Körper. Er fühle sich in seinem Körper wohl. Würde ich auch, sähe ich so aus.  Er ist selbst in Interviews irgendwie gelassen. Aber nicht nur das. Er ist auch lustig. Er kann auch über sich selbst lachen. Das macht ihn noch anziehender. Von ihm geht ein starker Sog auf die Damenwelt aus.

Wenn ich jetzt krampfig werde oder in Konkurrenz zu anderen Frauen gehe, werde ich definitiv der Verlierer sein. Weil ich dann nur noch von Eifersucht getrieben bin und vor allem deshalb, weil es immer eine Frau gibt, die hübscher oder interessanter ist als man selbst. Ich muss eben einfach so sein, wie ich bin. Und ICH bin diejenige, der er seine Handynummer gab. Entweder es funkt, oder eben nicht. Das ist dann eben auch so, würde meine Mutter jetzt sagen. Eifersucht. Eine weitere Sucht, die alles kaputt machen kann, bevor es begonnen hat. Ich merke aber, wie ich versuche, unser beider Begegnung  das „schicksalsträchtig“ Siegel auf zu drücken.

Alles in meinem Erleben, je nach Tageslaune, spricht dafür oder dagegen. Er liebt mich, er liebt mich nicht. Wie die Blütenblätter, die man ausrupft und es so deichselt, dass das letzte Blatt ein „er liebt mich“ wird. Oder die Billardkugel, die man solange schüttelt, bis sie „Yes“ anzeigt. Alles soll dafür sprechen und meine Hoffnung füttern. Wie in Goethes´ Leiden des jungen Werthers , wo Werther es als Fügung sieht und die gemeinsame Vorliebe für den Dichter Kloppstock als Beweis dafür nimmt, dass sie zusammen gehören, trotzdem sie in einer Beziehung ist – wohlgemerkt. Das Unerreichbare scheint oft so anziehend.

Ähnlich wie der Werther, neige ich dazu, mir ein Lied als DAS Lied auszusuchen, das wir in der Zeit des Zusammenseins beiläufig hörten. Wird es dann im Radio gespielt, ist es ein Zeichen. Je öfter es gespielt wird, desto größer ist die Chance, dass das Schicksal  einen wirklich meint und persönlich mit einem redet “ Ja, das ist er und er liebt dich, wie du ihn. Als Beweis dafür spiele ich dir euer Lied.“

Man erkennt es schon an den ersten paar Takten und beginnt sofort wie ein Breitmaulfrosch leicht dümmlich zu grinsen. Man geht nicht mehr einfach nur den Gang entlang, sondern federt. Jeder noch so ätzender Umstand, Stress oder Ärger wird übergossen mit rosafarbenen zähflüssigem Zuckerguss, sodass sich alles irgendwie nur noch schön anfühlt und süß. Alles ist dann garnicht mehr so schlimm. Die Hormone des Glücks regieren das Hirn nun in gänze und wirken wie eine Droge. Jeder Mann, in den ich verliebt war, war wie meine Droge und ihn an mich zu binden, bisher immer mein verwegener Plan.

Das doofe an einer Droge jedoch ist, dass man nie und zwar wirklich NIEMALS davon genug haben kann. Verschafft mir ein Mann nicht mehr die Wirkung, bin ich geneigt mich wieder zu lösen aus der Verbindung. Und mir ein neues Subjekt zu suchen, das die Gefühle in mir auslöst, nach denen ich süchtig bin. Im Prinzip betreibe ich Missbrauch. Ok, der andere kann ja nein sagen. Aber man sollte nicht die Manipulationsfähigkeit einer Frau unterschätzen.

Das alles ähnelt sehr einem bulimischen Fressanfall. Will man schnell ein Opfer finden, begibt man sich in eine Internet Singlebörse. Hier sieht man sich die Fotos der Männer, wie Wurstscheiben in der Supermarkt-Fleischauslage an. Man sucht sich nach ungefährem Geschmack einen aus. Kurzer Blick auf den Steckbrief. Und mit dem verlockenden Angebot des schnellen unverbindlichen, sprich unkompliziertem Sex, gehen einem einige schnell in die Falle.

„Hallo?“ beantworte ich enttäuscht den Anruf meiner Mutter. Sie ruft mich auf meinem Handy an. Manno, ich dachte es sei er. Nach einem geglückten Abwimmelversuch fahre ich mit meinem Gedankenmonolog weiter fort.

Ja im Prinzip kann man sagen, ich konsumiere Männer wie Lebensmittel. Also konsumierte, muss ich ja sagen. Weil ich es ja jetzt alles anders machen will. Ich habe ein halbes Leben so zugebracht. Glücklicher machte es mich nicht. Das Wissen darum allein half mir auch nicht. Wie eine Beziehung geht, kann ich ja nur lernen, wenn ich mich auch in eine begebe und somit heraus komme aus meiner selbst verordneten Schutzhaft, genannt „Isolation“. Ob ich mich dabei vor den Männern schützen wollte, oder die Männer vor mir. Oder ob ich mich letztlich vor mir selbst schützen wollte, kann ich garnicht so genau sagen. Aber ich habe verstanden, wie kurz das Leben ist und ich habe beschlossen, bestimmte Lektionen nicht wiederholen zu wollen/müssen. Und dies ist nicht einfach nur eine Plattitüde.

Gedanken getrieben hetze ich den Krankenhausgang entlang. Überhaupt bin ich hier immer die einzige, die am hetzen ist. Alle anderen haben die Ruhe weg. Vielleicht wäre ich in der Notaufnahme doch besser aufgehoben. DA rennen selbst die Österreicher. Hatte ich denn jetzt die Kurven alle schon abgearbeitet? Ich prüfe es lieber nochmal nach. Kurven nennt man in der Krankenhaussprache die Patientenakten. Hier ordnet der Arzt Dinge an, die ich dann umsetzen muss.

Durch meinen Beruf habe ich bereits  mehrere Menschen im Sterbeprozess, bis zum letzten Moment begleiten dürfen. Diese Situationen sind für einen selbst so grenzerfahrend, wenn man sich darauf einlässt. Sie führen einem so sehr vor Augen, was wichtig ist. Nämlich WIE ich mein Leben gelebt habe ist entscheidend, ob ich in Frieden oder im Todeskampf aus diesem Leben gehe. Elisabeth Kübler-Ross hat meine Erkenntnis in einem ihrer letzten Interviews bestätigt. Ich strebe eine ähnliche Haltung in der Liebe an. Aber letztlich kommt ja doch immer alles anders als man denkt und letztlich ist das Fleisch auch immer wieder schwach, da kann der Geist noch so willig sein. Und im Verdrängen sind wir Menschen ja eh meisterhaft, denn das passiert immer wieder automatisch und unbewusst, wenn ich nicht bewusst dafür sorge, dass bestimmte Inhalte in meinem Bewusstsein bleiben.

So habe ich es zum Beispiel geschafft drei Jahre lang vegan und nun noch vegetarisch zu leben. Zu Weihnachten allerdings packte mich die Fleischeslust und ich versuchte ganz bewusst diese Bilder der leidenden Tiere aus meinem Kopf zu verbannen, als ich vor einer Dönerbude stand. Es war wirklich schwer. Dieser Kampf kostete mich soviel psychische Energie (von der wir laut S. Freud nur eine begrenzte Menge zur Verfügung haben), dass ich erstmal schlafen gehen musste, nachdem ich den Döner verspeist hatte.

Hier hatte ich jetzt aber die Büchse der Pandora geöffnet und ich verfiel in einen regelrechten ca. zwei monatelangen Rausch. Schon während des Fleisch Kaufens konnte ich meine Gedanken dabei beobachten, wie sie entschuldigende Rechtfertigungen oder ent-emotionalisierte Rationalisierungen aus dem Hut zauberten.

„Das Tier ist doch jetzt sowieso schon tot. So kannst du seinen Tod wenigstens noch in einen guten Zweck verwandeln, wenn du es jetzt isst. Es ist gestorben, um dich zu nähren. Das ist ein ganz natürlicher Prozess.“

„Aber ich möchte die Quälerei nicht unterstützen und mit der Kaufkraft des Konsumenten bestimme ich das Angebot mit.“

„Wenn du es nicht isst, wird es weggeschmissen. Es ist doch jetzt schon herunter gesetzt, weil es bald abgelaufen ist. Dann ist das Tier umsonst gestorben. Außerdem ist der Mensch nun mal ein Allesfresser. Das ist nur natürlich.“, usw.

Thore isst Fleisch. Ich weiß garnicht, wie ich das finde und ob ich damit umgehen kann. Immerhin bin ich ja aus moralischen und nicht aus gesundheitlichen Gründen Vegetarier. Und ich weiß garnicht, ob es so gut ist, wenn die Moral so sehr auseinander geht. Aber ich habe mich mit ihm über das Thema noch nicht unterhalten und weiß garnicht genau, wie seine Einstellung dazu so ist.

Aber auch ich bin mal rückfällig geworden. Ich will ja nicht moralisierend in der Gegend herumlaufen. Ich wünsche mir nur einfach, dass die Werte meines Liebsten den meinen ähneln. So kann ich mir z.B. auch niemals eine Beziehung mit einem rechts-radikal gesinnten vorstellen.
Es gelang mir in diesen zwei Monaten des Fleischessens nicht in Gänze mein Gewissen, dass ich drei Jahre zuvor müßig aus dem Würgegriff des Verdrängungsmechanismus befreien musste, mundtot zu argumentieren. Es blieb bei der Verknüpfung von Bildern und Gefühlen mit einer Sache, die ich mir in den ersten Monaten meines Veganer Daseins antrainierte. Ich bildete im Prinzip neue Schaltkreise. Immer, wenn ich ein Stück Fleisch sehe, passiert es automatisch, dass ich das Tier sehe. Damit verbunden, entstehen sofort Bilder des Tieres in Massentierhaltung. Bilder des Tieres wie es um sein Leben kämpft, nicht versteht, was mit ihm passiert und warum es so schlimm und unwürdig behandelt wird und sich letztlich dem, von Menschen auferlegten Schicksal in Resignation beugt.
Diese Bilder produzieren in mir entsprechendes Mitgefühl. Der Grad zwischen mitfühlen und mitleiden ist schmal! Manchmal machen mich diese Bilder auch fertig. Dann muss ich die Hochspannung des Schaltkreies, wie mit ´nem Dimmschalter runter regulieren. Aber eben nicht so weit, dass ich die Tatsache des Tierleids wieder erfolgreich verdrängen kann.

Damit habe ich mir selbst bewiesen, dass ich in der Lage bin, meine Überzeugungen zu ändern und somit, mich anders zu verhalten. Zwar auch wieder ferngesteuert, also vom eigenen Hirn, aber eben halbwegs selbstbestimmt ferngesteuert. Zwar gibt es immer mal wieder kleine Rückfälle, aber anerkennend, dass auch ich nur ein Mensch bin, verurteile ich mich dafür nicht mehr.

Wenn ich eines im Philosophie Unterricht lernte, dann, dass der Mensch determinierter ist, als ihm das lieb ist. So merke ich auch, wenn ich an Thore denke, dieses Ziehen der Sucht nach Liebesrausch. Vielleicht sogar nach Drama. Ob ich dem wirklich standhalten kann und will, weiß ich nicht. Ich weiß nur, ich möchte endlich mal entspannt sein, in der Nähe eines Mannes. Ihn irgendwie maßvoll lieben, wenn das irgendwie geht. Allerdings muss ich mich ja auch schon aus meinem Schneckenhäuschen wagen und ihm zeigen, dass ich daran interessiert bin, ihn näher kennenzulernen.

Nachdem Thore und ich einen wunderschönen und auch sehr lustigen Morgen, mit Frühstück im Bett verbrachten, gingen unsere Wege wieder auseinander. Er war hier, um sich auf seinen neuen Job vorzubereiten, seine neue Rolle. Das heißt, er muss sich ein bisschen zurückziehen und auf sich und die Rolle konzentrieren. Hab ich ja gewusst. Jahrelange Beziehungsmuster werde ich nicht ändern können. IMMERNOCH steh ich auf Männer, die irgendwie nicht erreichbar sind. Maaaaan! Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich dieser Zombie bin. Dieser Liebeshungrige Zombie, der unstillbaren Hunger hat. Das würde bedeuten, dass ich mir nicht immer nur Männer aussuche, die sich nicht wirklich einbringen. Sondern, das würde bedeuten, dass kein einziger meinem Bedürfnis nach Nähe permanent gerecht werden kann.

Was allerdings diesmal anders und positiv läuft, ist seine Ankündigung.  Das heißt, ich mache Fortschritte in der Wahl meiner Männer. Er kündigt an, nicht verfügbar oder ansprechbar zu sein, für die nächsten Tage. Und ER macht den Vorschlag Nummern auszutauschen. Allerdings fällt es mir schon schwer seine Freundlichkeit und Offenheit zu deuten. Bin ich für ihn lediglich eine Art Kumpel oder nimmt er mich doch schon auch auf der Mann/Frau Ebene wahr?

Seine Handynummer zu haben, ist für mich, wie für den Esel die Möhre vor der Nase zu haben. Die Möhre an der Angel, die mich in Bewegung hält, in der Hoffnung, ich erreiche sie doch noch. Naja eine kleine sms schadet doch nichts. What´s App benutzt er nicht. Er ist auch sonst in keinen Social Media Plattformen unterwegs. Eigentlich ganz vernünftig, wenn man in der Öffentlichkeit steht, glaub ich. Ach ne, lieber doch nicht. Soll er sich lieber melden. Ich will nicht anhänglich wirken, auch wenn ich es verspüre – den Drang mich an seine Lippen zu heften, zum Beispiel. Ich will ihn nicht überfordern oder verschrecken. Er wirkt manchmal auch, wie ein Reh, das leicht zu erschrecken ist und dann wegrennt, obwohl man es doch nur streicheln wollte. Aber für ein Reh würde es eine Zähmung durch den Menschen bedeuten. Und wir alle kennen die Geschichte des kleinen Prinzen.

Ne, also jetzt versuche ich, mal wieder etwas runter zu kommen. Fixierung ist scheiße, weil man dann so Stalker-ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legt. Vor allem völlig die Realität verzerrt. Naja Realität ist eh relativ. Ich weiß. Und doch, es ist wichtig, dass ich jetzt nicht ganz so hoch fliege, sonst wird der Fall echt tief. Bis ins Erdkern-Innere oder so.

Es ging unerwartet kontaktarm weiter. Warum suche ich mir denn eigentlich immer Männer aus, die unverbindlich bleiben? Männer, die entweder örtlich nicht verfügbar sind, mich aber total überschwänglich und zeitraubend auf allen möglichen Social Media Wegen lieben wollen. Oder welche, die neben mir sitzen aber sich emotional am anderen Ende des Äquators befinden. Ich kenne die Antwort auf die Frage schon. Es hat etwas mit der Kindheit und mit der Rolle meines Vaters zu tun. Natürlich. Aber bringt mich das Wissen um die Antwort auf meine Frage weiter lieber Dr. Freud?

Ich wende mich von der Psychoanalyse ab und dem Kognitivismus zu. Martin Seligman hatte ja mal ein Buch heraus gebracht mit dem Titel „Pessimisten küsst man nicht, Optimismus kann man lernen“. Das würde ein viel besserer Weg sein, um über meine tiefe Vertrauenskluft zu Männern eine Brücke zu bauen, auf der ich ihnen ohne Sicherungsgurt begegnen kann.

Aber auch das ist müßig, denn vom Unbewussten wird man weitaus mehr beeinflusst in seinem Denken, als man sich als Mensch mit Verstand eingestehen will. Gedanken können sich gut oder schlecht anfühlen. Der Kognitivismus hilft einem im Prinzip ja nur, das Denken zu ändern. Und dadurch tiefe Überzeugungen aufzuweichen, bis sie sich verändert haben. Solange an seinem Denken herum zu feilen, bis man alles nicht mehr mit einer Dramaqueen-Brille beurteilt, ist mein Ziel. Ich las ja auch mal, dass man nicht immer das selbe tun und andere Ergebnisse erwarten kann. Will ich was anders haben, muss was anders machen. Aus diesem Grund bin ich ja hier.

Thore hat diese Leichtigkeit. Das zieht mich einerseits an. Andererseits turnt es auch ab, weil er vielleicht dazu neigt, Dinge, Situationen oder Menschen nicht so ernst zu nehmen. Ich bin wütend, enttäuscht und traurig. Ich fühle mich abgelehnt, weil er sich nach unseren tollen paar Stunden, die wir miteinander hatten, nicht mehr bei mir meldete. Wenn er es auch so schön fand wie ich, dann würde er sich schon gemeldet haben. Vielleicht habe ich auf ihn anstrengend, kompliziert oder abstoßend gewirkt?

„Sara, Zimmer acht, frisch aus dem OP, benötigt eine Nierenschale. Der Stationsarzt hat bei ihm MCP Tropfen gegen Übelkeit angesetzt. Und ermittle bitte die Schmerzskala bei ihm.“

Hier auf der akuten Inneren geht es mitunter turbulent zu. Natürlich nicht so schlimm wie in der Notaufnahme. Jetzt klingelt es aus Zimmer acht schon wieder. Leider kam mir Zimmer drei dazwischen. Die Zeit hier in der Unfallklinik des Skiortes ist wirklich lehrreich. Die Menschen sind hier auch in Notsituationen viel gelassener als in der deutschen Hauptstadt. Außerdem kann man hier wirklich allehand komplizierte Brüche sehen. Man glaubt garnicht, was Menschen auf zwei Brettern, oder einem Brett manchmal anstellen. Bei manchen Verletzungen habe ich mich schon gefragt, wie er oder sie das hin bekam.

Aus dem Zimmer acht kommen grad zwei kichernde Mädels der Putzkolonne. Wahrscheinlich fänden Männer die beiden total süß. So kindliche Frauen, hager und mager, leicht und beschwingt. Verspielt irgendwie. Ich werde immer eher dem mütterlichen Typ Frau zugeschrieben. Wenn ich DAS höre, werde ich meist aggressiv. Innerlich. Ich bin zwar gut darin, mich um Menschen und deren Belange zu kümmern, aber ob ich das wirklich gerne mache und ob mir das wirklich gut tut, wage ich manches Mal zu bezweifeln. Und setzt ein Mann diese Eigenschaft bei mir voraus, nur aufgrund meines Äußeren oder meiner Berufswahl, werde ich echt ungehalten. Meist verhalte ich mich dann mit Absicht besonders rücksichtslos und hole mein verbales Samurai heraus, um ihn im Wortgefecht nieder zu metzeln. Einfach nur, damit er nicht auf weitere dumme Gedanken kommt. Gedanken wie, ich solle ihm doch bitte sagen, wo seine Socken liegen oder welches Hemd er zu welcher Hose anziehen soll. Um sich dann, von mir gut gestylt, von anderen Frauen Bestätigung zu holen. Einer, der danach nachhause kommt, sich ins gemütliche Nest meiner geschaffenen Geborgenheit kuschelt um mich dann zu fragen, was es denn heute zu essen gibt und ob ich ihm ein Bier aus der Küche holen könne.
Ich klinge bitter? Finde ich nicht. Ich klinge realistisch. Desillusioniert. Allerdings lebte es sich in meinen juvenilen Beziehungs-Sandschlössern unbeschwerter. Dingen auf den Grund zu gehen kann eben auch wehtun. Darum wird Alice im Wunderland wohl gefragt, wie tief sie in den Hasenbau gehen will.

Während ich Alexandras Song „Illusionen“ summe und Zimmer acht betrete, stockt mir der Atem und ich verstumme. 1) weil mir eine Duftwolke von Erbrochenem entgegen fliegt und b) weil der Patient in Zimmer acht offensichtlich Thore ist, der sich gerade die Seele aus dem Leib kotzt.

Sofort laufe ich los und organisiere eine Nierenschale, die ich leider vergessen hatte, schusselig, wie ich manches Mal bin. Während ich im Eilschritt den langen Stationsflur entlangschliddere und mir unterwegs noch ein paar Zellstofftücher und Einmalhandschuhe organisiere, überschlagen sich meine Gedanken.

Ich hab ihm so Unrecht getan. Vielleicht hätte er sich bei mir gemeldet. Konnte er aber nicht, weil er hier liegt. Was ist ihm passiert? Offensichtlich musste er operiert werden und reagiert mit Übelkeit auf die nachlassende Narkose.

Deswegen kicherten die Putzfeen so. Weil ER hier ist. Oh man, ob ich meine Professionalität wahren kann? Ich fühle mich in leichtem Schock Zustand. Ich handle wie ein Roboter. Klopfe an der Zimmertüre erneut an, als ich das Zimmer betrete. Halte ihm die Nierenschale, als er sich zur Seite beugt, weil er sich erneut übergeben muss. Er befindet sich derzeit noch im Dämmerzustand. Wirkt desorientiert. Seine Augen fallen ihm sofort wieder zu, als er seinen Oberkörper erschöpft wieder ins Kissen sinken lässt.

Ich lege auf die Pfütze auf dem Boden den Zellstoff, befeuchte einen Waschlappen und wische ihm den Mund ab und tupfe ihn danach trocken. Hier muss dringend frische Luft rein. Ich kippe das Fenster an.

Wie schwach und verletzlich er aussieht, wie er da so liegt. Schutzlos ausgeliefert, nur dämmernd bei Bewusstsein. So ein starker, großer Mann. Er sieht grad ganz klein aus. Ich muss ihn etwas aufwecken, damit er zu sich kommt. Im Dämmerzustand ist die Gefahr des Verschluckens zu groß.

„Thore“ flüstere ich seinen Namen sachte, genauso sachte, wie meine Berührung seiner Schulter. Er reagiert nur wenig „Hm?“ fragt er verschlafen nach. Wir dürfen ja unsere Patienten eigentlich nicht duzen.

Nagut, härtere Geschütze. “ Hallo Schlafmütze! Einmal wach werden bitte!“ sage ich ihm etwas schroffer und kühler. Es klingt wenig mitfühlend und genauso unnachgiebig rüttele ich nun seine Schulter. Er kommt zu sich und lächelt.

„Hej sarrrraaaa you´re so great.“ lallt Thore. Klingt fast besoffen. Er bekommt die Lippen kaum auseinander und die Augen kaum auf.

„Ich hab hier etwas gegen die Übelkeit. Wenn du das trinkst, dann geht es dir gleich besser.“

Er muss aufschlucken und guckt nun schmerzverzerrt. „Hast du Schmerzen?“

„Nein, wenn du da bist geht es mir gut“ sagt er auf Deutsch. „Ahh“ stöhnt er nun doch schmerzerfüllt.

Ich besorge dir gleich ein Schmerzmittel. Ich wundere mich über sein Deutsch. Er kann kaum sprechen und haut hier Deutsch raus.

„Kannst du den Becher selber halten?“

„Jadå.“ spricht er nun wieder auf Schwedisch und schläft wieder weg. Irgendwie auch süß, wie er so rumlallt.

„Hallooooo, bleib mal wach, hier trink mal bitte.“ Ich stütze seinen Kopf etwas hoch, damit er weiß, was ich von ihm will und setze den Becher an seine Lippen. „Soooooo und jetzt mal trinken, bitte.“

Während sich seine Augen müde etwas nach hinten rollen, lallt er er brabbelnd „I really like you Sasa.“ und lächelt dabei. Meinte er jetzt mich? Vielleicht kennt er ja eine Sasa, so wie Sasa Gabor und verwechselt mich aufgrund seiner Verwirrung. Kann ich mich jetzt freuen, dass er mich meinte, oder betrachte ich es wertfrei, weil er mein Patient ist und er außerdem auch nicht mich gemeint haben könnte?

Ich beschließe mich darüber zu freuen und seine Aussage auf mich zu beziehen. DAS war besser als jeder Song, der plötzlich im Radio gespielt wird. Mein Magen hüpft, mein Herz auch und ich glaub, ich auch.

Während ich ihm seine Schmerztropfen organisiere frage ich mich immernoch, weswegen er hier liegt. Ich fühle mich ihm gerade eigenartig überlegen, aber auch nah. Ich bin doch schon ganz schön souverän, muss ich feststellen. Garnicht mehr so unsicher bzw. verunsichert, das sich dann in Kleinkindgehabe inklusive quietschender klein Mädchen-Stimme.
Naja ok, er liegt jetzt auch etwas wehrlos und nicht Herr seiner Sinne, mir ausgeliefert in seinem Bett. Ist ja klar, dass ich grad die federführende bin.

Ich schicke die Reinigungskraft erneut in sein Zimmer, damit sie nochmal durch wischen. „Gern doch“ gibt sie kichernd wider. Diesmal schicke ich allerdings nicht eine dieser Hühner herein sondern die Bodenständige, sich der Rente annähernde Berta. Ich muss ihm meine potenzielle Konkurrenz nicht geradewegs in die Arme schubsen. Ihrem Kichern entnehme ich, dass sich die Nachricht, durch wen Zimmer acht belegt ist, herumsprach.

Ich muss mir unbedingt seine Patientenakte durchlesen.

Ein hübsches junges Mädel quatscht mich auf dem Weg zu seinem Zimmer an und fragt mich auf gebrochenem Deutsch, ob ich eine Blumenvase habe. Niedlich. Muss ich neidlos anerkennen. Die Aussprache klingt so niedlich und maaaan, es gibt aber auch echt hübsche Frauen. Schon wieder beginne ich zu kategorisieren und reihe mich ein in einer Liga unter ihr ein. Aber genau dieses blöde private Sara-Klassendenken will ich ja los werden. Aussehen ist nicht alles und außerdem Geschmackssache. Ich glaub, was ich so schön an ihr fand, war ihre Art. Sie wirkt so nett und sympathisch, dass man gleich in ihren Bann gezogen wird und beginnt, glücklich zurück zu strahlen. Als hätte ich gerade in der Lotterie gewonnen, grinse ich.  Normalerweise vergleiche ich mich in meiner überwiegenden Stimmung eher mit Grumpy Cat. Wäre ich ein Tier, wäre ich Grumpy Cat, oder Angry Bird. Sie hingegen wirkt eher wie Tweety. Ein sympatisches, süßes, pfiffiges Vögelchen.

„Schwester Sara, möchten Sie gleich einer Gastroskopie beiwohnen?“ fragte mich der diensthabende Arzt und lenkte mich somit von meiner Blumenvasen Mission ab. Ach und das Schmerzmittel muss ich noch organisieren. „Klar bin ich mit von der Partie, bei ´ner Gastro, was ne Frage, Dr. Gruber“ gab ich kodderig zurück. Ich hatte hier ja eh den Status eines Piefkes, also konnte ich mich auch dem Ruf entsprechend benehmen. Wir lachen beide.

Hier besteht eine weniger Steile Hierarchie als in Deutschland, in den meisten Krankenhäusern.

Freudig summend husche ich zurück zu Thore´s Zimmer, vergaß vor lauter Freude anzuklopfen, riss die Tür auf und was ich jetzt sah ließ mich, wie von Medusa angeblickt, versteinern.

Tweety saß an Thore´s Bett, hielt seine Hand. Beide lehnten ihre Köpfe an der Stirn des anderen. Es sah nach sehr zärtlicher Zuneigung aus.

Tja, Pech Sara, DAS ist wahrscheinlich Sasa.

Ich höre auf zu atmen und mein Herz fühlt sich jetzt ohne Übertreibung und Einbildung so an, als stoße man ein Messer hinein. Dieses Stechen. Diese Demütigung. Diese Enttäuschung. Dieser Schmerz. Meine Knie werden weich und ich habe das Gefühl in Ohnmacht fallen zu müssen. „Du reißt dich jetzt zusammen! Schließlich bist du ein Profi.“ faucht mein Über-Ich mich an. Ich kann mich hinter meiner Maske des Berufs verstecken.

Da ich noch direkt hinter der Tür stehe, bekomme ich diese ebenso direkt ins Kreuz, als die Dame aus der Hygieneabteilung mit ihrem Wischmop das Zimmer betreten will.

„Ja super, jetzt gib mir auch noch von hinten eine drauf DU SCHEIß LEBEN!!!“ schimpfe ich innerlich. Im außen jedoch hört man von mir lediglich ein beschämtes „ups“ und auf die Entschuldigung der Wischmop schwingenden Dame ein leises „Macht nix, konntest du ja nicht wissen. Kannst ja nicht durch die Tür gucken.“ höre ich mich selber sagen, während ich schrill dabei lache. Viel zu laut. Völlig unangemessen zu laut. Ich hasse Menschen, wenn sie aus Unsicherheit zu laut lachen. Und nun bin ich selbst einer von ihnen. Tja, so schnell kann´s gehen.

Ich trete zu Thore ans Bett und sage kühl „Ich habe ihr Schmerzmittel dabei, die müssten sie noch nehmen.“ Ich reiche ihm die Tropfen in einem kleinen Becherchen.

Danach lässt sein Kopf in das weiche Kissen sinken nimmt meine Hand, drückt sie und sagt „Danke Sara, du bist mein Engel.“ Sofort schießen mir die Tränen in die Augen. Ich bin verwirrt. Weiß nicht was ich davon halten soll. Nein! Er ist verwirrt. Noch halb auf Narkosedröhnung. Das darf ich jetzt nicht ernst nehmen.

Wohl auf Schwedisch sagt er zu Tweety. Ihrer Mimik, die ja meist universal ist, entnehme ich ein „Ahhh, achso, SIE ist es.“, dann lächelt sie mich an.

Der Dame von der Putzkolonne fällt in dem Moment die Kinnlade herunter. Sie steht jetzt da, als schaue sie sich einen Film an. Und ich? Ich bin die weibliche Hauptrolle? Kann das sein?

Ist das jetzt gut, oder wächst mir die Situation schon jetzt über beide Ohren? Meinte er das so wie er es sagte? Meint er einfach nur, dass ich meinen Job gut mache. Oder meint er, dass er in mich verliebt ist und ich ihm wie ein Engel vorkomme? Oder hat er nur einen Spaß gemacht? Oder er ist drauf von den Tropfen? Die schießen nämlich umgehend in die Blutlaufbahn und man fühlt sich ein bisschen wie auf Droge. Nicht, dass ich wüsste, wie sich das anfühlt – auf Droge sein.

Thore hält immernoch meine Hand. Mir ist die Situation unangenehm, deswegen winde ich mich aus seiner Berührung und verabschiede mich mit den Worten „I´m gonna leave you two alone now, though – take care.“
Meinen Kloß im Hals schlucke ich herunter, die Tränen ziehen sich langsam zurück.

„Thanks“ bedankt sich Tweety bei mir.

Die Putzfrau steht immernoch mit offenem Mund da und schaut mir hinterher. „Berta, mach´n Mund zu, die Milch wird sauer!“ ruf ich ihr zu, während ich den Raum verlasse. Den Raum, der soviel Unklarheit für mich  insich birgt, dass mir schwindelig ist. Wie in Trance gehe ich zum Schwesternzimmer und nehme mir eine Tasse Kaffe. Ich muss mich setzten und schlürfe ihn, den heißen Kaffee. Wenigstens darauf kann ich mich verlassen. Mit diesem Reiz kann ich was anfangen. Dass Kaffee noch wie Kaffee schmeckt. Mal besser, mal schlechter – dennoch immer nach Kaffee. Kaffe ist meine neue Essanfall-Stopphilfe geworden, seit ich soviel abnahm. Dieses Ritual gibt mir Halt und gebietet mir Einhalt. Wie für einen Raucher vermutlich die Zigarette.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Am liebsten würde ich jetzt zu ihm stürmen, die Zimmertüre aufreißen und ihn küssen. Ein völlig paradoxes, unlogisches Verlangen. Das mag eklig klingen, bedenkt man, dass er sich vor garnicht solanger Zeit übergab. Aber das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. Ich verspüre einfach nur den Drang zu ihm gehen zu müssen und ihn zu küssen. Wild, unbändig, stürmisch – so, dass wir beide kaum noch Luft bekommen. Ganz gleich, wer um uns herum ist und was vor oder nach diesem einen Moment geschieht. Die uralte Morla aus der unendlichen Geschichte hatte Recht “ es ist sogar egal, dass es egal ist“. Er hat mich vor seiner Bekannten schonmal nicht verleugnet. Das sind gute Neuigkeiten und lassen mich erneut hoffen.
Küssen. Einfach nur das.

Stattdessen sitze ich jetzt wie festnegnietet, kopfschüttelnd da, während ich Berta und die anderen im Krankenhausflur über Thore und mich tuscheln höre und schlürfe meinen Kaffee, der immer schmeckt, wie Kaffee.

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Neues Jahr, neues Glück – Teil 4 „Wunder gibt es…“

Nun bin ich schon eine Woche hier und habe schon dreimal gedacht, Thore gesehen zu haben. Pustekuchen. Fehlanzeige. Er geistert hier wie ein Phantom durch den kleinen Ort. Wie MEIN Phantom.

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Ich bin schlecht gelaunt! Deswegen schlurfe ich hier herum wie ein Miesmuffel. Typisch deutscher unhöflicher und roher „Piefke“, wie der Österreicher uns gern nennt. Naja, was soll´s. So unterscheide ich mich wenigstens nicht, von den durch die Straße latschenden Snowboardern. Die Snowboarder wären mit den Softstiefeln zwar in der Lage, jedoch zu cool um ihre Füße beim Gehen zu heben. Die Skifahrer hingegen müssen gehen wie Cool Jay´s mit den Hartstiefeln. Egal ob Hart -oder Softstiefel, diese Art zu gehen macht Geräusche. So ergibt sich eine ganz spezielle Geräuschkulisse, wie sie nur die Hauptstraße eines Skiortes haben kann.

Um mich in Ruhe in diesem Ort zu akklimatisieren, habe ich vor Beginn meines Praktikums extra eine Woche Urlaub eingeplant. Ich schlurfe also nicht nur schlecht gelaunt, sondern auch gelangweilt hier herum. Ach naja, was soll´s. Ich habe in meinem Leben derzeit eh keinen Platz für eine romantische Beziehung. Selbst mein Freundeskreis beschwert sich schon, dass sie mich so selten zu Gesicht bekommen.

Ich lebe nun schon seit 5 Jahren allein. Da gewöhnt man sich daran. Entwickelt immer mehr Eigenheiten wie, was zu sein und zu liegen hat. Wie voll der Wasserkocher gefüllt wird, wenn man nur eine Tasse Instant Kaffee brüht. In welcher Art und Weise man einen Lappen hinlegt, nachdem man die Arbeitsplatte damit abgewischt hat. Ich weiß, wo was liegt und finde es genauso wieder vor, wie ich es verließ. Keiner, über den ich mich ärgern muss, weil er Unordnung, in mein routiniertes System hineinbringt. Mit dem ich mich sicher fühle und das mir vorgaukelt, mein Leben unter Kontrolle zu haben.

Keiner, auf den ich nachts warte, wenn er später zu Bett kommt, um auch mal ein wenig Zeit für sich selbst gehabt zu haben. Keiner der auf mich wartet, weswegen ich das Gefühl habe, immer früher von Veranstaltungen zurückkommen zu müssen. Und überhaupt! Wenn Beziehung und zusammen wohnen, bin ich für getrennte Schlafzimmer.  Aber solange ich Single bin, genieße ich ; die Ruhe und Monotonie. Keine Eifersucht und damit einhergehendes Gefühl der Selbstdemütigung. Keine Abhängigkeit. Zumindest keine von Menschen. Was Genussmittel angeht, bin ich eher in der Gefahr die Kontrolle verlieren. Zu leicht versucht man oft die Leere zu füllen. Mit allerlei Ersatzmitteln, die sich der Gesellschaft in Europa so bieten.

Ich bin nach mehreren konventionellen Beziehungen sowieso der Meinung, alles sollte ganz anders sein.

Man sollte wie in einer WG zusammen wohnen und ab und zu miteinander schlafen. Man würde sich dann verabreden. Das Beisammensein wäre nicht selbstverständlich. Das Miteinanderschlafen auch nicht. Man hätte seinen eignen Rückzugsort. Wenn man sich gestritten hat, muss nicht einer von beiden entwürdigend auf die Couch umziehen, weil man die Nähe des anderen räumlich grad nicht aushält. Und es hat noch viele andere Vorzüge so zu leben, denke ich mir. Welcher Mann würde denn sowas mitmachen? Zumindest keiner von Denen, die ich während meines Single-Daseins kennenlernte. Nicht das DIES mein einziges Ausschlusskriterium sei. Die Liste ist noch viel länger.

Was ich allerdings auch gelernt habe, im Laufe meines bisherigen Liebeslebens: Wenn da einer kommt, der mir die Lichter ausschießt, dann werfe ich meist alle von mir aufgestellten „Sicherheits“ – Regeln über den Haufen. Dann setzt sich mein Bauch gegenüber dem Kopf durch. Oder heißt es des Kopfes? Genitiv, Dativ, Akku…egal! Zurück zu Inhaltlichem. Freud würde an dieser Stelle sagen „Das Individuum ist nicht ICH-stark. Es lässt sich vom ES regieren.“ Das Über-Ich hat dann nichts mehr zu melden. Der Teil, der die moralische Instanz darstellt. Der – „Dies und Jenes tut man nicht! Und schon garnicht so!“ – Teil in einem jedem. Drauf g´schisse, wie der Wiener mit seinem Schmäh jetzt sagen würde.

Was mir so alles durch den Kopf geht, während ich das bunte, geschäftige Treiben der Sportler, der Presse und der Autogrammjäger beobachte. Dieses Gewusel macht mich noch aggressiv, wenn ich mich hier nicht zurückziehe. Derzeit ist hier wirklich viel los. Obwohl die Straßen voll von Menschen sind, habe ich das Gefühl als sei alles leer. In mir und um mich herum. Wie eine Geisterstadt. Hier findet Synchron-Ski-Weltcup-Irgendwas statt. Da gibt es sogar eine Weltmeisterschaft. Ach naja, so genau blick ich hier noch nicht durch. Auf jeden Fall erklärt sich für mich jetzt dieser ganze Pressewirbel vom Bahnhof. Keine Promis im klassischen Sinne, sondern Sportler Promis.

Siegertreppchen Platz 1 =  A Promi

2. Platz = B Promi

und so fort…

Ein riesen Sportevent. Irgendwie geht mir der Sinn des Ganzen ab.

Wer ist denn eigentlich mal auf die Idee gekommen, Sportler zu interviewen? Wären sie gut darin, ihre Misserfolge sportlich positiv zu reden, wären sie wohl eher in der Politik gelandet.  Fotos von der Siegerpose, ok. Aber es werden ja auch interviewende Journalisten auf die Armen losgelassen.

„Ja gut ich mein..“ oder auch „Ja gut, ich sag mal so“ sind beliebte einleitende, antrainierte Phrasen, die ein

„Boris-Becker-Ähhhhhh“ vermeiden und den Satzbau flüssig wirken lassen sollen.

Letztendlich beschreibt der Sportler dann nochmal in seinem eigenen, zwar einstudierten, trotzdem ungelenken Sportjargon, den Hergang seiner Leistung oder seines Versagens. Wollte der Frage stellende Reporter doch mehr über das WARUM wissen.

Allerdings stellen manche Reporter aber auch echt blöde Fragen, muss man fairerweise dazu sagen. Aber was soll es, der Zuschauer will ja den Hype erleben, also werden vor und nach dem Wettkampf Sportler, wie Trainer in die Interview-Pflicht genommen. Das alles zwischen Sponsoren-Werbepausen, die vermutlich der eigentliche Grund für das elende In-die-Länge-Ziehen sind.

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Dann wird noch eine Showbühne im Übertragungsort aufgebaut, damit der Ort auch etwas davon hat. Hier treten dann mehr dritt-, bis zweitklassige mit Aprés-Ski Hits vergangener Jahre, aber mindestens ein Zugpferd – also ein erstklassiger Künstler, mit aktuellem Aprés Ski Hit auf. Das Alles führt wohl dazu, dass Sportler gezwungen sind, Spitzensportler zu werden. Sehe sich doch einmal einer die Fußballer von heute an. Damals waren sie sportlich, heute sehen die alle aus, wie Kampfmaschinen oder „der Terminator“ in Fleisch und Blut. Ohne Doping geht doch eh nichts mehr. Naja gut, nicht Alle sind gleich. Aber alle stehen unter Zugzwang, wenn mit unfairen Mitteln gekämpft wird. Vielleicht war DAS auch schon immer so, nur wurde nie darüber berichtet?

Ach, ist ja auch egal! Ich bin verstimmt. Vielleicht bekomm´ ich ja auch meine Tage?

Bei Terminator muss ich grad wieder an Thore denken. Ich hab ihn ja nicht stehen sehen, aber geschätzt an der Länge seiner Beine, die sich leicht muskulös in der Jeans abzeichneten, müsste er schon ziemlich groß sein.

Hach ja! Ich mag ja große Männer. Neben kleinen Männern fühle ich mich immer wie ´ne riesen Matrone. Da kann ja der kleine Mann nichts dafür. Und neben großen Männern, fühle ich mich immer klein und zierlich. Etwas, das ich nie war, außer vielleicht als Baby! Die anderen hatten schon immer Angst vor mir. Insbesondere Männer, da ich ja meist größer war, als der Klassendurchschnitt. Erst Recht dann, als ich sitzen blieb – in der 2. Klasse.

„Pass doch auf!“ fauche ich einen Autogrammjäger an. Rücksichtsloses, euphorisiertes, unzurechnungsfähiges Zombie-Pack denke ich mir, während ich geschockt über so viel Rücksichtslosigkeit, mit meinem Hintern direkt in einem der vielen Schneehaufen am Straßenrand zum Sitzen komme.

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Schön, dass der Schnee pappig und nass ist. So dann auch meine Hose, wenn ich gleich aufstehe. Mir schießt vor Wut und Scham die Röte ins Gesicht. Super, dass MIR das wieder passiert. Das bringt das Fass gleich zum Überlaufen. Gleich muss ich losheulen. Ich kriege BESTIMMT meine Tage! Anders kann ich mir diese emotionale Instabilität aufgrund einer solchen Lapalie nicht erklären. „Hey, denk dran, du wolltest postitiv denken! Neues Jahr, neues..“, „Ach hör bloß auf! Neues Jahr BLA BLA!“ entgegne ich mir selbst in meinem gedanklichen Monolog. Kann auch sein, dass ich das grad laut aussprach, so genau weiß ich es einen Augenblick später schon nicht mehr. Ist mir jetzt auch egal, wenn´s so wär´. Ich merke, wie mein Hals sich zuschnürt und sich darunter ein dicker Kloß ansammelt. In meinen Augen sammelt sich Tränenflüssigkeit. „Scheiße! Gleich heule ich los!“ Es ist wirklich ein Kreuz der Frau. Den Hormonen zu bestimmten Zeiten völlig unterworfen zu sein, wie der Mann. Bloß anders. Ich spüre, wie die Nässe, des Schnees durch das material meiner Hose dringt. Na super! Nun hab ich auch noch nen nassen Arsch. Wenn ich jetzt also aufstehe, verfolgt mich dieser Plumps in den Schneehaufen, bis ich die Tür meiner Unterkunft hinter mir geschlossen habe. Jetzt gerade wünsche ich mir, ich hätte mir doch einen langen Mantel und nicht die taillierte Jacke gekauft. Aber ich war doch so stolz darauf 30 Kilo abgenommen zu haben und endlich wieder meine Taille zeigen zu können. „Tja Sara, Hochmut kommt vor dem Fall!“ hackt mein Über-Ich auf mir herum.

Nun fahre ich schon kein Ski mehr, um nicht umgefahren zu werden und da haut´s mich HIER um. Mitten auf der Straße!

Während ich versuche mein Gesäß aus dem nassen, großen Schneematschhaufen zu erheben, werden mir von vorn zwei große, kratvolle aber doch auch schlanke Hände gereicht. Da ich vor Scham auf den Boden gesehen hatte, realisiere ich erst jetzt, dass diese Hände zu Thore gehören.

Natürlich! JETZT! Bitte lieber Gott JETZT DOCH NICHT! Ich komme mir gerade wirklich klein und hilflos vor. Wie ein, an der Laterne festgebundener Welpe im Regen. Nicht grad wie eine 30 Kilo leichtere Grazie. Er weiß ja auch nicht, dass ich vorher mehr wog. Mein Kopf und Gemüt haben diese Tatsache wohl auch noch nicht realisiert. Vorher hätte ich mich selbst aus dem Schneeberg gekämpft. Ich hätte mir nie die Blöße gegeben, Hilfe bei sowas anzunehmen. Ich bin zwar dick, aber trotzdem beweglich. Nun bin ich auch noch nicht so schlank, wie ich gern wäre, aber schlanker. Aber wann ist Frau schon mal SO schlank wie sie gern wäre!? Weswegen auch immer, ich fühle mich unsicher und weiß nicht so recht, wie ich mich verhalten soll.

WO WAR ER die ganze Woche, in den Momenten, in denen ich einfach blendend aussah. In denen ich mich lächelnd mit anderen unterhielt und hoffte, dass er mich irgendwie erspäht und mich so toll findet, dass er mein Lächeln und meine wehenden Haare in Zeitlupe wahrnimmt. Als er sich jetzt zu mir herunter beugt und mir lächelnd seine Hände reicht und strahlend „Hey do you need a hand?“ fragt, erlebe ICH nun alles wie in Zeitlupe. Während er mir aufhilft, fühle ich mich elektrisiert und so, als hätte plötzlich jemand das Licht angeknipst. Es wirkt so, als strengte ihn das garnicht an. Als sei ich leicht wie eine Feder.

Ich roch plötzlich den süßen Geruch von Glühwein und gebrannten Mandeln von den Eventhütten gegenüber. Irgendwie erschien mir das Licht Rosa. Ich hörte Musik in meinem Kopf „Wunder gibt es immer wieder..“ Katja Ebstein. Nicht der Idealtypische Song, dennoch passend. Obwohl, der nicht in meinem Kopf spielt, sondern als Soundcheck auf der Bühne eingespielt wird.

Die Situation ist schon wieder so peinlich, gleichzeitig toll und absurd, so unwirklich, dass ich einfach innerlich loslasse und zu lachen beginne. Die ganze Wut, die Unsicherheit, alles fällt irgendwie von mir ab. Der Kloß im Hals löst sich auf, ich fühle mich erleichtert, schniefe, während mir lachend eine Träne kullert.

Er hebt meine frisch gekaufte Papiertüte mit getrockneten Apfelringen auf. Meinen Tigel mit Ringelblumen Creme, der in der Straßenrinne vor sich hin kullert, sammelt er auch für mich ein. Nur gut, dass ich nicht grad Tampons einkaufen war, denke ich während des Hose trocken Rubbelns.Nicht, dass das was Schlimmes wäre, oder gar unrein, wie es in manchen Kulturen heißt. Aber manch einer leidet ja auch an „Zyklusphobie“ wie ich es immer nenne.
Eigentlich hab ich ihn fast garnicht erkannt, als er mit tief in die Stirn gezogener Mütze und hochgewickeltem Schal, quasie vermummt, vor mir steht. Aber irgendwie hatte ich ihn glaube ich, an seinen hellblauen Augen erkannt. Und er zog sich ja auch schnell seinen Schal zum Kinn herunter, sodass ich sein charmantes Lächeln wiedererkennen konnte.

Plötzlich fällt mir wieder ein, was ich an diesem Ort, zu dieser Jahreszeit so gern mag.

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Bin ein Naturromantiker. Ich mag die verschneiten Hänge und Tannen, die eingeschneiten Häuser und kleinen Hütten. Den knisternden Kamin, so man denn einen hat. Ich mag, nach einer langen Wanderung bei kalter Witterung, wenn mir abends die Muskeln schmerzen und meine Haut langsam zu kribbeln beginnt, weil sie von der Kälte schon taub war und jetzt wieder glüht. Wenn ich nur noch mein Unterhemd, die langen Unterhosen mit den dicken Wollsocken trage und mich in eine Kuscheldecke, an den Kamin setze und eine heiße Schokolade trinke. Ich kann dann hinausschauen aus dem Balkon, direkt ins das verschneite Tal und auf die beleuchtete Nacht-Ski Piste gegenüber. Kann den Nachtfahrern beim Slalom ziehen zusehen. Auch, wie bereits einige Planierraupen die Pisten für den nächsten Morgen präparieren.

So schön das zu-sich-selbst-kommen in solchen Momenten auch ist. Dennoch scheint mir gerade dieser perfekt dazu, ihn zu teilen, mit einem Menschen, den man mag, damit man sich einander noch näher fühlen kann.

Jetzt oder nie! „Danke Thore, wie wär es mit einer heißen Schokolade als kleines Dankeschön, für den Schneerettungseinsatz?“, höre ich mich auf Englisch sagen, ohne darüber nachgedacht zu haben. Ich habe extra seinen Namen genannt, um ihm zu signalisieren, dass ich mich an ihn erinnere! Das lernt man in jedem Rhetorikbuch.

Spontan fällt mir ein kleines, gemütliches Kaffeehäuschen in einer schmalen Seitengasse ein. Die Fensterscheiben, bei diesem Wetter leicht beschlagen. Das Kerzenlicht und das, der stoffbezogenen Wandlaternen, scheint immer so warm nach draußen. Beim Vorbeigehen entgeht einem nicht die Tortenvitrine, die mehrere Stockwerke mit unterschiedlichsten süßen Kuchen- und Tortengebilden aufweist. Die Menschen, die dort drinnen sitzen, mal Pärchen, mal einzelne, sehen in jedem Fall zufrieden aus. DAS wollte ich nun auch! Neues Jahr, neues Glück. Es steht mir zu. Schließlich sang Katja Ebstein mir Mut zu.

Ich kann garnichts dagegen tun, aber sofort kommt mir das Bild in den Kopf, wie ich mit Thore dort sitze. Es warm und trocken. Es duftet nach frisch gemahlenem und frisch gebrühtem Kaffee und nach ihm. Das einzige, das zwischen uns steht ist die Kerze, die sich in unseren Augen spiegelt. Heimlich aber doch bemerkt, berühren sich unter dem Tisch unsere Hände vorsichtig.

So, wie man eine zarte Pflanze streichelt, um sie respektvoll in dieser Welt willkommen zu heißen, damit sie besser gedeihen kann.

„Oh ehm“ druckste er rum. „Hey weißt Du, das ist wirklich nett von Dir…“ Mir ist, als wird mir schwarz vor Augen. Es klingt nach einem ABER.  Ich will es nicht zulassen. Glück gibt es nicht, Glück macht man!

„Und wenn ich darauf bestehe?“  unterbreche ich ihn mit meinem nettesten Lächeln, das ich habe.

– Oh man, jetzt trau ich mich ja was. Könnte für ganz schön aufdringlich gehalten werden. Aber so bin ich eben. Also nicht aufdringlich, aber draufgängerisch. Bleibt einem auch nichts anderes übrig, wenn man nicht DER Typ Frau ist, der von Männern angesprochen wird. Letztlich weiß ich nicht, warum sie mich nie ansprechen. Vielleicht die Größe? Vielleicht auch die Figur? Ein Großteil, sagen die Kommunikationspsychologen, läuft nonverbal. Also laut Watzlawick kann man nicht, nicht kommunizieren. Das heißt im Umkehrschluss, dass man immer kommuniziert. Sobald ein Empfänger, also eine andere Person, mit einem im Raum ist wird man zum Sender von Nachrichten, die der andere entschlüsselt. Hierbei kommt es mitunter zu fatalen Entschlüsselungsfehlern. Sogenannte Missverständnisse.

Also wird es an meiner Ausstrahlung liegen. Das, was ich ausstrahle oder auch aussende.  Wie ist denn meine Ausstrahlung? Was genau sende ich? Bestimmt ´ne Mischung aus unnahbar und zickig. Vielleicht auch zu selbstbewusst wirkend. Wie man sich eine Emanze vorstellt. Kompliziert auf jeden Fall.

Kompliziert = anstrengend!

Das Aussehen ist es meistens nicht. Auch wenn man im Kopf immer ein bestimmte Vorstellung von seinem Traumpartner hat. Oder einem bestimmten Beuteschema nachgeht, letztlich spielt das Aussehen die geringste Rolle für eine wirklich beständige und richtige Beziehung.

Ich hatte auch schon einen Partner, der nach klassischen Gesichtspunkten und meinen eigenen, nicht hübsch war. Aber als ich ihn dann näher kennenlernte und mit dem Mann zusammen war, war er für mich der Schönste aller Männer. Da hätte auch Alexander Skarsgård daneben stehen können. Den hätte ich vielleicht zur Kenntnis genommen. Aber er hätte mich nicht im Geringsten interessiert, geschweige denn berührt. – überschlagen sich meine Gedanken, bis ich unterbrochen werde.

„Also gut, wenn du darauf bestehst.“ wiederholt er übertrieben, nachäffend und schmunzelt dabei.

„Sollen wir?“ lenkt er ein, nachdem er kurz wachsam zu der Menschenmenge, aus Presse, Sportlern und Fans rüber sah. Er bietet mir seinen Arm an, in den ich mich einhaken soll. „Nicht, dass du wieder fällst!“ sagt er lachend. Hat er gerade zugesagt? Nun taumle ich vor Freude, sodass ich mich widerstandslos unter seinen Arm hake. Aus dem Schwarz vor Augen ist nun ein buntes Feuerwerk geworden, das mich auf dem ganzen Weg zur Kaffeestube begleitet. In meinem Kopf rieselt dass Blut spärlich, sodass ich die Situation immer noch nicht realisieren kann. Da sind sie wieder, die Schmetterlinge im Bauch. Jetzt bin ich innerlich so aufgeregt, dass ein Kaffee nicht gut wäre. Heiße Schokolade. Ja, DIE muss es jetzt sein. Beruhigt meine Nerven bestimmt.

Aufregend und unwirklich fühlt es sich an, so mit ihm nebeneinander zu gehen. Zusammen. Zu zweit. Schön. Ich genieße es. Jetzt! Und dass meine Hose am Po aussieht als hätte ich eine leichte Blasenschwäche, ist mir nun auch völlig egal. Wenn DAS dabei rausspringt, war es das auf jeden Fall Wert. Ich habe das Gefühl ein absolutes Glückskind zu sein. Ich mein, wie wahrscheinlich ist es, dass ER jetzt hier lang geht und mir auch noch aufhilft? Das heißt, ich bin ihm nicht egal. Und wie wahrscheinlich war es, dass er tatsächlich Ja sagt? Ich mein, sowas passiert doch nur in schnulzigen Liebesromanen, aber doch nicht im echten Leben – und dann auch noch MIR. Offensichtlich doch! Aber nicht zu früh freuen und locker bleiben. DOCH freuen und trotzdem locker bleiben:-) Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie das Gesetz der Anziehung oder Gott. Fakt ist, hätte ich nicht die Initiative ergriffen, wäre nichts daraus geworden. Bildlich gesprochen : Die Tür öffnete sich und ich ging hindurch.

Tja, wer hätte das gedacht! Katja Ebstein hatte Recht und ich auch. Neues Jahr, neues Glück!

Fortsetzung folgt…© by SoulstripShe

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Neues Jahr, Neues Glück – Teil 2 „Grün meint Gehen!“

Erregend anregend- schöne Beschreibung der Wirkung, die ein völlig Fremder auf mich hat. Vielleicht gerade, weil er mir fremd ist. Nach dem ersten Jahr der Beziehung fiele alles, was jetzt an ihm spannend ist, dem Alltag zum Opfer. Rülpsen dann pupsen in Gegenwart des anderen. Irgendwann sitzt der eine auf Klo, während der andere sich im selben Bad, wenige Zentimeter entfernt, zurecht macht. Aber um dem vorzubeugen und weil ich in dieser Beziehung alles anders machen würde, hätten wir ZWEI Badezimmer! Und wenn es die nicht gibt, dann einen ausgeklügelten Zeit-Nutzungsplan.

Ob ich ihn in diesem Moment wohl immernoch so anregend finden würde, wenn er ne Knoblauch -oder Alkoholfahne hätte. Diese hätte sich dann jetzt ungehindert im Abteil verbreiten können, während er mit offener Kinnlade vor sich hindöste.

Jetzt reckt und streckt er sich…sogar sein Doppelkinn, das sich grad beim Gähnen formt, wirkt irgendwie charmant und nimmt der markanten „Jawline“ keinen Funken Männlichkeit. Kann man ein Doppelkinn charmant finden? Offensichtlich schon.
Ich fühle mich wie vom Donner erschlagen, weil mich seine leuchtenden Augen so tief durchdringend, anblinzeln. Wie Katharina Thalbach so schön sagte „Manchmal kann es einen, wie ein Donnerschlag treffen!“. Tja, manchmal trifft´s einen einfach. Zu blöd nur, wenn das Gegenüber statt eines Donners nur das leise Pupsen einer Obstfliege vernimmt. Also bildlich gesprochen, ist klar! Kann eine Obstfliege überhaupt pupsen? Die Rede ist hier von Drosophila Melanogaster, damit wir uns richtig verstehen.
In die Biologie übertragen, stell ich mir grad feuernde Synapsen auf Hochtouren vor – der Donnerschlag. Naja und in WAHRHEIT ist es dann so – ich bilde mir ein, er hat wegen mir leuchtende Augen und blinzelt mich an. Aber in echt -und das wäre jetzt die pupsende Obstfliege – hat er vom Gähnen einfach nur Tränen in den Augen. Soviel jetzt wieder zur subjektiven Wahrnehmung. Und zum Thema Obst fällt mir, als Gesundheitspflegerin natürlich IMMER gleich die Obst-ipation = Verstopfung und die dazugehörige Prophylaxe ein. SO hatte ich mir letztlich die Schreibweise des Fremdwortes merken können. MEINE GEDANKEN RASEN!

Nun mal langsam mit den Pferden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu doch noch garnicht wirklich was sagen. Apropos langsam – der Zug steht immernoch. Es sind bereits gefühlte 10 Minuten vergangen. Das ist schon eigenartig, so mitten auf der Strecke.

Oh, jetzt lächelt er mich an. Kurz und flüchtig, wie man jemanden anlächelt, dessen Weg man flüchtig auf der Straße kreuzt. Ich warte ja immernoch auf die Freundin, die reumütig aus dem Nebenabteil angekrochen kommt, um sich bei ihm zu entschuldigen. Dann wird er ihr großmütig verzeihen, sie werden sich nach der Versöhnung noch verliebter fühlen als zuvor, sich küssen (vor mir, denn dass ich auch da bin, werden sie garnicht bemerken). Händchenhaltend werden sie dann den Zug verlassen. Arm in Arm durch die kleinen Gassen im Ski-Ort laufen. Natürlich werden sie mir immer wieder turtelnd über den Weg laufen, nachdem und bevor sie eine großartige Versöhnungsnacht verbracht haben.

STOP, was denk ich denn da schon wieder?! Viel schlimmer noch! Ich denke nicht nur, nein ich sehe es förmlich vor meinem geistigen Auge, ganz lebendig sehe ich es. Ganz lebendig fühlt es sich an. Warum ist es immer so leicht, sich so unangenehme Dinge in den schillerndsten Farben, mit emotionaler Theatralik vorzustellen?

Und warum ist es so schwer, sich vorstellen, dass einem selbst das passiert? Ich meine, das Gute. Zum Beispiel, dass ICH die Freundin bin, mit der er Arm in Arm, völlig verliebt alles verklärt wahrnehmend, durch die Gassen bummelt. Dann würde es vielleicht an meiner Stelle jemanden geben, der von uns unbeachtet unseren Weg kreuzt. Der oder die sich denkt „Warum kann nicht ICH an ihrer Stelle sein?“ Es wird wohl immer Trauerklöße geben, die sich als Pechvogel wahrnehmen und denken, sie haben kein Glück in der Liebe.
Dass aber Liebe genauso wenig mit Glück zutun hat, wie ein guter Job, das ist ja das was einem die Hirnforschung heutzutage berichtet. Mein Leben, meine Verantwortung. Keine Ausreden mehr.

Neues Jahr, neues Glück! ICH will nicht mehr zu den Menschen gehören, der sich in Selbstmitleid suhlt und darüber beschwert, wie ungeliebt man sich fühlt. Wie wenig man beachtet wird, von Männern. Nein falsch.

Anders herum :

Ich gehöre ab sofort zu den Menschen, die die Initiative in ihrem Leben ergreifen. Ich nehme mein Leben selbst in die Hand, anstatt gelebt zu werden. Gelebt zu werden, von unbewussten Programmen, Denkmustern, Überzeugungen. Oder was auch immer diese negativen, verderblichen Kräfte sein mögen, die einen immer wieder wie ferngesteuert in ähnlich unglückliche Dilemma treibt.Wenn´s sein muss geh ich da auch mit der Brechstange heran und tue ab jetzt immer genau das Gegenteil von dem, was ich zuvor getan hätte. Das meistens eben Nichts gewesen war. Ich tat meistens nichts. Jetzt handele ich. Hoffentlich finde ich über das Gegenteilige irgendwie MEINE Mitte. MEINEN Weg. Naja und genau damit habe ich ja bereits begonnen. Sonst würde ich ja nicht in diesem Zug sitzen. Im Zug auf dem Weg in ein berufliches Ausprobieren. Als Gesundheitspflegerin im Praktikum, in der Sportklinik des Skiortes.

Genau! Also BIN ich ja schon dieser jemand, der sein „Glück“ in die eigenen Hände nimmt! Es durchtreibt mich plötzlich ein Schwall von Schmetterlingen vom Hirn in den Magen und zurück ins Hirn. Mein Bauch gibt Grün, mein Kopf sagt Rot. Grün meint gehen, Rot bleib stehen. Schwups. Schon passiert.

„Na? Gut geschlafen?“ höre ich mich ihn plötzlich fragen. Na toll! Mein Kopf ist hoch Rot. Ich spüre es genau! Diese Hitze im Gesicht, wie eine reife Gesichts-Tomate. Nein, was mach ich denn!?! Ich beiße mir auf die Lippen und versuche zu lächeln, beides gleichzeitig. Da das anatomisch garnicht möglich ist, sehe ich grad bestimmt irgendwie verkrampft aus. Und überhaupt: Wie seh ICH denn eigentlich grad aus? Ich habe kein Spiegel-Check gemacht. Meine Haare stehen bestimmt wie wilde Antennen vom Kopf ab. Meine Augen sind nicht geschminkt, dann seh ich immer irgendwie fad und kränkelnd aus, weil meine Wimpern und Augenbrauen so Aschblond sind, wie mein Haupthaar. Wobei mein Haupthaar seit dem 25. Lebensjahr zu ergrauen begonnen hat. Wenigstens sieht man keinen Ansatz, weil ich den vor Fahrtantritt schon wegfärbte.

Vermutlich habe ich auch irgendwo im Gesicht noch n Abdruck meiner Kapuzenjacke, in die ich meine Gesichtshälfte während des Nickerchens geknautscht hatte. Genau – ein Sharpei ist wohl grad garnichts gegen mein prä-menstruelles Gesicht, voller Wasseransammlungen um die Augen.

Naja, EGAL! Meine Mutter sagt immer „Die tollsten Männer trifft man bei Kaisers an der Kasse, wenn man aussieht wie Karla Arsch aus Laatzen“ ( nichts für ungut Laatzen!). Allerdings sagte sie nichts davon, dass man diese tollen Männer dann auch kennenlernt. Vermutlich würde ein Kennenlernen ausbleiben, so wie man aussähe. Aber DAS ist nun auch egal, denn ich hatte ihn ja jetzt angesprochen – ungeachtet dessen, wie ich aussehen könnte.

„Pardon me?“ antwortet er mir. OK?! Also er spricht schon mal kein Deutsch. „Ähm, did you sleep well?“ versuche ich mein Glück nun also auf Englisch.

Bevor ich mich verseh´, stecken wir schon in einem kleinen Dialog, der vielleicht nie stattgefunden hätte, wenn ICH nicht die Initiative ergriffen hätte. Ok, es ist ein Dialog darüber, warum der Zug steht und über das Wetter. Der Inhalt ist für mich zum jetztigen Zeitpunkt jedoch noch nicht von Belang. Es ist schon aufregend genug, überhaupt mit ihm zu reden. Ich kann eh noch nicht klar denken. Die Worte fallen mir einfach so aus dem Mund heraus. So, wie Essen, das man ausversehen, ohne das man es will ausspuckt. Ach je, na das würde mir grad noch fehlen. Wenn ich ihn jetzt ausversehen anspucke. Ich schlucke meine Pavlov prognostizierte Spucke herunter, um nicht sabbernd da zu sitzen.

„The more snow, the more fun it´s gonna be“. Er spricht grad vom Ski fahren. Ich stelle mir jedoch grad eine hitzige Schneeballschlacht mit ihm vor. Über mein Kopfkino lache ich nun plötzlich. Laut. Grell. Er stutzt, zieht die Augenbrauen kurz zusammen. Deswegen fällt es mir überhaupt erst auf. Ich reiße mich jetzt zusammen. Ich erinnere mich, dass Männer nicht auf grelles, lautes Lachen stehen. Ach was soll´s, so bin ich eben!

Ah, der Zug fährt weiter.

…Fortsetzung folgt ©by SoulstripShe

Neues Jahr, neues Glück – Teil 1 „Aufregend Erregend“

Neues Jahr, neues Glück!

Na klar, es ist ganz einfach. Der Wiederholungszwang von dem Sigmund Freud sprach ist einfach nur ein Bündel von Konditionierungen. Laut Pawlow beginne ich also zu sabbern (unwillkürliche körperliche Reaktion), sobald ich einen potenziellen Partner wahrnehme (Reiz). Laut Freud haben die Männer, bei denen ich zu sabbern anfange meist unliebsame Eigenschaften meines Vaters. Eigenschaften, die mir das Gefühl geben, meine Kindheit sei ein Überlebenstraining gewesen.

Hier sitz ich nun. Im Jahr 2014. Fast vierzig. Mit einigen wenigen gescheiterten Beziehungen und, dank des Internets, mit UNZÄHLIGEN Liebschaften, die ich mir auch hätte sparen können. Die mich nur eines gelehrt haben:

Männer gaukeln Frauen für SEX vor, dass ein Funken Hoffnung besteht, dass sie sich in sie verlieben könnten. Und Frauen gaukeln Männer für diesen Funken Hoffnung vor, sie seien genauso versessen auf Sex. Aus diesem Funken bastelt sich Frau dann eine Fantasie, in der sie mit dem Angebeteten ein Leben wie in der Rama-Werbung lebt.

Die Hoffnung darauf hält sie am Leben. Lässt sie sich lebendig fühlen. So haben beide – Mann und Frau – das, was sie wollen. Bis zu dem Moment, wo Frau das Realitätsprinzip herausfordert und zu riskieren bereit ist, dass die ganze Affäre endet, weil sie feststellt, dass der Mann sie nur bei der Stange hielt, damit sie ihm die Stange hält.

ABER dieses Jahr ist alles anders. Ich habe nun wirklich verstanden, dass ich den Wiederholungszwang durchbrechen kann. Den Fluch auflösen, besser gesagt, umkehren. Das Wort heißt UMkonditionierung.

Eine, von Verhaltenstherapeuten nicht so leicht eingestufte Übung. Übung – ein gutes weiteres Stichwort. Übung macht den Meister. Wiederholung ist wie Klebstoff. In mühevoller Kleinstarbeit klöppelten meine Eltern daran, dass mein Männerbild, mein Frauenbild und mein Bild davon, wie eine Liebesbeziehung zu sein hat, nicht sehr positiv ausfällt.

Doch jedesmal, wenn mir jetzt der Gedanke kommt, dass es nur schlechte Männer auf der Welt gibt, oder alle Guten schon vergeben sind. Oder ich es nicht Wert bin, Glück zu haben und geliebt zu werden. Jedesmal, wenn mir diese Gedanken nun kommen, werde ich neurolinguistisch umprogrammieren. Jawohl! Denn spätestens seit dem Film „The Secret“ weiß die Welt, dass Glück nicht wirklich existiert und alles von einem selbst angezogen wird.

Oder aber, wenn man kein magisches Denken mag, dass das Leben reine Evolution ist und wir mal Einzeller, Bakterien waren. Wir mutierten also vom Einzeller zum Vielzeller. Mutation ist spontan und zufällig. Das heißt, wir sind alle Mutanten. Und zum Wort „zufällig“ fällt mir spontan ein, dass man in esoterischen Kreisen auch davon spricht, dass einem etwas zufällt. Und wie C.G. Jung das mit der Synchronizität meinte, habe ich bis heute nur halb kapiert. Wie war das noch gleich? – Viele zufällige, aufeinander treffende Ereignisse, die vom Individuum in einen für es bedeutungsvollen Zusammenhang gebracht werden. Oder so ähnlich. Und in der Bibel heißt es ja „bittet, so wird euch gegeben!“. Was davon nun stimmt, kann sich jeder selbst aussuchen und genau das, wird er dann auch erleben. Denn soviel weiß ich. Wahrnehmung ist nicht nur subjektiv sondern auch selektiv.

Spielt auch keine Rolle. Fakt ist, man kann Hunde konditionieren, ja sogar Flöhe. Dann doch wohl erst Recht Menschen oder?

Aber es scheint, als sei dies gerade aufgrund des Verstandes ein weitaus komplizierteres Unterfangen, als mir lieb ist.

Nun sitze ich hier also im Zug. Höre Vivaldi. Den Herbst und den Winter. Die Winterlandschaft tuckelt an der ratternden „Bimmel“ Bahn parallel zum Gebirge und an mir vorbei.

Die Musik fiedelt und ich sinniere, wie ich nun endlich auch mal eine glückliche Liebesbeziehung leben kann. Hatte ich dieses Thema ja nun die letzten fünf Jahre meines Eremitendaseins lang genug verdrängt, ja sogar abgeschrieben.

Durch den monotonen Klang der Schienen und dem damit einhergehnden Schaukeln werde ich ganz müde. Mir werden die Augen schwer. Draußen ist es schummrig bewölkt. Obwohl es mittags ist, ist es so dunkel als würde die Sonne heute nicht für mich scheinen. 20140121_201233

Ich schlafe ein, mit dem Gedanken über den Triumph in der Liebe. Das Gefühl des Sieges über mein ängstliches ES macht sich in mir breit.

Die Bahn rattert monoton. Immernoch. Leise. Vivaldis Winter spielt weit weg. Ganz weit weg. Alles ist jetzt still. Auch in meinem Kopf. Endlich – Ruhe.

Plötzlich! Als meine Augen sich öffnen, erblicken sie eine Überflutung von Reizen. Damit einhergehend, rauschen Niagarafälle aus Glückshormonen durch meinen Körper. Meine Pupillen fühlen sich an, wie auf „E“ -weit. Mein Kopf – blutleer, alles im Bauch.

Ich erblicke ihn. Das gibt´s doch nicht! Da sitzt er mir direkt gegenüber. Man! Wann kam ER denn hier rein? Wo war ICH denn da??? Und überhaupt.

Ich traue mich nicht, mich zu bewegen.

Ich hab Angst, ich träume nur und sobald ich mich bewege, würde ich aufwachen. Ich will nicht aufwachen.

Man sieht der toll aus. Naja, das ist ja eh Geschmackssache, aber ICH find, der sieht toll aus, wie er da so sitzt und schläft. Er schläft? Wie lange hatte ich denn dann geschlafen? Entweder war er sehr müde und schlief umgehend ein, als er zum Sitzen kam oder aber ich hatte länger geschlafen.

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Ein Blick auf mein schlaues phone verrät mir, dass es 16 Uhr ist. Die Bahn kommt grad auf einem Bahnhof zum Stehen. Fahrgäste steigen ein. Mit großen, schwer aussehenden Koffern und Ski und Snowboards bepackt. Der Zug fährt weiter.

Oh wie schön, es beginnt zu schneien. Langsame Flocken. Ganz federleicht, überhaupt wie Federn. Ich schaue lächelnd aus dem Fenster. Stelle mir Vivaldis Winter an und versuche, nicht zu dem Unbekannten gegenüber, rüber zu schauen. Dem steht nämlich jetzt grad der Mund offen. Ich würde auch nicht wollen, dass man mich anstarrt, während mein Unterkiefer immer schwerer wird und ich so sehr in den Schlaf gerate, dass es mir letztlich auch egal ist, ob da nun Fliegen reinkommen könnten oder Sabber raus. Aber einen kurzen Moment schau ich doch hinüber. Er sieht so selig aus, wie er da so schläft. Irgendwie fast kuschelig. Da möcht ich mich glatt dazu setzen und anschmiegen.

Uuups! Jetzt schaut er mich an! Auweia, so schnell kann ich garnicht weggucken. Sein Blick ist so unbeschreiblich…na unbeschreiblich eben. Ich fühle mich wie vom Blitz getroffen, als er mich anlächelt. Dabei war es jetzt nur der Bruchteil einer Sekunde. Vor Verlegenheit lächle ich ihn an. Ich schließe meine Augen für einen Moment wohlwollend, so nach dem Motto „Mach dir keinen Kopf, wir sind ja unter uns. Ich kenn das. Ist mir auch schon passiert.“ Für einen kurzen Miniaugenblick sieht er mich an. Während er zurücklächelt, verdreht er leicht die Augen, so schwer scheinen sie zu sein. Und schon fallen ihm wieder die Lider zu. Er schmatzt jetzt wohlig. Das macht mein Hund auch immer, wenn er seine Schnauze unter die Hundedecke nestelt.

Der Blitz durchzuckt mich immernoch. Vielleicht ist es doch eher ein Donnerschlag, der mich trifft. Wie Thor’s Hammer. Mein Bauch fühlt sich aufeinmal ganz wohlig warm an. Mein Herz – tja mein Herz. DAS hat sich gedacht, es wandert mal ein Stückchen höher. So Richtung Hals. Genau da schlägt es jetzt. Schlagen ist untertrieben. Eher eine kurzfristige Tachykardie!

Na toll! Ich sitze hier in einem Zugabateil allein mit einem Mann, der aussieht wie…naja toll eben. Und er schläft ein. Hab ich also soviel Anziehungskraft wie ne Schlaftablette?!

Auf der anderen Seite, solange er schläft, kann er nicht weglaufen und ich kann mir einen Schlachtplan überlegen, wie ich mich interessant machen kann. Also dieser Gedanke erinnert mich stark an den Film „Misery“.

Cool bleiben. Aber nett. Nett und interessant. Genau. Ach was solls! Jetzt ist ein neues Jahr. Das Jahr 2014 und ich habe begriffen, dass ich meine Emotionenverknüpfungen im Gehirn einfach nur neu vernetzen muss. Neue Schaltkreise bauen. Neuer Schaltkreis erfordert neues Handeln. Ich bin einfach mal ich. Und ich hecke jetzte keinen Plan aus, wie ich an ihn herankomme. Ich denke jetzt völlig un-zwanghaft an was Schönes. Es schneit. Ich mag Schnee. Genau, ich freue mich jetzt darüber, dass es schneit. „Schneeflöckchen Weißröckchen, duhu lieb-licher Stern..“

Und ich seh ihn schon wieder an. Was, wenn jetzt bei der nächsten Station eine atemberaubende Frau dazu steigt? Was, wenn in dem Skiort eine atemberaubende Frau bereits auf ihn wartet. Ach komm, denk an was Schönes! „Ma-halst Blumen und Blätter, wir haben dich gern“, summ ich vor mich hin und versuche mich über den Schnee zu freuen. Und darüber, dass ich einen neuen Schaltkreis baue. Das perfekte Fundament, für eine glückliche Beziehung, mit meinem zukünftigen Traummann, der mir zusteht und der zu mir steht. Ich sitze hier und tue nichts. Denke nichts. Zen.

Immer wieder muss ich ihn angucken. „A, B, C – die Katze lief im Schnee, Last Christmas I Gave you my Heart“ Nein! DAS Lied nicht – uterbreche ich nun mein inneres Liedersummen. Dieses Lied handelt von Leid. Lied und Leid hat übrigens die selben Buchstaben, stelle ich grad fest. Je nachdem, an welcher Stelle, welcher Buchstabe steht, wird Leid oder Lied daraus.

Ok. Neuer Schaltkreis, neues Handeln. Kurz vor der nächsten Station setz ich mich mit meinem ganzen Krempel einfach neben ihn. Wenn dann eine Frau dazu steigt, denkt sie, er gehört zu mir. Ich zu ihm. Was, wenn er schwul ist? Alle gutaussehenden Männer sind schwul. So eine bescheuerte Schlussfolgerung! Deduktiv oder induktiv? Ach, egal – auch DIESEN Unterschied kann ich mir nie merken!

So. Ich sitze neben ihm. Ich rieche ihn. Er riecht…gut. Eine Mischung aus, ich schätze mal Schweiß und einem dezenten Herrenduft.

Was nun? Er wird bestimmt an der nächsten Haltestelle wach. Mir fällt grad auf, er hat nur Handgepäck dabei. ODER sein Koffer steht in einem anderen Abteil, in dem auch seine Freundin sitzt. Und sie haben sich gestritten und nun hat er einfach das Abteil gewechselt, weil sie ihm eine Szene gemacht hat. Vielleicht ist er deswegen so müde.

Streiten ist anstrengend. Ich kenne einige Männer, die versuchen vor ihren Problemen davon zu schlafen.

Das wäre überhaupt kein guter Partner für mich. Einer, der einschläft, weil es  Konflikte gibt. Und mich dann auch noch mit dem schweren Gepäck allein im Zugabteil sitzen lässt. Nein. Ich nehme meinen Krempel und setzte mich wieder auf meinen alten Platz zurück. Ihm gegenüber, ans Fenster. Nix da, mit neuem Schaltkreis und neuem Verhalten. Scheiß aufs neue Jahr! Jetzt schon? Wir haben doch erst Ende Januar!

Die Bahn hält an. Vielleicht sind wir kurz vor einem Tunnel und müssen einen anderen Zug vorbei lassen?

Die Bahn fährt nicht weiter. Er wird wach, reibt sich die Augen, streckt sich, guckt etwas verschlafen und selig herüber zu mir. Eine Durchsage tönt mit österreichischem Dialekt durch die Sprechanlage.

Wir müssen uns gedulden, die Fahrt gehe bald weiter. BALD? Definiere BALD lieber Zugführer!!

Ich bleibe komischerweise total ruhig (für meine Verhältnisse). Im Gegensatz zu sonst. Da hätte ich schon längst, zumindest innerlich die Nerven verloren. Aber vielleicht passiert in mir doch eine Art Umkonditionierung. Zum Glück, ohne zu sabbern. Zumindest nicht offensichtlich, denn dieser Mensch mir gegenüber, ist schon sehr aufregend, um nicht zu sagen erregend!

Fortsetzung folgt © by SoulstripShe