Neues Jahr, neues Glück – Teil 6 „Liebe im Nichts“

Sein Zeigefinger streift langsam und kaum spürbar und doch das innerste Mark erreichend, über mein nacktes Knie. Das einzige Geräusch, das man in meinem Zimmer vernehmen kann ist das knisternde Holz des brennenden Scheites im steinernen Kamin und den Schlag meines Herzens. Mein Puls rast. Ruhiges Atmen fällt mir schwer in Anbetracht seines direkten und mich musternden Blickes. Er sieht mich an. Fordernd und doch geduldig und liebevoll. Ich habe das Gefühl meine Bauchdecke zittert vor Aufregung für ihn sichtbar. Schon fast selbstgefällig lächelt er. Der Blick ist nicht gespielt sondern echt. Das merke ich daran, weil dieser mich durchdringt und in mein tiefstes Inneres erreicht. Er versucht nicht, mich pseudo-erotisch anzustarren und die Situation pseudo-zu-kontrollieren um mich pseudo-zu-verunsichern. Den Unterschied spüre ich. Ich erkenne, wenn jemand nur spielt, die Situation und sich im Griff zu haben. Das würde mir dann eher peinlich sein, aufgrund des Fremdschämens. Für mich ist Erotik, wenn der andere sich im Griff hat und ich mich fallen lassen kann. Und dann wieder, habe ich mich im Griff und er lässt sich fallen. Wie beim Tango tanzen, bei dem erst der eine, dann wieder der andere, Nähe und Distanz, Kontrolle und Kontrollverlust demonstriert. Unsere Hemmungen und Ängste unsere Bedenken – all das fällt in diesen Momenten von einem ab. Alles nur eine Illusion würde Jiddu Krishnamurti, indischer Philosoph,  sagen. Und genauso sieht er mich jetzt an. Ich fühle mich gesehen, beachtet und so sein gelassen. Das gibt mir Sicherheit, mich weiter, tiefer hingeben zu können. Stück für Stück, immer mehr. Voller Vertrauen. Zumindest, in diesem Moment.

Krishnamurti nennt das Gleichnis des Baumes. Wenn ich den Baum ansehe und denke „dies ist ein Baum“  sehe ich nicht mehr das Wesen des Baumes, sondern nur das Bild eines Baumes. Ein Bild ist statisch und zweidimensional. Ich projiziere etwas auf den anderen, das dann wie ein Filter davor geschoben wird. Meine Wahrnehmung wäre dann so flach wie ein Blatt Papier, das aus diesem Baum geschaffen wurde. Das Wesen eines anderen, mit allem was ihn ausmacht im Jetzt zu erfassen, ist es, wonach der Mensch sich sehnt. Der Wahrgenommene und der Wahrnehmende. DAS ist dieser Moment, in dem alles von einem abfällt. Der Moment, dem ich hinterherjage, seitdem ich von Zweisamkeit weiß. Erlebt habe ich sie nur in wenigen Momenten von langjährigen Beziehungen. Momente, in denen ich wusste,  Angst ist auch nur ein solches Bild. Zweidimensional. Eine Mauer aus Pappmacheé allenfalls.

Wer hätte gedacht, dass ein einzelnes Knie so viele Rezeptoren  haben kann? Ein Hauch seines Körpers fasst mich an und es fühlt sich an, als hätte er tausend Hände, die meinen Körper in Gänze berühren.

Ich liege auf der Couch und er sitzt neben mir. Über mich gebeugt. Immernoch sehen wir uns tief in die Augen.  Als spielten wir das Spiel „Wer zuerst wegschaut hat verloren“, nur dass wir nicht spielen. Es fühlt sich fundamental an. Ich wünsche mir mehr. Wie verzehrte sich meine Seele schon immer nach einem Gegenüber, das die Geduld und die Würde hat, abzuwarten. Abzuwarten, bis ich mich verzehrend winde vor Verlangen, weil das geduldige und würdevolle „Nichts“ so unerträglich erscheint. Das Nichts, das einen umgibt, wenn man liebt. Wie ein gemeinsames Vakuum. Alles und Nichts um einen herum. Alle Sinne fühlen nichts außer seinen Geruch…Geschmack… seine Geräusche. Losgelöster Fokus.

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Er sitzt einfach nur neben mir und sagt nichts. Auch ich schweige. Seine Berührung wandert meinen Arm hinauf, über den Hügel meiner Schulter, entlang meines Schlüsselbeines. Seine Augen folgen seinem Finger. Kurz sieht er zu mir. Vermutlich um sich zu vergewissern, dass es mir gefällt. Ich schließe meine Augen und sehe mit dem Teil von mir, den er in diesem Moment berührt. Ich sehe mit jeder Pore meines Daseins.

„Brot, Salz…hab ich noch Zucker?“
„Nein, nicht abschweifen! Lass dich fallen.“ bitte ich meine Gedanken.
„Wenn ich intra muskulär injiziere muss ich aspiriren. Bei subkutaner Injektion wird nicht…“ quatscht meine Großhirnrinde weiter, um sich bloß nicht in der Situation zu verlieren.
Verärgert und genervt von meinen abschweifenden Gedanken, öffne ich die Augen.
Ich erblicke ihn dicht vor mir. Sofort holt mich sein Blick voll ins Hier und Jetzt zurück. Denn jetzt sieht er mich an als wolle er mich gierig verschlingen. Unerbittlich ergreift seine Hand meinen Nacken und zieht mich langsam mit bestimmenden Genickgriff näher zu sich heran.

Sein Blick durchbohrt mich förmlich, genauso wie sich seine Zunge den Weg zu meiner bahnt.
Intensiv begegnen sie sich. Ich habe das Gefühl mich darin zu verlieren. Ich versinke in seiner Umarmung. Aus seinem fordernden Druck wird jetzt ein kaum spürbares, leichtes Streifen unserer geöffneten Lippen. Fast so als berührt sich lediglich unser Atem.

Ich räkle mich. Doch was ist das denn jetzt?!

„Autsch“ schreie ich und winde mich aus seiner vereinnahmenden Umarmung. „Was ist?“ fragt er hochgeschreckt und wirkt durchaus besorgt.
„Ich hab nen Kraaaaampf…achhhhh Scheiße! Tut das weh.“ Mein Wadenkrampf unterbricht unser körperliches Geflüster. Na Super! Ganz Toll!

Ich beuge mich vor und halte meine Wade fest. Kräftig schlage ich auf die Couch, in der Hoffnung, der Krampf verschwindet dadurch. Wie eine Übersprungshandlung, um den Schmerz besser aushalten zu können. Wie Zähne zusammenbeißen, ohne Zähne zusammenbeißen. Während ich dies tue scheint sich mein Bewusstsein aus dem Nebel meines Vorbewussten zu lösen und in der Realität anzukommen, in der ich mich leise wimmern höre.

Kein warmes Kaminfeuer. Stattdessen, Dunkelheit. Kein wärmender Körper neben mir. Stattdessen meine, mich wärmenden 30 Kilo zuviel auf den Rippen, die mich nun plötzlich wieder umgeben.

Einen Moment ist mein Denken noch benommen vom Traum und vom Schmerz des Krampfes, sowie der schmerzhaften Erkenntnis, dass alles, was ich erlebte ein Traum war. Ich atme, als hätte ich Wehen, ich atme in den Schmerz. Der Wadenkrampf löst sich auf. Der Schmerz meiner Seele bleibt. War es ALLES nur ein Traum?! Für wenige Sekunden bin ich nicht nur räumlich desorientiert – auch sehe ich mich für diesen kurzen aber wahrhaftigen Moment außerstande zu unterscheiden, was ich tatsächlich erlebte und was nicht. Der Traum war so real. Noch immer spüre ich seine Berührung, unsere Küsse. Sein Geruch liegt mir in der Nase. Der Klang seiner Stimme hallt in meinem Ohr, sein Atem liegt noch auf meiner Haut.

Völlig hin und her gerissen zwischen Traum und Wirklichkeit dämmert es mir, wo ich mich befinde und beginne zu weinen. ES weint mich. Ich weine so sehr, dass ich keine Luft holen kann und es sich mehr in ein nach Luft japsendes Schluchzen verwandelt.
Zuhause. In meinem alt bewährten Zuhause. Nichts hat sich verändert, auch ich nicht.

Was soll sich denn auch von allein verändern? ICH muss es ändern. Ich möchte es ändern. Ich kann es ändern. Aufgewacht aus meinem Traum, angekommen in meiner Wirklichkeit, beginnen meine Sehnsucht und Antriebslosigkeit mich zu umweben, wie eine unerbittliche Spinne ihren Faden um ihre Beute wickelt. Betäubt und bei wachem Bewusstsein sterbend zurückgelassen.

NEIN. Ich möchte mich dem nicht beugen. Ich zapple. Innerlich. Tief innen drin bäumt sich etwas auf. Die Wut. Wut gibt mir Mut und Antrieb. Wut kann zerstören. Wut kann erschaffen. Mir ist Antrieb aus Wut lieber, als garkein Antrieb.

Alles um mich herum fühlt sich immernoch beklemmend an. Ich sitze immernoch im Dunkel des Raumes, der sich dumpf anhört. Wie eine kleine Kammer, in der ich sitze.
Als mich was am Arm berührt, schrecke ich zurück und falle fast vom Bett. Von ganz weit her, immer näher kommend höre ich jemanden meinen Namen rufen.
Alles geht rasend schnell, ich fühle mich wie gelähmt aus Angst davor, meinen Verstand zu verlieren.
Mit einem Mal fühl ich mich, als zöge jemand an mir. Wie in einem dunklen Tunnel in dem ich entlang gezogen werde, von unnachgiebigen Händen aus dem Nichts.
Sterbe ich grade? Mein Name hallt wie ein Echo in meinem Gehörgang.
Jetzt ist es für einen kurzen Moment so hell, dass ich nichts sehen kann. So, als sehe man mit geschlossenen Augen in die Sonne.
Eine hundertstel Sekunde später sehe ich das Zimmer meiner Pension hell erleuchtet.
Thore schüttelt sanft meine Schulter und ruft meinen Namen.
„Was? Was ist los?“ schrecke ich auf.
„Du hast so unruhig geschlafen, klang nach nem unangenehmen Traum. Da dachte ich, ich erlöse dich und weck dich auf.“
Nun plötzlich fühle ich mich erleichtert, wie im Himmel geradezu.
Ich brauche noch einen Moment um die Situation zu erfassen, die sich jetzt einerseits real und doch unwirklich anfühlt.

Ich muss lachen, weil ich so erleichtert bin, dass alles nur ein Traum war. Ein Traum im Traum. Ich betaste meinen Körper. Er fühlt sich leicht an. Nichts mehr zu spüren von der Schwere der zusätzlichen Kilo und dem traurig-schweren Gemüt.

„Na, das muss ja ein bewegender Traum gewesen sein.“ spöttelte Thore leichtfertig herum. Streichelte meine Schulter kurz fürsorglich und klopfte sie dann freundschaftlich. Umgehend wird mir klar, was ich da träumte, bevor ich im Traum aufwachte. Als ich mir erschöpft über das Gesicht streife, bemerke ich die Tränen, die ich offensichtlich in echt weinte.

Ich glaube, ich werde grade Rot, vielleicht habe ich sogar hektische Flecken. So schön der Traum einerseits war, so schrecklich war er auch und ich bin froh. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich mir bereits in der ersten Hälfte der Nacht, einen Fauxpas leistete und noch die andere Hälfte überstehen muss. Ich hoffe, dies gelingt mir ohne weitere Zwischenfälle. Ich finde ja, er könnte sich auch mal daneben benehmen, damit ich nicht so allein als traumatisierter Trottel dastehe.

Mal sehen, was die andere Hälfte der Nacht noch so mit sich bringt.

Fortsetzung folgt…© by soulstripShe

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Neues Jahr, neues Glück – Teil 4 „Wunder gibt es…“

Nun bin ich schon eine Woche hier und habe schon dreimal gedacht, Thore gesehen zu haben. Pustekuchen. Fehlanzeige. Er geistert hier wie ein Phantom durch den kleinen Ort. Wie MEIN Phantom.

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Ich bin schlecht gelaunt! Deswegen schlurfe ich hier herum wie ein Miesmuffel. Typisch deutscher unhöflicher und roher „Piefke“, wie der Österreicher uns gern nennt. Naja, was soll´s. So unterscheide ich mich wenigstens nicht, von den durch die Straße latschenden Snowboardern. Die Snowboarder wären mit den Softstiefeln zwar in der Lage, jedoch zu cool um ihre Füße beim Gehen zu heben. Die Skifahrer hingegen müssen gehen wie Cool Jay´s mit den Hartstiefeln. Egal ob Hart -oder Softstiefel, diese Art zu gehen macht Geräusche. So ergibt sich eine ganz spezielle Geräuschkulisse, wie sie nur die Hauptstraße eines Skiortes haben kann.

Um mich in Ruhe in diesem Ort zu akklimatisieren, habe ich vor Beginn meines Praktikums extra eine Woche Urlaub eingeplant. Ich schlurfe also nicht nur schlecht gelaunt, sondern auch gelangweilt hier herum. Ach naja, was soll´s. Ich habe in meinem Leben derzeit eh keinen Platz für eine romantische Beziehung. Selbst mein Freundeskreis beschwert sich schon, dass sie mich so selten zu Gesicht bekommen.

Ich lebe nun schon seit 5 Jahren allein. Da gewöhnt man sich daran. Entwickelt immer mehr Eigenheiten wie, was zu sein und zu liegen hat. Wie voll der Wasserkocher gefüllt wird, wenn man nur eine Tasse Instant Kaffee brüht. In welcher Art und Weise man einen Lappen hinlegt, nachdem man die Arbeitsplatte damit abgewischt hat. Ich weiß, wo was liegt und finde es genauso wieder vor, wie ich es verließ. Keiner, über den ich mich ärgern muss, weil er Unordnung, in mein routiniertes System hineinbringt. Mit dem ich mich sicher fühle und das mir vorgaukelt, mein Leben unter Kontrolle zu haben.

Keiner, auf den ich nachts warte, wenn er später zu Bett kommt, um auch mal ein wenig Zeit für sich selbst gehabt zu haben. Keiner der auf mich wartet, weswegen ich das Gefühl habe, immer früher von Veranstaltungen zurückkommen zu müssen. Und überhaupt! Wenn Beziehung und zusammen wohnen, bin ich für getrennte Schlafzimmer.  Aber solange ich Single bin, genieße ich ; die Ruhe und Monotonie. Keine Eifersucht und damit einhergehendes Gefühl der Selbstdemütigung. Keine Abhängigkeit. Zumindest keine von Menschen. Was Genussmittel angeht, bin ich eher in der Gefahr die Kontrolle verlieren. Zu leicht versucht man oft die Leere zu füllen. Mit allerlei Ersatzmitteln, die sich der Gesellschaft in Europa so bieten.

Ich bin nach mehreren konventionellen Beziehungen sowieso der Meinung, alles sollte ganz anders sein.

Man sollte wie in einer WG zusammen wohnen und ab und zu miteinander schlafen. Man würde sich dann verabreden. Das Beisammensein wäre nicht selbstverständlich. Das Miteinanderschlafen auch nicht. Man hätte seinen eignen Rückzugsort. Wenn man sich gestritten hat, muss nicht einer von beiden entwürdigend auf die Couch umziehen, weil man die Nähe des anderen räumlich grad nicht aushält. Und es hat noch viele andere Vorzüge so zu leben, denke ich mir. Welcher Mann würde denn sowas mitmachen? Zumindest keiner von Denen, die ich während meines Single-Daseins kennenlernte. Nicht das DIES mein einziges Ausschlusskriterium sei. Die Liste ist noch viel länger.

Was ich allerdings auch gelernt habe, im Laufe meines bisherigen Liebeslebens: Wenn da einer kommt, der mir die Lichter ausschießt, dann werfe ich meist alle von mir aufgestellten „Sicherheits“ – Regeln über den Haufen. Dann setzt sich mein Bauch gegenüber dem Kopf durch. Oder heißt es des Kopfes? Genitiv, Dativ, Akku…egal! Zurück zu Inhaltlichem. Freud würde an dieser Stelle sagen „Das Individuum ist nicht ICH-stark. Es lässt sich vom ES regieren.“ Das Über-Ich hat dann nichts mehr zu melden. Der Teil, der die moralische Instanz darstellt. Der – „Dies und Jenes tut man nicht! Und schon garnicht so!“ – Teil in einem jedem. Drauf g´schisse, wie der Wiener mit seinem Schmäh jetzt sagen würde.

Was mir so alles durch den Kopf geht, während ich das bunte, geschäftige Treiben der Sportler, der Presse und der Autogrammjäger beobachte. Dieses Gewusel macht mich noch aggressiv, wenn ich mich hier nicht zurückziehe. Derzeit ist hier wirklich viel los. Obwohl die Straßen voll von Menschen sind, habe ich das Gefühl als sei alles leer. In mir und um mich herum. Wie eine Geisterstadt. Hier findet Synchron-Ski-Weltcup-Irgendwas statt. Da gibt es sogar eine Weltmeisterschaft. Ach naja, so genau blick ich hier noch nicht durch. Auf jeden Fall erklärt sich für mich jetzt dieser ganze Pressewirbel vom Bahnhof. Keine Promis im klassischen Sinne, sondern Sportler Promis.

Siegertreppchen Platz 1 =  A Promi

2. Platz = B Promi

und so fort…

Ein riesen Sportevent. Irgendwie geht mir der Sinn des Ganzen ab.

Wer ist denn eigentlich mal auf die Idee gekommen, Sportler zu interviewen? Wären sie gut darin, ihre Misserfolge sportlich positiv zu reden, wären sie wohl eher in der Politik gelandet.  Fotos von der Siegerpose, ok. Aber es werden ja auch interviewende Journalisten auf die Armen losgelassen.

„Ja gut ich mein..“ oder auch „Ja gut, ich sag mal so“ sind beliebte einleitende, antrainierte Phrasen, die ein

„Boris-Becker-Ähhhhhh“ vermeiden und den Satzbau flüssig wirken lassen sollen.

Letztendlich beschreibt der Sportler dann nochmal in seinem eigenen, zwar einstudierten, trotzdem ungelenken Sportjargon, den Hergang seiner Leistung oder seines Versagens. Wollte der Frage stellende Reporter doch mehr über das WARUM wissen.

Allerdings stellen manche Reporter aber auch echt blöde Fragen, muss man fairerweise dazu sagen. Aber was soll es, der Zuschauer will ja den Hype erleben, also werden vor und nach dem Wettkampf Sportler, wie Trainer in die Interview-Pflicht genommen. Das alles zwischen Sponsoren-Werbepausen, die vermutlich der eigentliche Grund für das elende In-die-Länge-Ziehen sind.

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Dann wird noch eine Showbühne im Übertragungsort aufgebaut, damit der Ort auch etwas davon hat. Hier treten dann mehr dritt-, bis zweitklassige mit Aprés-Ski Hits vergangener Jahre, aber mindestens ein Zugpferd – also ein erstklassiger Künstler, mit aktuellem Aprés Ski Hit auf. Das Alles führt wohl dazu, dass Sportler gezwungen sind, Spitzensportler zu werden. Sehe sich doch einmal einer die Fußballer von heute an. Damals waren sie sportlich, heute sehen die alle aus, wie Kampfmaschinen oder „der Terminator“ in Fleisch und Blut. Ohne Doping geht doch eh nichts mehr. Naja gut, nicht Alle sind gleich. Aber alle stehen unter Zugzwang, wenn mit unfairen Mitteln gekämpft wird. Vielleicht war DAS auch schon immer so, nur wurde nie darüber berichtet?

Ach, ist ja auch egal! Ich bin verstimmt. Vielleicht bekomm´ ich ja auch meine Tage?

Bei Terminator muss ich grad wieder an Thore denken. Ich hab ihn ja nicht stehen sehen, aber geschätzt an der Länge seiner Beine, die sich leicht muskulös in der Jeans abzeichneten, müsste er schon ziemlich groß sein.

Hach ja! Ich mag ja große Männer. Neben kleinen Männern fühle ich mich immer wie ´ne riesen Matrone. Da kann ja der kleine Mann nichts dafür. Und neben großen Männern, fühle ich mich immer klein und zierlich. Etwas, das ich nie war, außer vielleicht als Baby! Die anderen hatten schon immer Angst vor mir. Insbesondere Männer, da ich ja meist größer war, als der Klassendurchschnitt. Erst Recht dann, als ich sitzen blieb – in der 2. Klasse.

„Pass doch auf!“ fauche ich einen Autogrammjäger an. Rücksichtsloses, euphorisiertes, unzurechnungsfähiges Zombie-Pack denke ich mir, während ich geschockt über so viel Rücksichtslosigkeit, mit meinem Hintern direkt in einem der vielen Schneehaufen am Straßenrand zum Sitzen komme.

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Schön, dass der Schnee pappig und nass ist. So dann auch meine Hose, wenn ich gleich aufstehe. Mir schießt vor Wut und Scham die Röte ins Gesicht. Super, dass MIR das wieder passiert. Das bringt das Fass gleich zum Überlaufen. Gleich muss ich losheulen. Ich kriege BESTIMMT meine Tage! Anders kann ich mir diese emotionale Instabilität aufgrund einer solchen Lapalie nicht erklären. „Hey, denk dran, du wolltest postitiv denken! Neues Jahr, neues..“, „Ach hör bloß auf! Neues Jahr BLA BLA!“ entgegne ich mir selbst in meinem gedanklichen Monolog. Kann auch sein, dass ich das grad laut aussprach, so genau weiß ich es einen Augenblick später schon nicht mehr. Ist mir jetzt auch egal, wenn´s so wär´. Ich merke, wie mein Hals sich zuschnürt und sich darunter ein dicker Kloß ansammelt. In meinen Augen sammelt sich Tränenflüssigkeit. „Scheiße! Gleich heule ich los!“ Es ist wirklich ein Kreuz der Frau. Den Hormonen zu bestimmten Zeiten völlig unterworfen zu sein, wie der Mann. Bloß anders. Ich spüre, wie die Nässe, des Schnees durch das material meiner Hose dringt. Na super! Nun hab ich auch noch nen nassen Arsch. Wenn ich jetzt also aufstehe, verfolgt mich dieser Plumps in den Schneehaufen, bis ich die Tür meiner Unterkunft hinter mir geschlossen habe. Jetzt gerade wünsche ich mir, ich hätte mir doch einen langen Mantel und nicht die taillierte Jacke gekauft. Aber ich war doch so stolz darauf 30 Kilo abgenommen zu haben und endlich wieder meine Taille zeigen zu können. „Tja Sara, Hochmut kommt vor dem Fall!“ hackt mein Über-Ich auf mir herum.

Nun fahre ich schon kein Ski mehr, um nicht umgefahren zu werden und da haut´s mich HIER um. Mitten auf der Straße!

Während ich versuche mein Gesäß aus dem nassen, großen Schneematschhaufen zu erheben, werden mir von vorn zwei große, kratvolle aber doch auch schlanke Hände gereicht. Da ich vor Scham auf den Boden gesehen hatte, realisiere ich erst jetzt, dass diese Hände zu Thore gehören.

Natürlich! JETZT! Bitte lieber Gott JETZT DOCH NICHT! Ich komme mir gerade wirklich klein und hilflos vor. Wie ein, an der Laterne festgebundener Welpe im Regen. Nicht grad wie eine 30 Kilo leichtere Grazie. Er weiß ja auch nicht, dass ich vorher mehr wog. Mein Kopf und Gemüt haben diese Tatsache wohl auch noch nicht realisiert. Vorher hätte ich mich selbst aus dem Schneeberg gekämpft. Ich hätte mir nie die Blöße gegeben, Hilfe bei sowas anzunehmen. Ich bin zwar dick, aber trotzdem beweglich. Nun bin ich auch noch nicht so schlank, wie ich gern wäre, aber schlanker. Aber wann ist Frau schon mal SO schlank wie sie gern wäre!? Weswegen auch immer, ich fühle mich unsicher und weiß nicht so recht, wie ich mich verhalten soll.

WO WAR ER die ganze Woche, in den Momenten, in denen ich einfach blendend aussah. In denen ich mich lächelnd mit anderen unterhielt und hoffte, dass er mich irgendwie erspäht und mich so toll findet, dass er mein Lächeln und meine wehenden Haare in Zeitlupe wahrnimmt. Als er sich jetzt zu mir herunter beugt und mir lächelnd seine Hände reicht und strahlend „Hey do you need a hand?“ fragt, erlebe ICH nun alles wie in Zeitlupe. Während er mir aufhilft, fühle ich mich elektrisiert und so, als hätte plötzlich jemand das Licht angeknipst. Es wirkt so, als strengte ihn das garnicht an. Als sei ich leicht wie eine Feder.

Ich roch plötzlich den süßen Geruch von Glühwein und gebrannten Mandeln von den Eventhütten gegenüber. Irgendwie erschien mir das Licht Rosa. Ich hörte Musik in meinem Kopf „Wunder gibt es immer wieder..“ Katja Ebstein. Nicht der Idealtypische Song, dennoch passend. Obwohl, der nicht in meinem Kopf spielt, sondern als Soundcheck auf der Bühne eingespielt wird.

Die Situation ist schon wieder so peinlich, gleichzeitig toll und absurd, so unwirklich, dass ich einfach innerlich loslasse und zu lachen beginne. Die ganze Wut, die Unsicherheit, alles fällt irgendwie von mir ab. Der Kloß im Hals löst sich auf, ich fühle mich erleichtert, schniefe, während mir lachend eine Träne kullert.

Er hebt meine frisch gekaufte Papiertüte mit getrockneten Apfelringen auf. Meinen Tigel mit Ringelblumen Creme, der in der Straßenrinne vor sich hin kullert, sammelt er auch für mich ein. Nur gut, dass ich nicht grad Tampons einkaufen war, denke ich während des Hose trocken Rubbelns.Nicht, dass das was Schlimmes wäre, oder gar unrein, wie es in manchen Kulturen heißt. Aber manch einer leidet ja auch an „Zyklusphobie“ wie ich es immer nenne.
Eigentlich hab ich ihn fast garnicht erkannt, als er mit tief in die Stirn gezogener Mütze und hochgewickeltem Schal, quasie vermummt, vor mir steht. Aber irgendwie hatte ich ihn glaube ich, an seinen hellblauen Augen erkannt. Und er zog sich ja auch schnell seinen Schal zum Kinn herunter, sodass ich sein charmantes Lächeln wiedererkennen konnte.

Plötzlich fällt mir wieder ein, was ich an diesem Ort, zu dieser Jahreszeit so gern mag.

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Bin ein Naturromantiker. Ich mag die verschneiten Hänge und Tannen, die eingeschneiten Häuser und kleinen Hütten. Den knisternden Kamin, so man denn einen hat. Ich mag, nach einer langen Wanderung bei kalter Witterung, wenn mir abends die Muskeln schmerzen und meine Haut langsam zu kribbeln beginnt, weil sie von der Kälte schon taub war und jetzt wieder glüht. Wenn ich nur noch mein Unterhemd, die langen Unterhosen mit den dicken Wollsocken trage und mich in eine Kuscheldecke, an den Kamin setze und eine heiße Schokolade trinke. Ich kann dann hinausschauen aus dem Balkon, direkt ins das verschneite Tal und auf die beleuchtete Nacht-Ski Piste gegenüber. Kann den Nachtfahrern beim Slalom ziehen zusehen. Auch, wie bereits einige Planierraupen die Pisten für den nächsten Morgen präparieren.

So schön das zu-sich-selbst-kommen in solchen Momenten auch ist. Dennoch scheint mir gerade dieser perfekt dazu, ihn zu teilen, mit einem Menschen, den man mag, damit man sich einander noch näher fühlen kann.

Jetzt oder nie! „Danke Thore, wie wär es mit einer heißen Schokolade als kleines Dankeschön, für den Schneerettungseinsatz?“, höre ich mich auf Englisch sagen, ohne darüber nachgedacht zu haben. Ich habe extra seinen Namen genannt, um ihm zu signalisieren, dass ich mich an ihn erinnere! Das lernt man in jedem Rhetorikbuch.

Spontan fällt mir ein kleines, gemütliches Kaffeehäuschen in einer schmalen Seitengasse ein. Die Fensterscheiben, bei diesem Wetter leicht beschlagen. Das Kerzenlicht und das, der stoffbezogenen Wandlaternen, scheint immer so warm nach draußen. Beim Vorbeigehen entgeht einem nicht die Tortenvitrine, die mehrere Stockwerke mit unterschiedlichsten süßen Kuchen- und Tortengebilden aufweist. Die Menschen, die dort drinnen sitzen, mal Pärchen, mal einzelne, sehen in jedem Fall zufrieden aus. DAS wollte ich nun auch! Neues Jahr, neues Glück. Es steht mir zu. Schließlich sang Katja Ebstein mir Mut zu.

Ich kann garnichts dagegen tun, aber sofort kommt mir das Bild in den Kopf, wie ich mit Thore dort sitze. Es warm und trocken. Es duftet nach frisch gemahlenem und frisch gebrühtem Kaffee und nach ihm. Das einzige, das zwischen uns steht ist die Kerze, die sich in unseren Augen spiegelt. Heimlich aber doch bemerkt, berühren sich unter dem Tisch unsere Hände vorsichtig.

So, wie man eine zarte Pflanze streichelt, um sie respektvoll in dieser Welt willkommen zu heißen, damit sie besser gedeihen kann.

„Oh ehm“ druckste er rum. „Hey weißt Du, das ist wirklich nett von Dir…“ Mir ist, als wird mir schwarz vor Augen. Es klingt nach einem ABER.  Ich will es nicht zulassen. Glück gibt es nicht, Glück macht man!

„Und wenn ich darauf bestehe?“  unterbreche ich ihn mit meinem nettesten Lächeln, das ich habe.

– Oh man, jetzt trau ich mich ja was. Könnte für ganz schön aufdringlich gehalten werden. Aber so bin ich eben. Also nicht aufdringlich, aber draufgängerisch. Bleibt einem auch nichts anderes übrig, wenn man nicht DER Typ Frau ist, der von Männern angesprochen wird. Letztlich weiß ich nicht, warum sie mich nie ansprechen. Vielleicht die Größe? Vielleicht auch die Figur? Ein Großteil, sagen die Kommunikationspsychologen, läuft nonverbal. Also laut Watzlawick kann man nicht, nicht kommunizieren. Das heißt im Umkehrschluss, dass man immer kommuniziert. Sobald ein Empfänger, also eine andere Person, mit einem im Raum ist wird man zum Sender von Nachrichten, die der andere entschlüsselt. Hierbei kommt es mitunter zu fatalen Entschlüsselungsfehlern. Sogenannte Missverständnisse.

Also wird es an meiner Ausstrahlung liegen. Das, was ich ausstrahle oder auch aussende.  Wie ist denn meine Ausstrahlung? Was genau sende ich? Bestimmt ´ne Mischung aus unnahbar und zickig. Vielleicht auch zu selbstbewusst wirkend. Wie man sich eine Emanze vorstellt. Kompliziert auf jeden Fall.

Kompliziert = anstrengend!

Das Aussehen ist es meistens nicht. Auch wenn man im Kopf immer ein bestimmte Vorstellung von seinem Traumpartner hat. Oder einem bestimmten Beuteschema nachgeht, letztlich spielt das Aussehen die geringste Rolle für eine wirklich beständige und richtige Beziehung.

Ich hatte auch schon einen Partner, der nach klassischen Gesichtspunkten und meinen eigenen, nicht hübsch war. Aber als ich ihn dann näher kennenlernte und mit dem Mann zusammen war, war er für mich der Schönste aller Männer. Da hätte auch Alexander Skarsgård daneben stehen können. Den hätte ich vielleicht zur Kenntnis genommen. Aber er hätte mich nicht im Geringsten interessiert, geschweige denn berührt. – überschlagen sich meine Gedanken, bis ich unterbrochen werde.

„Also gut, wenn du darauf bestehst.“ wiederholt er übertrieben, nachäffend und schmunzelt dabei.

„Sollen wir?“ lenkt er ein, nachdem er kurz wachsam zu der Menschenmenge, aus Presse, Sportlern und Fans rüber sah. Er bietet mir seinen Arm an, in den ich mich einhaken soll. „Nicht, dass du wieder fällst!“ sagt er lachend. Hat er gerade zugesagt? Nun taumle ich vor Freude, sodass ich mich widerstandslos unter seinen Arm hake. Aus dem Schwarz vor Augen ist nun ein buntes Feuerwerk geworden, das mich auf dem ganzen Weg zur Kaffeestube begleitet. In meinem Kopf rieselt dass Blut spärlich, sodass ich die Situation immer noch nicht realisieren kann. Da sind sie wieder, die Schmetterlinge im Bauch. Jetzt bin ich innerlich so aufgeregt, dass ein Kaffee nicht gut wäre. Heiße Schokolade. Ja, DIE muss es jetzt sein. Beruhigt meine Nerven bestimmt.

Aufregend und unwirklich fühlt es sich an, so mit ihm nebeneinander zu gehen. Zusammen. Zu zweit. Schön. Ich genieße es. Jetzt! Und dass meine Hose am Po aussieht als hätte ich eine leichte Blasenschwäche, ist mir nun auch völlig egal. Wenn DAS dabei rausspringt, war es das auf jeden Fall Wert. Ich habe das Gefühl ein absolutes Glückskind zu sein. Ich mein, wie wahrscheinlich ist es, dass ER jetzt hier lang geht und mir auch noch aufhilft? Das heißt, ich bin ihm nicht egal. Und wie wahrscheinlich war es, dass er tatsächlich Ja sagt? Ich mein, sowas passiert doch nur in schnulzigen Liebesromanen, aber doch nicht im echten Leben – und dann auch noch MIR. Offensichtlich doch! Aber nicht zu früh freuen und locker bleiben. DOCH freuen und trotzdem locker bleiben:-) Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie das Gesetz der Anziehung oder Gott. Fakt ist, hätte ich nicht die Initiative ergriffen, wäre nichts daraus geworden. Bildlich gesprochen : Die Tür öffnete sich und ich ging hindurch.

Tja, wer hätte das gedacht! Katja Ebstein hatte Recht und ich auch. Neues Jahr, neues Glück!

Fortsetzung folgt…© by SoulstripShe

Neues Jahr, Neues Glück – Teil 3 „Thore´s Hammer“

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Wir plaudern  also kurz über das Wetter, der Zug fährt, der Schaffner kommt. Nachdem der Schaffner unsere Fahrkarten mit einem altmodischen Lochkartengerät entwertet hat, scheint es, als hätte er dies auch mit der Unterhaltung getan. Der Schaffner hat das Abteil verlassen und nun herrscht Schweigen. Verlegen lächle ich ihn an. Wenigstens lächelt er zurück. Naja, oder wir lächeln irgendwie zeitgleich. Wir müssten ja nun auch bald da sein. Also ich kann dieses Schweigen nicht aushalten, weiß aber auch nicht worüber ich mich mit ihm unterhalten soll. Mist! Ich bin so grottenschlecht im Smalltalk und im Flirten erst recht. Naja, nun  steckt er sich Kopfhörer ins Ohr und wischt irgendwas an seinem Smartphone herum.

Ich frage mich grad, woher er kommt. Er sieht auf jeden Fall nordisch aus. Aber hey, das hat nichts zu sagen, es gibt ja auch blonde Türken. Sein Englisch klingt astrein und vor allem flüssig. Nicht so stockend wie meins. Meist muss ich ersteinmal überlegen, bevor ich spreche. Ich suche nach den Vokabeln und überlege ob das jetzt in present tense oder past tense gesagt wird und worin noch gleich der Unterschied liegt. Entweder er kommt irgendwo aus den nordischen Ländern. Da sprechen die ja bekanntlich alle ziemlich fließend Englisch. Oder er lebt in England oder USA. Seine Aussprache klingt sehr amerikanisch angehaucht.

SUPER! Zum aus dem Fenster gucken ist es jetzt auch schon zu dunkel. Womit beschäftige ich mich jetzt? Am liebsten würde ich mir auch gern meine Musik weiter anhören und dabei anstatt der winterlichen Berglandschaft, seine markante Gesichtslandschaft, Mimik und Gestik studieren. Da er das wohl vermutlich für etwas aufdringlich halten könnte, entscheide ich mich doch dagegen und für die Disziplin. Ich hole mein Buch heraus „Siddhartha“ von Hermann Hesse. Dazu kann ich keine Musik hören, weil der Inhalt des Buches sehr gehaltvoll ist. Da muss ich mich konzentrieren.

Ich merke, wie meine Augen durch die Buchstabenzeilen wandern, in meinem Gehirn inhaltlich aber so rein garnichts ankommt. Aus den gelesenen Wörtern erschließt sich in dieser Situation absolut kein Sinn. Ich kann ihn atmen hören. Wenn man Kopfhörer trägt, merkt man nicht so sehr, was man im Außen für Geräusche produziert. Ich stelle mir seinen Atem in meinem Gesicht vor. Wie er wohl riecht oder schmeckt? Ich finde, jeder Mensch hat hat einen eignen Geruch, aber davon abgesehen gibt es auch Geruchsgruppen.

Es gibt die, die riechen, als hätten sie zu wenig getrunken und Fleisch gegessen. Dann gibt es noch die Raucher. Dann gibt es die, die nach frischem Gemüse oder Obst riechen. Und ich spreche hierbei von Gerüchen aus dem Mund. Da sind die Grüche, die der restliche Körper aussendet noch nicht inbegriffen. Aber meist kann ich schon allein am Atem feststellen, ob ich denjenigen gern küssen möchte. Und wenn ich ihn küssen möchte, passt er genetisch bestimmt zu mir. Naja, zumindest hatte ich mal irgendwo gelesen, dass man Menschen, die man gut riechen kann, auch sympatisch bis anziehend findet. Meine Theorie ist eher die, dass man diese Menschen sympatisch findet, WEIL sie für einen gut riechen. Und das steht bestimmt auch irgendwo von irgendwem Schlaues geschrieben.
Allerdings ist Genetik kein Ausschlusskriterium für Arschlöcher. Aber vielleicht werden ja alle erst bei MIR zum Arschloch. „Jetzt hör aber auf!“ spricht ein Teil meiner Selbst. „Hörst dich schon an, wie die Frauen, die sich selbst die Schuld dafür geben wenn ihr Mann sie schlägt.“ Und ich spreche hier nicht von dem neusten, neuerdings gesellschaftsfähigen soft SM Bestseller und der dort einvernehmlichen Gewalt.
Und es geht ja bei Gewalt in der Partnerschaft nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Mit Schuld komme ich nicht weit. Wenn ich aber davon ausgehe, dass jeder seinen Teil der Verantwortung für eine Situation in der Beziehung trägt, kann ich was daran ändern.
Ich verliebe mich vielleicht immer wieder in Männer, die gewalttätig sind. Und noch schlimmer, bleibe wie ein winselnder Hund bei ihnen in meiner „erlernten Hilflosigkeit (M.Seligmann), weil ich tief im Inneren glaube, dass ich sowas verdient habe. Dabei gibt es doch auch Männer, die nicht gewalttätig sind.
Und mir ist dann auch nicht klar, dass ich wieder einmal mehr nur Sklave meines Unterbewussten bin. Das bestrebt ist, bekannte Situationen immer wieder zu erschaffen.
Wie ein Regisseur wählt es die Kulisse und besetzt Rollen. Sobald etwas nicht stimmt, ruft es „cut“ und tauscht gegebenenfalls die Acteure nochmals. Außer mir. ICH spiele die Hauptrolle. Immer. Dabei sollte einem das bewusst sein. Aber auch wenn man jetzt in der Lage ist, die Arschlöcher zu erkennen, ist man noch lange nicht übern Berg. Denn trotzdem ist dieser Typ Mann dann immernoch aufregend und man verfällt ihm trotzdem noch eine Weile.
Wielang ist diese Weile?
Genau so lange nämlich, bis man sich selbst befördert hat und das Liebes-Stück als sein Autor umschreibt. Auch DIES würde vom Regisseur exakt umgesetzt werden. Ich liebe dieses Gleichnis für unsere Psyche.

Hach, jetzt wäre mir grad das Buch aus der Hand gefallen! Man! Plötzlich spricht er. Laut. Mit mir? Was hat er gesagt? Sowas wie Heisan? Nun redet er weiter auf…tja auf was eigentlich? Ha! Doch aus den nordischen Ländern. Aber ob das jetzt Norwegisch, Schwedisch oder Finnisch ist, vermag ich nicht zu differenzieren. Und ich dachte im allerersten Moment, er spricht mit mir. Kurz ging mein Herz wieder schneller. Jetzt fühlt es sich grad an, wie beim Intervalltraining. Voll Speed rennen und abbremsen um wieder langsam zu gehen.

Während er telefoniert guckt er mich an und macht eine Geste, die wohl soviel wie „Entschuldigung“ heißen soll. Dabei sieht er mein Buchcover. Für diesen Augenblick ist es so, als würde er so mit dem Anrufer telefonieren, wie ich mein Buch gelesen habe. Denn seine Mimik und Gestik ist jetzt grad für mich bestimmt. Er reißt die Augen auf, schiebt das Kinn nachvorne, was für mich übersetzt soviel heißt wie „Hey, sieh mal her, ich hab dir was mitzuteilen!“ Er zeigt auf mein Buch und hebt den Daumen. Ich übersetzte dies in „Super Buch! – habs gelesen. Oder auch „Kraaass, DAS liest du? Respekt, ich wollte es immer mal lesen, hab ich aber noch nicht.“ Nebenbei spricht er in sein Headset „Jaha…ju… förlåt? Jag mår bra, tack!“ Ich lächel ihn wieder an – verlegen natürlich und rätsele, was er wohl grad gesagt hat.

Warum bin ich denn verlegen? Ich glaube, bei soviel Mann schon doch eingschüchtert. Er hat so eine Art. Etwas souveränes. Selbst als er eben noch mit offener Kinnlade, völlig unbeeindruckt von meiner Gegenwart, vor sich hindöste. Umgekehrt muss es vielen Männern so gehen, wenn sie mich sehen. Ich habe schon einen ziemlich selbstbewussten Auftritt. Wenn der Mann dann als erstes durch meine Ausstrahlung eingeschüchtert ist, fühl ich mich noch stärker und schon ist der Mann nicht mehr ganz so sehr interessant für mich. Aber Männer, die sich durch mich nicht verunsichern lassen, verunsichern mich wiederum. Komisch ist das. Naja, es kann eben nur EINEN geben. Ist ja bei den Tieren auch so, von denen unterscheiden wir uns ja auch nur durch unsere Großhirnrinde. Das Denken. Zumindest einige wenige Exemplare der Menschheit sind in der Lage dazu. Der Rest scheint evolutionär irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter stecken geblieben zu sein. Was die Moral angeht jedenfalls. Mit Moral meine ich jetzt auch nicht, das moralisierende Verbieten von Dingen. Sondern eher das Erkennen der Verantwortung für den eigenen Umgang mit unserem Planeten, zum Beispiel. Eigenes Handeln mit seinen Auswirkungen reflektieren zu können, ist eine Eigenschaft, die nicht Vielen vorbehalten zu sein scheint.

Genau so sollte das auch in einer Beziehung geschehen. Beide Partner sollten dazu in der Lage sein. Denn natürlich sollte eine Beziehung immer auf Augenhöhe sein, trotzdem gibt es da schon feine Abstufungen. Mal dominiert der eine, dann wieder der andere. Also jetzt grad, dominiert er die Situation. Hat bestimmt auch etwas mit meinem Selbstwertgefühl zutun. Ich denke ja meist bei attraktiven Männern, dass die an mir eh nicht interessiert sind, weil ich eben nicht aussehe wie ein Model. Wer tut das schon? Nicht mal ein Model sieht in ihrer Freizeit aus wie ein Model! Im Gegenteil. Der Großteil der Modelwelt rennt zwischen den Aufträgen rum wie ein Schlumpf. Und die anderen der Gesellschaft versuchen immer so auszusehen, wie ein Model während eines Shootings. Komisch irgendwie. Hey, vielleicht ist er ja auch ein Model? Er könnte eines sein. Er sieht wirklich gut aus. Also, interessant irgendwie.

Da wir jetzt 2014 haben und ich mir vornahm positiver zu denken, beschloss ich das ganze anders zu betrachten. Nämlich s: Wenn ich für Männer, die ich für sehr, sehr, sehr interessant halte, eh nicht interessant bin, dann muss ich ja auch keine Angst haben, mich falsch zu verhalten. Ich spiele dann ja garnicht mit, in der Liga. Dann ist es doch sowieso egal. Dann muss ich auch nicht verlegen sein. Er flirtet nicht. Er ist einfach nur nett. Dann kann ich ja so sein, wie ich eben bin. Große Klappe. Dann ist es egal, wenn ich ihn verschrecke, weil ich eh von Anfang an nicht in sein Beuteschema passte. Also, was mach ich  mir einen Kopf. Immer hübsch auf dem Teppich bleiben. Wäre da bloß nicht immer meine Hormone, die mir dazwischen funken!

Er findet es cool, dass ich dieses Buch lese und ich bin ihm nicht egal. Naja, vielleicht können wir ja doch noch kurz ins Gespräch kommen, bevor wir am Ziel ankommen. Jetzt kommt keine Station mehr davor, das heißt er fährt auch nach St. August. Die Chancen ihm dort zu begegnen sind groß, denn der Ort ist wirklich klein. Warum will ich das denn noch, wenn ich eh nicht für ihn Frage komme? Naja vielleicht ist es spaßig und wohltuend mit ihm befreundet zu sein.

Ich habe einige Männer, mit denen ich befreundet bin. Die männliche (analytische) Sichtweise, die meine verquirlten Gedanken wieder sortiert, tut mir meist gut.

Oh Mist, der Zug kommt gleich an. Wie kann ich ihn denn wiedersehen? Ich meine einen sicheren Weg, ihn wiederzusehen. Nicht dieses unsichere „nach-ihm-Ausschau-halten“. Zu glauben ihn um jede Ecke biegen zu sehen. Von hinten oder von der Seite glauben erkennen zu können, um dann bei genauerem Hinsehen doch nur wieder enttäuscht zu werden.

Ich habe es also nicht geschafft ein solches „Attachment“ aufzubauen, dass er mir seinen Namen verrät, meine Telefonnummer haben möchte und sich mit mir treffen will. Mist! Mist! Mist! STOP!!! Es ist ein neues Jahr. Ich wollte ja neue Synapsenkreise aufbauen. Neue Schaltkreise in meinem Hirn schaffen, neue Überzeugungen bilden. Ich bin interessant. Einfach so. UND ich habe Eindruck gemacht. Weil ich bin, wie ich bin. Und er ist zumindest schonmal nicht zurück geschreckt. Das ist doch gut. Und wenn ich ihn nicht wiedersehe dann habe ich mich jetzt wenigstens getraut ihn anzuquatschen – einen riesengroßen, erwachsenen Erwachsenen Vikinger.

Oh, er ist fertig mit telefonieren. Jetzt erklärt er sich rechtfertigend auf Englisch, dass er es selbst immer ein bisschen komisch findet, wenn die Leute, während des Telefonierens, in den Raum sprechen – aber eben nicht mit den dort Anwesenden. Vermutlich hatte ich demenstprechend irritiert drein geschaut, dass er sich jetzt dafür quasie entschuldigt. Na toll, jetzt bin ich wieder am überlegen, was ich ihm darauf möglichst charmant und gleichermaßen raffiniert entgegnen könnte. Leere. Ich lächle wieder einfach nur. “ Maaaaaan! Sara! Komm jetzt mal aus dir heraus“ brüllt ein Teil von mir, mich innerlich an. Nö, Nichts. Da kommt nichts. Er holt aus seiner Tasche eine Tüte Pfefferminz-Bonbons heraus. Ich zucke fast zusammen, als er sie mir freudestrahlend entgegenstreckt und mich fragt, ob ich auch einen möchte.

Meine Hand zittert beim Ausstrecken in die Tüte. Deswegen sind meine Bewegungen etwas ungelenk. Damit er das nicht merkt, huscht meine Hand flink wie eine Maus in die Tüte und ebenso wieder heraus. Ich bedanke mich , während meine Hand nach den Bonbons greift und ich hoffe, dass mir unterwegs zum Mund nichts herunterfällt. Ach nein, natürlich. Da ist es schon geschehen. Der Pfefferminz Drops flutscht mir aus der Hand und fällt auf den Boden. Fast zeitgleich beugen wir uns nun vorn über, so dass sich unsere Köpfe beinahe im Gang treffen. Er winkt ab und sagt „Please, let me!“ Mein Kopf ist jetzt eine Mischung aus Tomaten -und Purpur-Rot. Gekonnt schnipst er den Bonbon in den Mülleimer, der unter dem Klapptisch am Fenster angebracht ist.

Er lässt mich lachend nochmal hineingreifen und sagt dabei „Let´s give it another try!“. Lass ihn bloß nicht fallen, lass ihn bloß nicht fallen, lass ihn…geschafft. Im Mund. Der Drops ist gelutscht.

Plötzlich, als ich so lutsche strecke ich ihm meine Hand entgegen “ I´m Sara, by the way“. Er sagt darauf „Hi Sara, nice to meet you“.

Als er meine Hand greift und schüttelt, lächelt er und zwinkert mit einem Auge. Ich ziehe in Erwägung, dass er vermutlich eher Zuckungen hat, anstatt mir grad eben tatsächlich zugezwinkert zu haben. Denke ich so bei mir, als mir auffällt, dass ER MIR SEINEN Namen nicht sagte. Mutig, vielleicht von der Pfefferminz, frage ich nach „And you are?“, beiße mir, kaum dass ich es ausgesprochen hatte, wieder auf die Lippen. Aber mein innerer Entschuldiger, mein seelischer, innerer Mutmacher rechtfertigt nun mein forsches Vorgehen vor meiner inneren richterlichen Abteilung – dem Über-Ich. Wieso, er hat mir seinen Namen nicht verraten und das gehört sich ja nun nicht. Also das versteht sich doch von selbst, dass man die Namensinformation als QuitProQuo austauscht.

Als er jetzt aber kurz stutzt indem er die Augenbrauen runzelt, sein Kinn etwas in Richtung Brust zieht und sein Kopf etwas seitlich dreht beschleicht mich das Gefühl, dass ich doch sehrwohl etwas absolut Verbotenes und Unerhörtes getan habe. Wahrscheinlich habe ich jetzt grade wieder genau SO drein geschaut. Als er sagt „Oh ja sorry, I´m Thore!“

Ich nur  grinsend „Ah, ok. Thore hm? Well ya, nice to meet you too!“. Grinsend deswegen, weil ich ja zuvor das Gefühl hatte, wie von Thor´s Hammer getroffen worden zu sein, als ich Thore erblickte.

Amüsiert wie ich bin, bemerke ich garnicht, dass der Zug jetzt gerade in den Zielbahnhof einfährt. Glücklicherweise bin ich auch zu amüsiert, um mich darum zu sorgen, ob ich ihn wiedersehen werde.

Als ich es realisiere beschließe ich nochmal kurz zur Toilette zu gehen, da ich just in diesem Moment starken Harndrang verspüre. Da ich nicht weiß, wie weit weg sich die Pension mit meinen Schweren Koffern im Schlepptau anfühlt, flitze ich zur Toilette. Thore packt grad seinen Krempel zusammen während ich mich beeile , um mit ihm zusammen den Zug verlassen zu können. So hab ich vielleicht eine geringe Chance mit ihm zusammen noch ein Stückchen zu gehen und vielleicht sogar herausfinden, in welchem Hotel er wohnt, oder ob er eine bezaubernde Freundin hat, die ihn vom Bahnhof abholt. Auf dem engen Gang zur Toilette konnte ich ein Blitzlichtgewitter sehen. St.Anton war auch bei Prominenten ein beliebtes Urlaubsziel. Davon hatte ich bereits gehört, aber dass es so schlimm ist, hatte ich nicht gedacht. Ziemlich übertrieben dieser Reporterauflauf. Vor allen Dingen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass irgendein Promi hier tatsächlich mit der Schu Schu-Bahn ankommt. Dann doch wohl eher standesgemäß mit Flugzeug bis München oder Innsbruck und direkt weiter mit der Allrad-Limousine.

Ein Blick in den Toilettenspiegel verrät mir, ich hab mich verguckt. Meinen Augen leuchten verdächtig. Ach und nebenbei stelle ich fest, so schlecht sehe ich garnicht aus, nachdem oder vielleicht weil ich von Thor´s Hammer getroffen wurde.

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Mist, er ist nicht mehr hier, denke ich und ziehe einen Flunsch als ich zum Abteil zurück gekehrt bin. Dabei hatte ich mich doch so sehr beeilt!

Schlecht gelaunt kämpfe ich mich mit meinen zwei riesen Koffern an dem Fotografen-Pulk vorbei. Soviele Männer auf einen Haufen und keinen interessiert es, dass ich Hilfe beim Tragen gebrauchen könnte. Tja, die guten Manieren und eine zuvorkommende Art sind wohl der Emanzipation der Frau zum Opfer gefallen. Selbst ist die Frau. Dann mach ich meinen Scheiß eben allein. Wie immer. Aber wenn ich nur hilflos genug meine Koffer hinter mir herschleife und immer wieder stehenbleibe, wird sich wohl einer erbarmen. Das zumindest ist immer die Strategie einer guten Freundin. Schamlos speilt sie mit den Klischees und lässt die Hilflose raushängen.

Ein bisschen neugierig bin ich jetzt natürlich schon, wegen wem dieser Massenauflauf hier veranstaltet wird. Aber man kann nicht in das Auge des Blitzlicht-Tornados sehen. Zuviele Menschen. Jetzt grad bin ich auch einfach nur entmutigt und enttäuscht, dass ich Thore nicht mehr um mich habe und die Chancen auch nicht besonders hoch stehen, dass  ich ihn hier wiedersehe. Zuviele Menschen auf einen Haufen. Und selbst wenn. Ach, er hat sowieso bestimmt ne Freundin.

Ich entscheide mich, nicht die hilflose Masche abzuziehen und schleppe mein schweres Gepäck verstimmt zu meiner Pension. Ich kann nur soviel sagen – nur gut, dass ich vorher nochmal zur Toilette war. Der Weg ist beschwerlich. Es schneit. Doofer Schnee! Mir ist kalt. Ich will in mein Bett. Die Decke über den Kopf ziehen und nicht mehr aufstehen. Haben ja nicht lange gehalten, meine neuen Vorsätze für das neue Jahr, positive zu denken und zu fühlen. Mein Großhirn ist stärker. Für jetzt.

Ich schlafe ein, mit dem Hall seines Namens in meinen  Ohren „Thore“. Sein Bild verblasst langsam. Einzig der schwingende „Mjölnir“ – der Hammer des Thor von Asgard, dem Reich der Götter – zeichnet sich ganz deutlich vor meinem inneren Auge ab, bevor er mich trifft und ich einschlafe.

Fortsetzung folgt…. © by SoulstripShe

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Neues Jahr, Neues Glück – Teil 2 „Grün meint Gehen!“

Erregend anregend- schöne Beschreibung der Wirkung, die ein völlig Fremder auf mich hat. Vielleicht gerade, weil er mir fremd ist. Nach dem ersten Jahr der Beziehung fiele alles, was jetzt an ihm spannend ist, dem Alltag zum Opfer. Rülpsen dann pupsen in Gegenwart des anderen. Irgendwann sitzt der eine auf Klo, während der andere sich im selben Bad, wenige Zentimeter entfernt, zurecht macht. Aber um dem vorzubeugen und weil ich in dieser Beziehung alles anders machen würde, hätten wir ZWEI Badezimmer! Und wenn es die nicht gibt, dann einen ausgeklügelten Zeit-Nutzungsplan.

Ob ich ihn in diesem Moment wohl immernoch so anregend finden würde, wenn er ne Knoblauch -oder Alkoholfahne hätte. Diese hätte sich dann jetzt ungehindert im Abteil verbreiten können, während er mit offener Kinnlade vor sich hindöste.

Jetzt reckt und streckt er sich…sogar sein Doppelkinn, das sich grad beim Gähnen formt, wirkt irgendwie charmant und nimmt der markanten „Jawline“ keinen Funken Männlichkeit. Kann man ein Doppelkinn charmant finden? Offensichtlich schon.
Ich fühle mich wie vom Donner erschlagen, weil mich seine leuchtenden Augen so tief durchdringend, anblinzeln. Wie Katharina Thalbach so schön sagte „Manchmal kann es einen, wie ein Donnerschlag treffen!“. Tja, manchmal trifft´s einen einfach. Zu blöd nur, wenn das Gegenüber statt eines Donners nur das leise Pupsen einer Obstfliege vernimmt. Also bildlich gesprochen, ist klar! Kann eine Obstfliege überhaupt pupsen? Die Rede ist hier von Drosophila Melanogaster, damit wir uns richtig verstehen.
In die Biologie übertragen, stell ich mir grad feuernde Synapsen auf Hochtouren vor – der Donnerschlag. Naja und in WAHRHEIT ist es dann so – ich bilde mir ein, er hat wegen mir leuchtende Augen und blinzelt mich an. Aber in echt -und das wäre jetzt die pupsende Obstfliege – hat er vom Gähnen einfach nur Tränen in den Augen. Soviel jetzt wieder zur subjektiven Wahrnehmung. Und zum Thema Obst fällt mir, als Gesundheitspflegerin natürlich IMMER gleich die Obst-ipation = Verstopfung und die dazugehörige Prophylaxe ein. SO hatte ich mir letztlich die Schreibweise des Fremdwortes merken können. MEINE GEDANKEN RASEN!

Nun mal langsam mit den Pferden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu doch noch garnicht wirklich was sagen. Apropos langsam – der Zug steht immernoch. Es sind bereits gefühlte 10 Minuten vergangen. Das ist schon eigenartig, so mitten auf der Strecke.

Oh, jetzt lächelt er mich an. Kurz und flüchtig, wie man jemanden anlächelt, dessen Weg man flüchtig auf der Straße kreuzt. Ich warte ja immernoch auf die Freundin, die reumütig aus dem Nebenabteil angekrochen kommt, um sich bei ihm zu entschuldigen. Dann wird er ihr großmütig verzeihen, sie werden sich nach der Versöhnung noch verliebter fühlen als zuvor, sich küssen (vor mir, denn dass ich auch da bin, werden sie garnicht bemerken). Händchenhaltend werden sie dann den Zug verlassen. Arm in Arm durch die kleinen Gassen im Ski-Ort laufen. Natürlich werden sie mir immer wieder turtelnd über den Weg laufen, nachdem und bevor sie eine großartige Versöhnungsnacht verbracht haben.

STOP, was denk ich denn da schon wieder?! Viel schlimmer noch! Ich denke nicht nur, nein ich sehe es förmlich vor meinem geistigen Auge, ganz lebendig sehe ich es. Ganz lebendig fühlt es sich an. Warum ist es immer so leicht, sich so unangenehme Dinge in den schillerndsten Farben, mit emotionaler Theatralik vorzustellen?

Und warum ist es so schwer, sich vorstellen, dass einem selbst das passiert? Ich meine, das Gute. Zum Beispiel, dass ICH die Freundin bin, mit der er Arm in Arm, völlig verliebt alles verklärt wahrnehmend, durch die Gassen bummelt. Dann würde es vielleicht an meiner Stelle jemanden geben, der von uns unbeachtet unseren Weg kreuzt. Der oder die sich denkt „Warum kann nicht ICH an ihrer Stelle sein?“ Es wird wohl immer Trauerklöße geben, die sich als Pechvogel wahrnehmen und denken, sie haben kein Glück in der Liebe.
Dass aber Liebe genauso wenig mit Glück zutun hat, wie ein guter Job, das ist ja das was einem die Hirnforschung heutzutage berichtet. Mein Leben, meine Verantwortung. Keine Ausreden mehr.

Neues Jahr, neues Glück! ICH will nicht mehr zu den Menschen gehören, der sich in Selbstmitleid suhlt und darüber beschwert, wie ungeliebt man sich fühlt. Wie wenig man beachtet wird, von Männern. Nein falsch.

Anders herum :

Ich gehöre ab sofort zu den Menschen, die die Initiative in ihrem Leben ergreifen. Ich nehme mein Leben selbst in die Hand, anstatt gelebt zu werden. Gelebt zu werden, von unbewussten Programmen, Denkmustern, Überzeugungen. Oder was auch immer diese negativen, verderblichen Kräfte sein mögen, die einen immer wieder wie ferngesteuert in ähnlich unglückliche Dilemma treibt.Wenn´s sein muss geh ich da auch mit der Brechstange heran und tue ab jetzt immer genau das Gegenteil von dem, was ich zuvor getan hätte. Das meistens eben Nichts gewesen war. Ich tat meistens nichts. Jetzt handele ich. Hoffentlich finde ich über das Gegenteilige irgendwie MEINE Mitte. MEINEN Weg. Naja und genau damit habe ich ja bereits begonnen. Sonst würde ich ja nicht in diesem Zug sitzen. Im Zug auf dem Weg in ein berufliches Ausprobieren. Als Gesundheitspflegerin im Praktikum, in der Sportklinik des Skiortes.

Genau! Also BIN ich ja schon dieser jemand, der sein „Glück“ in die eigenen Hände nimmt! Es durchtreibt mich plötzlich ein Schwall von Schmetterlingen vom Hirn in den Magen und zurück ins Hirn. Mein Bauch gibt Grün, mein Kopf sagt Rot. Grün meint gehen, Rot bleib stehen. Schwups. Schon passiert.

„Na? Gut geschlafen?“ höre ich mich ihn plötzlich fragen. Na toll! Mein Kopf ist hoch Rot. Ich spüre es genau! Diese Hitze im Gesicht, wie eine reife Gesichts-Tomate. Nein, was mach ich denn!?! Ich beiße mir auf die Lippen und versuche zu lächeln, beides gleichzeitig. Da das anatomisch garnicht möglich ist, sehe ich grad bestimmt irgendwie verkrampft aus. Und überhaupt: Wie seh ICH denn eigentlich grad aus? Ich habe kein Spiegel-Check gemacht. Meine Haare stehen bestimmt wie wilde Antennen vom Kopf ab. Meine Augen sind nicht geschminkt, dann seh ich immer irgendwie fad und kränkelnd aus, weil meine Wimpern und Augenbrauen so Aschblond sind, wie mein Haupthaar. Wobei mein Haupthaar seit dem 25. Lebensjahr zu ergrauen begonnen hat. Wenigstens sieht man keinen Ansatz, weil ich den vor Fahrtantritt schon wegfärbte.

Vermutlich habe ich auch irgendwo im Gesicht noch n Abdruck meiner Kapuzenjacke, in die ich meine Gesichtshälfte während des Nickerchens geknautscht hatte. Genau – ein Sharpei ist wohl grad garnichts gegen mein prä-menstruelles Gesicht, voller Wasseransammlungen um die Augen.

Naja, EGAL! Meine Mutter sagt immer „Die tollsten Männer trifft man bei Kaisers an der Kasse, wenn man aussieht wie Karla Arsch aus Laatzen“ ( nichts für ungut Laatzen!). Allerdings sagte sie nichts davon, dass man diese tollen Männer dann auch kennenlernt. Vermutlich würde ein Kennenlernen ausbleiben, so wie man aussähe. Aber DAS ist nun auch egal, denn ich hatte ihn ja jetzt angesprochen – ungeachtet dessen, wie ich aussehen könnte.

„Pardon me?“ antwortet er mir. OK?! Also er spricht schon mal kein Deutsch. „Ähm, did you sleep well?“ versuche ich mein Glück nun also auf Englisch.

Bevor ich mich verseh´, stecken wir schon in einem kleinen Dialog, der vielleicht nie stattgefunden hätte, wenn ICH nicht die Initiative ergriffen hätte. Ok, es ist ein Dialog darüber, warum der Zug steht und über das Wetter. Der Inhalt ist für mich zum jetztigen Zeitpunkt jedoch noch nicht von Belang. Es ist schon aufregend genug, überhaupt mit ihm zu reden. Ich kann eh noch nicht klar denken. Die Worte fallen mir einfach so aus dem Mund heraus. So, wie Essen, das man ausversehen, ohne das man es will ausspuckt. Ach je, na das würde mir grad noch fehlen. Wenn ich ihn jetzt ausversehen anspucke. Ich schlucke meine Pavlov prognostizierte Spucke herunter, um nicht sabbernd da zu sitzen.

„The more snow, the more fun it´s gonna be“. Er spricht grad vom Ski fahren. Ich stelle mir jedoch grad eine hitzige Schneeballschlacht mit ihm vor. Über mein Kopfkino lache ich nun plötzlich. Laut. Grell. Er stutzt, zieht die Augenbrauen kurz zusammen. Deswegen fällt es mir überhaupt erst auf. Ich reiße mich jetzt zusammen. Ich erinnere mich, dass Männer nicht auf grelles, lautes Lachen stehen. Ach was soll´s, so bin ich eben!

Ah, der Zug fährt weiter.

…Fortsetzung folgt ©by SoulstripShe